Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Bastard oder Jude? Arnolt Bronnens jüdische Abstammung. Von Chajim Bloch. Bekanntlich steht der Dichter Arnolt Bronnen seit einigen Jahren in den vordersten Reihen der Nationalsozialisten Deutschlands. Er ist die rechte Hand des Herausgebers des „Angriff", Joseph Q ö b b e 1 s; so mancher Aufsatz in der genannten Zeitung, die den Rekord an Gewalthetze gegen die deutschen Juden schlägt, stammt aus der schneidigen Feder Arnolt Bronnens. Als Judaslohn sorgten seine Freunde1 dafür, daß er zum Leiter der „aktuellen Stunde" des deutschen Rundfunks ernannt wurde — an Stelle des bisherigen Leiters, der das Malheur hat, von Juden abzustammen. An dieser Stelle soll nun erwiesen werden, daß auch der Dichter Arnolt Bronnen, entgegen allen seinen Beteuerungen, nicht von Juden abzustammen, doch der Sohn eines Juden, und sogar eines polnischen, ist. Ich verdanke die hier angeführten Einzelheiten einer Persönlichkeit, der einzigen in der Verwandtschaft der Eltern Bronnens, mit der sie bis zum Herbst 1930 innig verkehrt haben, die aber nicht genannt sein will. Wegen einer abfälligen Bemerkung im Zusammenhang mit der Teilnahme des Dichters an der Protestkundgebung gegen Thomas Mann kam es zwischen ihnen zum Krach und zum völligen Abbruch der Beziehungen. Ich erkläre mich bereit, einen Betrag von 1000 Schilling einem vom Dichter Bronnen zu bestimmenden Zweck zu widmen, wenn es ihm gelingt, meine Behauptung zu widerlegen, daß er der Sohn eines Juden ist, und zwar nicht nur im gesetzlichen Sinne, sondern auch nach Blut und Fleisch, also im rassischen Sinne. Arnolt Bronnen ist in Wien geboren, hat hier auch seine Studien beendet und sein „gesetzlicher" Vater, Dr. Ferdinand Bronner, sorgte für ihn. In den ersten Nachkriegsjahren ging er nach Deutschland, wo er bald sein Drama „Die Geburt der Jugendi" bei S. Fischer erscheinen ließ. Diesem Werke folgte das Schauspiel „Vatermord". Damals liefen die Nazis Sturm gegen ihn und warfen ihm seine jüdische Abstammung vor. Denn, sagten sie, wie hätte der Gedanke eines Vatermordes in das Hirn des Dichters dringen können, wenn er kein Jude wäre? Kein Mensch rein germanischen Geblütes habe noch den eigenen Vater ermordet! Bronnen ließ damals alles über sich ergehen und stellte gar nicht in Abrede, ein unmittelbarer Sproß Judas zu sein. Er gefiel sich in seiner Rolle als Jude ausgezeichnet und hatte mit seinen Werken den besten Erfolg. Da stellte sich bei ihm, dem der Ruhm zu Kopf gestiegen war, plötzlich der moralische Verfall ein. Offenbar von dem Anwachsen der völkischen Bewegung verlockt, schloß er sich ihr an und gab bei seiner Aufnahme in die nationalsozailistische Vereinigung die dort „auf Ehre und Gewissen" geforderte Erklärung ab, daß in seinen Adern kein jüdisches Blut fließe. Von dieser Verleugnung seiner Abstammung bis zum eigentlichen Judenhaß, bis zum Selbsthaß, war kein weiter Weg. Bald darauf erschien Bronnens oberschlesischer Roman „O. S.". Es ist das Reifewerk des Dichters, das viel Interesse erweckt hat. Bronnen gab darin ein begeistertes Bekenntnis zum völkischen Gedanken; von Menschlichkeit aber war natürlich keine Rede. Die liberale Presse bezeichnete diesen Roman als eine gehässige, bis ins letzte tendenziöse Verzerrung der Wahrheit und der geschichtlichen Wirklichkeit; diese Ablehnung rührte nicht das Herz des Dichters. Seine neuen Freundie sahen in Bronnen den großen Dichter der Gegenwart und haben seinen Roman als „ein Werk echten Gefühls, als leidenschaftliche Erkenntnis zu ihrem Glauben, als geniale Gestaltung des Schicksals und des Lebenskampfes des deutschen Volkes" bejubelt. Adolf Hitler war der einzige, der im „Völkischen Beobachter" Bronnen als den Halbjuden vorstellte, als den Dichter, der in seinen Werken die geschichtliche Revolution predigt und in dessen Dichtungen alles Geistige, Höhere, Gefühlsmäßige fehlt. „Wer mit solchem Behagen", meinte Hitler, „im Schmutze untertauchen kann, ist für geistig Höheres innerlich nicht befähigt." Bronnen wurde von ihm als „Schädling des deutschen Volkstums" unumwunden abgelehnt. Die Annahme, daß die häufigen Reibereien zwischen den Berliner Nationalsozialisten und Hitler dem „alttestamentarischen" Bronnen, der den Groll gegen den Führer nie überwand, zuzuschreiben seien, ist nicht von der Hand zu weisen. Im Jahre 1930 erschien sein „Roßbach". Bronnen schilderte hier das Lebensbild, des jungen Oberleutnants, der, einem großen Reich trotzend, ins Baltikum zog, dort ein Held wurde, um den sich die deutsche Erneuerungsbewegung zusammenschloß. Durch dieses Buch, das man ein deutschvölkisches Manifest nannte, nahm der Einfluß Bronnens in der völkischen Bewegung bedeutend zu. Im Herbst 1930 hielt Thomas Mann in Berlin seine denkwürdige „Deutsche Ansprache". Die ganze Berliner Elite war erschienen, um seinem „Appell an Vernunft und Einigkeitsgefühl" zu lauschen. Die Völkischen schlugen einen großen Lärm gegen den für Deutschland gefährlichen jüdischen Einigkeitsged'anken. (Dieser Gedanke ist in der Tat jüdischen Ursprungs. Denn es lehrten die Rabbinen: „Bildet nicht viele Bünde, sondern vereinigt euch zu einem Bund.") Arnolt Bronnen, der deutschvölkische Dichter, überschüttete den Nobelpreisträger mit idlen heftigsten Zwischenrufen und soll siich nicht gescheut haben, ihm „Judensklave", „Verräter am deutschen Geist" etc. zuzurufen. Eine Dame, die sich bei dieser Protestkundgebung besonders auszeichnete, wurde von Bronnen einige Wochen später zum Traualtar geführt. Mit seinem skandalösen Auftreten gegen Thomas Mann hat sich Arnolt Bronnen auf ein sehr schlüpfriges Gebiet begeben. Er hat dadurch lebhafte Diskussionen über seine Abstammung heraufbeschworen, diesmal allerdings nicht von seinen völkischen Gesinnungsgenossen, sondern von seinen jüdischen Stammesbrüdern, die ihn früher ignorierten. Man warf Bronnen, dem Judenhasser, offen vor, daß er selbst Jude ist. Wohl machte er sich über „diese Verdächtigung und über däe fast schmeichelhafte Zähigkeit, mit der ihn das Judentum als zu ihm gehörig reklamierte", lustig. Aber man merkte es ihm an, wie ihm das Blut in die Ohren schoß, als er sich „rechtfertigen" mußte. Um sich aus der furchtbaren Klemme zu befreien, machte der Dichter einen „Dreh". Er behauptete nämlich, er sei wirklich ein Deutscher im rassischen Sinne, und erklärte dies auf folgende Weise: Sein „gesetzlicher" Vater, Dr. Ferdinand Bronn er, ist wohl Jude, er sei jedoch ein im Ehebruch erzeugtes Kind, da seine Mutter ihn von einem Tiroler Holzfäller, einem Germanen, empfangen hat. Brennen zog es also vor, als ein Bastard zu gelten, als der Schmach, Jude zu sein, zu verfallen! Indessen wird1 er durch Mitteilungen seiner Eltern Lügen gestraft. Mein Gewährsmann teilte mir mit, daß Dr. Friedrich Bronner, des Dtehters Vater, von seinem Sohne stets voller Stolz sprach und bei jeder Gelegenheit auf seine große Begabung hinwies. Auch sei das Verhältnis zwischen Vater und Sohn das erdenklich zärtlichste. Einmal meinte Dr. Bronner, wohl ironisch, Arnolt habe einen „jüdischen Kopf". Als meine Auskunftsperson die Bemerkung machte, es werde gemunkelt, Arnolt sei in Wirklichkeit nicht sein Sohn, lachte Bonner hell auf, rief seine Frau herbei und erzählte ihr von der „Schlechtigkeit der Menschen", die aus Neid derart boshafte Gerüchte verbreiten. Arnolts Mutter war über diese Behauptung ganz entrüstet und sagte, sie würde gegein die Leute, die solche Gerüchte verbreiten, einen Strafantrag stellen. Durch die auffallende Aehnlichkeit des Sohnes mit dem Vater ist diese Behauptung vollends widerlegt. Es steht somit unerschütterlich fest, daß Arnolt Bronnen der leibliche Sohn des Juden Ferdinand Bronner ist. Was Dr. Friedlrich B r o n n e r betrifft, ist folgendes zu bemerken. Er ist am 15. Oktober 1867 als Sohn des streng orthodoxen jüdischen Ehepaares „Esriel" und „Hinde Esther" Bronner in dem galizischen Städtchen Oswiecim (deutsch: Auschwitz), Kreis Knakau, geboren und hielt, wie im Geburtsregister der dortigen Judengemeinde zu ersehen ist, bei seiner Geburt den Namen „E1 i e s e r F e i w e 1". Ferdinand, rekte E I i e s e r B r o n n e r, hat in seiner Jugend die Ghettoschule, den „Cheder", besucht. Er kam aus Oswiecim, wo noch heute einige seiner ehemaligen Spielgefährten leben, nach Bielitz ans deutsche Gymnasium, wo er seine Maturitätsprüfung unter Direktor Waniek ablegte. Von seinen Mitschülern leben noch heute Sn Wien: der Rechtsanwalt Dr. W. Klein undi die Aerzte Dr. J. Kornbacher und Dr. B. Drastich. Ferdinand Bronner war ein sehr fleißiger und braver Schüler, er verkehrte im Hause des Bielitzer Rabbliners, der ihn stark förderte und1 in den besten jüdischen Häusern Eingang verschaffte. Er ging dann nach W i e n, wo er Philosophie studierte. Hier lernte er ein christliches Mädchen, des Dichters Mutter, kennen und trat ihr zuliebe zum Christentum über. Im Archiv des Magistrates Wien befindet sich das von ihm gezeichnete Protokoll vom 10. Dezember 1886, Geschäftszahl 3782,229, womüt er seinen Austritt aus dem Judentum erklärte. Die vom Magistrat an die Wiener Kultusgemeinde ergangene diesbezügliche Verständigung ist mir vorgelegen. Erst nach mehr als zehn Jahren schloß er mit dem von ähm geliebten Mädchen die Ehe. Interessant ist, daß auch Ferdinand Bronner in der letzten Zeit seine jüdische Abstammung entschieden verleugnet. Es wdrd sogar behauptet, daß er sich als ein jüngerer Bruder des Münchener Schriftstellers Franz Josef Bronner, eines Ariers, ausgibt. Ferdinand Bronner ist ein direkter Kusin Samuel Bronners, des Direktors der verkrachten Wiener Lombardbank, und des bekannten Berliner Finanzmannes Jacques Bronner; ihre Großväter waren Brüder. Der Dichter, der dann später als Arnolt Bronnen in den dleutschvölkischen Dichterwald einzog, ist 1895 geboren, also neun Jahre, nachdem sein Vater die Taufe genommen hatte, und war tatsächlich nie mehr bei der jüdischen Gemeinde Wiens eingetragen. Es steht also fest, daß die Behauptung Bronnens, ein im Ehebruch erzeugtes Kindl zu seün, erfunden ist. Er ist, so bedauerlich es für ihn sein mag, nicht das Kind dines Tiroler Holzfällers, sondern das eines Volljuden, dem er auch in Aussehen und Wesen ähnlich ist. Ein mir befreundeter christlicher Schriftsteller erklärte mir, er kenne die Mutter dies Dichters, die eine gute Katholikin ist, seit Jahren. Er halte es für ausgeschlossen, daß sie dem von ihr abgöttisch geliebten Manne untreu wurde, jedenfalls ist es undenkbar, daß sie so schamlos gewesen wäre, ihrem Sohne das Geheimnis zu vertrauen: „Du bist ein Bastard, der Sohn eines Tiroler Holzfällers, der Gymnasdalprofessor und! Schriftsteller aber ist nur dein gesetzlicher Vater." Ferdinand Bronner, der sehr jähzornig ist, würde seine Frau keine Stunde im Hause dulden, wäre er von der Unrichtigkeit der Behauptung seines Sohnes nicht überzeugt. Die Möglichkeit ist aber nicht von der Hand! zu wdisen, daß der Vater mit dem von seiner Frau nie begangenen „Ehebruch" einverstanden ist, da es sich um die „Ehrenrettung" für den Sohn handelt. Nicht unerwähnt möge es bleiben, daß Esriel und Hindle Esther, die Großelte rn des Dichters, bald' nach ihrer Verheiratung des Ritualmordes an ihrem christlichen Dienstmädchen beschuldigt wurden, daß sich aber ihre Unschuld bald herausstellte, da dlas angeblich verschwundene Mädchen nach einigen Tagen wieder zurückkehrte. Im Namen der Kantoren-Sektion der Orgafj nisation der Beamten und Angestellten der Isr. t§ Kultusgemeinden in .der C. S. R. gratuliert ihrem j§ ausgezeichneten Kollegen Herrn Oberkantor | S. Postolow in Wien zum 10. Amtsjubiläum §§ der Sektionsobmann J Oberkantor Armin WilkoWitsch. S n Eger. Ende EIuI 5692. .Tfiiifitiitiiuiiuiiiijiiiiijiiii!iujiiiiiiiiiii]iiiiiijiniijiiitiiiiii]iiiiiiinnnmiiiiiiHiiiiuiuiiiiiiiiiiiMitiinfiifiiti!::i^i:^= s