Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 43 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Gabriel Fischer Feinwurst- und Selchwarenfabrik unter Aufsicht der Adas Jisroel (Schiffschul) Wien II., Große Schiffgasse 16 Filiale: Kleine Sperlgasse 9 Telephon A 43-5-33 Neueinführung: Reslauratlonsbetrieb Menü ä S 1.70, 2.— Bruderschaft, die gemillas chessed auf ihre Fahnen geschrieben hat? Und wo finden wir sie grausamer verhöhnt als in jenem, angeblich extrem deutschen Lager, aus dem in diesen Tagen die Mahnung laut wird, Kranke und Gebrechliche nicht zu heilen. sondern zu vernichten — zur höheren Ehre der Nation? Schon Goethe selbst hat sich über das geringe Verständnis seines Lebenswerkes bei seinen Volksgenossen bitter beklagt und gesagt, die Deutschen hielten weiter, wenn sie „mit seinem Erwerb gewuchert" hätten, statt „abzuwehren, was er getan und geleistet". Uns Juden trifft dieser Vorwurf nicht, wir brauchten auch nicht mit fremdem Pfund zu wuchern, um das hochzuhalten, was Goethes sittliche Forderung war, denn diese Forderung ist identisch mit dem Vermächtnis, das wir aus dem Munde des Höchsten am Sinai empfangen haben und das wir der ganzen Menschheit rein zu erhalten die Pflicht haben, wenn es von den andern verleugnet wird, obwohl es die Grundlage auch ihrer Kultur bildet. Dr. Hugo Spiegier. Wahlkampf-Präludien. Von Dr. Jakob 0 r n s t e i n. Präsident der „Union österr. Juden". Der Parteirat der „Union österreichischer Juden" hat den Antrag des Zentralvorstandes, für die kommenden Kultuswahlen ein Wahlübereinkommen mit der „Vereinigung werktätiger Juden" zu schließen, genehmigt Unsere Gegner in dem uns aufgenötigten Wahlkampfe, die Jüdischnationalen, wollen die Juden Wiens das Gruseln lehren. Sie beschwören das Gespenst des Klassenkampfes herauf. In einem offenbar von einem hervorragenden jüdischnationalen Parteimitgliede inspirierten Artikel des „Neuen Wiener Journals", das die treue Sorge für das Judentum mit warmem Eintreten für Starhemberg zu vereinen versteht, wird behauptet, daß die „Union" mit den „Sozialdemokraten" ein Wahlbündnis abgeschlossen hätte. Dies ist natürlich eine Entstellung der Wahrheit. Ein Wahlbündnis besteht, wie oben mitgeteilt, lediglich zwischen der „Union" und den „Werktätigen Juden", deren Vertreter seit Jahren im Kultusvorstande Sitz und Stimme haben, und die, — dies sei zu ihrer Ehre gesagt — im Gegensatz zu stark gehegten Befürchtungen nie den Klassenkampf in den Kultus vorstand; hineingetragen haben. Und so wie der Vorstand bisher niemals, trotz der Teilnahme der „Werktätigen Juden", welche außerhalb, aber nur außerhalb des Vorstandes ihre politische sozialdemokratische Gesinnung betätigen, zum Tummelplatz des Klassenkampfes geworden ist, so wird er auch in Hinkunft nicht die Stätte für den Klassenkampf oder für die Verbreitung marxistischer Grundsätze werden. Die Vertreter der „Vereinigung werktätiger Juden" bekundeten stets nur ihre besonders betonte soziale sowie ihre antinationale Einstellung. Sie waren deshalb im Kultusvorstande auch bisher bei Abstimmungen immer an der Seite der „Union" zu finden. Ihre ehemaligen Fraktionsgenossen, diese Mischlinge aus Zionismus und Sozialismus, die Poale-Zionisten, waren dafür die eifrigsten Gefolgsleute der offiziellen Zionisten. Die Jüdischnationalen werden auch im Wahlkampfe die angebliche Religions- oder Gottlosigkeit der „Werktätigen Juden" als Wahlschlager verwenden. Andeutungen liegen schon-genügend vor. Die „Werktätigen Juden" bedürfen sicherlich nicht unserer Verteidigung, denn es ist ja notorisch, daß sie den Ansturm der Freidenker gegen jede be-' 4tehen.de Religion auf das energischeste öffentlich abgelehnt haben. Ihr allzu früh dahingegangener. Parteiführer, Herr Gustav Moritz, hat im Kultusvorstande und als Mitglied der Kultuskommission eifrige Mitarbeit in allen Fragen des Kultus im Sinne einer religiös-konservativen Anschauung geleistet. Soweit die Mitglieder dieser Partei in einem Bethausvorstande mitberaten, schließen sie sich in ihrer Arbeit harmonisch den übrigen, weitaus älteren, gut religiösen Mitglieidern an. Der gegenwärtige Obmann der Vereinigung der „Werktätigen Juden" ist als ein tiefreligiöser Jude bekannt. Ja, die orthodoxe Schönlaternschul hat ihn sogar in Anerkennung seiner religiösen Haltung zum Vizepräsidenten gewählt. Wir haben uns nun mit den „Werktätigen Juden" zur gemeinsamen Führung des Wahlkampfes vereinigt, nicht weil wir die Kultusgemeinde, wie es in diesem Artikel heißt, „erobern" wollen, sondern weil wir die Verwirklichung des alten Herzl'schen Programms, das die Eroberung der Kultusgemeinden vorschreibt, verhindern wollen. Die Jüdischnationalen haben sich mit den Zionisten-Revisionisten zur Niederringung der „Union" zusammengeschlossen. Unsere Antwort ist der Wahlpakt mit den antinationalen religionstreuen „Werktätigen". Von Gegensätzen zwischen uns und den „Werktätigen" war in den letzten Jahren wohl nur selten zu hören und zu lesen. Die beiden, nun verbrüderten nationaljüdischen Gruppen dagegen haben sich bis vor wenigen Stunden aufs heftigste bekämpft. Sie legen die Streitaxt beiseite, nun, da es ihnen darum geht, auch unsere ehrwürdige Kultusgemeinde in den Dienst ihrer politischen Aspirationen zu stellen. Wahrlich, wir Juden in Oesterreich hätten derzeit allen Grund, einig und geschlossen nach außenhin aufzutreten und unsere gesetzliche Repräsentanz, die Kultusgemeinde, vor Parteienhaider und Zank zu bewahren. Wir von der „U n i o n" sind uns bewußt, immer in diesem Sinne gestrebt und gewirkt zu haben. In persönlicher Sache. In dem vorstehend berührten Artikel des „Neuen Wiener Journals" wird zur Erklärung der Tatsache des „widernatürlichen Bündnisses zwischen Vertretern des jüdischen Bürgertums und den klassenkämpferischen Sozialdemokraten" die Tatsache angeführt, daß für mich, den Präsidenten der „Union österreichischer Juden", wenn der gegenwärtige Präsident nicht wiedergewählt wird, „der Weg zur. Präsidentschaft frei wird." Ich weise diese Insinuation mit aller Entschiedenheit und Entrüstung zurück und stelle fest, daß über meinen Antrag eine Deputation des Zentralvorstandes der „Union" Herrn Prof. Dr. Alois Pick neuerlich die Listenführung und damit wohl die Präsidentschaft angeboten hat. Ich selbst habe nicht nach der Würde des Präsidenten gestrebt und habe meinen Parteifreunden nie auch nur durch ein Wort angedeutet, daß ich im nächsten Kultusvorstande die Präsidentschaft für mich begehren will. Ich war derjenige, der immer und immer betont hat, daß wir unseren gegenwärtigen Präsidenten, wenn er eine Kandidatur wieder annehmen will, öffentlich durch diese Aufstellung ehren sollen. Dr. Jakob Ornstein. Jehuda Ehrenkranz liest „Aus dem jüdischen Leben". Jehuda Ehren kränz gibt Mittwoch, den 26. d. M., im Architekten vereinssaal, I., Eschenbachgasse 9, einen einzigen Abend vor seiner Abreise. Der Künstler liest unter dem Titel „Aus dem jüdischen: Leben" in deutscher Sprache Dichtungen von Schalom Asch, Avigdor Hameiri, Scholem Alejchem und Leopold Hichler. Von H i c h 1 e r, dem Verfasser des Romans „Mosens Mautner und sein Sohn", gelangt das Kapitel „Der Seder" aus dem demnächst erscheinenden Roman „H iö i m w e h nach Wien" aus dem Manuskript zum Vortrag. — Karten von 1 bis 3 Schilling: in den Buchhandlungen M. Ra th. IL, Taborstraße 20a und R. Lanyi, I., Kärntnerstraße 44. ffeuitleton Koheleth: der Tragiker des Gedankens. Von Dr. L. Roth. Rabbiner in Murska Sobota. Ein deutscher Denker hat es einmal ausgesprochen, man könne einen Gedanken nur dann verstehen, wenn man durch dessen Gegensatz hindurchgegangen sei. Denn alle unsere Begriffe, Urteile stellen nur das Verhältnis der Dinge zueinander dar, und die Darstellung an sich betreffe nur unsere Beziehungen zu den Dingen. Unser Denken ist ein beziehentliches, und Beziehungen sind es. die wir erfassen. Dies gilt von den Dingen sowohl, wie von geistigen Gebilden und von einer Gedankengruppe nicht mehr, als von Gedankenwelten. Auch das Judentum in seiner geschichtlichen Totalität wie in seiner gedanklichen Weite, wurde von verschiedenen Forschern als Gegensatzbegriff angeschaut So sind die ersten Keime jüdischer Gedankenwelt in Abraham: die Anerkennung einer neuen Beziehung des Menschen zum großen Unerforschlichen, ein Gegensatz zu den heidnischen Vorstellungen. Die sinaitische Gesetzgebung: die Anerkennung dieses waltenden Gottes der Natur für die Geschichte und Menschenbestimmung im vollen Gegensatz zur Anschauung, die sich die Gottesidee in einer philosophischen Formel bloßer Spekulation zurechtlegt Im Laufe der Geschichte hat sich dieser Gegensatzbegriff mannigfach differenziert Er hat sich nicht nur über alle Verhältnisse des Lebens erstreckt; er ist als Mittelpunkt unseres sittlichen Lebens Ausgangspunkt für die Beurteilung unserer welthistorischen Stellung und Bedeutung geworden. Er ist aber auch Grundlage unserer wissenschaftlichen Ueberzeugungen. Denn unsere wissenschaftlichen Aufgaben stehen unter der Bannformel unserer Gesamtweltanschauung. Dies äst der der jüdische Einheitsgedanke. Dea es Adonoj ist der stehende Ausdruck, in welchem die davidische Gedankenlyrik ausklingt Die Psalmen sind der ewig-menschliche Ausdruck der nach sittlicher Vervollkommnung ringenden Seele. Darum haben sie; die Kraft der Gnade allen gewährt die im sittlichen Kampfe in den Spiegel der königlichen Seele geschaut. Darum erhebt sich ihre Bedeutung im Kanoi\ zu einer ungeahnten Heilesquelle. weil der Grundton der kämpfenden, siegenden und ringenden Seele immer die sittliche Macht der Erkennntis bleibt In diesen Gesängen offenbart sich, neben der persönlichen Seite des strebenden Wollens, die absolute Erkenntnis der sittlichen Freiheit in und durch Gott. Ein großes Herz war es, das die mächtigen Akkorde der ewigen Wahrheit durchzittert hatten, und unbeschreiblich bleibt die melodische Klarheit, in der uns die Gefühle vermittelt werden. Reinigend und läuternd wirken diese Gefühle auf das im Kampfe ermattete Gemüt. Kräftigend auf unsere Sinne und erhebend unser© Gedanken, die im Gewühle des Denkens zweifelnd mit sich ringen. Die Psalmen stellen uns den Kampf der Seele dar, die das Dasein ernst nimmt Voller Ernst war dieser Kampf. Wenn ich die unaussprechliche Erhabenheit dieses „Gebetbuches der Menscheit" zu bezeichnen hätte, so würde ich sagen, sie bestehe in der Unerschöpflichkeit des Gedankens. Weil sich hier der Gedanke nie erschöpft feiert er seinen Triumph im endlosen Kampfe des Seins, über alle Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten im sittlichen Ringen. Weil die Idee, wie der griechische Philosoph sagt, ewiges Urbild bleibt, darum findet in David jene Ruhe, jenes seelischei Gleichgewicht Ausdruck, daß über alle Zwiespältigkeit der Wirklichkeit die Harmonie im Gedanken gelten läßt. Eine andere Seite sittlichen Kampfes zeigt uns Kohedeth. Dieser Koheleth mit seinem beißenden Spott seinem zersetzenden, verachtenden Lachen! Welcher Gegensatz zur davidischen Harmonie der Gefühle und Gedanken. Hier gedankliches Gleichgewicht, in Koheleth Zwiespalt Dort grünende, lachende Flur, hier vergilbtes Laub, das uns in seiner Erscheinung an das Gesetz ewigen Wandels gemahnt Alle Blüten der Natur schüttelt er ab und zermalmt sie, streut sie hin und ruft: dies ist die vielbesungene. Die lachende Flur und der plätschernde Bach, der singende Wald, sie alle sind ihm nicht des Daseins wert. Denn während sie sind, zahlen sie den Tribut des Allgesetzes. Er leuchtet hinein in die gesellschaftlichen Verhältnisse und zeigt ihren Moder, ihren Tod. Und nichts an alledem, das ihr des Daseins wert hält, ist wert zu sein--— so ruft Koheleth. Euere heuchelnden Formen, euete manierierten Gedanken sind1 nur Schein. Es sind Schlacken aus den* Gedankengruben anderer, mit denen ihr euch umgebt, Kulturfinsternis, der euere innere Hohlheit und Leere bergen soll. Denn in euch ist nichts! Aber Koheleth sagt noch mehr. Er hat nicht allein allen Verhältnissen und Beziehungen das Grablied gesungen, ihnen jeden Wert abgesprochen, die zersetzende Lauge unerbittlicher Verachtung 'über alles ausgegossen — es ist der Schwanengesang des Denkers, der den Gedanken selbst zu Grabe trägt Wenn das winzige Menschenhirn von den weltumfassenden Gedanken durchfurcht, die) InhalÜosigkeit alles Menschlichen fühlt, dann erbebt der Denker vor seinem Abbild, dem Gedanken. Die Harmonie der Gedanken wird aufgehoben und alle Folgerichtigkeit im Denken erscheint ihm nur als Schranke. Dies die Tragik des Gedankens, .die Koheleth besingt. Sein Geschick in der düstersten Form. Der Gedanke rast vorwärts, wie der kühle Nord über öde Steppen; wo er hinbläst da haucht der Odem der Verwesung. Er braust einher über zarte Blüten des Gedankenlebens und über die edelsten Errungenschaften des Geistes. Die Ausbeute kalter Schauer, sein Weg gedeckt von Gedankenleichen. Den Höhepunkt erreicht die Tragik, indem sich der Gedanke selbst verzehrt. Es bedeutet die letzte Phase im Leben eines be-