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Die Wahrheit · 1932-11-11 · Heft 46 (11.11.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Spalten einer ganzen Artikel-Serie über diesen Täufling eröffnet. Und mit den Mischehen, die in den besten zionistischen Kreisen gang und gäbe sind, wollen wir uns vorläufig, da wir demnächst einen größeren Artikel hierüber zu bringen beabsichtigen, nicht lange beschäftigen und uns mit dem Hinweis auf die Mischehe Max Nordaus begnügen. Er — nicht Theodor Herzl — w a r e s, der 1898 in der zionistischen „Welt" die Parole ausgab: „Zionisten erobert die Kultusgemeinden!" Er war in puncto Mischehe das Vorbild — um nur die berühmten Namen zu nennen — für Dr. Isidor S c h a 1 i t, seinen Sohn Dr. Albert S c h alit, für Martin Buber, die Dichter Hugo Salus (er nahm einige Jahre später auch die heilige Taufe!) und Hugo Zuckermann. Die Herren mögen den Mut aufbringen und die Namen der assimilierten „Unionisten" aufzählen, die sich taufen ließen oder Mischehen eingingen!! (Bei uns würde man wenigstens einen solchen Fall bedauern, die „Nationaljuden" sind auf ihre „Mischehelinge" stolz.) Wir, die wir religiös nach unserer Art und Erziehung leben, werden in den letzten Ausgaben der zionistischen Blätter als „Sonntags-Qottesdienstler" und „Sabbatzerstörer" beschimpft, daher als unwürdig bezeichnet, die religiösen Interessen der Juden zu vertreten. Indessen ist von den bisherigen zionistischen Mandataren in der Kultusgemeinde unseres Wissens kein einziger, der nicht Sabbatverächter wäre. Bezeichnend ist ein Bericht, den die zionistische „Stimme" am 15. Oktober 1931 unter der Ueberschrift „Brief aus Palästina" brachte, in welchem es wörtlich heißt: „Aber ebenso wie hier die meisten Juden beten, so gibt es doch auch manche, die ihren Gott nicht im Bethaus aufsuchen, die ihre Religiosität nicht in Formen zwingen lassen. Sie sind Juden auch ohne Talis und Schofar. Niemand wird es wagen, ihnen dort, in Tel-Aviv, das Judentum abzusprechen, wenn sie keinen Tempel besuchen, wenn sie das Fahrrad besteigen oder gar am Sabbat die verpönte Zigarette anrauchen!" Also aus mit der Legende, daß in der „heiligen" Stadt Tel-Aviv eine Sabbatentweihung gesetzlich bei Arreststrafe verboten ist. Wer mehr "wissen möchte, wie es mit der „Religion" und der Jüdischkeit in Palästina steht, schlage die genannten Nummern der „Stimme" auf. Die Zionisten, die früher einmal in die Welt den Ruf erschallen ließen, daß Einigkeit nottut, haben jetzt diese Ansicht aufgegeben. Heute sind sie der Ueberzeugung, daß das Herumschlagen und die Uneinigkeit als Beweis für eine verstärkte Aktivität des jüdischen Volkes not- Mit dieser Familienliebe oder besser gesagt Familienbindung bildete sich auch die Stellung der Religion im Leben des Juden. Die jüdische Religion ist nämlich nur zu einem Teil eine Religion des öffentlichen Gottesdienstes, dagegen weit mehr eine Religion des Hauses. Im Hause entialtet sie eine tiefgehende Einflußnahme, die nicht zum geringsten Teile die Erziehung des Kindes umfaßt Das führt zu der Bindung, die dann ein Leben lang den Juden mit Elternhaus und Religion seelisch verknüpft. Religion ist mit dem Elternhaus, Elternhaus ist mit Religion verknüpft, eine doppelte Bindung, die hält. Wenn Menschen zweitausend Jahre nur in ihren Gotteshäusern oder in ihren vier Wänden zu ihrem eigentlichen Wesen, ihrem Fühlen, den Resten ihres Brauchtums und ihrer Gemeinschaft sich zurückfinden und zurückfühlen können, so werden eben dieses Gotteshaus und die vier »Wände die Heimat, in der man sich heimisch fühlt Und so sind es nicht die großen, ewigen Wahrheiten der Bibel, die so magnetisch auf das Gemüt wirken, sondern es ist eigentlich die praktische Ueliung der Religion, die, in der Jugend aufgenommen, später, durch Alter und Erfahrung verklärt, die Seele wärmt. Die Judenfrage hat nichts zu tun mit dem Einfühlen in jüdisches Wesen. Im Leben des Juden treffen viele Komponenten zusammen, die dann die Resultierende, den Juden, wie er ist, ergeben. Ob einem der Jude gefällt oder nicht ob man mit ihm sympathisieren kann oder nicht darauf kommt es nicht zuerst an, sondern ihn verstehen, ist wichtig, will mann über ihn urteilen. Verständnis ist aber das Schwierigste und Seltenste; versteht doch oft der Jude einer Wahlheimat Jen einer anderen nicht! Vielleicht hat deshalb manche deutsche Stimme den Roman von Wiener Juden nicht goutiert — aber ein Schriftsteller schreibt ja nicht um alle Geschmacksrichtungen zu befriedigen, sondern um Leben abzulauschen. Ich glaube, Hichler hat das getan und nach meinem Empfinden seine Aufgabe nicht schlecht gelöst Es gab und gibt solche Juden, wie er sie gezeichnet, und sie sind, weiß Gott nicht die schlechtesten Juden und nicht die schlechtesten Menschen. Ich wollte, es wären viele nicht schlechter. wendig ist. Es ist traurig, aber wahr, daß das Parteiwesen, das seit Aufkommen des Nationalismus innerhalb des Judentums in so gefahrvollem Uebermaß emporgewuchert ist, das Wiener Judentum der Vernichtung nach innen und nach außen zuführt. Auf der in Wien Ende August 1932 abgehaltenen Welt-Konferenz der Zionisten-Revisionisten forderte der Delegierte Dr. Meier, ein Palästinenser, nicht mehr und nicht weniger als die Militarisierung der Jugend, wobei er Kampf, Blut, Eisen und Barrikadenkämpfe verherrlichte. Nichts wäre trauriger, als wenn die Juden weiter in ihrer Gleichgültigkeit gegen die immer gefährlicher werdende Bewegung der „j ü d ischen Braunhemden" beharren würden. Diese stellen den Feind im Innern dar, ja sind unter Umständen gefährlicher als die nichtjüdischen Braunhemden. Wenn die Zionisten die Mehrheit in der Kultusgemeinde erobern, dann wird die Herrlichkeit nicht von allzu langer Dauer sein. Es wird alles zusammenkrachen. Aber der Schaden, den die Nationalisten inzwischen anrichten würden, würde die Kultusgemeinde für jahrzehnte ruinieren, die Juden- FAMILIEN - PENSION ^üiiüi'.aüiüira 1 VORNEHME täglich 5-Uhr-Tee SfrMEDING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans 3 Mäßige Preise, Zimtner mit PensionS 12.— aufwärts § Zentralheizung, fließendes Wann- und Kaltwasser §3 in jedem Zimmer. M Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein. Besitzer schaft Oesterreichs ihren antisemitischen Feinden ausliefern. JHitteifungen. Die Exekutive des Zentrahvahlkomitees der Nichrnationalen Liste amtiert täglich zwischen 2 und 4 Uhr nachmittags im Klubzimmer des Cafe Ruthmayr, IX„ Kolingasse 14, wo an Interessenten, insbesondere alle Funktionäre und Vertrauensmänner der Bezirkswahlkomitees Auskünfte erteilt werden. Der Kampf um die Kultusgemeinde, Wenn es noch eines Beweises für die Zerrissenheit des Wiener Judentums bedurft hätte — der Kampf um die Kultusgemeinde hat diesen Beweis nur allzu kraß erbracht. Nicht weniger als neun Wahllisten wurden angemeldet, darunter — und das ist besonders charakteristisch — fünf zionistische, und zwar von den vereinigten Allgemeinen Zionisten und Revisionisten, den Radikalen Zionisten, der Poale-Zion, dem „Misrachi" und von Herrn Dr. S. R. Landau. Diese fünf zionistischen Gruppen, die sich hinsichtlich der zionistischen Politik so ziemlich in den Haaren liegen und auch jetzt noch einen scharfen Kampf gegeneinander führen, haben nur das gemeinsam: sie wollen um jeden Preis die Kultusgemeinde „erobern" . . . Sollte den Juden Wiens das Unglück widerfahren, diesen Herren ausgeliefert zu werden, dann werden sie natürlich unter sich diesen Kampf mit der bisherigen Rücksichtslosigkeit fortsetzen und die Kultusgemeinde wird zum Tummelplatze eines Parteikrieges werden, wie ihn die jüdische Gemeinde noch nicht erlebt hat. Man braucht nur die zionistischen Parteiorgane aus der letzten Zeit einer Durchsicht unterziehen und da wird man höchst erbauliche Dinge erfahren, wie die Allgemeinen Zionisten über Herrn Stricker urteilen, wie dieser wiederum seinen zionistischen Widersachern die saftigsten Schimpfworte an den Kopf schleudert, wie die Poale-Zion scharf und erbittert mit den Revisionisten abrechnen und wie bitter sich die Misrachisten über die areligiöse, bzw. antireligiöse Politik der Zionisten beklagen. Und dieses Konglomerat heftigster Gegner unter der zionistischen Flagge soll nun die zweitgrößte jüdische Gemeinde Europas und die drittgrößte der Welt in die Hände bekommen! Fürwahr, das Wiener Judentum müßte buchstäblich von allen guten Geistern verlassen sein, wenn es so weit kommen sollte. Hoffentlich bewahren die Kultuswähler trotz aller demagogischer Schlagworte, trotz aller Verhetzungen und Verleumdungen sich ihren gesunden Menschenverstand und ihre Gemeinde vor diesem Unheil . . . Mit welchen Mitteln die Herren kämpfen, dafür ist der folgende Umstand charakteristisch. Wie bekannt, haben die um die „Schiffschul" organisierten Orthodoxen Jahrzehnte hindurch es abgelehnt, Vertreter in die Leitung der Kultusgemeinde zu entsenden, da sie auf dem sogenannten „Trennungsstandpunkt" stehen und darnach streben, nach ungarischem Vorbilde eine eigene orthodoxe Gemeinde zu bilden. Erst in der Nachkriegsperiode, als infolge der politischen und wirtschaftlichen Krise der Bestand der Kultusgemeinde in Gefahr war, haben sie sich bereit gefunden, ihre Abstinenz aufzugeben und sich an der Leitung der Gemeindeagenden zu beteiligen. Sie sind hierbei die ganze Zeit hindurch Hand in Hand mit der „Union österreichischer Juden" gegangen und bei allen letzten Wahlen kandidierten ihre Vertreter auf einer gemeinsamen Liste mit der Union. Aus prinzipiellen und taktischen Gründen kehren sie nun zu ihrem alten Trennungsstandpunkt zurück und verzichten auf die Entsendung von Vertretern in die Kultusgemeinde. Sie sehen ihre Erwartungen, daß ihre Vertretung in der Kultusgemeinde ihnen die angestrebte Autonomie in allen religiösen Angelegenheiten erwirken würde, nicht erfüllt und setzen ihre Hoffnungen auf die nun wieder eingeschlagene Abstinenzpolitik. Nur diese stand im Laufe der letzten Monate in den führenden Kreisen der Orthodoxie zur Debatte, auch dann noch, als bereits das Wahlbündnis zwischen den übrigen antinationalen Gruppen, der „Union" und den „Werktätigen Juden", bereits perfekt war. Die „Union" brachte und bringt den besonderen Bedürfnissen der Orthodoxie volles Verständnis entgegen. Wenn die gesetzestreuen Juden Einblick in die Verhandlungsprotokolle der Kultusgemeinde nehmen würden, so könnten sie mit Befriedigung und wahrscheinlich auch zum Teil zu ihrer großen Ueberraschung feststellen, wie sehr gerade der Klub der unionistischen Kultusvorsteher bemüht war, ihren zionistischen Kollegen die Förderung der verschiedenen orthodoxen Einrichtungen abzuringen. Wenn diese Tatsache in den breiteren Schichten der Orthodoxie nicht genügend bekannt geworden ist, so ist daran einerseits die ruhige und bescheidene Arbeit der Unionisten, anderseits die politische Macht der Zionisten schuld, die es — das sei unumwunden zugegeben — aus dem ff verstehen, die Werbetrommel zu rühren und aus jeder einzelnen Verwaltungsmaßnahme, sei sie nun persönlicher oder sachlicher Natur, politisches Kapital zu schlagen, eine unseren Vertretungskörperschaften entliehene Wählerfangpolitik, die, weil sie oft sachlich ungerechtfertigt, zum Schaden gerade der Wählerschaft, zum Zusammenbruch jeder Körperschaft führen muß. Und weil dies die berufenen Führer der orthodoxen Korporationen nur zu genau wissen, bestand von vornherein kein Zweifel, daß sie die Losung: Stimmet geschlossen für die „Union"! ausgeben werden. Denn sie wissen noch eines sicher: Wenn auch die Vertreter der Schiffschul oder der Agudah nicht mehr an der Seite der Unionisten in der Kultusstube sitzen werden, die „Union" wird nach wie vor aus ihrer konservativ-religiösen Einstellung heraus es nie und nimmer an der Förderung der orthodoxen Interessen fehlen lassen. Wie lächerlich erscheint diesen auch den Zionisten nur zt* gut bekannten Tatsachen gegenüber der von gut eingeweihter zionistischer Seite in deren Heimwehrleibblatte unternommene Versuch, die Dinge zu verdrehen. Zu derartigen Praktiken greift nur ein schlotternder Schwächling. Daß die Herren Zionisten mit solchen Mitteln kämpfen, damit muß man sich schließlich abfinden. Die Demagogie bildet ja seit jeher ihre „stärkste Seite". Bedauerlich ist es aber, daß sich auch andere, weniger extreme Gruppen finden, die die Zersplitterung vermehren und sich selbständig machen wollen. Alle die Schlagworte „unpolitisch", „religiös", „sozial", „wirtschaftlich" usw. sind ja nichts als leere Phrasen. Das Programm der Arbeitsgemeinschaft „Union-Werktätige" bietet für alle diese Bestre-

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