Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 43 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jugend und Gemeinde, Auf einem cter letzton Klubabende der „J u g e n d - U n i o n", der .Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden", hielt der Kulturreferent cand. jur. Max Mark einen Vortrag über obiges Thema und führte u. a. aus: Wieder einmal ist jenes Problem aufgetaucht, das man Judenfrage nennt. Mag man die Berechtigung dieser Frage leugnen, mag man empört, ja angeekelt sein über die Hausse in Judenfragen, bei der Skribenten, Zeitungen, Verlage ihr Geschäft machen, eine Unweit fragt, und da müssen wir antworten, zuerst uns selbst. Jeden einzelnen Juden ergreift diese Frage, mag er nun in eine Zeit voll Judenhaß hineingeboren worden sein oder im Alter von dieser Frage bedrückt werden. Und es ist vielleicht gut so. Denn das jüdische Problem ist die Frage nach dem Woher, Wohin, kurz die Frage nach dem Sinn der Welt. Die eindringliche Stellung der Frage bringt es mit sich, daß die Juden so wenig Spießer sind und sein können. Wie ein Schatten begleitet der Antisemitismus das Judentum und wenn der Schatten zur Zeit, da die Sonne der Kultur und Humanität am Zenith steht und der Jude sich in ihren Strahlen sonnt, unsichtbar wird, es dauert nicht lange, gleich erscheint er wieder, wird länger und länger, bald ist es Nacht. Doch da sieht man ein Licht, das man vorher gar nicht bemerkt hat, es ist das Licht des Judentums. Der eine, der andere findet heim, es bilden sich neue Gemeinschaften, man forscht in der Vergangenheit, merkt die gegenwartsnahen Gedanken der Großen seines Volkes und ist ergriffen von ihrem Ideal. Doch nicht alle finden heim ... Da sieht man junge Menschen in braunen Hemden mit Stöcken bewaffnet. Da stand ein Mann auf bei einem Kongreß von Juden und sprach vom Führerprinzip, ein anderer von Kampf, Schützengraben, Blut, und das alles angesichts der jüdischen Lehre und Prophetie. Traurig muß man die D e k adenz feststellen, zu der der jüdische Nationalismus geführt hat. Man sage nicht, es handle sich in diesem Falle um eine Einzelerscheinung, eine Partei im politischen Zionismus, den Revisionismus. Es gibt im Leben keine Halbheiten. Der Revisionismus ist die konsequent zu Ende gedachte jüdischnationale Idee. Gewiß, es ist bequem, nicht selbst Senken zu müssen, einen Heros zu haben, an dem man sich begeistern kann, es ist aber auch im selben Maße gefährlich and schädlich. Es ist die neue Assimilation an die uns umgebenden Tendenzen, nicht die in den Formen, wie wir sie bewußt mitgemacht haben, sondern die Assimilation im Kern: die innere Auflösung. Solange die jüdischnationale Bewegung ihren Blick auf Palästina beschränkt hatte, konnte stehenden Ktiltursystems, wenn seine sozialen und wissenschaftlichen Grundbegriffe einer kühnen Revision unterzogen werden, Gedankenrevolutionen beginnen stets mit dem Zweifel an dem Geltungswerte des Bestehenden. Die Marksteine in der Entwicklung der menschlichen Erkenntnis sowohl, wie in den Gängen der politischen Geschichte, sind die zersetzenden, verneinenden Geister. Individuelle, und soziale Skepsis sind stets die Ausläufer alternder Systeme und Zustände, wie die Vorläufer einer verjüngenden Regeneration der Menschheit. Es bedarf des kühnen Wortes weitblickender Geister, um der sozialen und sittlichen Verarmung vorzubeugen. Den stauenden Wogen der Menschheitsentwicklung erziehend und lehrend die Wege zu bahnen. An Skeptikern hat es der Menschheit nie gemangelt. Von den weltverachtenden Sekten der Griechen angefangen, hat iede Zeit ihren Bohrwurm gehabt, der an dem Stamm der bestehenden Werte genagt. Wir denken jetzt nur an einen der Genialsten, der, einem leuchtenden Meteore gleich, unseren Kulturhorizont durchzuckt, um in geistiger Umnachtung seine Irrfahrt zu beschließen. Der mit kühnem Griffe die „Umwertung der Werte" proklamiert und in unbefriedigter Seelenstimmung die gangbaren Münzen der sozialen Begriffe verworfen und eine Deutung all der Grundanschauungen gefordert, mit welchen unser sittliches Bewußtsein verwachsen ist. Vom Standpunkte des Judentums müssen wir auf diese letzte Verirrung menschlichen Zweifels hinweisen, um den Gegensatz der Weltansichten aufzuweisen. Es war die Konsequenz einer Denkerschule, die innig zusammenhängt mit den Anschauungen, die wir kurz zusammenfassen als Leugnung des Schöpfers als Weltbildner und Erhalter, und in sittlicher Beziehung das Individuum vergöttert Die Vergöttlichung der Materie im Denken des vorigen Jahrhunderts hat jener Anschauung den Boden vorbereitet, dessen letzter Ausläufer der Philosoph der Aristokratie war. DEe Anschauung, die einen schaffenden,, waltenden Willen aus dem Kalkül des Weltgeschehens ausgeschaltet, kommt in größte Verwirrung, wenn es zu der Erklärung der Phänomene kommt, die man hoffen, daß sie, ohne größeren Schaden am Judentum angerichtet zu haben, überwunden werden wird. Dem ist nicht mehr so. D e r T r a u m vom jüdischen Staat in Palästina ist ausgeträumt. Das Tätigkeitsgebiet ändert sich: Die Säulen des Judentums, die jüdischen Gemeinden, sind das neue Ziel des Nationalismus. Das ist die große Gefahr. Die jüdische Geschichte vornehmlich der letzten 100 Jahre ist die Geschichte der repräsentativen Gemeinden. An ihrer Spitze steht die jüdische Gemeinde Wien. Diese jüdische Gemeinde zu „erobern", schickt sich der jüdische Nationalismus an. Das muß mit allen Mitteln verhindert werden. Es ist nicht bloß die Frage: «■■■■•■■■i Selbstverständlich mit Hakenkreuzüberfällen auf jüdische Studenten, die den Vorfällen in Simmering so ferne stehen, wie jene, die am vergangenen Montag ihr Mütchen an jüdischen Kollegen und Kolleginnen kühlten, den Mitschuldigen an den blutigen Ereignissen in Simmering geistig nahestehen. Der Kampfruf „Rache für Simmering" war nur Vorwand für die Judenattacke, die immer zu Beginn des Semesters an unseren Hochschulen fällig ist und termingemäß auch in diesem Jahre absolviert wurde. Es ist daher angesichts dieses „Gewohnheitsrechtes", das die hakenkreuzlerischen Juristen gewiß besser kennen als jenes, das in ihren Lehrbüchern steht, unverständlich, daß der Rektor der Wiener Universität, Herr Professor Abel, dem wüsten Treiben der Hakenkreuzstudenten noch dadurch Vorschub leistete, daß er ihre „Empörung" für „berechtigt" fand. Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiß sprach sich gegenüber dem Berliner Vertreter des ,.Isr. F a m i 1 i e n b 1 a 11", Herrn Leo Kreindl e r, über den Ausgang seines Prozesses gegen die Redakteure des „Angriff", Dr. Lippert und Krause, aus und meinte, gerade weil er, Dr. Weiß, wußte, daß in ihm der republikanische und jüdische Beamte getroffen werden sollte, fühlte er sich auch im Interesse des ganzen Judentums veranlaßt, sich seinen Gegnern vor Gericht zu stellen. Das Ergebnis des Prozesses hat seiner Ueberzeugung recht gegeben. Vor Gericht ist das angebliche Material zerflattert, und selbst die gesamte Berliner wir mit dem Namen „Geistesgeschichte"' bezeichnen. Wir verstehen hierunter die Summe der Leistungen des Menschen als Teilhaber der Gattungsideale. Der zweite Zweig, der vom Naturwissenschaftlichen sich abhebt und eine neue Betrachtungsweise menschlichen Auslebens erschließt, ist der geistesgeschichtliche. Die Betätigungssphäre des Individuums in seiner sittlichen und ästhetischen Weise. Hier wo die Kräfte des Individuums vervielfältigt erscheinen, liegt der Zusammenhang mit der Gemeinschaft. Der Mensch als Gesellschaftswesen lebt ein neues weiteres Leben, in dessen Rahmen gewisse Erscheinungen Ausdruck finden, die im letzten Ende ebenso individuellen Ursprunges sind, wie jene in den Funktionsbahnen des Natürlichen. Gesteigert und vervielfältigt vom Zusammenwirken der Sozietät sind diese persönlichen Beziehungen und ihre Erscheinungsweise als soziale Offenbarungen viel intensiver und nachhaltiger. Der Mensch als Atom des sozialen Körpers studiert sich in den Erscheinungsweisen der Gesamtheit. Und hierin gehen die Meinungen auseinander. Die Quellen der Motive des sittlichen Handelns, können in der bloß naturwissenschaftlich erklärten Funktionsreihe des Atommenschen aufgedeckt werden. Die Gesellschaft aber arbeitet stets mit Begriffen, die über die Funktionen des Einzelmenschen nicht nur quantitativ, sondern qualitativ hinausragen. Die sittlichen Aufgaben der Gemeinschaft sind nicht bloß die Summe der Pflichten Einzelner, sondern eine Art der I'Flieh teriül lung, die vom Einzelnen nur im gemeinschaftlichen Zusammenschluß zu leisten sind. Die sitt'xhen Worte, d'.e Vlunzen der Beurteilung unserer ilanlluiigcn sind Maßstäbe, die sich aus der Zergliederung des Individuums nicht ergtlen Woher diese Werte? Woher die Begriffe von Gut und Böse? Sittlich, unsittlich? - Der Materialismus in Betrachtung der Natur wird zum Pessimismus in der Wertung des Sittlichen. Er ist der Ausdruck des persönlichen Unbehagens und der Unlustempfindung gegenüber den sozialen Wertbegriffen. Zu Leben ummachtendem Nirwana, in ein Tohuwabohu flieht das Individuum, um den gestrengen sittlichen Wertmessern zu entrinnen. Religiöse Gerneinschaft oder Volksgemeinde, es ist die Frage: Jüdische Kultur oder Unkultur. An die jüdische Jugend, soweit sie nicht im nationalen Lager steht, ergeht in dem Kampf um die Kultusgemeinde der Ruf: An die Front! Der von der radikalisierten Jugend getragene jüdische Nationalismus kann nur durch das V e rantwortungsbewußtsein der österreichischen jüdischen Jugend paralysiert werden. Um unserer Aufgabe, Träger des jüdischen Gedankens in dieser Stadt zu sein, voll und ganz gerecht zu werden, wollen wir auch weiterhin lernen, erkennen und der Erkenntnis gemäß handeln, auf daß der Chronist einst sagen kann: Die jüdische Gemeinde zu Wiera war zu allen Zeiten ein Bollwerk des wahren Judentums! Gewiß sind die Simmeringer Vorfälle höchst bedauerlich und das Blut, das dort am Sonntag vergossen wurde, sollte alle, die glauben, mit Straßenterror Politik machen zu können, zur Besinnung rufen. Allein gerade die Juden gehören zu jenen einsichtigen Bevölkerungsschichten dieser Stadt, die diesen Mißbrauch perhorreszieren. Die „Empörung" der Hakenkreuzstiidenten hat daher ein falsches Objekt gefunden, richtiger: wollte kein anderes finden, an dem sie sich in so unerhörter Weise „rächen" konnten. Daß aber ein Rektor diesen auf der Hand liegenden Sachverhalt nicht erkannte und die Radaumacher noch in ihrer Gesinnung ermutigte, gehört zu den echt österreichischen Unbegreiflichkeiren und läßt uns für das Amtsjahr des Herrn Prof. Abel keine allzu rosigen Erwartungen hegen. Hoffentlich täuschen wir uns aber ... R e c Ii t s p r e s s e in u I.» t e zugestehen, daß das Verhalten der Angeklagten nicht zu billigen \v a r, daß sie alle Beweise für ihre Vorwürie schuldig blieben und daß die leichtfertige Art der Vorwürfe ihrer Sache und ihrer Person erheblichen Schaden zufügte. Vielleicht haben es die angeklagten Redakteure auf diesen Prozeß nur deshalb ankommen lassen und nicht schon vorher ihre unbeweisbaren Verleumdungen zurückgenommen, weil sie hofften, ihre Partei bis zu seinem Beginn im Besitz der politischen Macht zu sehen, und weil sie glaubten, dann nicht mehr nötig zu haben. Beweise für ihre Behauptungen zu liefern. Koheieth wendet sich eben diesen Fragen zu. Der Mensch ohne Gott, die Menschheit ohne das Sittengesetz, sucht die Werte des Lebens, oder den Wert des Lebens in der ihm umgebenden Welt. Diese aber zeigt nicht Werte, sondern Gesetze. Siehe da den Verlauf allen Strebeus und Fortschreitens, wie nichtig und ziellos erscheint all das. „Alle Bäche strömen zum Meere, und das Meer wird nicht voll. Warum? Denn zu dem Orte, wohin die Bäche fließen, dorthin sind sie nur auf der „Rückkehr** begriffen." Die Bäche beschreiben ihren Weg im emsigen, plätschernden Streben: sie bröckeln Gestein vom Gebirge ab, stäuben die Berglehnen durch Kies und Geröll und das Ende ihrer Wanderung ist der Anfang einer neuen. Und alle rastlose Tätigkeit der Milliarden Wesen, deren Anblick das Auge nie sättigt, das Ohr nie begnügt, sie sind nichts als ewige „Wiederkehr" und Umkehr des schon Dagewesenen. Derselbe Anblick bietet sich dem Beschauer des gesellschaftlichen Lebens. „Wir alle müssen nach ewigen ehernen Gesetzen unseres Daseins Pfade durchlaufen." (Goethe). In diesem Dichterwort ließe sich fast die ganze Anschauung Koheleths aussprechen. Aber Koheieth verfällt nicht in heillose Skepsis. Er stellt nur Frage, um um so klarer die Antwort zu erhalten. Sie besteht in der Bejahung der sittlichen Werte des Menschen als Teilhaber an den Aufgaben des Gemeinschaftslebens. In dem Erkennen und Anerkennen der Welt als Gotteswelt und in den Höhezielen des Strebens nach Verwirklichung der Ideale liegt die einzige Wertung der Welt für den jüdischen Menschen. „Alles bedarf zu seiner Reiie der Zeit und in ihr iindet alles seine Vollendung, für jedes Streben gibt es einen Zeitpunkt" Aus den zerklüftenden Bestrebungen einer Gegenwart, aus dem zersetzenden Streben verschiedenster geistiger und sozialer Bewegungen wird endlich nur das wahre Gute und Schöne den Sieg erringen. Nicht die umnachtende Einsamkeit des Einzellebens vermag die Erklärung der Lebensrätsel zu werden, sondern in der Fülle des zielsetzenden und Ziele verwirklichenden Lebensinhaltes der Gemeinschaft offenbart sich wahre Erkenntnis. -•■■■■•»^•■«^■»■■••«■••■•••«■•«■■••■••■■•■•««■u Ein Prozeß des Judentums. Das Semester beginnt. ..