Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gaaiMWW'wwggaaMi ttxr. TOiä^3sa3B<iE«as2s*>w3rKe DIE WAHRHEIT. Seite 3 Absicht oder Möglichkeit haben, ihr Leben in Palästina neu aufzubauen, sondern hier in Europa bleiben wollen, politischer Selbstmord, die Propaganda, die mit diesem Schlagworte arbeitet, trotz der Begeisterung, die sie weckt, sich der schweren Verantwortung nicht bewußt, die auf ihren Schultern ruht. Es ist eine schöne Sache um diese Begeisterung. Sie ist ein Recht der kraftvollen, bedenkenlosen Jugend; die berufenen Führer aber mögen inne werden der Zweischneidigkeit der Waffe, deren sie sich bedienen. Caveant Consules! Zionistischer Wahlterror. In einer Zeit, da alle Welt über den Terror der Hakenkreuzler an den Hochschulen aufs höchste empört ist, finden es unsere nationalen Chauvinisten für angebracht, den Beweis zu liefern, daß auch sie das Handwerk des Terrors gut verstehen. Als trotz aller durch die Not der Zeit begründeten sachlichen Bedenken die Neuwahlen für die Kultusgemeinde ausgeschrieben, wurden, drückten wir an dieser Stelle den Wunsch aus. der Wahlkampf möge, angesichts der großen Gefahren, von denen die Juden bedroht sind, keine allzu häßlichen Formen annehmen. Wir glaubten, daß auch unsere „Radikalen" die Zeichen der Zeit verstehen und würdigen würden. Aber wir haben uns. leider Gottes, bitter getäuscht. Die Herren Zionisten wollen mit aller Gewalt die „KultusgeiT.einde erobern" und da die beschränkte Zahl ihrer Parteigänger diese „Eroberung" recht zweifelhaft erscheinen läßt, so wollen sie dem Wahlglück mit Terror nachhelfen. Die Exzesse ihrer Presseorgane haben wir bereits des öfteren „gewürdigt". Wenn die Herren nicht selbst die Lächerlichkeit ihres Geschimpfes einsehen, dann ist ihnen nicht zu helfen. Wenn der Trick mit dem „Reformjudentum" nicht zieht, dann appelliert man an Baron Edmond Rothschild gegen die bösen Unionisten und Werktätigen . . . Wie faul muß eine Sache sein, zu deren Stützung man solcher Mittel' und Mittelchen benötigt . . . Wenn sich die Zionisten unbedingt lächerlich machen wollen, dann mögen sie es in Gottes Namen tun. Wogegen man aber schärfste Verwahrung einlegen muß, das ist der Versuch, die vereinigten Antinationalen zu terrorisieren und ihre Versammlungen zu sprengen. Die Zionisten haben vorige Woche ihre erste „große" Wählerversammlung abgehalten — aber es ist keinem ihrer zahlreich anwesenden Gegner eingefallen, sie hierbei zu stören. Man gestattete den Herren ruhig, ihre Weisheit zu verzapfen . . . Als aber die „Jüdisch-demokratische Arbeitsgemeinschaft" am Samstag abends im Hotel Continental ihre erste glänzend besuchte Wählerversammlung abhielt, da erschienen auch die Herren Gegner, richtiger blauweäße Burschen, und machten nach echter Naziart einen derartigen Radau, daß nach mehrfachen vergeblichen Warnungen Polizei einschreiten mußte, um die Ordnung zu sichern. Es gibt wohl kein beschämenderes Schauspiel, als angesichts des Naziterrors eine gleiche Taktik zur Anwendung zu bringen. Dabei hatten die Zionisten gar keinen Grund zur Aufregung. Wenn sie die durch die Referenten erfolgte Zurückweisung der zionistischen Aspirationen in diesem Lande nicht anhören können, dann zwingt sie niemand dazu. Das Eingreifen von Ordnern einer parteipolitischen Schutzorganisation beruhte, wie bereits in der Versammlung offiziell erklärt wurde, auf eine mißverstandene Anordnung der Wahlleitung. 1 VORNEHME FAMILIEN - PENSION |nB5taHi»atiQH,RaffBBuaus täglich 5-Uhr-Tce jSENNERlNü TELEPHON 11 fHochstrafie 43 _ neben Hotel Panhans §§ Mäßige Preise, Zimmer mitPensionS 12.—aufwärts H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser Ü in jedem Zimmer. H Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer ■Kill ' "^^'^'^^^^T:^^ -^5^^^ ^■C;f^f.;§¥£# ■gafe§^yj@^| i^ÜBtti -^^Mli]lLi=d^: Die Herreu der zionistischen Partei sind rechtzeitig gewarnt. Wenn ihre jugendlichen Anhänger diese Methoden nicht aufgeben, dann wird sie die gerechte Empörung aller gutdenkenden Juden treffen, die sich schon jetzt einstellt. Sie mögen sich mit ihren Verhetzungen in reaktionären Blättern vom' FcÄJmat des „Journals", mit ihren dummdreisten Behauptungen, Lügen und Verleumdungen in ihren Organen begnügen — wenn sie es nicht anders können. Aber wenn sie den Versuch machen werden, die Andersdenkenden zu terrorisieren und gewalttätig zu werden, dann wird man noch ganz anders mit ihnen reden. Die Herren zionistischen Führer müssen ihre nationalen S. S. und S. A. im Zaume halten. Der Kampf gegen den Nationalismus. Von Berthold Sinai. Ein Vergleich der wirtschaftlichein Verhältnisse in Oesterreich zum Beginne und am Ende der Funktionsperiode des gegenwärtigen Kultusvorstandes (1928—1932) zeigt uns die trostlose Verschlechterung und die katastrophale Lage unserer Wirtschaft, von der gerade die Juden Wiens, die aufs innigste mit dem Handel und Gewerbe verbunden sind, besonders hart in Mitleidenschaft gezogen wurden. Man sollte nun glauben, daß in" diesen schweren Zeiten alle Juden unserer Stadt in vollster Erkenntnis des schweren wirtschaftlichen und des nicht minder unerträglichen antisemitischen Druckes fest zu einander stehen und sich um ihre autonome Gemeinde scharen werden, um ein Beispiel der Geschlossenheit und Festigung Danksatfun^ Für die An/wesenheit beim Leichenbegängnisse unseres unvergeßlichen Präsidenten Dir. Anton Stein sowie für die zahlreichen Kondolenzkundgebungen erlaubt säen dem Präsidium der Kultusgemeinde, des Waisenvereines, der „Union österreichischer Juden" und der B.-B.-Logen, allen Teinpelvereinsvorständen sowie den Mitgliedern und Freunden unseres durch den schweren Verlust besonders hart betroffenen Tempelvereines herzlichsten Dank zu sagen der Vorstand des Josefstädter Tempelvereines. einer feindlichen Umgebung zu bieten. Aber unsere Nationalisten wollen es anders. Gerade jetzt toben sie sich in ihrem tollen Chauvinismus aus, rufen nach Sonderstellung im Staate durch Gewährung von Minoritätsrechten und richten ihre Blicke auf die ehrwürdige Kultusgemeinde, um sie zur — Volksgemeinde umzugestalten. Diesem frivolen Anschlag auf die Wiener Israelitische Kultusgemeinde, welche durch ihre Fürsorgetätigkeit und die Erhaltung so zahlreicher religiöser, kultureller und sozialer Institutionen Weltruf genießt, muß mit aller Kraft begegnet werden. Alle ernsthaften, einsichtsvollen und gut jüdisch denkenden Männer müssen ihr Bestes hergeben, damit unsere Kultusgemeinde, diese mustergültige Pflegestätte wahrhafter jüdischer Religiosität und Tradition, in ihrer derzeitigen Grundform und Gestaltung erhalten werde. Wir verwahren uns gegen eine Sonderstellung in einem Lande, das seit den Zeiten der Babenberger von unseren Vorfahren bewohnt war und das unsere Heimat, an der wir mit allen Fasern unseres Herzens hängen, geworden und geblieben ist. Wir wollen uns in wirtschaftlicher und politischer Beziehung in nichts von unseren nichtjüdischen Mitbürgern unterscheiden. Wir wollen unsere Kinder als vorurteilsfreie Menschen, gefestigt und gekräftigt durch die geheiligte überlieferte Lehre, heranwachsen sehen. In den Tagen des Wahlkampfes wollen wir mit aller Klarheit und Deutlichkeit aufzeigen, daß der Bestand unserer Kultusgemeinde gesichert ist, wenn an ihren Grundmauern nicht gerüttelt wird. In dieser Erkenntnis werden alle besonnenen Wähler sich der Bedeutung des 4. Dezember als eines Schicksalstages bewußt sein und den Sieg der Nichtnationalen Liste der „Jüdisch-Demokratischen Arbeitsgemeinschaft" durch ihre Stimmenabgabe mitsichern helfen. Die Universität. Ehemals die höchste Bildungsstätte, Ein Tummelplatz der Wissenschaft, Wo Geister rangen um die Wette Mit starker und gewalt'ger Kraft. Heut hat sich alles umgekehret, Die Säle liegen öd und leer. Wo man Moral und Ethik höret. Da hauset jetzt ein rohes Heer Von Buben, die das Haus entweihen, Das sonst der Stolz des Staates war. Und es mit wüstem Haß bespeien, Der letzten Scham und Würde bar. Dort in der Alma mater Hallen, Sie schwingen Mordwerkzeuge frei. Die auf die Opfer niederfallen. Denn draußen bleibt die Polizei. Und drinnen wilde Bestien toben. Sie spielen Katze mit der Maus Und werfen stolz und sehr gehoben, Den fast halbtoten Fang hinaus. Der, überströmt von Blut und Wunden, Ein Anblick ist von tiefstem Grau'n. Wird solch ein Opfer je gesunden? Vermag die Menschheit das zu schau'n? Sind wir verkauft denn und verraten? Wird das Gesetz verhöhnt, verlacht? Daß man still duldet solche Taten, Jüdische Bürger rechtlos macht? Soll dieses Unrecht weitergehen, Das uns brandmarket vor der Welt? Wird denn kein Helfer hier erstehen, Der altes Recht in Ehren hält? In alle Lande wird sie dringen, Die Schmach der Universität. Beendet dieses wüste Ringen, Eh' man sie meidet, eh's zu spät. Wenn Ordnung, Ruhe neu einziehen Und frei des Geistes Flagge weht. Dann erst kann wieder auferblühen Der Ruhm der Universität. Beate Baumgarten. Brief an alle, die bei den letzten Kultuswahlen nicht gewählt haben. Bei den letzten Kultuswahlen haben Sie Ihre Stimme nicht abgegeben. Sie haben damit kundgetan, daß es Ihnen gleichgültig ist, wer in der Kultusgemeinde die Stimmenmehrheit erhält. Bevor Sie bei den diesjährigen Wahlen ebenso handeln, denken Sie einmal nach, worum es diesmal geht. Im schweren Existenzkampfe haben die Juden Wiens außer mit der alle bedrückenden Wirtschaftskrise noch mit dem durch die nationalsozialistischen Bestrebungen immer stärker werdenden Antisemitismus zu rechnen. Geradeso wie jeder von uns heute darüber nachdenkt und versucht, gegen die allgemeine Krisis anzukämpfen und sein eigenes wirtschaftliches Los zu verbessern, so ist es Pflicht und Selbsterhaltungstrieb eines jeden Juden, der hier seinen Erwerb hat und erhalten will, sein Bestes zu tun, um den Antisemitismus zu bekämpfen. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Zusammensetzung des Kultusvorstandes, jener Stelle, die die Juden Wiens vertreten soll. Es ist von einschneidender Bedeutung, ob die Juden Wiens in der Mehrheit von Männern vertreten sind, die sich als österreichische Staatsbürger jüdischen Glaubens bekennen oder von nationalen Juden, die dem Antisemitismus durch ihre Einstellung Tür und Tor öffnen. Von diesem Gesichtspunkte haben sich die „Union österreichischer Juden" und die „W e r ktätigen Juden" bei der Aufstellung ihrer gemeinsamen Liste leiten lassen. Die Anhänger der „Union" und der „Werktätigen Juden" werden selbstverständlich ihre Stimme für ihre Partei, d. h. für die