Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A100 918 XLVIII. Jahrgang Wien, 4. November 1932 Nummer 45 . Hk UUrU wmmmmmmmmmm fldtlwiiq, KiiHiiswählef I Kuliuswählcr-Versammliinacii der Nkhfnationalen Liste Samstag, den 6. November Sonntag, den I.November 8 Uhr abends halb 10 Unr vorm. im im resfsaal des nandelsmuseoms IX., Berggasse 16 Referenten: Min.-Rai friCdriCh Schläfrig, Dr. Ernst feidsDerg Referenten: Dr. Ernst feldsnerg resfsaal des flotel Continental II., Taborstrafie 8 Dr. Josef Löwn Dr. Josei Löwn Erscheine* in nassen! WmmM Der „Gang nach Canossa sc Als Professor Dr. Abel zum Rektor der Wiener Universität gewählt wurde, da triumphierten die Hakenkreuzler und betonten, daß nunmehr die „Aera der »großen4 Rektoren Gleispach und Uebersberger" wiederkehre. Nun, diese „große Aera" ist tatsächlich da, aber der „große Rektor" mußte einen „Gang nach Canossa" antreten . . . Der Gesandte der Vereinigten Staaten fand sich veranlaßt, eine energische Demarche im Bundeskanzleramte zu überreichen; ihm folgten die Gesandten Rumäniens und Polens — auch die Vertreter Bulgariens und Jugolawiens erwägen ähnliche Schritte. Während es bei den Demarchen Rumäniens und Polens mit einer Entschuldigung des Außenamtes abging, war die Demarche des Vertreters von U. S. A. derart energisch und scharf, daß — nach Aussage des Rektors — der Unterrichtsminister Dr. Rintelen in eine helle Bestürzung geriet und daß der Rektor der Zweitältesten Universität der Welt beim Vertreter der Washingtoner Regierung in höchst eigener Person erscheinen mußte, um eine de- und wehmütige Abbitte zu leisten. So weit haben es die Nazi gebracht. Die Einzelheiten dieser Vorkommnisse sind aus der Tagespresse bekannt. Was wir hier zu sagen haben, ist zunächst, daß sich die Regierung diese wenig 'ehrenvolle Affäre wohl hätte erdentenrecht" selbst das Feuer angefacht hätte, sparen können, wenn sie, die oft genug gewarnt wurde, rechtzeitig für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung vorgesorgt hätte. Aber auch die akademischen Behörden hätten sich die große Demütigung ersparen können, wenn sie gegenüber den „Heldentaten" der Hitlerbuben weniger nachsichtig gewesen wären. Man hat die Herren Nazi sich über den Kopf wachsen lassen und nun wollen sie nicht mehr parieren. Das ist eben der Fluch der bösen Tat. Denn es ist absolut unrichtig, daß die akademischen Behörden so ganz ohnmächtig sind und sich dem Terror der Hakenkreazler fügen müßten. Der Herr Rektor hat mit seiner ersten Kundgebung nach den Ereignissen von Simmering selbst das Signal für die Ausschreitungen gegeben. Wäre er weniger für die Nazi eingenommen, so hätte er sich den „Gang nach Canossa" und auch seinen feierlichen Appell an die „nationalen Hochschüler" ersparen können. Die Entdeckung, daß die Hochschulen zum Studium dasind, hätte der Herr Rektor schon früher machen können. Da wäre vieles anders gekommen. Aber auch der ehemalige „große Rektor" Gleispach hätte es nicht nötig gehabt, jetzt in die Bresche zu springen und seine Gesinnungsgenosser händeringend um Ruhe zu bitten, wenn er nicht durch sein famoses „Stu- Das berüchtigte ahösterreichische „Zu spät", auf das vor kurzem an dieser Stelle hingewiesen wurde, hat sich richtig eingestellt. Nichts liegt uns österreichischen Juden ferner, als ausländische Interventionen zu unseren Gunsten herbeizuwünschen. Und wenn die Naziblätter wie nicht minder manche Organe der Christlichsozialen sehr böse darob tun, daß der Schritt des Gesandten Stockton und der anderen ausländischen Vertreter von der „Judenpresse" mit Jubel begrüßt wird, so können wir unsere Hände in Unschuld waschen. Es ist der Gipfel der Unverfrorenheit, wenn man an den Hochschulen derartige Zustände duldet, die Oesterreich dem Spott und der Empörung der ganzen Welt aussetzen, und sich dann über das Echo dieser Vorgänge beklagt. Wie man in den Wald hineinruft, so tönt es zurück. Man sorge einmal für Ruhe und Ordnung und man wird derartigen Demarchen nicht ausgesetzt sein. Wenn die Naziblätter in diesem Zusammenhange darauf hinweisen, daß auch die blutig mißhandelten ausländischen Studenten eigentlich in der Hauptsache — Juden sind, so liefern sie eben den Beweis, wie wenig Verständnis sie für die Mentalität der anderen Völker besitzen. In Amerika und in den übrigen Ländern sind die Juden eben nicht vogelfrei und wenn die Bürger dieser Staaten derartigen Dingen ausgesetzt sind, dann tut es nichts zur Sache, daß sie Juden sind. Anderseits sollte man endlich einmal an den maßgebenden Stellen zur Erkenntnis gelangen, daß es gerade in der Hauptsache Juden sind, die im Auslande für den Ruhm der österreichischen Hochschulen und der österreichischen Kultur tätig sind. Wenn sie an den österreichischen Hochschulen studieren, so sind sie dann, in ihre Heimat zurückgekehrt, die besten Werber für Oesterreich in politischer, kultureller und auch in materieller Hinsicht. JederandereStaatwürde seinen Ehrgeiz daran setzen, eine solcheAktion zufördern — in Oesterreich aber scheint man darauf kein Gewicht zu legen. Wir können uns ia den Luxus leisten, darauf zu verzichten—wir haben's ja in Hülle und Fülle ... Die Vorgänge an den Hochschulen in der vergangenen Woche haben den maßgebenden Stellen offen den Rand) des Abgrundes gezeigt, an dem wir angelangt sind. Die zuständigen Faktoren haben endlich energische Worte gefunden und sogar mit den schärfsten Maßnahmen gedroht Man hört von einer „Universitätswache", die für Ruhe und Ordnung sorgen soll. Hoffentlich bleiben diese Ankündigungen nicht ohne Wirkung und hoffentlich werden auch die akademischen Behörden aus den Ereignissen die nötigen Konsequenzen ziehen. Wir wollen sehen, ob es diesmal nicht bei den bloßen Worten bleiben wird. Wir haben seit Wochen und Monaten, seit Jahr und Tag, gewarnt und rechtzeitig auf die Folgen hingewiesen, die die Duldung der Naziexzesse auslösen müßten. Wir predigten tauben Ohren. Wer nicht hören will, muß fühlen. Es ist Sache der Regierung und der Behörden, dafür zu sorgen, daß ihre Zusicherungen und Warnungen nicht leere Worte bleiben. Vederemo!