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Die Wahrheit · 1932-09-30 · Heft 40-41 (30.9.1932) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 40-41 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Zur Jahreswende. m&mmmmmmmmmmumm ÜVOIMKttlE FAHRUN-PENSION Rückblick und Ausblick. Wenn wir an der Schwelle des neuen Jahres einen Rückblick auf das zu Ende gehende werfen, so müssen wir ohne jede Uebertreibung feststellen, daß es zu den schwersten Jahren gehört, die wir im letzten Dezennium erlebten. Wohl bfachte das Jahr keine außerordentlichen Erschütterungen, keine großen Pogroms, keine außergewöhnlichen Drangsalierungen und Verfolgungen, dennoch schüttete es fast ununterbrochen bittere Tropfen in unseren Leidenskelch. Es waren nicht so sehr die Ereignisse und Tatsachen an und für sich, die unsere Nerven in Spannung hielten, als vielmehr die Angst ob der nächsten Entwicklung der Dinge, •die Furcht vor den kommenden Ereignissen, die Trost- und Aussichtslosigkeit für die allernächste Zukunft. Unter dem Zeichen des Hakenkreuzes entwickelte sich eine Bewegung und machte im abgelaufenen Jahre ungeheure Fortschritte, die neben anderen Zielen den rücksichtslosesten Kampf gegen die Juden auf ihre Fahne schrieb; trotz des Wahnwitzes dieser Bewegung folgen Millionen Menschen ihrem Rufe, zieht sie immer weitere Kreise um sich, greift auf die sogenannten oberen Schichten über, wird gewissermaßen regierungsfähig, darf ihre Hände nach der Macht in Kufturstaaten ausstrecken. Die Juden eines mitteleuropäischen 'Kulturreiches müssen, Jahrzehnte nach erfolgter Emanzipation, um ihre Gleichberechtigung zittern, um ihre primitivsten Menschenrechte, um ihr Hab und Gut, ja um ihr Leben... Und diese wahnwitzige Bewegung, sie erfaßt heute auch andere Länder, breitet sich wie eine Seuche aus, vergiftet die Atmosphäre und verbreitet Unheil... Parallel mit dieser Bewegung greift wirtschaftliches Elend immer mehr um sich, werden Existenzen entwurzelt, breitet sich Not und Elend aus — und wie immer und überall werden die Juden am härtesten betroffen. Die allgemeine Not, die um sich greifende Wirtschaftskrise ist der beste Nährboden für die giftige Saat des Hasses, das Unkraut schießt üppig empor, schwarze Wolken verdunkeln den Horizont, nirgends ein Silberstreifen, der das Kommen besserer Tage verkündet; im Gegenteil, die Perspektive ist immer trauriger und düsterer. Die Anspannung der Nerven verzehrt die Widerstandskraft und schwächt die Lebensenergien. Was bleibt da noch zu hoffen übrig?! Dieses Bild entrollt uns ein Rückblick auf das abgelaufene jüdische Kalenderjahr. Und der Ausblick für die nächste Zukunft? Auch dieser ist höchst traurig. Traurig schon deswegen, weil beim besten Willen kein Ausweg zu entdecken ist. Unsere an Leiden und' Drangsalen fiberreiche Geschichte bietet nur wenige Analogien zur heutigen Situation. Wohl gab es immer judenfeindliche Strömungen und Bewegungen, die mit größerer oder geringerer Heftigkeit sich austobten, zahlreiche Opfer forderten und den Juden schwere Prüfungen auferlegten. Das Gefährliche der gegenwärtigen Lage liegt jedoch darin, daß diese rücksichtslose antijüdische Bewegung sich nicht auf den Judenpunkt beschränkt. Mit einer antisemitischen Partei an und für sich könnte man leichter fertig werden; viel schwieriger ist es jedoch, sich einer Bewegung zu erwehren, die zugleich hochpolitische Ziele verfolgt und das gesamte Staatsleben in ihren Wirbel zieht. Wenn die anderen maßgebenden Faktoren nicht die Kraft oder den Willen haben, diese Flut einzudämmen, wenn die höchsten staatlichen Faktoren sich gezwungen sehen, mit diesen Elementen zu paktieren, mit ihnen Verhandlungen zu führen, ihnen Konzessionen zu machen und einen Teil der Macht anzubieten — was könnten wir Juden da ausrichten? Darin liegt die Tragik der Situation, die Trost- und Hoffnungslosigkeit, die unsere Herzen erfüllt. Trotz dieser furchtbaren Situation hätten wir keinen Anlaß zur Verzweiflung, wenn wenigstens wir selbst die Zeichen der Zeit verstehen und richtig deuten würden. Wenn die Möglichkeit vorhanden wäre, alle Kräfte zur Abwehr zu vereinigen und eine jüdische Einheitsfront zu schaffen. Einigkeit macht stark und mit vereinten Kräften läßt sich vieles erreichen. Leider bleibt uns auch dies versagt. Trotz der drohenden Gefahren sind wir zersplittert und zerrissen in Parteien. Gruppen und Grüppchen, in Fraktionen und! Fraktiönchen — selbst innerhalb unserer Parteien gibt es Spaltungen und Reibungen, Differenzen und Kontroversen, Auseinandersetzungen und Eigenbröteleien. In der Feuerlinie stehend, vergessen wir nur allzul'eicht des kategorischen Imperativs des Abwehrkampfes, gehen wir verschiedene Wege, jagen verschiedenen Zielen nach, sehen vor den vielen Blumen nicht den Wald und verlieren das eigentliche Ziel aus den Augen. Auch das wenige, das wir aus eigener Kraft zur Abwehr des gemeinsamen Feindes tun könnten, wird nicht getan... Unser Schiff ist von stürmischen Wellen umbranöet, die uns zu verschlingen drohen, aber unsere sogenannten Steuermänner denken nicht an die unmittelbar drohende Gefahr, sondern führen einen Rede- und Federkrieg wegen weiterer Ziele, werfen grundsätzliche Fragen auf, jagen nebuiosen Plänen nach, verlieren sich in doktrinäre Auseinandersetzungen und machen „große Politik auf weite Sicht"... Wie soll uns da geholfen werden? „Nein, draußen können wir nicht gut Wetter machen; aber in uns können wir gut Wetter machen. Darum sage ich Euch: machen wir in uns gut Wetter, dann wird alles gut sein!" Dieser Ausspruch Berthold Auerbachs sollte für uns gerade in diesen ernsten Tagen das Leitmotiv sein. Wenn wir uns einmal vorübergehend jener Spaltungspolitik entledigen könnten, dfe bereits unsere Propheten gegeißelt haben, wenn wir einen Augenblick lang aufhören wollten und könnten, nur Parteien und Programme zu sehen, wenn es gelingen sollte, in der Stunde der großen Gefahr alle jüdischen Faktoren unter einen Hut zu bringen — dann wäre zumindest der Ausblick für täglich 5-Uhr-T«e iSErMEMN« TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panlians m Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts s p Zentralheizung fließendes Warm- und Kaltwasser |§ ig in jedem Zimmer. g =3 ^3 m Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer fg liinHMHItdlS "= die Zukunft weniger trostlos, dann könnten wir den kommenden Dingen mit etwas mehr Zuversicht entgegensehen... Es ist fürwahr höchste Zeit für diese Wandlung in unserem Lager. Aber nicht nur das allein. Noch stehe!! weite und breite jüdische Kreise abseits; noch ist die Zahl der Gleichgültigen und Indifferenten in unserer Mitte übermäßig groß. Keine Gemeinschaft ist so politisiert wie die jüdische: keine interessiert sich so intensiv für politische Tagesfragen, aber in keiner Gemeinschaft gibt es eine so große Anzahl von Menschen, die sich um alles eher kümmern als um die eigenen Interessen. Das soll und muß anders werden. Die große Not und' die ernste Gefahr soll auch die Gleichgültigsten aufrütteln, die Blinden sehend machen. Dann werden wir mehr Widerstandskraft haben, dann werden wir uns eher der Feinde erwehren können. Möge jeder Jude seine Pflicht erkennen, sich seiner Aufgaben bewußt werden und darnach handeln — dann werden wir mit ruhigeren Nerven und mit größerem Mut der Zukunft entgegensehen. Machen wir in uns gut Wetter — und 'dlann wird alles gut sein! Das Versöhnungsfest Motto: War" nicht das Auge sonnenhait. Wie könnten wir das Licht erblicken? Lebt' nicht in uns dies Gottes eigene Kruft. Wie könnt' uns Göttliches entzücken? » Goethe. Wir begehen das Fest, mit dem das Judentum im Laute der Jahrtausende seines geschichtlichen Bestehens immer inniger zusammenwuchs und das seinerseits dem jüdischen Stamme nach außen hin zum höchsten Ansehen gereichte. Der Lichterglanz des Kolnidre-Abends hat von jeher auf unser Gemüt einen machtvollen Zauber ausscübt; es hat uns dieser Abend eine Weihestimmung vermittelt, die etwas unaussprechlich Seelisches in sich birgt. Ein Gefühlston schwingt in dieser Atmosphäre des Versöhnungabends, der uns neugeboren erscheinen läßt. Freiwerden von Sünden bedeutet schon an und für sich einen riesigen Fortschritt, im sitdichen Leben, es ist das immer der Anfang einer Erneuerung, ein Beginnen. Die ganze Persönlichkeit des Menschen sticht ein neues Verhältnis zum Leben zu gewinnen. Eine neue Einstellung seiner Beziehungen zur Welt, zum Nebenmenschen, zu Gott, als der höchsten und letzten sittlichen Instanz. Der Versöhnungstag ist das Fest der religiösen Erhebung. An diesem Tage fallen alle Schranken, alles Hemmende. das mich vom Urquell des Lichtes fernhielt, verschwindet: ich nähere mich mit meinem ganzen Sein dem Vater, dem König. Owinu, malkenu betet die Gemeinde. Unser himmlischer, königlicher Vater. Gott ist Vater! Zu ihm als zum väterlichen Hort schaut der Jude empor, ihm sich nahen in kindlicher Reinheit des Herzens und in der Einfalt des Geistes, das ist jüdisch. Jedes Volk bedeutet im Leben der Menschheit so viel, wie viel sittliche Werte es prägt, wie viel moralische Gedanken und Institutionen es der Menschheit schenk i. Und die Höhe der Volksmoral hängt im wesentlichen von seiner Gottesvorstellung ab. Das heißt: je reiner, je sittlicher die Vorstellung des Gottesbegriffes in einem Volke lebt, desto reiner, sittlicher ist dessen JJJoral. Nun denn, kein Volk und keine philosophisch» Schule hat eine solch lautere Gottesvorstellung, wie es das Judentum in seinen prophetischen Grundlagen und in den Institutionen des Versöhnungstages geschaffen hat. Die ganze Wurzelkraft des Bekenntnisses, die ganze Wesenheit des religiösen Empfindens spricht sich in der Lehre der Versöhnung aus. Das Verhältnis des Menschen zu Gott: Wir werden neugeboren durch unseren sittlichen Willen. Hier bricht das Judentum bewußt mit den mythischen Vorstellungen von Gott. Gott erkennen, heißt nicht seine Natur erkennen wollen. Wie sagen die Propheten? Gott kennt die Wege des Menschen und dessen Gedanken, aber Gottes Wege sind nicht des Menschen Wege. ilUIIIIIIIIIIIIIIIlM 1 in fornenmer Ifldisclicr Familie I s werden ein oder zwei Pensionäre(innen) S aufgenommen. Pensionspreis S 200.—. §!| Zuschriften unter «Jeglicher Komfort" §§ an die Administration des Blattes. g illlUlllM^ Wolltest du das Geheimnis Gottes tinden? Die Propheten antworten: „Nicht was Gott ist, soll mich Gott Ichren. sondern was der Mensch sei." Das sittliche Leben ist nichts Fertiges, nichts Starrt«, sondern ein Ewigwerdendes. Du kannst, wenn du willst. Und unser Verhältnis zur Menschheit. Jeder Augenblick kann Ausgangspunkt neuer Entwicklung zu höheren Stufen des sittlichen Lebens der Gemeinschaft sein. Und darin unterscheidet sich das Judentum von anderen Religionen und Philosophemen: Unsere Weltanschauung verkündet einen Optimismus, das heißt den Glauben, daß die Menschenwelt intellektuell und moralisch tortschreiten muß. Und ein zweiter Gedanke ist für uns höchst bezeichnend. Der Talmud lehrt: Jom-Kipur hat nur dann eine sühnende Kraft, wenn du dich mit deinen Nebenmenschen versöhnest. Jom-Kipur ist also nicht ein Gnadengeschenk kommt nicht von selbst. Du mußt aktiv vorbereiten den Akt der Versöhnung. Dein Schicksal, dein Heilsgeschick liegt in deiner Hand. Von dir und deinem Entschluß hängt dein Wohl, das Wohl deines Nächsten und der Menschheit ab. Jom-Kipur ist kein einfacher Bittag. wo wir Gebete» und Bitten vortragen. Vielmehr lehrt Jom-Kipur den sittlichen Idealismus. Dein Wiile, deine Seele, deine Persönlichkeit sind nicht passiv, sondern im tiefsten Grunde Aktivität, ursprüngliche Schöpferkraft. Der Versöhnungstag und der Versöhnungsgedanke sind ein Protest gegen alles Tierische, Kleinliche, Halbe in der Menschennatur: Jom-Kipur lehrt: Wenn du auch Naturwesen bist, gebunden an Zeit und Raaim. verwurzelt in den Verkettungen strenger Gesetzmäßigkeit, so bist du doch auch Sittenwesen. Es liegt in dir neben der natürlichen Wirklichkeit die moralische Möglichkeit: Schöpfer. Gestalter einer Menschenwelt zu sein, in welcher alles Natürliche des Trieblebens vergeistigt und versittlicht aufs neue erscheint. Der Imperativ des Jom-Kipur lautet: Handle so, daß du auf Erden die soziale Welt des Gottesreiches stiftest. In Kunst, Wissenschaft. Religion und sozialer Gemeinschaft kannst du als Schöpfer der Welt Gott ähnlich werden. Rabb. Dr. Lazar Roth. Murska Sobota. Ischias, Rheuma, GKM Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Flehten-, Kohlensäurebäcler, Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8-6 Uhr, Hellan«<aH ..Tbermla" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer

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