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Die Wahrheit · 1932-10-14 · Heft 42 (14.10.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 42 (14.10.1932)
Date
1932-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seit» 3 Meine Antwort. Herr Anonymus, seines Zeichens bezahlter oder vielleicht auch unbezahlter Mitarbeiter des jüdischnationalen Organs „Die Stimme",befaßt sich in dessen letzter Nummer mit meinem in der letzten Folge dieses Blattes erschienenen Aufsatze „Juda erwache!" und schießt aus dem Hinterhalte seine giftigen Pfeile ab. Meines Erachtens ist es wenig ehrenvoll, auf einen mit vollem Namen gezeichneten Artikel anonym zu antworten, mag dies auch der Artikelschreiber mit den offenbar ihm eigenen Ehrbegriffen vereinbarlich finden. Diese Tatsache allein würde es angezeigt erscheinen lassen, den Angriff des Herrn Anonymus unbeachtet zu lassen, getreu d'em arabischen Sprichworte: „Die Hunde bellen — die Karawane zieht weiter." Im Interesse der Sache aber, der ich diene, will ich reagieren. Herr Anonymus befaßt sich mit den bevorstehenden Kultusgemeindewahlen und kommt, besessen von wahrhaft prophetischer Gabe, zu dem Staunen erregenden Ergebnis, daß der Wahlkampf von den Gegnern seiner Partei unter der Losung „Gegen den Zionismus" geführt werden wird. Daß er sich hiebei einer offenbaren Unrichtigkeit und Unwahrheit schuldig macht, mag vielleicht nicht so sehr auf seine Unkenntnis des wahren Sachverhaltes als vielmehr auf die sichtliche Unfähigkeit zurückzuführen sein, das von ihm Vorausgesehene richtig in Worte zu kleiden. Unser Kampf wird nicht unter der Losung „Gegen den Zionismus" geführt werden, sondern es wird ein Kampf gegen den jüdischen Nationalismus sein. Wir unterscheiden wohl zwischen Zionismus und jüdischem Nationalismus, denn diese Begriffe sind, was gewiß auch Herrn Anonymus bekannt sein dürfte, nicht identische Begriffe. Der unbekannte Artikelschreiber sieht schon voraus, „auf welchem geistigen Niveau sich dieser Kampf bewegen wird" — er macht überhaupt nur im Voraussehen, scheint der Hausprophet der „Stimme" zu sein — und findet eben den Grund für seine Voraussage in meinem Artikel. Meine Behauptung, daß der Judenhaß sich nicht gegen uns als eine religiöse, sondern als eine völkische Minorität richtet, erkennt er, hirnumnebelt von zionistischen Ideologien, nicht für richtig an, was der zwei Tage später erfolgte Ueberfall d'er Nationalsozialisten auf ein jüdisches Bethaus in der Leopoldstadt beweise. So gründlich mißverstanden hat Herr Anonymus meine Behauptung, die übrigens „das scharfsinnige Ergebnis tiefschürfender Betrachtung" einer großen Anzahl von Männern vor mir ist, daß es wirklich notwendig wäre, ihm ein Privatkolleg darüber zu halten, was Kampf gegen die Juden als eine Religionsgemeinschaft, also Ausfluß religiösen Hasses, und was Kampf gegen die Juden als eine völkische Minorität bedeutet. Wenn dem unbekannten Artikelschreiber die allgemeine Weltgeschichte oder auch nur die jüdische Geschichte ein unbekanntes Buch sein sollte, diann möge er sich, wenn ihm seine Tätigkeit für;die jüdischnationale Partei genügend Zeit läßt, die notwendige Belehrung hierüber in einem Konversationslexikon holen. Sollte er tiefer schürfen, wird er möglicherweise doch zur Erkenntnis kommen1, daß der Nationalsozialismus die Juden nicht aus konfessionellen Gründen bekämpft und ,diaß ihr Judenhaß mit Ronfession gar nichts zu tun hat, mögen sie auch Gotteshäuser verwüsten, jüdische Friedhöfe schänden, Thorarollen zerreißen und dergleichen. Die Nationalsozialisten schlagen los auf das Fremdvolk, auf das Gastvolk, und suchen es vor allem an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen, ohne daß aber das Ziel ihres Kampfes Vernichtung der jüdischen Religion wäre. Wir haben nie behauptet, daß „an allem Unglück die Jüdischnationalen schuld sind". Diese kleine Unwahrheit — auf eine mehr oder weniger kommt es ihm nicht an — erlaubt sich Herr Anonymus so nebenbei und hellseherisch, wie er schon einmal ist, sagt er voraus, daß wir im Wahlkampfe dieses billige Argument nicht aus der Hand geben werden. Wir haben nur immer behauptet und werden es unseres Erachtens mit vollem Recht immer wieder behaupten, daß die Jüdischnationalen durch ihre nationale Landespolitik sich mitschuldig machen, uns dadurch schädigen und unsere Gleichberechtigung gefährden. In dieser Richtung könnte wohl die Rede des ehemaligen Unterrichtsministers Schmitz in der Debatte über die Studentenordnung Herrn Anonymus die Augen öffnen, die er so wie all seine Parteigenossen vor klar zu Tage liegenden Tatsachen fest geschlossen hält. Herr Anonymus weiß alles voraus. Er weiß, wie wir den Wahlkampf führen und wovon wir sprechen werden. Es gehört wahrlich nicht viel Geist dazu, dies vorauszusehen, denn in den letzten vier Jahren hat sich in unserem Verhältnis zu den Jüdischnationalen nichts geändert und konnte sich auch nichts ändern. Wir werden aber noch viel mehr sagen, als Herr Anonymus seinen jüdischnationalen Lesern auftischt. Wir werden insbesondere offen erklären, daß der Herzl'sche Zionismus auf dem letzten Kongreß vollständig Bankrott gemacht hat, denn es geht nicht mehr um Palästina als jüdischnationale Heimstätte, sondern nur noch um eine nationale Heimstätte in Palästina, also um eine Reihe von autonomen jüdischen Gemeinwesen, um eine Reih« von jüdischen Kultusgemeinden in Erez Israel. Wir werden dter Wählerschaft das Unglück vor Augen führen, das sich ereignen könnte, wenn di» Jüdischnationaten die Majorität im Kultusvorstande erringen, wir werden auf das glorreiche Beispiel jüdischnationaler Verwaltungstätigkeit in der Berliner Kultusstube hinweisen, und wir werden noch viel, viel mehr zu sagen haben. Wir werden mit allen Kräften zu verhüten suchen, daß die Kultusgemeinde Ihren Parteigenossen, Herr Anonymus, anvertraut wird, weil sie nicht, wie Sie schreiben, einzig und allein jüdischen Interessen, sondern nur einzig und allein jüdisch nationalen Parte iinteressen dienen. Nur in den Dienst ihrer Partei wollen sie die Kultusstube stellen und nur zu Parteizwecken solt von ihnen die Kultusgemeinde erobert werden. Das zu verhindern, wirdl unser heißes Bemühen sein, zu verhindern im Interesse der jüdischen Allgemeinheit, der wir dienen. Das ist die Stimme der „Wahrheit", die Sie nicht vertragen, Herr Anonymus, was Sie aber schrieben, war nur die Wahrheit der „Stimme". Dr. Karl Steiner. Völkischer Geist In den letzten Wochen hat es in der deutschen nationalsozialistischen Presse, das ist allgemein bekannt, ein beispielloses Kesseltreiben gegen den früheren Polizeipräsidenten von Berlin, Dr. Bernhard Weiß, gegeben. Kübel dies Hasses, des journalistischen Unflats, der Niedertracht und Gemeinheit sind über ihn entleert worden. Es war geradezu ein heroischer Kampf, den Dr. Weiß gegen die Flut von Beleidigungen und Beschimpfungen, entstanden aus Klatsch, böswilliger Verleumdung oder Erfindung, geführt hat. Immer, wenn er mit einer „einstweiligen Verfügung" gegen eine der Behauptungen des „Angriff" vorgegangen war, erfolgte eine neue Verdächtigung. Für einen abgeschlagenen Kopf wuchsen der antisemitischen Hydra fünf neue nach. Indessen unterscheiden sich selbst diese Angriffe keineswegs von dem, was man jetzt in der nationalsozialistischen Presse zu lesen gewöhnt ist, und! wir hätten keinen Anlaß, uns mit dieser schmutzigen Angelegenheit weiter zu beschäftigen, die nun durch die empfindlichen Freiheitsstrafen, die das Berliner Gericht gegen die beiden Verleumder vom „Angriff" verhängt hat, vorderhand erledigt ist. Aber einer diieser völkischen Exzesse verdient doch einiges Interesse. Da wird weitschweifig die stattliche Liste von Verdächtigungen wiederholt, die gegen Dr. Bernhard Weiß vorgebracht wurde, der hämisch als „Schützling der sogenannten freiheitlichen Parteien undl Stolz der guten deutsch-jüdischen Gesellschaft" bezeichnet wird. Und zur Charakterisierung all dieser „Greueltaten" fragt der völkische Artikelschreiber — wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, da das Gerichtsverfahren noch mitten im Gange war, aber schon die Unstichhältigkeit der Angriffe klar erkennen ließ, entrüstet: „Verbrechen?" „Nein", gibt sich der Mann darauf selbst die Antwort: „We i t A e rgeres! Charakterfäulnis!" Soweit der Angriff. Aber ein Angriff ohne Gänsefüßchen. Denn nicht etwa der „Angriff" des Herrn Goebbels bringt diese Schmutzerei zustande, sondern ein zionistisches Blatt, die „Neue Welt" in ihrer Neujahrsfestnummer. Kein Wort des Abschens ist für diese wirkliche „Charakterfäulnis" zu stark. Sie beweist nur, wie berechtigt dfie Behauptung ist, daß der jüdische Nationalismus dem Nationalsozialismus und dem Antisemitismus in die Hand arbeitet und völkisch, nationalistisch ist wie jede andere völkische Bewegung auch. Die „D ö t z" hat sich denn auch sofort der Sache bemächtigt und die Schilderung der zionistischen Zeitung über 'den jüdischen Polizeipräsidenten von Berlin an demselben Tage gebracht, an dem alle Zeitungen der Welt bereits verkünden konnten, daß das Urteil zur vollen Rehabilitierung des Polizeipräsidenten führt und seinen Verleumdern nicht einmal der gute Glaube zuzubilligen sei. Nun wird man uns vielleicht sagen, daß die „Neue Welt" ein Organ der Revisionisten ist und die gesamte jüdischnationale Bewegung nicht für deren Auslassungen verantwortlich gemacht werden kann. Aber der Revisionismus ist doch eben diejenige zionistische Teilbewegung, die sich einbildet, den zionistischen Gedanken konsequent und mutvoll bis zum letzten Endte durchzuführen. Wenn das die „mutige Entschlossenheit" sein soll, für die die Herren Zionisten im kommenden Kultuswahlkampf wahrscheinlich geeint eintreten wollen, dann bedanken wir uns sehr . . . Die „Neue Welt" hat ihrem Schmähartikel den Titel: Aus der hoch- und gutgestellten „feinen jüdischen Gesellschaft" gegeben. Auch an ihre Adresse ist das Schlußwort gerichtet gewesen, dös Dr. Weiß in der Gerichtsverhandlung gehalten hat und dessen lapidare Sätze auf Gericht und Zuhörerschaft erschütternd wirkten: „Während meiner langjährigen Dienstzeit habe ich des öfteren Prozesse gegen meine Gegner von rechts und links fühlen müssen, ich habe mich aber nur diesmal dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen, weil meine Ehre in geradezu ungeheuerlicher Weise angegriffen worden ist. Ich bin schon einmal vor Gericht genötigt gewesen, meine Ehre im Schutz zu nehmen, und da hat ein Zuhörer die höhnische Bemerkung gemacht: „Ein Jude hateineEhre?" Dazu kann ich nur sagen, daß mein Vater Max Weiß, ein Kaufmann von Ansehen in Berlin, mir dten Lebenssatz mitgegeben hat: „Klugheit gilt nicht, Besitz gilt nicht sondern nur der gute Name macht den Menschen." Nach diesem Grundsatz habe ich 52 Jahre lang gelebt, bis diese jungen Leute (die Angeklagten) kamen und meinen Namen durch den Kot zogen. Mir ist es gleich, ob die Angeklagten bestraft oder später amnestiert werden, ich wollte lediglich in voller Gerichtsöffentlichkeit die Vorwürfe geklärt haben und durch den Spruch unbefangener deutscher Richter das Gut wiedererlangen, was sie mir zu nehmen versuchten, meine Ehr e." Ist das „Charakterfäulnis"? oh. Außerstande, jedem einzelnen für die vielen Beweise der Teilnahme zu danken, die mir anläßlich des Todes meiner unvergeßlichen Ehegattin Blanba Rotangi zugekommen sind, spreche ich hiemit allen jenen, die mir ihr Beileid bezeugt, und insbesonders denen, welche der Dahingeschiedenen die letzte Ehre erwiesen haben, im eigenen Namen sowie namens aller Verwandten den tiefstgefühlten Dank aus. Etarand Rotangi

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