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Die Wahrheit · 1932-11-18 · Heft 47 (18.11.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 47 (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Den Zionisten ins goldene Stammbuch, Die Parteibezeichnung „Zionisten" ist eine bewußte irreführende Falschmeldung. Zionismus gab es vor Herzl und wird es auch nach der Blamage seiner Nachfahren geben. Der phantastische politische Staats-Zionismus ist schon längst erledigt, der religiöse und karitative Zionismus ist unvergänglich. Was sagt darüber Chaim Weizmann? Bereits im September 1930: „Nie wird es einen Judenstaat geben! Die Nebe! der Kriegsjähre sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat verloren! Er wird nie sein . . . Vom Judenstaat zu reden ist nur gefährlich. Ich glaube nicht an den Judenstaat." Das sagen nicht die böseii „Assimilanten", die Unionisten, das sagt der bedeutendste Führer der allgemeinen Zionisten, der genaue Kenner der englischen Diplomatie und Politik. Oder sollten der Revisionistenführer Jabot i n s k y und sein Wiener Schüler Stricker es besser verstehen als der nach ihrem Geschmack allzu friedliebende Weizmann? Nach dem letzten Rezept der Zionisten- Revisionisten führt nur der Weg der Gewalt, der Militarisierung der Jugend, der Legionismus, die Diktatur und ein neuer Weltkrieg zum ersehnten Ziel, zur Errichtung des Judenstaates. (Hitler macht Schule.) Darob große Entrüstung bei den um ihre Machtstellung und Mandate besorgten allgemeinen Zionisten. Wie schön tät sich's leben ohne diesen Stricker und Plaschkes, wie gut.kämen wir doch in der Gemeinde mit den braven Unionisten aus, wenn unsere meschuggenen Radikalinskis nicht wären ... So seufzten sie laut und vernehmlich. Sie, die sich heute liebend in den Armen liegen, lagen sich vor kurzem noch kriegerisch in den Haaren. Das Wort von den „jüdischen Braunhemden", von den jüdischen Nazis, vom jüdischen Hitlertum stammt aus gemäßigten zionistischen Kreisen. Wer's nicht glaubt, der blättere zurück, ganz wenig zurück in der offiziell-zionistischen Presse. Noch in der Nummer 244 vom 8. September d. J., also schon knapp vor der Chassene mit den Revisionisten, bekommen diese ordentlich die Meinung zu hören. Ueberheblichkeit. Unverantwortlichkeit, ichsüchtige Führer (ist hier Jabotinsky oder Stricker oder sind beide gemeint?) ist noch das Gelindeste. „Die Konferenz der Revisionisten", sagt die „Stimme", „muß endlich alle wirklichen Zionisten, denen die schlichte Arbeit vor dem Wortschwall geht, zum Zusammenschluß und zur Abwehr zwingen, da Chaos, Großmannssucht und Unverantwortlichkeit unsere eigenen Reihen zu bedrohen beginnen." Auch die „Neue Welt", das Organ des Herrn Stricker, nahm sich damals kein Blatt vor den Mund. In ihrer Nummer vom 23. September, also schon angesichts der herannahenden Flitterwochen, schleudert sie allen anderen zionistischen Gruppen die Wahrheit ins Gesicht: „. .. Das größte Weh verursacht ihnen (d. i. den anderen Zionisten) ENORME AUSWAHL DILLIGSTE PRE ■ 0* TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE, DECKEN NUR I., BAUERNMARKT 12 14 die Tatsache, die unerbittlichen Revisionisten könnten ihren legitimen Schnorrerbüchsen (w i r sollten das sagen!) schaden .... Vor allem der links-sozialistischen (hört, hört!) Subventionsclique (entsetzlich!) und Parnosse-bedachten (aber, aber, wo gibt es so etwas?) Beamtenschaft ist der Schreck in die Glieder gefahren, von Straßburg über Berlin, Prag, Wien bis Erez Israel." (S. „Neue Welt" vom 23. September dieses Jahres.) Nun scheinen sich ja bis auf weiteres die „ichsüchtigen Führer" in ihrer „Unverantwortlichkeit, Großmannssucht und Ueberheblichkeit" ganz gut mit der „links-sozialistischen Subventionsclique und der Parnosse-bedachten Beamtenschaft" trotz (oder vielleicht gar wegen) der „legitimen Schnorrbüchsen" zu vertragen. Wenigstens in Wie n. In Erez Israel dagegen schlagen sie sich gegenseitig die Köpfe ein. Vollkommen kann man aber auf Schimpfen, Verleumden und Raufen nicht verzichten. Wozu wäre man sonst gut national? So nimmt man halt die „Union" und die „Werktätigen Juden" her. Man füllt die Presse mit Lügen, Verdrehungen und persönlichen Angriffen, man stänkert in gegnerischen Versammlungen so lange, bis man Gelegenheit zu Raufszenen findet. Diese nationaljüdischen Fanatiker, die trotz Parteiverbotes unsere Versammlungen besuchen, offenbar um auch einmal, wenn auch ungebeten, in besserer Gesellschaft zu sein, bieten unseren Freunden stets den besten Anschauungsunterricht und machen uns die beste Propaganda; sie liefern immer wieder Schulbeispiele dafür, was nationalistische Verhetzung aus sonst vielleicht ganz gesitteten Menschen zu machen vermag. Gar mancher nationalsozialistischer Rowdy könnte bei solch einem jüdischnationalen Burschen in die Lehre gehen. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Das Bezirkswahlkomittee IX der Nicntnatlonalen Liste trifft sich täglich mit Ausnahme von Freitag und Sonntag im Cafe City, IX., Porzellangasse 1, von 5 bis 7 Uhr abends. Samstag, 19. November 8 Ohr abends resfs&ai des raagisfrailschen Dezirhsamfs (Anrishäus), XX., Drigiffaplafz (Referenten: Obmann J Hohn. Dr. E. EeldSbcrg, Dr. J. Löwul und Sonnlag. 20. November, 10 Ohr vormittags Promenaden-Cafe IX., Rossanerlände 27, (Referenten: Dr.EEeldSberg,Dr. J. LÖ1TU, S. Mauner) Wähierversammlungen der NUhfnationalen Liste £eiiififeto9i Spinoza. Zu seinem 300. Geburlstage am 24. November 1932. Von G. Spinoza gilt noch heute in weiten jüdischen Kreisen als verfemt. Wenn nun Oswald Spengler gerade ihn neben dem B a a 1 s c h e m, dem Begründer des Chassidismus, und Otto Weininger als Vertreter des Judentums bezeichnet, so trifft die Zusammenstellung mit letzterem, einen der erbittertsten Hasesr, die dem Judentum aus seinem eigenen Schoß erstanden sind, wohl in der Haltung zu, die Spinozas „Theologischpolitischer Traktat" seinem angestammten Glauben gegegenüber einnimmt. Aber so wenig zwischen dem Baalschem und Weininger irgend ein Berührungspunkt zu entdecken ist. leicht läßt sich zwischen der „Ethik" Spinozas und dem Chassidismus eine Brücke schlagen. Was er mit dem erstgenannten Werke am Judentum gesündigt, hat er, wie schon Moses Mendelssohn fand,bis zu einem gewissen Grade durch das andere gutgemacht, vor allem aber auch durch sein Martyrium, einen ethisch allgemein hochbewerteten Lebenswandel, der durch die Art, wie er sich zum Tode stellte, gekrönt wird. Nur 44 Jahre ist Spinoza alt geworden. Und doch muß man staunen, daß er auch nur dieses Alter erreicht hat Hatte er doch zwanzig Jahre lang an Schwindsucht gelitten und das Leiden durch seinen Beruf, als Brillenschleifer, durch das Einatmen des Glasstaubes sich stetig verschlimmert. Seine angestrengte geistige Arbeit, die er auf die Abend- und ersten Nachtstunden verlegen mußte und die ihn oft wochenlang ans Zimmer fesselte, bat aber augenscheinlich unter seiner Krankheit nicht gelitten. Denn gerade in diesen zwanzig Jahren schrieb er seine Hauptwerke. Sein fester Vorsatz, sie zu vollenden, hat über die Gebrechlichkeit seiner Gesundheit den Sieg davongetragen. Niemals nahm man an ihm einen melancholischen Zug wahr. Er selbst lehrt: „Die Gedanken eines freien Menschen sind auf nichts weniger gerichtet, als auf den Tod; seine Weisheit besteht nicht darin, daß er über das Sterben, sondern darin, daß er über das Leben nachdenkt. An unserer seelischen Spannung, unserem Leben in der Idee prallt ab die Furcht vor dem Tode". Wie seine philosophischen Schriften, so zeigte auch sein Wesen im persönlichem Umgänge die Abgeklärtheit und Milde des wahren Weisen. Vergleichen wir seinen Briefwechsel, dessen Aufrichtigkeit wie die im ganzen Spinoza zutage tretende Selbstlosigkeit einen Goethe zur Bewunderung hinreißt, etwa mit dem eines Kant, der sich in seinen Briefen so viel mit Störungen seines Wohlbefindens beschäftigt, so fällt um so eindrucksvoller die Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung des schwerkranken Briefschreibers auf. Dieser schriftliche Verkehr Spinozas zeigt aber auch, daß er durchaus nicht der einsame Denker war, als den man sich ihn vorzustellen gewohnt ist Sicherlich sind manche Briefe von ihm und an ihn aus Vorsicht vernichtet worden, weil es eine Zeit gab — und diese Zeit währte länger als ein Jahrhundert, ja vielfach noch darüber hinaus — in der jede Berührung mit dem verketzerten Spinoza zum Verhängnis werden konnte. Aber schon aus den uns erhaltenen Briefen ersehen wir, daß sich in Amsterdam eine Spinoza-Gemeinde gebildet hatte, die, wie in einem philosophischen Seminar, sein in Abschrift kursierendes, erst nach seinem Tode veröffentlichtes Hauptwerk, die „Ethik", besprach und, wo sich dem Verständnis Schwierigkeiten entgegenstellten, den Meister um Aufschluß befragte. So erklärt es sich, daß, obwohl Spinoza keine öffentliche Stellung bekleidete und, um ungestört seinen Forschungen leben zu können, seinen Verkehr möglichst einschränkte, dennoch seinem Sarge ein stattliches Trauergeleite aus den besten Kreisen, auch eine Anzahl Karossen folgte, während zum Beispiel in Hannover ein Leibnitz, weil bei der Geistlichkeit mißliebig, trotz seiner Würden und Aemter, auf einem Bauernwagen fast ohne Gefolge zu Grabe kam. Dabei hatte Leibnitz eine Theodicee, eine „Verteidigung Gottes" geschrieben, während Spinoza als das Urbild eines Gottesleugners galt So stark wirkte nicht allein seine Lehre, sondern vor allem der Eindruck seiner schlichten, aber mutigen und freien Persönlichkeit. Weniger berechtigt ist man hingegen, hieraus etwa zu schließen, daß die Duldsamkeit Hollands größer gewesen sei, als etwa die Deutschlands. Die holländische Geistlichkeit ging gegen ketzerische Lehren nicht weniger streng vor als die deutsche. Aber Spinoza kam einiges zugute. Er war Jude und unterstand als solcher nicht der kirchlichen Zensur. Daß man ihm überdies bereits verketzert daß ihn seine jüdische Glaubensgemeinschaft in den Bann getan hatten, kam, wie sich bald zeigen sollte, dem Judentum wohl zustatten. Spinozas „Theolog.-pol. Traktat" war noch zu seinen Lebzeiten ohne Nennung des Verfassers erschienen. Als aber der Autor bekannt und zur Zielscheibe maßloser Angriffe geworden war, da wurde er von den christlichen Theologen als „Judaeus aposynagogus", als von der Synagoge ausgeschlossener Jude zitiert. Er kannte nicht den Juden auf Rechnung gesetzt werden, weil diese selbst Von ihm abgerückt waren. Auch daß er in diesem Traktat vom Judenrum mit einer Gehässigkeit spricht, die bis auf den heutigen Tag den Judenfeinden Wasser auf ihre Mühle lieiert, beides hatte zur Folge, daß man diesen Erzketzer nicht den Juden aufs Kerbholz schrieb. In dieser Beleuchtung gewinnen wir ein gerechtes Urteil über das Vorgehen der jüdischen Behörden gegen Spinoza. Die portugiesische Gemeinde in Amsterdam Gestand aus juden, die mit knapper Not den Fangarmeh der spanischen und portugiesischen Inquisition entronnen, waren, aus ehemaligen Marannen, das heißt aus Juden, die äußerlich, zum Schein das ihnen aufgezwungene Christentum bekannten, im Geheimen aber mit Todesgefahr weiter ihren jüdischen Kult übten. Wenn nun ein Unel Acosta und. 16 Jahre später, ein Baruch Spinoza gegen diese angestammte, mit solcher Todesverachtung behauptete Lehre auftraten, so ist es begreiflich, daß sie von den verantwortlichen Führern der Gemeinde als Verräter betrachtet wurden, und daß man sie, schon um der Gefahr der Ansteckung vorzubeugen, aus der Glaubensgemeinschaft ausschloß. Hierzu kam jene andere schon berührte Rücksicht, die noch heute von aktueller Bedeutung ist: Was ein Jude tut, wird, wenn es etwas Schlechtes ist, allen Juden angekreidet Früher löste nun die jüdische Gemeinde die Solidarität mit Mitgliedern, die durch Anstoß erregendes Verhalten für ihre Glaubensgenossen eine Gefahr oder eine Schande bedeuteten, durch Verhängung des Bannes. Zu diesem Akt der Notwehr griff auch die Amsterdamer Gemeinde in ihrem Vorgehen gegen Spinoza. Hätte sie ihn in ihren Reihen geduldet, so hätte der Sturm der Entrüstung, der sich in der öffentlichen Meinung über seine Lehren erhob, sie selbst getroffen. Daß Spinoza in seiner Erbltteruinigi über seine jüdischen Gegner sich zu bewußter Entstellung des Judentums hinreißen ließ, zeigt daß auch ihm das .Allzumenschliche nicht fremd war. Daß er aber sonst über menschliche Schwächen erhaben war. beweisen außer anderen besonders zwei Tatsachen seiner Lebensge-1 schichte. Eines Tages erhält er einen Brief von der Universität Heidelberg. Wie er im allgemeinen über Universitäten dachte, besagen seine Wort«: „Die auf Staatskosten gegründeten Universitäten werden weniger zur Ausbildung des Geistes, als zu seiner Einschränkung errichtet. In einem freien Staate hingegen gedeihen Künste und Wissenschaften dann am besten, wenn einem jeden, der sich darum bewirbt die Erlaubnis, öffentlich zu lehren, erteilt wird, und zwar auf eigene Gefahr für seinen Ruf." In jenem Briefe nun, den Spinoza aus Heidelberg erhielt, ließ der Kurfürst. von der Pfalz ihm eine Professur der Philosophie an seiner berühmten. Hochschule antragen. Man bedenke: einem bettelarmen Glasschleifer, einen Juden, einem öffentlich Gebannten, den Verfasser eines Buches, das wie kein zweites jedem

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