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Die Wahrheit · 1932-10-28 · Heft 44 (28.10.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 44 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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mwaf-ftTTOgM-urM.......i1 »n iiBaiaa Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien iimiwiiiiiiiiiiaiiiriMraiiii Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 28. Oktober 1932 Nummer 44 Arfiiunt*, KuliuswfiMer! Samstag, den 29. Oktober 1932, halb 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Continental, IL, Taborstrafie 8 Kuliuswähler - Yersommlung der Nictainaiionalen Eisie Referenten: Dr. Mai lenh, Sekretär Leo Halb, Dr. Josef Tldio leinei im Nassen? Juden Wiens! Inmitten einer Gesellschafts- und Wirtschaftskrise sondergleichen, umloht von dem flammenden Haß unserer antisemitischen Feinde, werden die Wiener Kultuswähler am 4. Dezember zu entscheiden haben über die Führung der einzieen gesetzlichen Repräsentanz der Gesamtheit der in Wien lebenden Juden, über das Schicksal der Israelitischen Kultusgemeinde und damit über das Schicksal der österreichischen Judenschaft. Denn, wie immer der einzelne Jude zu den Fragen des Kultus und zu dem Aufgabenkreis der Kultusgemeinde im allgemeinen auch stehen mag, er wird mittelbar oder unmittelbar durch den Ausgang der Kultuswahlen berührt, seine politische, rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung steht diesmal auf dem Spiele. Immer schärfer spitzen sich in den letzten Jahren die Gegensätze in der Gedankenwelt der österreichischen Judenschaft zu: Hier das Festbalten an der Jahrtausende überdauernden Tradition, dort die Nachahmung moderner chauvinistischnationaler Zeitrichtungen — Hier das Beharren auf dem Boden der durch Erziehung überlieferten ethisch-religiösen Grundsätze, dort die Verdrängung der Religion durch Ueberwuchern des nationalen Gedankens — Hier, über alle zeitlichen Hemmnisse und vorübergehende Rückschläge hinweg, das Bestreben, die verfassungsmäßigen Grundsätze der Gleichberechtigung im praktischen Leben zu verwirklichen. dort, unter Gefährdung der Gleichberechtigung, das Verlangen nach Anerkenung der Juden als nationale Minderheit — Hier der Versuch, die Gegensätze auszugleichen durch Einbettung der jüdischen Bevölkerung in ihre Umwelt unter Aufrechterhaltung und Vertiefung aller wahrhaft jüdischen Werte, dort die Erweiterung der Kluft durch Forderung nach Sonderstellung der Juden in politischer, nationaler und kultureller Hinsicht Der Kampf der Geister soll für die österreichische Judenschaft am 4. Dezember ausgetragen werden. Damit erlangt dieser Wahltag eine über den normalen Rahmen hinausgehende Bedeutung. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde ist in den Augen der Regierung und der österreichischen Oeffentlichkeit nicht eine bloße Verwaltungsbehörde, sie gilt als die gesetzmäßige Vertretung der jüdischen Bevölkerung Wiens, ja als das Sprachrohr der gesamten jüdischen Bevölkerung Oesterreichs. Die Gefahren, die der Stellung der Juden als gleichberechtigte Staatsbürger aus der national-jüdischen Politik schon jetzt erwachsen, würden ins Maßlose gesteigert, falls die Zionisten durch die Lässigkeit der österreichischen Judenschaft die Mehrheit im Vorstande der Kultusgemeinde erlangen würden. Denn sie könnten dann der österreichischen Regierung gegenüber mit scheinbarer Berechtigung behaupten, daß die Wiener jüdische Bevölkerung in ihrer' Mehrheit national-jüdisch eingestellt sei. und könnten zur Freude aller Antisemiten ihre Forderung nach Gewährung von Minderheitsrechten auf Grund des Friedensvertrages durchzusetzen versuchen. Die jüdisch-nationale Politik in der sogenannten Galuth, der Kampf um die Kultusgemeinde ist für die Zionisten nicht Selbstzweck, ist nicht aus dem tiefen Interesse für die Bedürfnisse der Wiener Judenschaft geboren, sondern soll hauptsächlich die organisatorischen und finanziellen Grundlagen für weitergehende zionistische Pläne bilden. Die Wiener Kultuswähler werden, sich ihrer Verantwortung vor sich selbst und ihren Kindern bewußt, während der Wahlbewegung mit Entschiedenheit dafür eintreten und am 4. Dezember mit dem Stimmzettel in der Hand dafür stimmen, daß die Kultusstube nicht zum Tummelplatz politischer Kämpfe und chauvinistisch-nationaler Tendenzen herabsinke, sowie dafür, daß die Leiden der jüdischen Bevölkerung Wiens, die unter dem Druck der antisemitischen und rassenschützlerischen Elemente ohnedies schon jetzt schwer tragbar sind, nicht ins Unermeßliche gesteigert werden. Unbekümmert um diese Gefahren haben sich die national-jüdischen Parteien, über all die vielen tiefgehenden Gegensätze hinweg, im Wahlkampfe zu einer einheitlichen Liste zusammengetan, nur das eine Ziel im Auge, die Kultusgemeinde zu erobern, um ihre nationalen Aspirationen zu verwirklichen. Die Antwort darauf ist die Nichtnationale Liste der Jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft „Union österreichischer Juden" und „Vereinigung werktätiger Juden". Unter Aufrechterhaltung der Selbständigkeit ihrer Organisationen haben sich die beiden größten jüdischen Vereinigungen Wiens zur Nichtnationalen Liste zusammengeschlossen. einig in dem Gedanken der unbedingten Ablehnung der von jüdisch-nationaler Seite geforderten Minoritätsrechte, denn die Juden in der Republik Oesterreich sind gleichberechtigte Bürger und sind nicht gesonnen, sich selbst in ein neues Ghetto zu sperren — einig in dem Gedanken, daß an Stelle des gegenwärtigen labilen Gleichgewichtes in den Parteienverhältnissen der Kultusstube eine machtvolle, geschlossene Majorität die Führung übernehme, um die Erfüllung der Hauptaufgaben unserer Religionsgemeinde, die Erhaltung des Judentums und die Stärkung des Gemelnschaftsbewußtseins durch Pflege der religiös-sittlichen Ideen bei den Gemeindemitgliedern zu gewährleisten — einig in dem Gedanken, das Band zwischen den Gemeindemitgliedern und ihrer Repräsentanz immer inniger zu gestalten und das Interesse für die Arbeiten der Kultusgemeinde in immer weitere Kreise der Wiener Judenschaft zu tragen — einig deshalb auch in dem Gedanken, das Wahlrecht in die Kultusgemeinde zu verbreitern, am alte Schichten der Judenscbaft, um jeden einzelnen Jude» dieser Stadt zur Teilnahme an der Gemeinde heranzuziehen und dadurch die Gewähr für eine freie und ungehemmte Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft zn bieten. Die „Union österreichischer Juden" wird demnach in der Kultusstube, im Einklang mit der jüngst vom Kultusvorstand beschlossenen Teilreform der Wahlordnung, für die Demokratisierung des Wahlrechtes auf breitester Grundlage eintreten, ebenso wie die »Vereinigung werktätiger Juden" ihren unablässigen Kampf für die Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes mit aller Energie fortsetzen wird. Getreu ihren Grundsätzen wird die vereinigte Nichtnationale Liste im Kultusvorstand eintreten: Für die liebevollste Pflege des Kultus, für Erhaltung und Förderung der Gemeinde- und Vereinsgotteshäuser. für einen zeitgemäßen Religionsunterricht in Volks- und Mittelschulen, für die weitere Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes und der Bibelsehnten, für die Schaffung von Heimen für Jugendliche und regelmäßige Veranstaltung von Vorträgen und Führungen, lür die Verbreitung jüdischer Geschichtskenntnis durch die Anlage jüdischer Bibliotheken und Leseräume. für die Förderung aller Zweige des Jugendsports, für die Schaffung von Einrichtungen für Berufsberatung, Stellenvermittlung und Berufsumschulung, für die Förderung von landwirtschaftlichen An* Siedlungen, für die Unterstützung von Lehrlingshelmen und Lehrlingswerkstätten, für die Förderung des jüdischen Mittelstandes, insbesondere des jüdischen Gewerbes, für die Modernisierung der sozialen Fürsorge, für die Erhaltung und den Wiederaufbau von Existenzen aller Berufsgruppen, für den Ausbau aller sozialen und karitativen Einrichtungen, unter stärkerer Heranziehung unserer Frauen zur Mitarbeit. für eine Modernisierung der Verwaltung unter Erweiterung der Selbständigkeit und Verantwortlichkeit der einzelnen Amtsleiter, Verstärkung der Kontrolleinrichtungen durch Mitwirkung der gewählten Mandatare, Verbesserung der materiellen Lage der mittleren und kleinen Angestellten, insbesondere der nichtdefinitiven. für die größte Sparsamkeit im Gemeindehaushalt und Beschränkung der Kultussteuerleistung auf das unumgänglich notwendige Ausmaß. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Ihr habt nun erkannt, worum es geht. Wenn Ihr wollt, daß unsere jüdische Repräsentanz in dieser ernsten, politisch bewegten Zeit ihre großen Aufgaben erfülle. wenn Ihr wollt, daß die Kultusstube frei bleibe von politischem Streit und Hader, wenn Ihr wollt, daß an der Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich nicht gerüttelt werde. wenn Ihr wollt, daß die Einheit der altebrwürdigen Gemeinde aufrechterhalten werde. dann unterstützet uns in unserem schwere« Kampfe um das Wohl der österreichischen Judenschalt ■nd werbet und stimmet lür die Nichtnationale Liste der Jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft „Union österreichischer Juden" „Vereinigung werktätiger Juden".

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