Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Aus dem Wiener Kultusvorstande.!! Jüdische Mädchen vor der Berufswahl II Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Modistenkurs Dr. Nrflgerheim, u., raalzgasse 1 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. _Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. Dem von Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb in der letzten Plenarsitzung des Kultusvorstandes vorgelegten Einlauf und Präsidialbericht entnehmen wir folgendes: Während der Sommermonate haben mehrfach prominente Persönlichkeiten aus dem jüdischen Leben, die, aus fernen Ländern kommend, auf der Durchreise Wien berührten. Anlaß genommen, im Präsidium vorzusprechen und die Einrichtungen der Wiener Kultusgemeinde zu besichtigen. Unter denselben befand sich auch Herr Dr. Maurice K a r p f, welcher als Präsident und Mitglied der hervorragendsten Körperschaften der sozialen Fürsorge in Amerika angehört und auf seiner Studienreise nach Europa, vom „American Joint Distribution Committee" eingeführt, mehrere Tage in Wien weilte. Herr Dr. Karpf war über das Gesehene sehr befriedigt, so daß er in Aussicht stellte, im nächsten Jahre für mehrere Wochen nach Wien zu kommen. Die unerhörten Angriffe und Ausfälle, welche seitens der Nationalsozialisten in ihrer Presse sowie in Plakaten in den letzten Wochen gegen die Judenschaft gerichtet wurden, sowie der in der Parfümerie Fioris geübte Unfug, rohe antisemitische Ankündigungen im Schaufenster auszuhängen, führten zu wiederholten Eingaben. Vorsprachen und Petitionen des Präsidiums bei den zuständigen Staatsbehörden. Diese Bemühungen werden unentwegt fortgesetzt. Ueber die Ferialaktionen für Schulkinder und Jugendliche liegen folgende Berichte vor: Im „Sonnentagesheim" im Augarten haben mehr als 300 für Tuberkulose disponierte Kinder Aufnahme gefunden. Die Erholungsresultate dieser unter der Leitung des Prof. Dr. Julius Z a p p e r t stehenden Musterinstitutionen sind als besonders befriedigende zu bezeichnen. Durch die Fürsorgezentrale, Abteilung Jugendfürsorge, wurden 123 tuberkulös gefährdete Kinder in Heimen untergebracht. Die Gesamtkosten beliefen sich auf S 12.549.—. In Kottingbrunn waren in zwei Turnussen 145 Kinder untergebracht, die Gesamtkosten beliefen sich auf rund S 20.000.—i. In 500 Einzelfällen wurden Beiträge per insgesamt S 10.000.— geleistet. Verschiedene Vereine erhielten Subventionen für ihre Ferienaktionen. Zusammen wurden für die obgenannten Zwecke S 47.009.— aufgewendet Zu den Gesamtkosten haben Eltern S 2291.—, Vereine S 6233.— beigetragen. Gleichwie in den Vorjahren haben die Jugendvereine auch während des heurigen Sommers Ferienkolonien eingerichtet, in denen sowohl Schulkinder, als auch schulentlassene junge Leute unter Aufsicht von Lehrkräften und Jugendführern Erholung fanden. Zwölf Jugendbünd© haben an 15 Stellen Ferienkolonien errichtet und 1105 Jugendlichen Sommeraufenthalt geboten. Der Kultusvorstand hat diese Sommeraktion mit einem Betrage von S 2165.— subventioniert. Für die Kinder unseres Kindergartens in der Brigittenau wurde auf der Spielwiese des Augartens während des ganzen Sommers — 3 Monate hindurch — eine Sommeraktion durchgeführt, an der durchschnittlich 100 Kinder im Alter von 3—6 Jahren teilnahmen. Infolge Betriebsverlängerung konnten die Kinder von 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends im Freien bleiben und bekamen auch eine entsprechende Zubuße zu der sonst üblichen Verpflegung. Ende August wurde die Aktion abgeschlossen und die Anerkennung der Eltern bei diesem Anlasse äußerte sich in zahlreichen Dankeskundgebungen derselben, für die ihren Kindern von der Kultusgemeinde gebotene, überaus erfolgreiche Erhohingsmöglichkeit. Um auch während des Sommers jenen Knaben, die Barmizwah werden, den Vorbereitungsunterricht zu ermöglichen, wurden die an der Bibalschule, XX.. Othmargasse 46, eingerichteten Barmizwah-Kurse auch während der Sommermonate aufrechterhalten. An diesen Kursen haben 33 Barmizwahknabeiu teilgenommen. Für den heurigen Schulbeginn sind alle Maßnahmen rechtzeitig vom Schulressort getroffen worden. Insbesondere wurden alle Religionslehrer daran erinnert, daß bei dieir Feststellung der Stundenpläne auf das Gebot der Sabbatheiligung Rücksicht (genommen werde und von den Kindeseltern die Geltendmachung der Dispensen vom Schreiben, Handarbeiten usw. am Sabbat rechtzeitig erfolge. Auch die Vorkehrungen für die hohen Feiertage wurden so rechtzeitig und in solchem Umfange veranlaßt, daß voraussichtlich allen Anforderungen wird entsprochen werden können. Bei der Bewilligung von temporären Betveranstaltungen hat das „Minjanim-Komitee" und in weiterer Folge die Berufungskommission und das Vertreter-Kollegium auf die Interessen der Gemeinde sowie der Bethausvereine, soweit es nur möglich war, Rücksicht genommen. Im Sinne des in der Plenarsitzung vom 7. Juli d. J. gefaßten Beschlusses hat sich der Kultusvorstand wegen des geplanten Zusammenschlusses aller Gemeinden Oesterreichs zur Vertretung gemeinsamer Angelegenheiten mit einer Anfrage an alle Vorstände der 32 außer Wien bestehenden Kultusgemeinden gewendet. Bis zum heutigen Tage sind von 19 Gemeinden zustimmende Erklärungen eingelaufen, zwei Gemeinden haben die Teilnahme abgelehnt, eine Gemeinde hat mitgeteilt, daß noch kein entscheidender Beschluß gefaßt worden sei, während 10 Gemeinden die an sie gerichtete Anfraget unbeantwortet ließen. Im Anschlüsse an die persönlichen Interventionen des Präsidiums bei Herrn Bürgermeister Seitz ist der Kultusvorstand bei der Wiener Landesregierung eingeschritten, um mit Rücksicht darauf, daß der Versöhnungstag auf einen Montag fällt, die Landesregierung die Biewilligung erteilen möge, in jenen Bezirken, welche von Juden stark bewohnt sind, am Sonntag, den 9. Oktober d. J.. den Verschleiß von Koscherfleischwaren, Koscherfett, Geflügel und Fischen vornehmen zu dürfen. Nach einer Mitteilung der zuständigen Magistratsabteilung wurde diese Bewilligung für die Bezirke IL. IX., XV. und XX. erteilt. Die bevorstehende Behandlung der Novelle zum Gewerbegesetz im Nationalrat hat dem Kultusvorstande Veranlassung geboten, an den Ausschuß für Handel und Vierkehr des Nationalrates eine Petition zu richten, es möge durch eine entsprechende Ergänzung des Gesetzes jenen jüdischen Lebensmittelhändlern, welche ihre Geschäfte während des Sabbates geschlossen halten, durch den Landeshauptmann die Bewilligung erteilt werden können, am Sabbatausgang ihre Geschäfte bis 9 Uhr abends offen zu halten. Da im heurigen Jahre der erste Tag des jüdischen Neujahrsfestes auf Samstag, den 1. Oktober, und der Versöhnungstag auf Montag, den 10. Oktober, fällt, ist das Präsidium der Kultusgemeinde bei der „Industriellen Bezirkskommission" um die Verfügung eingeschritten, daß der Kontroll- und Auszahhmgstag für Arbeitslose jüdischen Glaubens, soferne er auf einen der vorbezeichneten Tage fällt, auf einen anderen Tag vorverlegt werdet. An Spenden sind eingelaufen: Von Frau Elisabeth Low in Bukarest S 1000.— für Fürsorgezwecke. Legat Arnold Mandl per S 1000.—. dessen Zinsen zur Unterstützung zweier bedürftiger Personen oder Familien jüdischen Glaubens am Sterbetage des Erblassers verwendet werden sollen. Vom Steueramte der Israelitischen Kiultusg'emieinde Wien liegen Konsignationen über die in der Zeit vom 14. Mai bis Ende August d. J. aus dem Judentume ausgetretenen Steuerträger auf. Dieselben verzeichnen den Abfall von 84 Steuerträgern, von welchen jährlich 22 Personen je S 1.— bis S 10.—; 47 Personen S 10.— bis S 50.—; 7 Personen S 50.— bis S 100.—; 1 Person S 100.—; 2 Personen je 150.—; 2 Personen je S 200.— und 3 Personen je S 250.— an Kultussteuer bezahlten. Der statistische Ausweis des Matrikenamtes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien für die Monate Juni. Juli und August <L J., weist folgende Daten auf: Zahl der Trauungen: 283. Zahl der Scheidungen: 78. Zahl der Geburten: 258, davon 134 männlich, 124 weiblich. Zahl der Sterbefälle: 599. Zahl der Austritte aus dem Judentume: 192. Zahl der Eintritte in das Judentum: 64. mächtige klangvolle Stimme, mit der er alle seine Gesänge zum ausgezeichneten Vortrage brachte, allseits größtes Gefallen fand, ein eindrucksvolles „Ma tauwu", unterstützt von dem erstklassigen Chor, an. Hierauf begrüßte der verdienstvolle Obmann des Tempelvereines Bela Fränkl in einer heizlichen Ansprache die Erschienenen und wart einen kurzen Rückblick auf die Zeit der Entstehung des Tempelvereines und in weiterer Folge der Erbauung des Tempels. Er gedachte der hervorragenden Verdienste des Herrn Julius L e d e r e r js. A., dessen unermüdlicher Zähigkeit und Ausdauer die Schaifung des Vereines und des Tempels zu danken ist. Zu nachträglicher Ehrung dieses für das Judentum begeisterten Mannes wurde während der Rede des Vereinsobmannes eine schöne Gedenktatel enthüllt. Herr Fränkl begrüßte mit besonderer Freude die Herren David Müller und Alexander Sternlicht, die dem Tempelvorstande vor 25 Jahren angehörten, und gedachte in pietätvollen Worten der dahingeschiedenen Erbauer des Tempels Architekt Wohlmuth und Baumeister Gießkann, sowie der verblichenen Herren des damaligen Vorstandes Adler, Paul v. Fisch-;r, Hartmann, Kallai, Kotanyi, Kronstein, Loth, Moritz Müller, Doktor Obersohn, Moritz Pollak und Zerner. Der Obmann fand auch herzliche Worte für die Verdienste des verstorbenen langjährigen Tempeldieners Benedikt Pollak, dessen Frau Karoline Pollak noch immer unermüdlich tätig ist. Sehr eindrucksvoll waren die Glückwünsche, die Herr Fränkl als Dolmetsch der Tempelgemeinde ihrem Vereinsrabbiner aussprach, die er mit dem herzlichsten Dank für sein ersprießliches Wirken und der Hoiinung verband, daß Dr. Frankfurter noch lange Jahre sein Amt mit gewohntem Erfolge ausüben werde. Nach dem ganz erstklassigen Vortrage des Psalmes 111 von Oberkantor D. Bohomilny und dem Chor bestieg Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, der vor 25 Jahren an der Entstehung des Tempels rührigen Anteil genommen hatte, die Kanzel, um mit einer überaus eindrucksvollen Ansprache zunächst diese vergangene Zeit zu charakterisieren, in der die gewaltige Gefahr der Entfernung des Döblinger Judentums vom Glauben der Väter bestand und in der es erst dem Opfermut einiger beherzter Männer gelang, diese Gefahr zu bannen. Von dem Worte „Sei stark und mutig" ausgehend, entwickelte Dr. Feuchtwang in sehr geistreicher Weise das Programm der jüdischen Gemeinschaft und insbesondere ihrer Lenker und Führer. Sie müßten, sagte er, die Verbundenheit besitzen mit dem Geist der Religion und der Ueberlieferung, mit der Klassizität der Thora. Aus solcher Einstellung würde die Einigung Aller gelingen, insbesondere muß das Gotteshaus Wurzel alles jüdischen Lebens sein, so wie es im Döblinger Tempel der Fall ist, in dem vornehmlich durch das unermüdliche Wirken Dr. Frankfurters, dem Dr. Feuchtwang innige Worte der Anerkennung aussprach, eine Reihe sozialer und kultureller Einrichtungen ihren Sitz habe. Einen ausgezeichneten Eindruck empfingen die Festgäste von der nun folgenden Rede des jubilierenden Rabbiners Prof. Dr. Arnold Frankfurter, der zunächst die Besonderheit des Ereignisses, das zu so ungewohnter Stunde stattfand, unterstrich. Dieser 25. Geburtstag eines Gotteshauses erlaube trotz der Kürze der verstrichenen Zeit einen Rückblick, denn 25 Jahre sind wohl im Leben der Menschheit eine kurze Spanne Zeit, im Leben des einzelnen und einer Gemeinschaft bedeuten sie oft — namentlich in einer so kritischen Periode — unendlich viel. Der Rückblick, den nun Dr. Frankfurter vornahm, führte ihn zu einer ganz ausgezeichneten Schilderung der Verbundenheit des Juden mit seinem Gotteshause, das ihn von der Wiege bis zum Grabe, in Leid und Freud begleitet. So wird das Gotteshaus zur .Säule der jüdischen Gemeinschaft und der Döblinger Tempel kann mit Stolz von sich behaupten, daß er dieser seiner Berufung voll und ganz entsprochen hat. Dr. Frankfurter würdigte die verschiedenen Institutionen, deren Mittelpunkt der Tempel ist, namentlich die Chewra Kadischa und den Frauenverein, die beide überaus verdienstvoll zum Wohle der Armen wirken. Der Redner stattete hierauf der Gemeinde, der er durch 25 Jahre in Treue als geistiger Führer gedient, seinen Dank für die seinerzeitige Berufung ab: er dankte innigst dem Allmächtigen, daß er ihn diese schöne Stunde erleben ließ. Er schloß seine gehaltvolle Ansprache mit dem Priestersegen. Präsident Prof. Dr. Alois Pick übermittelte die herzlichsten Glückwünsche der Gemeinde, sowohl an den Vorstand, dessen Herren würdige Nachfolger ihrer Vorfahren seien, wie auch an den jubilierenden Rabbiner, dessen Beliebtheit und Wertschätzung überall eine sehr große ist. Mit dem „Adaun aulom" schloß die imposante Tempelfeier, die ihre Fortsetzung noch im kleinen Tempel fand, wo sich zahlreiche Festgäste einstellten, um dem Tempelvorstand und Dr. Frankfurter ihre persönlichen Glückwünsche darzubringen. An letzteren rieh- Tempelfeiern. Das jüdische Wien hat am vergangenen Sonntag zwei Feiern begangen, die bewiesen, daß das Gotteshaus nach wie vor Mittelpunkt der jüdischen Gemeinschaft ist, Brennpunkt des jüdischen Lebens. So verschieden die jüdischen Bevölkerungsschichten der beiden Bezirke sind, deren Gotteshäuser Gegenstand prachtvoll schöner Feiern waren, das eine eint das Judentum von Döbling wie der Landstraße, die Treue gegenüber dem Hause Gottes, in dem der Jude Trost im Leide und Mitgefühl in seiner Freude findet. In diesen schweren Zeiten, da das Leid vorherrscht, ist die Synagoge mehr denn je berufen, den Gedrückten und Gebeugten Erbauung zu bieten und alle, die hier werktätig mithelfen, gebührt unendlicher Dank. Und so wurden auch die sonntägigen Feiern Jubeltage für die Menschen, die in diesen Synagogen führend wirken; der Freudentag des Gotteshauses wurde auch zu ihrem Freudentag. Der Döblinger Tempelverein, dessen Leitung ein rühriger Vorstand mit Obmann Bela Fränkl an der Spitze inne hat, feierte ein schönes Doppeljubiläum. Vor 25 Jahren, am 1. Selichothtage, wurde sein mitten im herrlichen Grün gelegenes wirkt auch sein bewährter Rabbiner Prof. Dr. Arnold Frankfurter an der heiligen Stätte mit nie rastendem Eifer. Zur Feier des Tages war alles erschienen, was im jüdischen Wien Namen und Klang besitzt; man sah in der gewaltigen Menge das Gesamtpräsidium der Kultusgemeinde, die Vertreter aller Bethausvorstände, Bezirkskommissionen und Tempelvereine, Vertreter der B. B. Logen, fast alle Gemeinde- und Vereinsrabbiner, zahlreiche Kantoren, Deputationen von Frauen-, sowie Wohltätigkeitsvereinen und Chewra-Kadischas, eine Abordnung des Verbandes der jüdischen Mittelschullehrer, Vertreter des Lehrkörpers und der Schüler der Realschulen I und XIX, an denen Prof. Dr. Frankfurter als geschätzter und gediegener Religionsprofessor wirkt, eine Abordnung der israelitisch-theologischen Lehranstalt u. v. a. Die unübersehbare Zahl der Erschienenen bewies die freudige Anteilnahme weitester Kreise des Wiener Judentums an diesem schönen Feste, dessen würdige Begehung dem Tempelvorstande zur höchsten Ehre gereicht. Eingeleitet wurde die Feier mit der unter den Klängen des „Boruch Habo" erfolgten Einholung des jubilierenden Rabbiners durch den Tempelvorstand. schönes Gotteshaus eingeweiht und seit diesem Tage Dann stimmte Oberkantor D. Bohomilny, dessen