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Die Wahrheit · 1932-11-11 · Heft 46 (11.11.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 46 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT schildert werden, wird sogar von dem Anonymus taxfrei zum Nachfolger des bisherigen Finanzreferenten der Gemeinde ernannt Es ist eigentlich schade um jedes Wort, das man an die Zurückweisung dieser infamen Verleumdung verliert Das ganze jüdische Wien weiß, daß die maßgebenden orthodoxen Körperschaften unbeschadet der aus taktischen Gründen diesmal nicht erfolgten Aufstellung von Kandidaten, worüber an anderer Stelle dieses Blattes berichtet wird, jene Partei unterstützen, die allein die Gewähr für die Beibehaltung des bisherigen religiösen Kurses in der Gemeinde bietef, und das ist eben die „Union österreichischer Juden". Das Bündnis mit den „Werktätigen" ändert an dieser seit Jahrzehnten eingenommenen Haltung natürlich nicht das geringste und dieses Bündnisses wegen ist es auch nie zu einer Verstimmung zwischen der „Union" und den orthodoxen Kreisen gekommen. Lügen haben kurze Beine auch im Wahlkampf und wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Die Zionisten kennen doch auch diese Wahrheiten. Die zionistischen Wahlmacher sollten sich sagen, daß die Wähler hinter diesen kurzbeinigen Lügen allzu leicht Unsicherheit und Schwäche erblicken müssen. Die Herren Zionisten könnten doch auf Grund der nahen geschäftlichen Beziehungen, die zwischen ihrem Listenführer und dem Naziblatte seit Jahren bestehen, die Spalten dieses Blattes zu einer ernsteren Vertretung ihrer heiligen Sache benützen. Allerdings dürften sie sich dabei nichts wissen machen, daß ein Großteil der sogenannten „Allgemeinen Zionisten" — sozialdemokratische Juden sind. Den Zionisten ins goldene Stammbuch, In knapp vier Wochen finden die Wahlen in die Wiener Kultusgemeinde statt Wenn nicht alle Schichten der Judenschaft Wiens diesmal ihre Pflicht erfüllen, besteht die Gefahr, daß wir Wiener Juden jene bittere Enttäuschung erleben, die unseren Brüdern in Berlin während einer Wahlperiode zuteil wurde. Die Wiener Zionisten oder, wie sie sich voller Stolz nennen, „Nationaljuden" sind bekanntlich unter sich in unzähligen Gruppen zersplittert und zerklüftet, so daß man mit Recht von einem „Trennungszionismus" sprechen darf, ja sie selbst haben dieses Wort geprägt Der Apostel der Zionisten- Revisionisten „Marke A" Herr Robert Stricker, zählt denn auch in seinem Organ „Die Neue Welt", Nr. 262, Seite 3, folgende Gruppen auf: 1. Allgemeine Zionisten A., 2. Allgemeine Zionisten B., 3. Sozialisten-Zionisten, 4. Misrachi-Zionisten (in Wien zwei sich arg bekämpfende Gruppen), 5. Revisionisten-Zionisten Richtung Weisl, 6. Revisionisten-Zionisten Richtung Jabotinsky, 7. Revisionisten-Zionisten Richtung Lichtheim-Stricker. Nun haben diese, sich seit Jahren In den Haaren liegenden Parteien und Gruppen einen „Burgfrieden" geschlossen, um von der Wiener Kultusgemeinde Besitz zu ergreifen. Die Herren geben in dem Leitartikel ihres Hauptorganes „Die Stimme" vom 22. September 1932 vor, eine Umgestaltung der jüdischen Gemeinde in eine Volksgemeinde durchzuführen, was für die politische, rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Stellung des Wiener Judentums das größte Unglück wäre. In Wirklichkeit wollen sie durch ihre Machtergreifung Sachwalter der österreichischen Juden werden, einen Nationalismus ä la Hitlertum einführen und die österreichische Judenheit beherrschen. Die Herren haben eine gewaltige Propaganda entfaltet, um die Wähler für ihre Wahlliste zu gewinnen. An Geldmitteln fehlt es ihnen, trotz der ungeheuer schweren Zeit und der bitteren Not der jüdischen Bevölkerung Wiens, nicht Käme die Kultusgemeinde unter ihre Fittiche, so würden vor allem Hunderte von Millionen als „Subvention für den Aufbau Palästinas" der Kassa der Kultusgemeinde entzogen werden. Die gewaltigen Geldauslagen für ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE a#8 15Ü# «* tti 6. TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE, DECKEN NUR 1., BAUERNMARKT 12-14 Versammlungen und Agitationsmittel würden sich ausgezahlt haben. ... -\ -.,-......•. .•;.- Alles was sie in ihren Blättern, Versammlungen und Flugzetteln versprechen, klingt sicher sehr schön, schön wie das Geständnis eines ihrer Besten, des hebräischen Dichters Uri Zwi Grünberg, der ganz offen erklärte: „D a s zionistische Kolonisationssystem gehe dem Bankrott entgegen und die politische Lage in Palästina sei schlechteralsdieLageinderGalut h." (Vgl. „Stimme" vom 1. September 1932, Seite 6, Spalte 2, Ueberschrift „Lärmszenen".) STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhöf,3. Tor, Tel. U10-4-53 In der gleichen Nummer des genannten Zionistenblattes findet sich ein Bericht über die Konferenz der Zionisten-Revisionisten, der mit folgenden Worten eingeleitet wurde: „In Anwesenheit der Delegierten, unter denen Jugendliche in Braunhemden hervorstachen, eröffnete der Führer Jabotinsky die Weltkonferenz." Also das fehlte uns noch. Hier Braunhemden mit Mogen- David, dort Braunhemden mit dem Hakenkreuz; beide bilden für die Juden die größte Gefahr. Den Geist, der in gewissen zionistischen Kreisen herrscht, veranschaulicht am besten die von der zionistischen „Stimme" vom 1. September 1932 (Rubrik „Wißt ihr schon?") wiedergegebene Aeußerung des Rechtsanwaltes Mose Cohen vor dem Gerichte in Jerusalem. Dieser führende Zionist sagte wörtlich: „Wenn die Hakenkreuzler aus ihrem Programm die Judenfeindschaft eliminiert hätten, wären wir mit ihnen einverstanden. Wären nicht die Hitlerianer da, Deutschland wäre verlöre n." So — ein zionistischer Führer in der heiligen Stadt Jerusalem. Kommentar überflüssig! Wir nichtnationalen Juden werden in zionistischen Versammlungen mit dem grimmigsten Haß beschimpft und herausgefordert. Wir können und wollen ihnen nicht mit gleichen Redensarten entgegnen, weil wir die jüdische Ehre nicht herabsetzen wollen. Uns gebietet das jüdische Gewissen, uns gegenüber manchen schönen Dingen ein Blatt vor den Mund zu halten. Unseren Männern wird Sucht nach Assimilation vorgeworfen, sie in den braunen Hemden, die Hitler verherrlichen und die gefährlichsten Judenfeinde der letzten Jahrtausende in Jerusalem, der Stadt Gottes feiern, sind „gute Juden". Kommentar überflüssig. Wir, die wir ihrer völkischen Ideologie nicht folgen können, die wir in einem extremen Nationalismus die größte Gefahr erblicken, werden als „Taufjuden", als „Mischehejuden", als Assimilanten und „Ameharrazim", denen man die Erziehung der Jugend nicht anvertrauen darf, gebrandmarkt. Dagegen war Hans Herzl — um nur den markantesten Namen zu nennen — zur Zeit seiner „Taufe" kein Assimilant, sondern ein „ausgezeichneter Jude" und das „Zurück zu Herzl"-Organ hat im vorigen Jahre seine Feuilleton „Der Sohn des Moses Mautner" zur Diskussion gestellt Aeußerung dazu von Dr. V. K u r r e i n. Linz. (Schluß.) Mit der Assimilation hängt auch die ganze Frage des sogenannten Jargons zusammen. Dadurch, daß der Jude seine Sprache nicht dauernd an einem Platze und in einer Umgebung bildet, sondern wandert und überall annimmt entsteht in seiner Sprache der Miscbeinscblag, der phonetisch und im Wortschatz von der Umgangssprache bestimmt wird. Selbst Gesten und Gebärden, die auch für den Jargon charakteristisch sind, gehen auf diesen Einfluß der Wanderung zurück. Aber es kommt außerdem für die Sprachbildung noch ein sehr wichtiger Faktor in Betracht Das ist die Erziehung durch die Schule. In einer Zeit und Umgebung, in der das jüdische Kind nicht die allgemeine, öffentliche, interkonfessionelle Schule besuchte, war seine Ausbildung in der Landessprache allen Einflüssen ausgesetzt, welche eine Mischsprache begünstigen mußten. Man macht die Erfahrung, daß Kinder von Jargon sprechenden Eltern in den ersten Schuljahren in der allgemeinen Schule noch mangelhaftes Deutsch sprechen, nach einigen Jahren aber schon unter dem Einfluß der Schule sich in der Sprache fast nicht mehr von anderen Kindern unterscheiden. Somit ist der sogenannte Jargon von Schulbildung und Umgang sehr abhängig. Gerade dies wird in ..Moses Mautners Sohn" ganz ausgezeichnet gezeigt Die Generation, die noch der Ghettoschule angehörte, krankt am Jargon, die aber, die der allgemeinen Schule angehört hat ihn überwunden und sogar so, daß sie Wienerisch besser als der Wiener beherrscht Das gilt für Wien ebenso wie für Berlin, Paris oder London. Jargon ist keine Eigentümlichkeit des Judentums, sondern eine Eigentümlichkeit der Erziehung, Umgebung und Assimilation, nicht zuletzt eine Eigentümlichkeit des jeweiligen persönlichen Empfinden« tjegenüber der Sprache, da es immer Menschen gibt die lieber schlampig als korrekt sprechen. So ist die invertierte Wortfolge im Satzbau durchaus nicht immer die Folge der im Hebräischen gebräuchlichen Wortstellung, denn sie findet sich auch bei Juden, die das Hebräische gar nicht beherrschen; sie geht vielmehr auf eine Trägheit im Denken und eine Undiszipliniertheit des Sprechens überhaupt zurück. Daß sich der gebildete Jude des Jargons schämt, hängt gar nicht mit einer inneren Verachtung des Judentums zusammen, sondern mit der ganz richtigen Erkenntnis, daß der Mensch die Sprache seiner Umgebung so sprechen soll, daß er nicht unliebsam auffällt. Der Jargon ist aber keine Sprache, die das Ansehen des Sprechers in der Umgebung erhöht. Mögen ihn die Jargonanhänger noch so zäh verteidigen, er ist eine phonetisch unschöne, durch die Gebärden noch dazu unkultiviert wirkende Sprache, die nun einmal die Karikatur des Juden in allen Zeiten und Literaturen begleitet hat Ob Freund oder Feind daran schuld ist, ist nun gleichgültig: die Tatsache besteht und hat darum den Juden, der sich vom Spotte und der Karikatur frei machen will, bestimmt, dem Jargon zu entsagen. Leon Kellner hat einmal niedergeschrieben: „Was bei dem Freien ein Vorzug ist, ist bei dem Sklaven ein Fehler." Der Jude ist eben nicht so frei, daß er sich über das Urteil der Umwelt hinwegsetzen und auf einen Dialekt so stolz sein kann wie der Tiroler, Bayer u. a. Aber wo nicht Dialekt gesprochen wird, wirkt auch die Redeweise dieser Gruppen anstößig oder mindest nicht angenehm. Wenn der Jargon auch kein Fehler oder eine schlechte Eigenschaft ist so wird es dem Juden doch nicht gelingen, die Menschen davon zu überzeugen oder ihn gar schön zu finden. Im Umgang bleibt er bis auf weiteres ein Schönheitsfehler. Weil der Jude auf das Urteil der Umwelt achten muß, so hängt auch das sogenannte „Geltungsbedürfnis der Juden" damit zusammen. Er ist Minderheit und hat nicht das Recht und nicht die Kraft sich über dieses Urteil hinwegzusetzen, im Gegenteil, er muß trachten, es für sich günstig zu beeinflussen und zu gestalten. Deshalb strebt er nach dem, was im Werte bei den Menschen steht. Wenn der junge Mautner nach der Wissenschaft strebt, so entspringt dieses Streben nicht dem Geltungsbedürfnis, sondern der Erkenntnis, daß Wissenschaft doch eine andere Befriedigung gewährt als Würste erzeugen und daß die Menschen eben doch einen Doktor höher stellen als einen Selcher. In unserer materiellen Zeit mag das nicht zutreffen, aber in der Zeit die Hichler schildert war es noch so. Der Jude — nicht, der gelten, sondern der nur nicht verachtet sein •wollte, — stellte sich auf das ein, was die Menschen schätzen, ja er mußte es, wenn er nicht statt dem Urteile dem Vorurteil anheimfallen wollte. Denn daß man den Juden doch immer mit einer Einschränkung gelten ließ, kann niemand gerechtermaßen leugnen. Dadurch wiederum entsteht das besondere Verhältnis des Juden zur Familie. Die Umwelt nimmt ihn nicht objektiv auf. Dadurch wird er empfindlich und glaubt sich nicht gerecht beurteilt und bewertet; lediglich bei den Seinen kann er genommen werden wie er ist. Also schließt er sich der Familie und den „Volksgenossen" enger an. Ja, es entsteht sogar die Ueberwertung der Familie und durch die Familie; in einem Falle wird ihr Urteil zu hoch gewertet im anderen Falle die Person durch sie überwertet Aber jede Minorität hält zusammen. Große, starke Tiere leben einsam, schwache, wehrlose herdenweise. Ausländer bilden überall Kolonien und unterstützen einander. Der Jude, der spürt daß er von der Umwelt so wie etwa ein Ausländer gehalten wird, macht darin keine Ausnahme. Hiezu kommt daß Jahrhunderte hindurch die Umwelt tatsächlich einen Juden für den anderen von Gesetzes wegen haftbar machte und noch heute jeder Jude, der sich um Hilfe an ein Amt wendet, zu hören bekommt: „Wenden Sie sich doch an Ihre Gemeinde!" Die Familienzusammengehörigkeit ist ein notwendiges Korrelat der Stellung, die die Umwelt dem Juden eingeräumt hat Hichler hat darum ganz richtig gezeigt wie diese Familienliebe aber doch nicht kritik- und hemmungslos auf jeden erziehlichen und einflußnehmenden Standpunkt verzichtet Der Mensch muß sich selbst durchsetzen, eine Anschauung, die gerade unsere Vorfahren nachdrücklich vertraten, indem sie die jungen Menschen ins Leben hinausschicken.

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