Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1932-11-18 · Heft 47 (18.11.1932) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 47 (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064401-3064446--19073-3084171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Preis dieser Nummer 50 Groschen Judische Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 18. November 1932 Nummer 47 Achtung, Kultuswähler der Leopoldstadt! Kuliaswahler-fersaminliintfeii der Nidl*] Eiste: Samstag, den 19. NOYcmber 1032, 5 mir abends: Im Wiener Theater-Caie, n., Pratersfralle SS (Referenten: BOrsCTOt 1. GlOdf, Sekretär L. Dalli, E. HOlBMUUI) Sonntag, den 20. November 1932, 10 mir vormittags: im Cafe Sächsischer Del. II, Tahorslroße 46 a (Referenten: Dr. c. reidsbeni sekretflr l. Dam) sowie im caie nemDrandi. II., untere AogarteBStrane 11 (Referenten: Dr. J. IÖWÖ, PIM KO&D) Per Kampf der Nationalen um die Seelen der Orthodoxen. Je näher der 4. Dezember heranrückt, an welchem Tage über das Schicksal der Wiener Kultusgemeinde entschieden werden soll, desto nervöser sind die Herren Zionisten, desto größer ihre Angst, ihr großer „Eroberungszug" könnte mit einem Fiasko enden, und desto rücksichtsloser ihre Kampfmethoden, desto unverfrorener ihre Verleumdungen, desto schändlicher ihre Verdrehung der Tatsachen. Um die Stimmen der religiösen Juden zu gewinnen, spielen sie sich als die berufenen Vertreter der Religion auf — woran sie nicht einmal der Umstand hindert, daß sich die religiösen Zionisten gezwungen sahen, eine eigene Organisation, den „Misrachi", zu gründen, um eben die religiösen Interessen gegenüber ihren zionistischen Gesinnungsgenossen wahren zu können. Man kennt die lange Liste der Klagen, die seit Jahr und Tag seitens des „Misrachi" erhoben werden; man kennt sogar die Drohungen, die zionistischen Fonds, Nationalfonds und Keren Hejessod, zu boykottieren, falls die krassen Verletzungen der religiösen Interessen nicht aufhören; man kennt die bitteren Vorwürfe wegen der empörenden Verletzungen der Sabbatruhe in Palästina, die wehmütigen Beschwerden ob der Nichtbeachtung der rituellen Speisevorschriften, der Ehegesetze usw. Und diese Männer, an deren Adresse diese Klagen und Beschwerden gerichtet sind, haben nun die Stirne, sich als die Verteidiger der religiösen Interessen gegen die böse „Union" aufzuspielen. Die Zionisten als die Vertreter der Orthodoxie — wer lacht da nicht?! Man weiß, wie sehr sich die zionistischen Palästina-Aemter mit Händen und Füßen gegen die Einwanderung orthodoxer Juden nach Palästina sträuben, und wie oft gegen diese Taktik bei den zuständigen englischen Stellen remonstriert werden mußte. Gerade hier in Wien sollten die orthodoxen Juden ein weniger kurzes Gedächtnis haben. Wenn sie aber ihr Gedächtnis im Stiche läßt, so wollen wir ihnen ein wenig nachhelfen. Während des Weltkrieges, besonders in den Jahren 1917—1918, als Palästina Kriegsschauplatz war, mußte ein großer Teil der dort wohnenden Juden das Land verlassen. Ein beträchtlicher Teil derselben kam nach den Ländern des ehemaligen Oesterreich-Ungarn. Als der Krieg zu Ende und die Rückwanderung dieser „Flüchtlinge" in die frühere Heimat möglich geworden war, da wurden ihnen seitens des Wiener Palästma- Amtes, das für diese Repatriierungsfrage zuständig war, die unmöglichsten Schwierigkeiten gemacht und die Herren Leiter des Amtes machten sich gar kein Hehl daraus, daß diese Juden, die zum überwiegenden TeU orthodox waren, für sie ein „unerwünschtes Element" sind, das sie von Palästina möglichst fernhalten wollen. Sehr energische Schritte der maßgebenden orthodoxen Führer des Wiener Judentums waren nötig, um hier Abhilfe zu schaffen... Diese Vorkommnisse möchten wir den orthodoxen Juden ins Gedächtnis, zurückrufen, damit sie endlich einmal verstehen, wiedie Wahrung der religiösen Interessen aussehen würde, falls die Zionisten die Kultusgemeinde erobern sollten. Man weiß ja ohnehin zur Genüge, daß das religiöse Leben den Herren Nationalisten ein Dorn im Auge ist; sie wollen ja ein „neues Judentum" schaffen, unbeschwert von Tradition und religiösen Vorschriften: sie setzten ja das „Basler Programm" an die Stelle des Messiasglaubens, die „Balfour-Deklaration" ist ihnen das heiligste Dokument Inden zionistischen Schulen in Palästina wird die heilige Schrift auf Grundlage der extremsten Bibelkritik unterrichtet, wogegen sich selbst ein Freigeist wie Achad-Haam in der schärfsten Weise aussprach. Als im vorigen Jahre die zionistischen Schulen infolge Geldmangels nicht geöffnet werden konnten, (was übrigens auch heuer wieder der Fall ist) erklärte sich Baron Edmond Rothschild nur unter der Bedingung bereit, die nötige Summe für das Schulwesen zur Verfügung zu stellen, daß die krasse Verletzung der religiösen Gefühle und Vorschriften in diesem Schulwesen aufhöre. Herr Stricker, der in der letzten Zeit ganz besonders mit der Person des Pariser Rothschild zu operieren beliebt, möge einmal auch diese Episode seinen Lesern in Erinnerung bringen, damit sie verstehen, wie die Wahrung der religiösen Interessen seitens der Zionisten aussehen werde. Neben dem religiösen Moment wird neuestens seitens der Zionisten mit dem Schlagwort „Ost- und Westjuden" operiert. Da sind es wiederum die Zionisten, die sich als Beschützer der Ostjuden gegen die bösen Unionisten, die nur für die Westjuden eingenommen sind, aufspielen. Wie lächerlich diese Verleumdung ist, geht schon aus dem Umstände hervor, daß seit Jahrzehnten das Gros der Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde zugunsten der Ostjuden erfolgt und daß die Leitung der Kultusgememde auch während der Jahrzehnte, da diese sich ganz in den Händen der Unionisten befand, nie einen Unterschied zwischen Ost- und Westjuden machte. Dar Begriff „Ostjuden" ist übrigens eine zionistische Erfindung, nicht gerade zum Nutzen dieser Juden . . . Aber wenn das Organ des Herrn Stricke» gerade besonders intensiv mit diesem Schlagwort operiert, so möchten wir wiederum dem Gedächtnis der öffentlichen Meinung ein wenig nachhelfen. Es war in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch, als Tausende und Abertausende Juden aus Galizien und der Bukowina als sogenannte Flüchtlinge nach Wien kamen. Daß sich diese Juden aus dem fernen Osten, noch dazu in ihrer damaligen verzweifelten Lage, aller Mittel beraubt, beschäftigungs- und existenzlos, nicht so rasch in das Milieu des Wiener Lebens einfügen konnten, war nur zu sehr begreiflich. Aber die Judenfeinde setzten sofort mit der Parole ein, man müsse diese „Zugereisten" abschieben und in Konzentrationslager internieren. Wer aber fand den Mut, sich öffentlich gegen diese Flüchtlinge auszusprechen und damit den Antisemiten Helfersdienste zu leisten? Kein Geringerer, als der damalige Führer der Wiener Zionisten. Er wurde deswegen von Herrn Dr. S. R. L a n d a u, Redakteur der „Neuen National-Zeitung", scharf angegriffen. Derselbe Mann, der es bis auf den heutigen Tag liebt, in seinem Organ mit Beschimpfungen und Verleumdungen nur so herumzuwerfen, ist aber höchst empfindlich, wenn man ihm einmal gehörig auf die Finger klopft; er klagte also Dr. Landau wegen Ehrenbeleidigung. Dr. L. trat den Wahrheitsbeweis an und wurde auf Grund desselben freigesprochen . . . Vielleicht erinnertsichHerrStricker dieser Episode, dann wird er mit seiner Rolle als Verteidiger der Ostjuden gegen die bösen Unionisten etwas vorsichtiger sein. Da Herr Dr. S. R. Landau (man weiß nicht, wem zum Nutzen) gleichfalls für die Kultusgemeinde kandidiert, dürfte er es vielleicht für angebracht erachten, diese Affäre etwas näher zu beleuchten. So sehen die Verkünder der zionistischen Heilslehre aus; so stichhältig ist ihre Demagogie und so begründet sind ihre Schlagworte. Gerade die orthodoxen Ostjuden werden, wenn sie den Herren auf den Leim gehen, das bekannte Sprichwort bestätigen: Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.