Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Die Gefahren des jüdischen Nationalismus. Von Min.-Rat Friedrich Schläfrig. Gegen den Willen des nichtnationalen Teiles der Vorstandsmitglieder der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde sind die mit den jüdischnationalen Vertretern geführten Verhandlungen, die eine Mandatsverlängerung bezweckten, resultatlos geblieben. Der ruhig denkende Teil der Wiener Juden kann darüber nur tiefes Bedauern empfinden, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß das mit dem Wahlkampfe der Oeffentiichkeit gebotene Schauspiel innerer Zerklüftung eine schwere Einbuße an Ansehen der Judenschaft zur Folge haben muß. Die Führung des Wahlkampfes kann für unsere Gegner nur dann einen Zweck haben, wenn sie sicli der Hoffnung hingeben, die Majorität in der Gemeindevertretung zu erlangen und diese sodann vollständig ihren Zwecken dienstbar zu machen. Wenn wir auch zugeben, daß unsere Gegner von der ((subjektivem^ Berechtigung einzig1 ihres nationaljüdischen Programmes überzeugt sind, so enthebt uns dies nicht der Notwendigkeit, mit kühlem Kopf die Basis für die Entwicklung des national-jüdischen Programmes so zu sehen, wie sie wirklich ist und — noch weit mehr — uns die Folgen vor Augen zu halten, die dadurch heraufbeschworen werden, daß zur Erreichung des nationalen Strebens Mittel zur Anwendung gelangen, die die Gesamtheit der Judenschaft schwer tangieren. Der Nationalismus ist so alt wie die Völker selbst; von den ältesten Zeiten bis auf die jüngste Gegenwart wurden Völker vom Nationalismus erfaßt wenn sie unter einem übermächtigen Drucke anderer Völker die gesamten eigenen Kräfte zu einer Höchstleistung anspannen mußten, um sich von diesem Drucke zu befreien. Nicht alle diese Versuche zu nationaler Einigung, zu nationaler Er- .hebung waren von Erfolgen begleitet — aber selbst das Mißlingen konnte alle diese Völker, die auf ihrer Scholle saßen, nur wieder auf den Mutterboden zurückwerfen, wo sie die Möglichkeit hatten, wieder zu Kräften zu kommen. Whleben auch jetzt wieder in einer aus den Fugen geratenen Zeit, in der allerorten) der Nationalismus Trumpf ist Was aber veranlaßt uns Juden, die wir uns doch stets durch klares und ruhiges Denken ausgezeichnet haben, uns dem Nationalismus als einzige Rettung in die Arme zu werfen? Uns Juden, die wir uns doch klar darüber sein müssen, daß unsere an sich nicht bedeutenden Kräfte aus dem Boden stammen, auf dem wir wohnen, und daß ein Mißlingen einer die Judenschaft erfassende« nationalen Bewegung uns entwurzelt uns aber keinen Mutterboden mehr läßt, auf dem wir uns wieder erholen könnten. Haben wir denn in jener Deklaration, die doch nur für einen kleinen Bruchteil der Juden eine Zufluchtsstätte, eine Heimat zu bieten versprechen konnte, eine so sichere Grundlage, daß wir uns von dem Boden, der uns bisher ernährte, loslösen könnten? Würde uns jene Gleichberechtigung, jenes gleiche Maß, das man uns bisher leider noch vielfach vorenthält, eher zugestanden werden, wenn wir uns vom Mutterboden lösen und uns selber zu Gästen und Fremdlingen machen in den Ländern, die wir und unsere Vorfahren durch Jahrhunderte bewohnen? Wer bürgt denn für jene Zuerkennung und Einhaltung der Minoritätenrechte, die uns dann die Lebensmöglichkeit gewährleisten sollen. Etwa jener schwindsüchtige, an inneren Widersprüchen krankende Völkerbund, dessen Konstitution in dem Augenblicke zusammenzubrechen droht, wo eine auch nur bescheidene Kraftentfaltung erforderlich wird? Und ist es denn so unbestritten, daß der Völkerbund jederzeit und mit aller Kraft und Entschiedenheit dafür sorgen wird, daß die eine offene Förderung der jüdischen Besiedlung Palästinas betreffenden Maßnahmen stets loyal zur Durchführung gelangen? Nach den ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PDCISE Er?* mm g s a' * TEPPICHE VORHÄNGE. MÖBELSTOFFE, DECHEN NUR I., BAUERNMARKT 12-14 Ä#8 bisherigen Erfahrungen läßt sich diese Frage nicht mit einem Ja beantworten. Palästina ist für das britische Imperium in erster Linie als beherrschende Position auf dem Seewege nach Persien, Indien und Ostasien und auf dem Landwege nach Aegypten und dem weiteren Afrika von so überragender Bedeutung, daß England trotz aller Mandatspolitik nur das eine Ziel haben kann, seine eigene beherrschende Stellung daselbst möglichst zu befestigen. Mit diesem Streben nach unbestrittener Herrschaft ist es aber nicht vereinbar, daß Juden oder Araber daselbst eine ausgesprochene Vormachtstellung erlangen, sondern viel vorteilhafter, wenn beide sich im Kampfe gegeneinander möglichst schwächen — in einem Kampfe, in dem Englands Stellungnahme weiter noch bedingt wird durch seine vielfachen Bindungen an die Interessen der mohammedanischen Welt. England wird hiebei gewiß versuchen, jederzeit das Gesicht zu wahren, und dabei notabene noch den VorteM1 haben, daß die Juden der ganzen Welt in ihrem rein idealen Streben für den Wiederaufbau des durch tausendjährige Vernachlässigung verfallenen Landes Opfer über Opfer bringen, die der englischen Machtposition zugute kommen. So sieht es bei kühler, leider aber durch die Ereignisse der letzten Jahre gerechtfertigter Denkungsart um den Aufbau der neuen Heimat in Palästina — um den Aufbau der jüdischen Staatlichkeit — aus. Wer aber glaubt, daß uns die graue Brille des Pessimismus den Blick verdunkle, der lasse alle diese unbequemen Betrachtungen beiseite und lasse nur günstige Prämissen geilten. Wie lange wohl mag es dauern, bis bei Entfall aller Widerstände und Hemmnisse und bei Zufluß genügender persönlicher und materieller Mittel eine so weitgehende jüdische Besiedlung erfolgt, daß das arabische Element das ja auch nicht ohne Unterstützung in der Welt dasteht, in die Minorität gedrängt ist? Nach den bisherigem Erfahrungen und statistischen Angaben wird ein Menschenalter hieiür kaum reichen — und auch dann wird noch weitaus nicht der zehnte Teil der Juden der Welt dort untergekommen sein. Niemand wird in Abrede stellen, daß es als Ergebnis vergangener und in Zukunft zu erwartender Verfolgungen eine große Zahl von Juden gibt, die in ihrem bisherigen Zustande nicht weiterleben können, da ihnen die Existenzbedingungen genommen sind. Diese unglücklichen, aber für den Aufbau einer neuen Heimat mit allen Kräften ihres jüdischen Seins begeisterten Menschen sollen bei ihren Glaubensbrüdern alle Unterstützung finden, die in deren Kräften liegt. Nicht die jüdische Staatlichkeit wird damit erstrebt und erreicht werden. Wold aber werden diese Menschen sich eine Heimat aufbauen, in der sie, wenn auch eifersüchtig von arabischer Mißgunst bewacht, als freie Menschen! auf eigener Scholle leben können. Dies alles aber setzt voraus, daß die Judenschaft der Welt imstande ist, auf die Zeit einer, vielleicht zweier Generationen hinaus jene materiellen Opfer zu bringen, die für den Aufbau der Kolonien, einer neuen Heimat in Palästina erforderlich sind. Solange sich diese Entwicklung im bisherigen Maße vollzieht, wird dies voraussichtlich möglich sein. Wie aber, wenn zu den Tausenden, die jährlich nach einer neuen Heimat wollen, Hunderttausende entwurzelter Existenzen kommen, die eine neue Heimat finden müssen? Wenn alle Mittel Amerikas und Europas nicht hinreichen, um das in den Reihen der Judenschaft herrschende Elend zu lindern? Und dies ist durchaus im Bereiche der Möglichkeit. Denn wie sieht es mit der Sicherheit der Existenz aus, wenn wir vermöge unseres Bekenntnisses zur jüdischen Nationalität uns auf den schwankenden Boden des Minoritätenschutzes begeben? Wo ist die Gewähr, daß man uns diejenigen Berufe weiterhin ausüben lassen wird, die uns heute noch Nahrung geben? Daß man uns nicht Sondergesetzen unterwirft, unter deren Auswirkung wir sicher zugrunde gehen müssen? Unter diesen Gesichtspunkten ist das Bekenntnis zur jüdischen Nation für alle jene, die nicht Feuilleton „Der Sohn des Moses Mautner" zur Diskussion gestellt Aeußerung dazu von Dr. V. K u r r e i n. Linz. Dr. Friedrich Wilhelm Illing hat eine literarische Studie „Der Erzähler Leopold Hichler" erscheinen lassen. Sie ist dem im Titel genannten Roman Hichlers gewidmet und behandelt die verschiedenen Auffassungen, die die im Romane angeschlagenen Probleme ausgelöst haben. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, wenn jemand wie Illing nach allen Seiten objektiv ist und sich weitherzig in die Lebensbedingungen und die Ideenwelt einer Menschengruppe einfühlt. Für den Roman selbst bedeutet diese Studie so etwas wie eine erhobene Hand, die uns erinnern will, da nicht achtlos vorbeizugehen. Jedes Buch, das Meinungen auslöst, hebt sich von sich aus über das Alltägliche. Wenn sich ein Buch aber mit Juden befaßt, wird es unter allen Umständen Meinungen auslösen. Denn es muß das Schicksal des Juden teilen, über den — er mag sein, wfie er will — immer geteilte Ansichten bestehen. Das ist wiederum nicht ein spezielles Schicksal, sondern verallgemeinert sich dabin, daß jedes Individuum mit einer besonderen Note, in einen Kreis von Menschen ohne diese Note gesteilt, geteilte Meinungen hervorruft. Der Franzose im deutschen Milieu, der Katholik in protestantischer Gesellschaft, der Europäer in Amerika usw. ist genau so der Zwiespältigkeit der Beurteilung unterworfen wie der Jude in der Umwelt Der Unterschied ist nur der, daß jene in ihr eigentliches, ihnen adäquates Milieu' zurückkehren können, während der Jude überall auf die Zwiespältigkeit stößt die sich nun kompliziert, weil er einmal Jude ist, ein zweitesmal einem Volke, das nichtjüdisch ist, angehört. Da das Leben es jedem real denkenden Menschen zur Pflicht macht, sich mit seiner Umwelt zu verständigen, so besteht für jeden einsichtig denkenden Juden — wie für jeden Menschen — das Gebot, sich seiner Umgebung anzupassen. In diesem Sinne assimiliert sich jeder Mensch, der nicht ein Eigenbrötler seim will, seiner Umgebung. Das Wort Assimilation ist durch herrschende Parteiinteressen verzerrt, umgewertet und letzten Endes zum Schlagwort gemacht worden. In der Wissenschaft bedeutet dieses Wort beispielsweise den Vorgang, durch den die in den Körper aufgenommenen verschiedenen Nahrungsstoffe hinsichtlich ihrer nützlichen Bestandteile dem Körper zugeführt, hinsichtlich ihrer schädlichen oder unbrauchbaren ausgeschieden werden. Diesem Gedankengang folgend nennt man bei dem Verhältnisse des Individuums zu der es umgebenden Kultur die Aufnahme jener Werte, die es für seine Bildung, Humanität und Zivilisierung für brauchbar erachtet, Assimilation. Erst die chauvinistische Nationalisierung hat den Begriff dahin umgeformt, daß sie darunter die Erwerbung von Kulturwerten der Umwelt unter Preisgabe und auf Kosten der eigenen versteht. Nun ist aber eine Beurteilung dessen, was Wert oder Unwert ist, nicht so einfach. Die Antwort auf die Frage, weäche Teile einer Kultur einer Assimilation wert und welche einer solchen unwert sind, untersteht nicht einem Parteidiktat. Das Ostiudentum hat sich östlich assimiliert, das sepbardisehe Judentum romantisch oder orientalisch und das Westjudenrum eben westlich, d. h. jeder Jude nimmt die Werte seiner Umgebung an und läßt sie auf sein Wesen einwirken. Man beachte als charakteristisches Beispiel nur die Aussprache des Hebräischen. In Polen bildet das Polnisch», im Orient das Arabische usw. den Kehlkopf und zwingt jedesmal das Hebräische in diese dominante Form, so daß der Jude das Hebräische mit diesem Einschlag ausspricht. Der englische^ italienische, österreichiche Jude — sie allet sprechen das Hebräische mit dem Kehlkopfe, der der Landessprache gehorcht, so daß demnach nirgends ein reines, sondern stets ein assimiliertes Hebräisch gesprochen wird. Der Jude spricht eine Sprache mit Einschlag genau wie der Engländer, der ein Leben lang in Berlin oder Wien lebt, niemals ein Deutsch sprechen kann, das den englischen Kehlkopf nicht verrät. Der Italiener, der noch so gut deutsch gelernt hat, kommt von dem italienischen Kehlkopf nicht los und behält ini der Sprache den italienischen Einschlag. Er mag sich bestreben, sich hinsichtlich der Sprache seiner Umgebung zu assimilieren, wird sich sogar unfreiwillig assimilieren, aber seine Sprache bleibt eine Mischsprache. Die Zionisten sind daher genau so Assimilan t e n wie alle jene, die sie so nennen, denn auch sie ig&horchen im Osten den östlichen, im Westen den westlichen Landessitten, nehmen genau wie andere die Kulturwerte der Umwelt in sich auf. ja sie sind, wenn sie nicht religiös sind, noch mehr und größere Asstmilanten als die religiösen Nichtzionisten, denn für die Welt ist die Religion das wesentliche Unterscheidungsmittel zwischen Juden und anderen. Man spricht von jüdischen Melodien. In Rußland sind sie nach dem Muster der russischen Volksweisen, in Ungarn nach ungarischen, im Orient nach orientalischen gebildet. Bedarf es eines besseren Beweises, als daß sich die zionistische Nationalhymne „Hatikwah" Ton für Ton in Smetanas Tonstück „Die Mcidau" findet? (Schluß folgt.)