Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 42 (14.10.1932)
- Date
- 1932-10-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT hörde, die ja auch dazu da ist, angekündigte Gewalttätigkeiten zu verhindern und im Keime zu ersticken? Will man immer wieder darauf warten, bis es zu spät sein wird? Nicht unerwähnt darf das Verhalten des Zentralorgans der Christlichsozialen bleiben. Während die „Reichspost" bei jeder Gelegenheit, wo die Hakenkreuzler den Christlichsozialen unbequem zu werden drohen, die schärfsten Töne anschlägt, findet dieses Blatt es immer für angebracht, als Ex-offo-Verteidiger der Hitlerbuben aufzutreten, wenn es sich darum handelt, den Juden eins am Zeug zu flicken. Gerade von einem klerikalen Blatte sollte man die schärfste Verurteilung eines Exzesses erwarten, der sich gegen eine religiöse Veranstaltung richtete. Aber wenn es gegen die Juden geht, dann vergißt man scheinbar in der Strozzigasse alle eigenen Grundsätze — tut nichts: der Jude wird verbrannt! Daß diese Helfersdienste die Position der Nazis stärken — das scheint man in der Redaktion der „Reichspost" zu übersehen. Vielleicht wird man einmal erkennen, damit eine falsche Taktik begangen zu haben — aber dann wird es wieder das traditionelle "altösterreichische „Zuspät" sein . . . Während somit die Nazi in Oesterreich immer noch höchst angriffslustig sind unid! immer aggressiver werden, scheint im eigentlichen Hiilerlager im Reiche alles drunter und drüber zu gehen. Die Zersetzungserscheinungen treten immer deutlicher an den Tag und die Nazi selbst rechnen bereits offen mit einem starken Stimmenrückgang bei den Wahlen vom 6. November. Es hat sich in Deutschland' gezeigt, daß das energische Auftreten des Reichspräsidenten und der Reichsregierung auf die breiten Volksmassen nicht ohne Eindruck geblieben ist. Bestätigt der 6. November die aufgestellten Berechnungen, dann wird der Abstieg Hitlers nicht mehr aufzuhalten sein. Da die fortgesetzten Erfolge der Hakenkreuzler im Reiche auch ihren Aufstieg in Oesterreich auslösten, darf erwartet werden, daß dann auch in Oesterreich das „Abirutschen" nicht ausbleiben werde — und dann dürften wohl die Neujahrsexzesse der Hitlerbuben und ihre Drohungen zum Versöhnungstag die letzten Zeichen des Uebermutes sein. Dieser Spuk wind! dann bald ein Ende nehmen und man wird in Berlin und in Wien an die Hitlertage ebenso denken wie in Frankreich an den Dreyfus- Rummel von anno dazumal. Kein Franzose denkt heute an jene Verirrung und Verwirrung anders als mit einem Gefühlte der Scham . . . Auch in Deutschland' und in Oesterreich wird die Ernüchterung nicht ausbleiben. Ungarn hat eine neue Regierung und ihr Chef hört auf den Namen Gömbös . .. Noch vor wenigen Jahren hätte der Aufstieg dieses Mannes zum höchsten Amt im Staate nicht nur die Juden, sondern auch alle ehrlich denkenden Menschen in die höchste Unruhe versetzt. Man erinnert sich noch ganz gut, was der Name Gömbös, des Freundes von Hejjas und Genossen, zu bedeuten hatte. Aber Gömbös hat sich seither sehr stark gemausert und ist regierungsfähig geworden. Schön als Staatssekretär für Landesverteidigung hat dieser Politiker den Beweis geliefert, daß er mit seiner Vergangenheit gebrochen hat. Einen neuerlichen eindringlichen Beweis lieferte er in seiner Regierungserklärung, in der u. a. sagte: Die Pfeiler, auf die man sich stützen müsse, seien der Reichsverweser, der Reichstag, eine gute Verwaltung, ein tief religiöses Leben und der konfessionelle Friede. Diesen wünsche er auch mit den Juden, denen gegenüber er seinen Standpunkt revidiert habe. Jenen Teil der Juden, die eine Schicksalsgemeinschaft mit der Nation empfinden, betrachte er ebenso als Brüder wie alle übrigen Ungarn. Er wisse, daß es führende jüdische Männer gebe, die jenen Teil des Judentums, der sich nicht in die Gemeinschaft der nationalen Gesellschaft einfügen will, in erster Reihe selbst verurteilen. Wird Gömbös diesen Weg der Umkehr nun als Ministerpräsident fortsetzen, dann hätten die Juden Ungarns Veranlassung zur Befriedigung. Der Spuk der „Erwachenden Magyaren" ist längst verflogen; in Budapest ist man zur Erkenntnis gelangt, daß man mit Judenhaß, mit Juldlenmord keine große und am allerwenigsten eine gute Politik machen könne. Die Mentalität der ersten Nachkriegsjahre hat längst einer ruhigeren Auffassung Platz gemacht. Man weiß heute dort, daß die Aufpeitschung der Leidenschaften dem Vaterlande keinen Nutzen bringen könne. Auch in Wien und Berlin wird die Ernüchterung nicht ausbleiben. Die Demagogen werden in das Nichts hinabsinken, aus dem sie aufgestiegen sind ... J e 1 ä n g e r es dauert, bis diese Wandlung der Geister erfolgt, um so trauriger für die Völker — nicht bloß für die Juden; je rascher diese eintreten wird, desto günstiger für alle Welt. Wir Juden sind durch Erfahrungen gewitzigt und nichts liegt uns ferner, als uns Illusionen hinzugeben. Aber an der Schwelle unseres Freudenfestes wollen wir einmal zur Abwechslung die Fahne der grünen Hoffnung aufpflanzen. Wir wollen uns zur Hütte des Friedens rüsten. STEIN INDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Die Symbole des Laubhüttenfestes. Die Religion Israels ist eine Religion der Symbole. Im besonderen ist das Sukkauth-Fest überaus reich an glücklichen Symbolen. In der Sukkoh, der Laubhütte, haben wir das Symbol des gefestigten Gottvertrauens, das uns ganz besonders in einer Zeit schwerer politischer und vor allem wirtschaftlicher Not so notwendig ist. „Nicht verzagen, nicht verzweifeln!" ist die Meinung der Sukkoh, durch deren Decke die Sterne des Himmels sichtbar werden als Mahner zur Hoffnung zum Mut, als Anreger einer optimistischen, durch Gottesfurcht und Gottvertrauen begründeten Lebensanschauung. Der Feststrauß predigt uns die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Bevölkerungsgruppen, aller Berufsslände, aller politischen Vereinigungen zur Förderung der Menschheit und aller großen Meuschheitsziele, aber auch zum Eintreten für die Lösung aller brennenden Fragen des Vaterlands und nicht zuletzt der Gemeinde, ob hoch oder nieder (Lulab und Bachweide!), ob reich begabt und glücklich vom Schicksal ausgestattet oder ob bescheiden und anspruchslos (Ethrog und Myrte!), keine Trennung, keine Scheiiung, kein Fernbleiben und Stehenbleiben. Lautet doch ein gar schönes Wort des Talmud, es mögen die Trauben Gebete zu Gott emporsenden für die Blätter; denn wären nicht die Blätter (die große Menge), so gäbe es auch keine Trauben (Geistesgrößen); die unansehnlichen Blätter bilden den Wetterschutz der Trauben. Und um das Zusammenstehen aller Völker, der gesamten Menschheit messenheit, wie sie Schiller in der „Glocke" darstellt: „Fest in der Erde Grund steht mir des Hauses Macht." Niemand traue seinem Glück! Und> besorgt ist die Sukkoh um die Reinheit der Motive unseres Handelns, ganz besonders unseres Händeins im Dienste der Gesamtheit, wenn sie verbietet, die Sukkoh aus Stoffen herzustellen, die unrein sind, Unreinheit anzunehmen vermögen. Daß wir selbst zu unserer Behauptung kräftig die Hand1 regen müssen, daß wir uns nicht verlassen dürfen auf das, was die Väter für uns geschaffen und erarbeitet haben, daß wir vor allem auch das Erbe der Väter mehren müssen, das verlangt sie von uns, da eine ihrer Bestimmungen lautet „thaaseh", du mußt dir d'eine Sukkoh herstellen, „welau min heosui", darfst es dir nicht genügen lassen an dem, was schon gearbeitet ist (von anderen!). Aber nicht nur Mahnung, auch Trost weiß uns das Symbol der Sukkoh zu sagen. Sie tröstet uns bei schwerer Lage, bei den Stürmen des Lebens, in dem sie auch eine Sukkoh, die so dicht gedeckt ist, daß die Sternlein nicht hindurch zu sehen sind, für zulässig erklärt, ganz besonders aiber, indem sie uns die Bestimmung gibt, daß eine Sukkoh nicht etwa vier volle Wände besitzen muß, daß auch drei Wände vollständig genügen. Das Leben kann ein glückliches sein, auch wenn seinem Träger nicht alle Wünsche erfüllt werden. Nach dieser Richtung ist ein Midrasch-Wort geradezu bezeichnend und von rührender Gefühlsriefe, das dahin lautet: „Als Hiob in seinen Leiden und Prüfungen sich Gott gegenüber beklagte, als Hiob Gott gegenüber murrte, da zeigte ihm Gott eine Sukkoh mit drei Wänden." Bei der Erwägung, aller dieser gesetzlichen, auf die Sukkoh sich beziehenden Bestimmungen müssen wir zugestehen, daß die Gedanken der herrlichen Symbole des Sukkauth-Festes durchaus geeignet sind, unseren Lebensweg im Sinne der Tugend und der Bewährung glücklich zu gestalten. Und es kann uns nicht wunder nehmen, wenn die Weisen Israels den Satz aus dem Psalm 15, in welchem der Psalmist nach anfänglichem Zweifeln sein Leben und sein Los als ein glückliches empfindet: „Lose sind mir zugefallen in lieblicher Gegend; ja mein Los erscheint mir schön" — ich bin objektiv und subjektiv glücklich — auf die Symbole des Sukkauth-Festes beziehen, auf die Festhütte und Feststrauß. Rabbioer Dr. Stein (Schweinfurth). — zumal in einer drangvollen Zeit, wie die ist, in der wir leben, in der alle zum Zusammenschluß sich aufgefordert fühlen müssen, ganz besonders hinsichtlich der Gefahr des Bolschewismus — recht eindringlich zu gestalten, verlangte das Fest die Darbringung von 70 Stieren, die für alle Nationen der Welt, die man auf 70 berechnete, dargebracht wurden, um so den Gedanken der Solidarität aller Völker, aller Menschen zum Ausdruck zu bringen und zur uneingeschränkten Universalität anzuregen. Ueber diesen Gedanken und Gemeinschaftsinteressen der Menschheit vergißt das Fest aber auch nicht, sich mit seinen Symbolen um das Einzelschicksal zu kümmern. Diese Symbole verbieten hochgetriebenen Egoismus, aufgeblähten Stolz, ungesundes Streberrum; denn eine Sukkoh, die höher ist als 20 Ellen, ist unbrauchbar, kann das Wohlgefallen Gottes nicht finden. Nicht minder aber verbietet sie auch Gleichgültigkeit gegenüber unserem Schicksal, ungesunde Selbstzufriedenheit; denn auch eine Sukkoh, die nicht zehn Faustbreiten hoch ist, ist unbrauchbar. Damit wendet sie sich an den einzelnen, aber auch an die Gesellschaft, der sie einen gesunden Sozialismus anempfiehlt, der um das Wohl der Armen und Entrechteten sich bekümmern soll, der alle Gruppen und Klassen zu heben verpflichtet ist und das Los der Armen, der Stiefkinder des Glücks, zu fördern sich angeregt fühlen soll. Auf den Wechsel im Glück weist das Fest hin, in dem es die Sukkoh herzustellen verbietet aus Stoffen, die mit der Erde in Verbindung stehen; sie warnt vor Gesinnung und Worten der Ver- Hindenburgs 85. Geburtstag. Zu seinem 85. Geburtstag hat neben einer großen Reihe jüdischer Gemeinden und Organisationen auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten durch seinen Bundesvorsitzenden, Herrn Dr. Leo Löwenstein, dem deutschen Reichspräsidenten seine Glückwünsche ausgesprochen. Er verband damit die Uebergabe des ersten Exemplars seines Gedenkbuches für die gefallenen jüdischen Soldaten des Weltkrieges, das er gleichzeitig mit einem Blumenstrauß dem Generalfeldmarschall überreichen ließ. Reichspräsident von Hindenb u rg hat darauf durch einen eigenhändig unterschriebenen Brief geantwortet: Der Reichspräsident. Berlin, den 3. Oktober 1932. Sehr geehrter Herr Dr. Löwenstein! Dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten spreche ich für seine Glückwünsche zu meinem S5. Geburtstage sowie für die schöne Blumenspende und das Gedenkbuch meinen herzlichen Dank aus. In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverleiben. Mit kameradschaftlichem Gruß! gez. von Hindenburg. Rehiamieri Euer Wahlrecht!