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Die Wahrheit · 1932-11-11 · Heft 46 (11.11.1932) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT ®ie J£uttuswahfen. Jfiakevüzrcuz am Werk jfus affer Welt Von berufener orthodoxer Seite wird ans mitgeteilt: Das „Neue Wiener Journal" bringt in seiner Nummer vom & November d. J. eine Nachricht über die Stellungnahme der traditionstreuen Juden Wiens zu den Wahlen für den Kultusvorstand. Diese Meldung ist von Anfang bis zu Ende glatt erfunden. Es ist nicht wahr, daß die nichtnationalen Juden die Vertreter der frommen Juden im Stiche gelassen haben. Es ist nicht wahr, daß die frommen Juden wegen des Wahlbündnisses mit den Marxisten entrüstet sind. Wahr ist vielmehr, daß die orthodoxen Juden bereits vor Monaten den Beschluß gefaßt haben, in den Kultusvorstand nicht wieder einzutreten, weil sie ihren religiösen Standpunkt prinzipiell schärfer betonen wollen. — Der sozialdemokratischen Partei gegenüber irgendwie eine Stellung einzunehmen, ist ihnen niemals eingefallen, weil die religiösen Juden an dem Grundsatze festhalten, daß die Religion mit Parteipolitik niemals etwas zu tun haben darf. Sicher ist, daß ein wahrhaft religiöser Jude für eine jüdisch-nationale Partei oder für eine Partei, die mit den Jüdiscnnationalen auch nur eine Verbindung hat, niemals seine Stimme abgeben kann und darf. Alle religiösen Juden stimmen geschlossen für die Nichtnationale Liste! * Die Wahlbewegung für die am 4. Dezember d. J. stattfindenden Wahlen in die Wiener israelitische Kultusgemeinde ist in vollem Gange. Da die Jüdischnationalen nichts weniger als die „Eroberung" unserer Gemeinde sich zum Ziele gesetzt haben, ist es ein Ding der Selbstverständlichkeit, daß diejenigen, welche die Gemeinde im Sinne der Jahrtausende überdauernden Tradition erhalten wollen, die Verteidigung dieser Gemeinde auf ihre Fahnen geschrieben haben, damit diese nicht eine Beute des Nationalismus, ein Spielball im Getriebe zionistischer Politik wird. Das ist der Grund, warum die „Union österreichischer Juden" sich mit den „Werktätigen Juden" zusammengeschlossen hat und auf einer „Nichtnationalen Liste" für die Ausmerzung und Fernhaltung jüdischnationaler Politik in der Kultusstube kämpft Daß diese Parole Widerhall in der jüdischen Bevölkerung aller Wiener Gemeindebezirke gefunden hat, beweisen die Versammlungen der „Nichtnationalen Liste", welche bisher in fast allen Bezirken stattgefunden haben und durchwegs sehr gut besucht waren. Die Störungsversuche, die in den ersten Versammlungen zu beobachten waren, haben nun dank der energischen Gegenmaßnahmen aufgehört. Die Begeisterung, mit der die in diesen Versammlungen von den Herren Präsident Dr. Jakob Ornstein, Dr. Josef Ticho, Börserat I. Glück, Min.-Rat Friedrich Schläfrig, Regierungsrat Dr. M. Lenk, Dr. Ernst Feldsberg, Dr. M. Stiglitz, Dr. J. Löwy, Sekretär Leo Rath u. v. a. gehaltenen Reden aufgenommen wird, ist ein deutlicher Ausdruck der Stimmung, welche innerhalb der Wiener Judenschaft herrscht. Kuriositäten. In Wahlversammlungen unserer Gegner wird in bewegten Worten darauf verwiesen, daß bei unserer Arbeitsgemeinschaft divergierende Strömungen vorherrschen. Die Herren von der Gegenseite vergessen ob dieser Betrachtungen ganz, sich einmal im eigenen Lager umzusehen, das ein Bild völliger Zersplitterung bietet. Nur an einem einzigen Beispiel wollen wir heute die „Einigkeit" der Zionisten unseren Lesern vor Augen führen. Bekanntlich beteiligt sich die zionistische „Hakoah" an der Wahlbewegung. Auf der zionistischen Liste kandidiert Dr. I. H. Körner kurioserweise an der 7. Stelle, er, der Ehrenpräsident des Sportklub „Hakoah", muß dem Präsidenten des Fußballklubs „Hakoah", Herrn Max Schiffmann, den Vorrang lassen. Nicht weniger erstaunt wird man sein, wenn man dann neben dieser „offiziellen" Kandidatur auf der Liste der demokratischen Zionisten den Vizepräsidenten des „F. C. Hakoah" Herrn Wilhelm Petyan an 5. Stelle placiert findet Damit das Maß der Kuriositäten ganz voll ist, erscheint der Anwalt des „F. C. Hakoah", Herr Dr. S p i t z e r, als Listenführer der Poale Zion für die Bezirksvertretung II. Wahrlich ein anschauliches Bild. SlltflC für meine häusliche, 21jährige Tochter (Ungarin) einen bei einer Kultnsgemelnde in sicherer Stellung befindlichen religiösen Oesterreicher. Eigene detaillierte Anträge erbeten unter „5000 Schilling". Gegen die Rassenhetze an den deutschen Bühnen. In seinem Referat auf der in Gießen stattgefundenen Tagung der Bühnengenossenschaft für den Bezirk Rhein-Main behandelte der Präsident der zentralen Bühnengenossenschaft Erich Otto (Berlin) sehr ausführlich die Rassenhetze an den deutschen Bühnen während der letzten Monate. Mit aller Energie, so führte Präsident Otto aus, muß das Theater und die Kunst von politischen Einflüssen ferngehalten werden. Den Versuchen der NSDAP, das Theater mit rassischen Tendenzen zu durchsetzen, wird man allen Widerstand entgegensetzen. Das Parteiabzeichen hat im Theater nichts zu suchen, politisches Theater trage den Todeskeim in sich. Die Behauptung, das Theater sei „v e r j u d e t", ist falsch. Die Anzahl der beschäftigten jüdischen Künstler ist verschwindend gering. 85 Prozent aller beschäftigten Künstler sind Reichsdeutsche, außerhalb der Reichsgrenzen aber gibt es 51 deutsche Theater, die mit vorwiegend reichsdeutschem Personal arbeiten. Die Versammlung stimmte diesen Ausführungen begeistert zu. Antisemitische Studentenunruhen in Lemberg. Nationaldemokratische Studenten verbreiteten in den Straßen Lembergs Aufrufe zum Boykott der Juden. Als sich eine große Gruppe antisemitischer Studenten zu einem Demonstrationszug formierte, wurde sie durch Polizei zerstreut. Sofort verbreiteten sich Gerüchte, daß nationaldemokratische Studenten durch junge Juden mißhandelt worden sind. Obwohl es sich bald herausstellte, daß diese Gerüchtegrund- 1 o s sind, zogen am Abend Gruppen nationaldemokratischer Studenten unter Rache-Rufen durch die von Juden bewohnten Straßen, mißhandelten zahlreiche jüdische Passanten und schlugen in jüdischen Geschäftsläden die Fenster ein. Erst spät gelang es der Polizei, die Ruhe herzustellen. An der Warschauer Universität herrscht Ruhe, nachdem die Regierung den Rektoren der Hochschulen mitgeteilt hat, daß jeder Versuch von Studenten, die Ruhe zu stören, mit Gefängnis und Relegation bestraft werden wird. Der Berliner Rundfunk macht Schule. Zwischen den englischen Filmindustriellen und der Zeitung „Sunday Express" brach ein Konflikt aus, der seinen Ausgangspunkt in einer antisemitischen Rede des Filmkritikers des „Sunday Express", Cedric Belfradge, im englischen Rundfunk hat Belfradge, der auch Sachverständiger im Rundfunk-Kontrollausschuß der Regierung ist und früher einmal einige Zeit in Hollywood war, hielt vor einigen Tagen im Radio einen Vortrag über Film, in dem er gegen die „Oligarchie der raubgierigen Juden in dem Filmland England-Amerika" loszog. Führer der englischen Juden werden bei der englischen Regierung intervenieren, um die Aufmerksamkeit der zuständigen Stellen auf den Mißbrauch des staatlichen Rundfunks zur Propagierung rassischer Vorurteile zu lenken. Die leitenden Persönlichkeiten der Film-Industrie, Juden wie Nichtjuden, haben von der Redaktion des „Sunday Express" gefordert, daß sie Belfradges die Filmkritik entzieht. Als die Redaktion des „Sunday Express" diese Forderung abschlug, beschlossen die englischen Filmindustriellen gemeinsam mit den großen amerikanischen Filmgesellschaften, wie Metro-Goldwyn-Mayer, Gaumont, Universal, Warner Brothers usw. dem „Sunday-Express" keine Annoncen mehr zu geben und die bereits erteilten Annoncen-Aufträge zurückzuziehen. Es verlautet auch, daß jüdische Unterhausmitglieder eine Anfrage im Parlament über den Mißbrauch des staatlichen Rundfunks zu antisemitischer Propaganda vorbereiten. Lassalles Grab geschändet. Hakenkreuzler haben kürzlich in der Nacht das Grab Ferdinand Lassalles auf dem Breslauer jüdischen Friedhof in der Lohestraße besudelt. Die nach der Straße zu gelegene Rückseite des Grabmals, an der sich eine kleine Gedenktafel befindet, ist mit einem großen Hakenkreuz in roter Farbe beschmiert worden. Eine dürftige Aufklärung. Der Gesandte der Tschechoslowakei in den Vereinigten Staaten, Herr W e w e r k a, übergab der Jüdischen Telegraphen-Agentur eine Erklärung des Inhalts, daß die tschechoslowakische Gesandtschaft in Washington Interessenten in der Tschechoslowakei nicht empfoh- 1 e n hat, sich jüdischer Anwälte in Amerika nicht zu bedienen. Im Gegenteil, er habe eine Liste besonders qualifizierter Anwälte nach Prag gesandt, an deren Spitze Raphael Tourover und an dritter Stelle Frederic Hackenburg, beide New Yorker Juden, standen. Man könne also die Gesandtschaft nicht beschuldigen, religiöse oder rassische Vorurteile zu haben. (Es bleibt also noch festzustellen, wer der Urheber des Memorandums ist, das durch das Prager Außenamt den Handelskammern und durch diese wirtschaftlichen Interessenten zugestellt wurde und in welchem empfohlen wurde, sich jüdischer Anwälte in Amerika lieber nicht zu bedienen.) Jüdische Anträge im polnischen Sejm. Bei der Wiedereröffnung des Sejm hat der jüdische Parlamentsklub Dringlichkeitsanträge eingebracht, die sich auf Amnestie der Umsatzsteuerschulden, Verringerung der Wohnungssteuer, Mieterschutz, Kredite für jüdische Kleinhändler und Handwerker und Beseitigung der ungesetzlichen Numerus clausus-Praxis gegen jüdische Studierende an den polnischen Universitäten und Hochschulen beziehen. Im Namen des jüdischen Klubs hielt Rabbiner Dr. J. Thon (Krakau) eine großangelegte Rede, in der er die polnische Regierungaufforderte, ihre Taktik gegenüber der jüdischen Bevölkerung zu ändern, bevor d a s p o 1nische Judentum vollkommen zusammenbricht. Budapest In Budapest verstarb der angesehene Jurist Dr. Julius Kaldor, Rechtskonsulent der deutschen Gesandtschaft und ein angesehenes Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Der Bestattung wohnten das Personal der deutschen Gesandtschaft unter Führung des Gesandten Herrn von Schön, die prominenten Persönlichkeiten der deutschen Kolonie von Budapest und der ungarischen Juristenwelt bei. Die Trauerrede hielt Großrabbiner Dr. Simon H e v e s i. Das Auswärtige Amt in Berlin hat an die Witwe ein Beileidstelegramm gesandt, in dem es heißt: Die wertvollen Dienste Dr. Kaldors werden uns unvergeßlich bleiben und sichern ihm ein ehrendes Gedenken. Warschau. Der junge jüdische Rechtsgelehrte Arthur Miller wurde zum Oberstaatsanwalt beim Obersten Gerichtshof Polens ernannt. Es ist dies einer der höchsten juristischen Staatsposten. Miller, der 33 Jahre alt ist und als Jurist einen großen Ruf genießt, ist der Schwiegersohn des Rabbiners Professor Schorn Sabbathruhe in Indien. Der Weltverband Schomre Schabbos erhält aus Indien folgende Nachricht: Es gibt keinen Platz in Indien, wo die jüdische Bevölkerung die religiöse Tradition so sehr in Ehren hält wie K o c h i n an der Küste von MaJabar. Sabbathe und jüdische Feste sind allgemein als jüdische Feiertage anerkannt und keine Behörde kann einen Juden an diesen Tagen zu irgendwelchen Arbeiten anhalten. Oeffentliche Schulprüfungen werden an Sabbathen nicht abgehalten. Sogar die Universität ist hierzulande so entgegenkommend, daß sie es vermeidet, Prüfungen an Sabbathen und jüdischen Feiertagen anzusetzen, wenn sich unter den Kandidaten Juden befinden. Doch mangels geeigneter Anwärter sind nur wenige Juden im Staatsdienst, obschon man hier auf ihre religiösen Bedürfnisse Rücksicht nehmen würde. Essen. Einige hunderte Mitglieder des christlichen Metallarbeiterverbandes besuchten vor kurzem die Essener Synagoge, die eine der schönsten Deutschlands ist Der Syndikus der jüdischen Gemeinde, Dr. Schweizer, übernahm die Führung und erläuterte die in der Synagoge angebrachten Symbole und Embleme. Die Besucher äußerten ihr 1 e b h a ftes Interesse an den synagogalen Einrichtungen durch Fragestellungen, die Dr. Schweizer beantwortete. Die Essener Synagoge wird in der letzten Zeit häufig von Gruppen Essener und auswärtiger Katholiken besucht. sttaa

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