Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 42 (14.10.1932)
- Date
- 1932-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064441--19033-3084126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Amerika, du hast es besser... Rosch Haschana-Botschaften der führenden amerikanischen Staatsmänner. | YQRNEHflE FAMILIEN - PENSION Aus Anlaß des Rosch Haschana haben die führenden amerikanischen Staatsmänner durch die Jüdische Telegraphen-Agentur Glückwunschbotschaften an ihre jüdischen Mitbürger gerichtet. Der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover sandte die folgende Botschaft: Das Rosch Haschana-Fest ist Anlaß genug, die Amerikaner aller Glaubensrichtungen daran zu erinnern, daß unser ganzes Volk gegenüber der jüdischen Rasse für deren beispiellos hohen Beitrag zum geistigen Lieben der Menschheit eine groUe Schuld abzutragen hat. Mehr als irgendeiner anderen Rasse verdanken wir den Juden den erhabenen und reinen Begriff Gottes und die im Dienste Gottes zu befolgenden höchsten ethischen Prinzipien. Ich gebe den Gefühlen der Nation Ausdruck, wenn ich den jüdischen Gemeinschaften Amerikas meine herzlichsten Glückwünsche zu diesem Jahresfest der Erneuerung ausspreche. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten Charles D. C u r t i s sandte die folgende Botschaft: Meinen Mitbürgern jüdischen Glaubens sende ich zu ihrem Neujahr, Rosch Haschana, meine herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Die unter Christen immer mehr aufkommende Sitte, des jüdischen Neujahrs durch Botschaften des Wohlwollens zu gedenken, heiße ich herzlich willkommen. Es ist dies ein definitiver Beitrag zu besserem gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Sympathie zwischen den Anhängern der verschiedenen Glaubensbekenntnisse und Religionen. Als Christ bin ich mir dies jüdischen Hintergrundes der herrschenden Religion der westlichen Welt bewußt Wir stehen für immer in der Schuld des jüdischen Volkes für dessen Anteil an unserer geistigen Erbschaft . . . Der demokratische Präsidentschaftskandidat Franklin D. Roosevelt, der nach allgemeiner Ansicht die besten Chancen hat, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, sandte die folgende Botschaft: Den amerikanischen Bürgern jüdischen Glaubens spreche ich meine aufrichtigsten Grüße anläßlich der hohen Feiertage aus. Die tiefe geistige Hingabe, die die Signatur dieser Tage ist, ringt den amerikanischen Bürgern anderer Glaubensbekenntnisse Ehrfurcht ab. Der Beitrag des jüdischen Volkes zum geistigen Leben der Nation drückt sich in seinen Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Forschung, der Kunst, des Staatsdienstes und des Geschäftslebens aus. An dem Aufbau der Dinge, die die amerikanische Nation groß gemacht haben, haben die Juden ihr volles Maß. Möge das kommende neue Jahr für sie ein strahlendes und glückliches sein; mögen die tiefen religiösen Grundsätze, die im jüdischen Volke wurzeln, weiterhin die jüngere Generation inspirieren. Der Vizegouverneur von New York, Herbert H. Lehman, ein Jude, der als der aussichtsreichste Kandidat für den Posten eines Gouverneurs des Staates New York gilt, gibt in seiner Botschaft der Hoffnung Ausdruck, daß die Töne des Schofar ein neues glückliches Jahr einleiten werden. ■•••■■•«•••■■■■■■■■•■■■uaM« Laßt uns guten Mutes sein! Rosch iiasckana-Botscuaften der jüdischen geistigen Führer. Der Chief Rabbi des britischen Reiches, Dr. J. H. Hertz, erließ eine Rosch Haschana-Botschaft, in der es heißt: Assirej Hatikwah — Gefangene der Hoffnung, so nannten die Propheten unsere Ahnen. Lebend in einer Zeit der Unruhe und der Hoffnungslosigkeit sind wir, die Nachkommen dieser Ahnen, beruien, diesen hohen Titel in unserer Generation zu rechtfertigen. Der Chief Rabbi gibt einen Ueberblick über die verzweifelte Lage der Juden in vielen Ländern der Welt und schließt: Diese Zeiten rufen uns zum Glauben auf, zum Glauben an den endgültigen Sieg der Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit; zum Glauben, daß jeder organisierte Haß, organisierter Mord und Religionslosigkeit unter Gottes Himmel wie Rauch vergehen werden. So lange das Feuer der Lehre Israels in unseren Seelen brennt, so lange werden wir in den Seelen derjenigen, die nach uns kommen, dieses Feuer zünden können. Unsere geistige Zukunft liegt in unseren eigenen Händen. Zeigen wir uns als loyale und standhafte Kinder der alten „Assirej Hatikwah". Der Oberrabbiner von Frankreich, Israel Levi, schreibt in seiner Rosch Haschana-Botschaft u. a.: Laßt uns wieder guten Mutes sein und unsere Augen auf den Weltschöpfer richten. Möge das neue Jahr dem Hause Israel und der ganzen Menschheit Segen bringen. Der internationale Präsident des Unabhängigen Ordens Bnei Brüh, Alfred M. Cohen, gibt einen Ueberblick über die Ereignisse des vergangenen Jahres und kommt zu dem Schlüsse, daß die Natur eigentlich dem Menschen freundlich war, ihn mit Ueberschwemmung, Epidemie und Trockenheit verschonte, den Landmann mit reichen Ernten lohnte, daß somit alle Leiden der Menschen vom Menschen selbst kamen. Der Mensch täte gut, bei sich, nicht bei der Natur, nach dem Warum und dem Weshalb von Hunger und Nacktheit zu suchen. In vielen Ländern haben die Juden im vergangenen Jahre viel zu leiden gehabt. Besonders in Deutschland bangte man jeden Tag vor dem Morgen. Wie sonderbar, schreibt Cohen, daß wir, die wir zu dem Besten beigetragen haben, was Deutschland in Wissenschaft, Staatskunst, Literatur und Kunst hervorgebracht hat, jetzt mit Vernichtung bedroht sind — bedroht durch eine politische Partei, die unmittelbar vor der Uebernahme der Macht stand; dies in einem Lande, das sich von je durch Intellektualität ausgezeichnet hat. Hitlers Erfolg beruht auf der wirtschaftlichen Notlage dieses schönen Landes, seine Anhänger rekrutieren sich meist aus den Reihen der Notleidenden, denen er Rettung verspricht Wir beten für die Irregeführten in Deutschland, daß ihnen ein verstehendes Herz verliehen werden möge, damit sie zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermögen. Die Botschaft schließt mit einem Ueberblick über die Lage der Juden in den Vereinigten Staaten, wo trotz der Wirtschaftskatastrophen die jüdischen religiösen, philanthropischen und erzieherischen Institutionen erhalten geblieben sind. Felix M. Warburg spricht in seiner Botschaft die Hoffnung aus, daß die an den Hohen Feiertagen vorherrschende optimistische Grundstimmung sich in der Wiederbelebung der Impulse zu neuem Tun äußern möge, die unser Volk von Generation zu Generation gekennzeichnet haben. Die hebräischen Schulen in Palästina geschlossen. Die palästinensische Regierung droht mit Entziehung der staatlichen Subvention. Großes Aufsehen in der gesamten palästinensischen Oeffentiichkeit erregt das Eingreifen der P^ästinaLRegierung in dien gegenwärtig im hebräischen Schulwesen Palästinas herrschenden Konflikt Die Palästina-Regierung teilte der Exekutive der Jewish Agency ultimativ mit, daß sie entschlossen sei, dem hebräischen Schulwesen die staatliche Subvention in der Höhe von annähernd 30.000 Pfund jährlich zu entziehen, falls die Schulen nicht noch in diesem Monat wieder eröffnet werden sollten. Die hebräischen Schulen in Palästina sind zu Beginn dieses Schuljahres nicht wieder eröffnet worden, u. zw. wegen der Meinungsverschiedenheiten betreffend die Kontrolle über das Schulwesen, die zwischen den verschiedenen jüdischen Instanzen in Palästina bestehen. Die Jewish Agency hat das bisher von ihr allein kontrollierte hebräische Schulwesen urjöer die Verwaltung des Waad Leumi gestellt und schlug vor, daß der Waad1 die Verasrtwortung Air die Aufbringung dies Schul-Budgets auf sich nehme, zu welchem die Agency jährlich 40.000 Pfund beisteuern will1. Verschiedene jüdische Instanzen aber, die auch ihrerseits zum Budget beitragen sollten, wie z. B. der Stadltrat von Tel Awiw und der Verband jüdischer Kolonisten, widersetzen sich der ausschließlichen Kontrolle des Walad Leumi und fordern für sich eine Vertretung in1 der Schulverwaltung in einem Ausmaße, wie es der Waad Leumi ihnen zu bieten nicht in der Lage zu sein behauptet Bis zur Beendigung dieses Streitfalles, der gegenwärtig im Mittelpunkt der öffentlichen Erörterung des Jischuw steht können die Schulen nicht wieder eröffnet werden. Die von der Palästina-Regierung der Jewish Agency gemachte ultimative Mitteilung wird als ein Versuch dler Regierung, ihrerseits einen e n e rgischien Druck zwecks Lösung des Schulkonfiikts und sofortiger Wiedereröffnung der Schulen auszuüben, gedeutet. Man nimmt an, daß der Schritt der Regierung den von ihr gewünschten Erfolg haben wird. m jppSBjgl täglich 5-Uhr-Tee PEMMERING TELEPHON 11 SHochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preiset Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. i Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer 11 Der Fall Reichwein. Professor L. R e i c h w e i n, seines Zeichens Generalmusikdirektor, ist u. a. auch Dirigent der Konzerte des Wiener Konzertvereines. Als solcher hat er gewiß schon oft musikbegeisterte Juden mit seinem^Dirigentenstab angelockt, - gleichgültig ob er Konzerte jüdischer oder nichtjüd'ischer Meister dirigierte. Das soll von nun ab anders werden. Der Herr Generalmusikdirektor, ein begeisterter Anhänger Hitlers, will fürderhin nur mehr urarische Werke dirigieren, von jüdischen Komponisten mag er in Zukunft nichts mehr wissen. Das wäre seine Privatangelegenheit, wenn eben nicht Herr Prof. Reichwein im Dienste einer Konzertvereinigung stünde, die, wie sie selbst sagt, entsprechend der seit 32 Jahren stets gewahrten Tradition des Vereines lediglich der Kunst mit Ausschluß jeder politischen Richtung zu denen bestrebt ist. Dieses Bestreben wird durch die Haltung des Herrn Prof. Reichwein, der sich auch in nationalsozialistischen Blättern höchst antisemitisch gebärdet, illusorisch gemacht. Es wäre nun naheliegend, Herrn Prof. Reichwein, der so der ruhmreichen Tradition des Wiener Konzertvereines zuwiderhandelt, Knall und Fall zu entlassen. Dagegen hat der Verein finanzielle Bedenken, da1 sein Vertrag mit dem Herrn Generalmusikdirektor noch für die heurige Konzertsaison läuft und eine sofortige Vertragslösung einen Prozeß zur Folge haben würde, dessen geldliches Risiko der Konzertverein nicht tragbar findet. Größer als dieses geldliche Risiko ist das moralische Risiko, das der Konzertverein mit der weiteren Beschäftigung dieses Herrn, der sich so sehr gegen den wahren Geist ,der Kunst vergeht, auf sich nimmt. Und auch materiell dürfte sich dieses echt österreichische Fortwursteln in einer Angelegenheit, die unbedingt bereinigt werden müßte, nicht lohnen. Denn die jüdischen Musikanhänger werden gewiß Herrn Reichwein bei seinen Konzerten die entsprechende Antwort dadurch geben, daß sie diese Konzerte — nicht besuchen. Rosch Haschana in Moskau. Die Moskauer Synagogen waren an den beiden Rosch Haschana-Tagen außerordentlich überfüllt. Aber auch die vo» den kommunistischen jüdischen Klubs veranstalteten antireligiösen Kundgebungen hatten starken Zuspruch besonders von seiten der Jugend. Der antireligiöse Fe 1 dzug als solcher machte keine Fortschritte. Die jiddisch-kommunistische Presse klagt, daß die Gottlosen-Organisationen untätig seien, während die „klerikalen Kreise" eine intensive Tätigkeit entwickeln. Der in Moskau weilende Sohn eines Freundes unseres Blattes sandte seinem Vater eine interessante Schilderung des dortigen Neujahrsgottesdienstes, die uns dieser in liebenswürdiger Weise zur Verfügung stellte und der wir u. a. folgendes entnehmen: „.. Der Gottesdienst zu Roschhaschono war wunderschön. Menschen waren dort, nicht zum zählen. Meiner Schätzung nach 1500. Schöner großer Tempel und der Kantor so fabelhaft gut und richtig echt gesungen, daß es eine Freude wat zuzuhören... Interessant wie die Menschen hier beten. Alles weint, wenn der Kantor singt. Sein Gesang ist e c h t e s Weinen. Man kann dies mit Worten gar nicht schildern. Ich freue mich schon so auf den Kot NidJre-Abend..."