Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 46 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT bungen ein hinreichendes Betätigungsgebietundweresmitdenallgemeinen jüdischen Interessen ernst meint, der kann mit ruhigem Gewissen Anschluß an diese Gemeinschaft finden. Daß das Programm der Arbeitsgemeinschaft „Union-Werktätige" die Herren Zionisten aller Schattierungen in Harnisch versetzte, daß sie Zeter und Mordio schreien und vor krassen Verdrehungen und Verfälschungen der Tatsachen nicht zurückscheuen — all das spricht nur für dieses Programm. Das fortgesetzte Wiederkäuen der abgedroschenen Phrasen von der „Allianz zwischen Kapitalismus und Marxismus" wirkt bereits abstoßend. Leider Gottes gibt es heutzutage keine jüdischen „Kapitalisten" in der anrüchigen Bedeutung dieses Begriffes; wir sind ja alle arme Schlucker geworden . . . Nicht „Kapitalismus und Marxismus" haben sich da gefunden, was übrigens vom allgemeinpolitischen und sicher auch jüdischen Standpunkt aus nur zu begrüßen wäre, sondern zwei Gruppen, die in einem Punkte hunderprozentig einig sind: Die Assimilation derZionisten, deren chauvinistischen Nationalismus zu bekämpfen. Wer bürgerlich in unserer Arbeitsgemeinschaft ist, bleibt bürgerlich, wer Sozialdemokrat ist, der kann es auch weiter sein. Die Repräsentanz der Wiener Juden hat nicht die soziale Frage zu lösen, sondern für die Befriedigung der religiösen Interessen der Juden Wiens zu sorgen. Eine geschlosene Majorität wird diese Pflicht erfüllen. ■■•■■•■■■■»••■i Die Lage der Juden in Europa. Oesterreich — der schwarze Punkt. In der am 30. Oktober in London stattgefundenen Sitzung des Board of Deputies of British Jews leitete der Präsident der Anglo- Jewish Association und Mitvorsitzende des Joint Foreign Committee Leonard G. Montefiore den Bericht des Committee mit einer Ansprache ein, in der er die Situation der Juden in den verschiedenen Ländern beleuchtete. Im allgemeinen, sagte Montefiore, hat sich die Lage gegenüber der vor drei Monaten, als wir zum letzten Male vor den Ferien tagten, nicht verändert; nur in Deutschland scheint sich ein bedeutsamer Umschwung zu vollziehen. Als wir im Juli hier versammelt waren, hielt man es für wahrscheinlich, daß die Nationalsozialisten bei den Wahlen am 31. Juli eine 51prozentige Mehrheit im Reichstag erhalten könnten. Bei den R e i c h s t a g s w a h 1 e n am 6. November rechnet man hingegen (wie sich nun zeigt, mit voller Berechtigung, D. Red.) mit einem beträchtlichen Verlust der Nationalsozialisten, gegenüber den Wahlen am 31. Juli, bei denen die Nationalsozialisten ja ebenfalls w esentlich hinter der absoluten Mehrheit zurückgeblieben sind. Die wirtschaftliche Lage der Juden, fuhr Montefiore fort, ist in allen Ländern schlecht In politischer Hinsicht aber gibt es manche gute Aspekte. Der neue ungarische Ministerpräsident General Gömbös, einst der Führer der ungarischen Antisemiten, hat im ungarischen Reichstag erklärt, daß er seine Haltung gegenüber den Juden revidiert habe und die Juden, soweit sie gute Patrioten sind, als Brüder anerkennt. Nun haben sich die Juden in Ungarn vor und nach dem Kriege als gute Patrioten erwiesen. Trotzdem haben sie Schwereres als je eine Gemeinschaft ertragen müssen. Wenn der ungarische Premier seinen jüdischen Mitbürgern nur eine kleine Spanne entgegengeht, so werden sich diese ihm um mehr als die Hälfte des Weges nähern. Der schwarze Punkt ist heute Oesterreich. Das Verhalten eines großen Teiles der Studentenschaft ihren jüdischen Kommiiitonen gegenüber ist geradezu schamlos. Sollten sich die brutalen Ueberfälle auf Juden wiederholen, so werden alle Versuche, Sympathien für Oesterreich im Auslande zu werben, fehlschlagen müssen. In Rumänien ist unter der Ministerpräsidentschaft von M a n i u eine neue Regierung gebildet worden. Die Ernennung von T i t u 1 e s c u, einem Sachverständigen für Minderheitenfragen, zum Außenminister, gibt Grund zu der Hoffnung, daß Minderheitenfragen in Rumänien entgegenkommend behandelt werden würden. Bei einer Unterredung zwischen ihm, Montefiore, und dem Anwalt der rumänischen Gesandtschaft in London, Herrn C i o t o r i, erklärte dieser, es sei der ernste Wunsch der rumänischen Regierung, mit dem Joint Foreign Committee in der Lösung der bei der Behandlung jüdischer Fragen in Rumänien sich ergebenden Schwierigkeiten zusammenzuarbeiten. Die rumänische Regierung werde in kurzem dem Parlament ein Bürgerschaftsgesetz unterbreiten. Die Kammer .hat, durch Gesetz, die .Frist zur Bewerbung um Staatsbürgerschaft bis zum 1. September 1933 ausgedehnt. Auf sein Ersuchen wurde Herrn Ciotori ein Memorandum des Committee zur Frage des Bürgerschaftsgesetzes zwecks Uebermittlung an die rumänische Regierung übergeben. Gegen antisemitische Agitatoren wird mit der Strenge des Gesetzes vorgegangen werden. Um den zuletzt in Spanien und Italien verbreiteten berüchtigten „Protokollen der Weisen von Zion" entgegenzuwirken, wurden Exemplare der Schrift Lucien Wolffs „Das jüdische Schreckgespenst" und die „Times"-Publikation „Die Wahrheit über die Protokolle" repräsentativen Persönlichkeiten dieser Länder übermittelt. Mit Unterstützung der ICA wird eine Uebertragung der erstgenannten Schrift ins Spanische vorbereitet. 99 Unser Recht auf Arbeit Massenarbeitslosigkeit und Austritte im deutschen Judentum. ts Das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, das seit einigen Monaten unter der Redaktion von Leo Kreindler erscheint, bringt in seinem November-Heft u. a. auch einen Aufsatz von S. Adler-Rudel, der unter der Ueberschrift „Unser Recht auf Arbeit" über den Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Angestelltenschaft berichtet und auf den Zusammenhang zwischen jüdischer Massenarbeitslosigkeit und Austritt aus dem Judentum hinweist In weitesten Kreisen bekannt, meint Adler- Rudel, ist der seit Jahr und Tag propagierte Boykott gegen jüdische Geschäftsinhaber und jüdische Firmen; weniger bekannt ist die immer stärker werdende Hetze gegen Juden als Angestellte, Techniker, Musiker, Schauspieler, Redakteure und Arbeiter aller Art, denn dieser Teil des antisemitischen Kampfes wird weniger laut, dafür aber um so intensiver und vernichtender geführt Von der Versammlungstribüne und aus den Spalten der Presse wird er selten proklamiert, jedoch in den Direktionsbüros der großen Industriebetriebe, bei den Personalverwaltungen von Warenhäusern und Geschäften, bei Verlagen und Theaterdirektionen, bei dem kleinen Kaufmann im Vorort wird dafür um so heftiger gegen jüdische Angestellte, Arbeiter und andere Arbeitnehmer aller Art gehetzt, ihre Entlassung durchgesetzt oder ihre Einstellung verhindert. Adler-Rudel zitiert eine Reihe Schreiben nichtjüdischer Firmen an Privatpersonen wie an die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise, in denen diese Firmen unter Hinweis auf ihren Kundenkreis bedauern, jüdisches Personal nicht beschäftigen zu können. Es handelt sich hier um bekannte Spezialgeschäfte mit großer jüdischer Kundschaft. Früher wurde die jüdische Angestelltenschaft von den jüdischen Firmen absorbiert. Das hat sich nun geändert. Jüdische Firmen gingen in Massen zugrunde oder in nichtjüdische Hände über. Am Hausvogteiplatz und in der Nähe des Spittelmarktes kann man mit einem Blick auf die noch vorhandenen Firmeninschriften sehen, daß man sich hier eigentlich auf einem Teil des Wirtschaftsfriedhofes der Berliner Juden befindet. In Wahler and Wählerinnen! Am 4. Dezember d. J. finden die Wahlen in den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde statt. Größere und kleinere Parteien werben um die Stimmen der jüdischen Bevölkerung und haben das Programm, das sie im Kultusvorstand zu verwirklichen beabsichtigen, bereits veröffentlicht. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der glaubenstreuen Juden, die in unserem, über den Parteien stehenden und nur wirtschaftliche Interessen vertretenden Verband vereinigt sind, ist es: alle Parteien auf die Not der sabbathhaltenden Judenschaft aufmerksam zu machen, alle Parteien zu einer besonderen Berücksichtigung dieser Not und des schweren Existenzkampfes, den die strenggläubigen Juden zu führen haben, zu veranlassen. FORDERT von der Partei, der Ihr Eure Stimme gebt, daß sie im Kultusvorstand bei der Vergebung von Aufträgen für die Berücksichtigung der sabbathhaltenden Kaufleute, Handwerker und Gewerbetreibenden eintrete! FORDERT, daß sie bei der Neueinstellung von Angestellten und Beamten sich für eine Berücksichtigung der sabbathhaltenden Arbeitnehmer einsetze! FORDERT von der Partei, der Ihr Eure Stimme gebt, daß sie dafür sorge, daß der Kultusvorstand zukünftig in verstärktem Maße die Interessen der sabbathtreuen Judenschaft den Behörden gegenüber vertrete. FORDERT von ihr, daß sie den Kultusvorstand zur tatkräftigsten Unterstützung der Bestrebungen zur Erreichung einer Befreiung der jüdischen Schulkinder vom Schulbesuch an Sabbathen und jüdischen Feiertagen veranlasse! FORDERT von Eurer Partei, daß sie im Kultusvorstand für eine Förderung der Bestrebungen und Arbeiten des „Schonire Schabbos" eintrete! Verband der Sabbathfreunde „Schomre Schabbos". * Anmerkung der Redaktion. Der Verband der Sabbathfreunde „Schomre Schabbos" kann sicher sein, daß die zukünftigen Vertreter der „Nichtnationalen Liste" in der Kultusstube, getreu den Traditionen der „Union", wie in Vergangenheit, so in Zukunft den wirtschaftlichen und religiösen Bedürfnissen der sabbathhaltenden Judenschaft vollstes Verständnis entgegenbringen und die schwere Lage dieser Kreise daher weitestgehend berücksichtigen werden. diesen Räumen, die jetzt leer und verödet sind, wirkten jüdische Geschäftsinhaber jahrzehntelang für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, fanden hunderte und tausende jüdischer Angestellter und Arbeiter Arbeit und Brot. Mit dem Erlöschen dieser Firmen haben die Firmeninhaber ihr Vermögen verloren und ihre Rolle in der Wirtschaft ausgespielt, zahllose jüdische Arbeitnehmer haben ihren Arbeitsplatz und damit fast jede Möglichkeit, sich und ihre Familie ernähren zu können, für immer verloren. Immer größer wird die Zahl derer, die in ihrem Kampfe um den Arbeitsplatz scheitern, weil sie Juden sind, und die glauben, durch den Austritt aus dem Judentum sich diesem Schicksal entziehen zu können. Wie falsch diese Auffassung ist, braucht nicht mehr dargelegt zu werden. Adler-Rudel berichtet über die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise in Berlin. Im Geschäftsjahr 1931 waren hier 14.561 männliche und weibliche Arbeitsuchende eingetragen, und zwar 1450 Akademiker und Angehörige der freien Berufe, 7343 kaufmännische Angestellte, 4203 gewerbliche Arbeitskräfte aller Art, 1565 Hausangestellte und Pflegepersonal. Von diesen konnten 4550 Arbeitsstellen vermittelt werden, und zwar 298 Akademikern und Angehörigen der freien Berufe, 1905 kaufmännischen Angestellten, 581 gewerblichen Arbeitern, 1766 ungelernten Arbeitern und Hauspersonal. Diese Zahlen zeigen, daß auch in Zeiten großer Arbeitslosigkeit Arbeitsbeschaffung möglich ist, und daß es trotz der Schwere der Zeit gefährlich ist, zu verzweifeln. S. Adler-Rudel weist auf den (auch für Wien nachahmenswerten) Beschluß, des Wirtschaftsausschusses des Preußischen Landesverbandes hin, den Monat November d. J. als Werbemonat für die Idee der jüdischen Arbeitsvermittlung und der Erwerbsbeschaffung — unter der Devise „,U n s e r Recht auf Arbeit" — zu proklamieren.