Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT!! Deutsch - Englische Kindergemeinschaft!! Schulkinder und Kleinkinder werden ganz intern, halb intern und nachmittags aufgenommen. Sprachen, Schulnachhilfe, Musik, Sport. Bekannt mäßige Preise. EIN Rothwiin: 911., MariaMIferst. 11 Tel. B 36-0-52, Sprechst. 9-11 Uhr Winter: 14 tag. Skikurs Sommer: eigenes Ferienheim. Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger ^^^^^^^^^M^MHMMHHH^^HV L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-5-29 ♦ IL, Hollandstraße 11 Telephon A 47-2-40 den Nationalsozialismus als Bekämpier der Gleichberechtigung der Juden gerne Gefolgschaft leisten. Vor diesem Leisetreten werden wir uns nicht schützen können. Alle Juden haben heute in Oesterreich und in Deutschland einen gemeinsamen Feind, den rapid wachsenden Antisemitismus. Auch vor den Türen jener „objektiven" Juden werden sie nicht Halt machen, die heute sich noch als deren Freunde bezeichnen. Auch «fieser Juden Kinder werden vor verschlossenen Türen stehen, trotzdem sich ihre Eltern so sicher gefühlt haben. «••■•■■■••*■■•■•■•« Wo immer Juden eine Gemeinde bilden, sammelt der Versöhnungstag einen großen Teil zu gemeinsamem Gebete und weckt Andacht und Stimmung, der man fast ein Jahr lang entraten hat. Schon das wäre GTund genug, um diesem Tage alle Aufmerksamkeit und Bedeutung beizumessen, denn es ist eine große Sache um dieses Gebet am Versöhnungslage, das ein Stück der jüdischen Seele ist. Das Leben und die Einstellung der Menschen zur Religion stehen in sichtlicher Wechselwirkung zueinander und man kann sagen, daß es Zeiten gibt, in denen man mehr und solche, in denen man wenig für sie übrig hait. Aber bei uns Juden ist als ein sozusagen unantastbares Recht der Versöhnungstag geblieben und Volksmund und Volksurteil bricht den Stab über den, dem selbst dieser Tag nicht mehr heilig ist. Vielleicht ist auch hier Volkesstimme Gottesstimme und hat da die Ansicht des gemeinen Mannes ihre gute Berechtigung. Der große seelische Sturm, die gewaltige: Erschütterung des Gemütes, die an diesem Tage des göttlichen Gerichtes ehedem unsere Vorfahren durchbebten, sie gleichsam von dieser Welt fortrissen und in eine andere Welt versetzten, sind dem Geschlechte der Gegenwart nicht mehr zu eigen; man geht ruhig und gefaßt dem Tage und dem Gottesurteile entgegen, durchlebt ihn ohne schwere seelische Aufregungen, man erfüllt seine Pflicht gegen Gott und Religion und--ist mit sich sehr zufrieden. Am Versöhnungstage wird das Buch Jona vorgelesen, ein Buch, das man immer wieder durchlesen und durchdenken kann. Gleich im Anfange dieses Buches hört man von einem Seesturm, der das Schiff, auf dem Jona fährt, erfaßt, in Seenot bringt und mit dem Untergang bedroht. Es ist leicht zu erraten, daß diese Geschichte von dem Seesturm auf unser Leben angewendet werden kann. Der Versöhnungstag bedeutete ja ehedem wirklich so einen Sturm auf dem Meere des Lebens, in dem unser Lebensschifflein arg hin und her geworfen wurde. Der Jörn kippur ist der große seelische Sturm, der die Seetüchtigkeit unseres moralischen Fahrzeuges kundtun soll, der Sturm, den Gott schickt, um festzustellen, wer leben und wer sterben, wer die Fahrt überstehen wird und: wer nicht. Die seegewohnten, meererfahrenen Schiffsleute, so erzählt das Buch weiter, gerieten in Furcht, beteten und schrien, jeder zu seinem Gotte. und warfen die Geräte über Bord, um das Schiff zu erleichtern; Jona aber war in den Schiffsraum hinabgestiegen, legte sich schlafen und schlief ein. Diese Schilderung, lebenswahr und tatsachengerecht. zeigt zweierlei Menschennaturen. Wer heute es als Jude nicht erkennt, was seine Pflicht als Mensch ist, wer heute sich nicht als Kämpfer für gleiches Recht unter Ausschaltung aller gekünstelten nationalen Belange in die Reihen seiner Glaubengenossen stellt, wer heute noch der Meinung ist, daß wir uns nicht zusammenschließen müssen, um wirksam unseren Gegnern entgegentreten zu können, der belügt, der betrügt sich selbst. Es kann keinen Juden mehr geben, der nicht zur Erkenntnis gekommen ist, wie schlecht es uns Juden geht. Und wer trotz dieser Erkenntnis noch immer dem Kampfe fernesteht, beweist, daß er kein Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen besitzt und daß die Fürsorge, die er vielleicht in der Lebenshaltung seinen Kindern zuteil werden läßt, Gaukelei bedeutet gegenüber dem Schrecklichsten, dem wirtschaftlichen Untergange, der ihnen droht. Wenn wir am Neujahrstage uns die Hände reichend wünschen werden, es möge das künftige Jahr jedem Einzelnen Glück und Zufriedenheit bringen, dann mögen wir alle durch diesen Händedruck mit den Wünschen den gegenseitigen Treuschwur verbinden, fest zusammenzustehen, um unseren Kindern eine bessere Zukunft zu erkämpfen und uns selbst wieder jenen Platz zu erringen, der uns als Menschen und Bürger in diesem Staate gebührt und den zu fordern wir berechtigt sind. Die einen tun, was sie können, um gegen das Schicksal anzukämpfen, wehren sich gegen das Verhängnis, geben Hab und Gut preis, um ihr Leben zu retten; der andere bleibt untätig gegenüber dem, was geschieht, er schläft, mag geschehen, was da will. Jona, der Prophet, ist der Schläfer in der Zeit der Not und Gefahr, eine Erscheinung, die wir nicht recht verstehen, kaum begreifen können. Solche Ruhe, solche Gleichgültigkeit, man möchte sagen stumpfe Teilnahmslosigkeit, kann auch der Schiffshauptmann, dem Seenot und Gefahr nicht unbekannt sind, nicht begreifen und herrscht Jonas an: „Was schläfst du — stehe auf und rufe zu deinem Gotte!" — Dieser Schiffshauptmann ist der erste, der gegen den religiösen Indifferentismus, gegen die teilnahmslose Gleichgültigkeit Stellung nimmt Wenn alle beten, soll niemand schlafen; wenn die Gesamtheit Gott anruft, um Hilfe aus Not und Gefahr fleht und schreit, soll ein einzelner sich nicht fernhalten, als ginge ihn das Schicksal aller nichts an. Im Talmud erzählt R. Aschi, daß R. Kahana, wenn Unglück in der Welt war, das Obergewand ablegte, die Hände faltete und zu beten pflegte, indem er sagte: „Wie ein Sklave vor seinem Herrn!" d. h. der Mensch ist auf Gnade und Ungnade, Gedeih und Verderb seinem Gotte ausgeliefert und darum ist falscher Stolz schlecht am Platze. An einer anderen Stelle im Talmud heißt es: „Wenn ein Baum seine Früchte vorzeitig abwirft, so bestreiche man ihn mit Farbe und belaste ihn mit Steinen, damit die Leute ihn sehen und für ihn beten, denn es wird gelehrt: man muß sein Leid öffentlich kundtun, damit die Menge für einen um Erbarmen flehe." — Wie jener Schiffshauptmann des Jona an die Kraft des gemeinsamen Gebetes, von dem sich keiner ausschließt, glaubte, so glaubt auch der Talmud und das Judentum an die Kraft und Macht des Gebetes der Menge. Der große Sturm, der unser Leben bedroht, ist das Gottesurteil, das am Jörn kippur über uns allen schwebt. Wie winzig und unzulänglich Menschenkraft gegenüber dem Wüten der Elemente ist, zeigt kein Bild besser als ein Schiff im Sturme auf dem Weltmeere: ,,D» hilft nicht den Weisen ihr berühmter Name und den Männern der Bildung kommt kein Vorrang", sang einst Jehuda Halevy, unser größter Dichter, selbst auf sturmgepeitschtem Meere. Klein und winzig ist Menschengröße gegenüber dem Wüten der Natur, gegenüber dem Zorne Gottes. Die religiöse Gleichgültigkeit ist entschuldbar, wo es gut geht, wo keine Not und Gefahr droht, — wo der Mensch scheinbar nichts zu beten hat. Kommt aber die Zeit der Not, geht es um Gut und Leben, dann ist der Schläfer, der teilnahmslos der Ruhe pflegt, eine klägliche Erscheinung, der mit Recht die Wut der Menge gilt, wie ja auch die rauhen Schiffsknechte keinen Augenblick zögern, Jona über Bord zu werfen. Ucr Versöhnungstag Israels hait seine große Kraft, seine Stellung, die ihn kennzeichnet als den Tag, der „ein ganzes Jahr aufwiegt", lediglich deshalb, weil er eine so einigende, sammelnde und bindende Gewalt auf alle Juden ausübt, weil er die Schläfer aufrüttelt, die Gleichgültigen und Lauen emporreißt, weil er alle vereinigt zum Gebet, zum Dienste Gottes. Er ist die Zeit der Sündennot, des seelischen Sturmes, der Augenblick, der entscheidet, ob unser Schiff seine Fahrt machen wird' oder nicht. Da ist der Anteil aller heilige Pflicht, die Teilnahme aller selbstverständliches Gebot. Wir alle sollen Jörn kippur halten, wir alle sollen Gottes Gnade. Gottes Verzeihung erbeten! Wer sich ausschließt, gefährdet nicht nur sein eigenes Heil, gefährdet das Heil aller. Sieht man den Bestand des Judentums von heute an, so findet man geteilte Anschauungen. Die Freisinnigen halten an den großen Wahrheiten fest, verwerfen aber den Buchstabenglauben; die Strenggläubigen lieben die Formen, vergessen aber den Gang der Jahrhunderte; die, die Palästina aufbauen wollen, erhoffen sich dort den alten Glauben mit altem Lande vereint; jene, welche sich dem Gedanken der Nation ganz zuwenden, halten von dem verbindenden Werke der Religion nichts, von dem der nationalen Idee alles. Wie einst jeder, d'er die am Tempelberge zum Feste versammelten Menschenmassen sah, den Segensspruch sagen sollte: „Gelobt sei, der die Geheimnisse aller kennt; wie die Angesichter einander nicht gleichen, so gleichen auch einander nicht d5e Gesinnungen", so müßte eigentlich noch heute jeder Jude einen besonderen Segen sprechen, wenn er sieht, wie der Jörn kippur sie alle, welcher Ansicht und Einstellung sie auch in bezug auf Judentum und Judenfrage sind, dennoch einigt und vereinigt im Streben und Willen, ihrem Vater im Himmel zu dienen, sich von ihrer Sündenlast zu befreien. Es ist eine große Sache um diesen Einiger im Jud'entume, um den Versöhnungstag, den alle noch immer hochhalten, daß wir wahrlich jedem zurufen können, der seinen Teil an Teilnahme verweigert: „Warum schläfst du, bist untätig und teilnahmslos?" Sieht man aber erst das religiöse Leben des Gegenwartsjudentums an, so kann man mit gutem Rechte sagen, daß gerade noch der Jörn kippur eine gewisse Macht ausübt, ansonsten aber die Religiosität auf einen Bruchteil des Judentums beschränkt ist. Aber es ist ein großes Unrecht, daß man immer erst auf einen großen Sturm wartet, ehe man sich der gemeinsamen Pflicht inne wird, ehe man den Weg ins Bethaus findet. Schon einmal hat ein Prophet Israel zugerufen: „Kehre zurück, Israel, zu deinem Gotte, denn du bist gesunken durch deine Schuld!" Die Schuld ist nicht böser Wille, Trotz oder Bosheit, sondern — wie es der Schiffshauptmann gesagt hat, „was schläfst du" — die Gleichgültigkeit, die uns der Pflicht gegen Gott vergessen läßt. Der Schläfer sind viele. Wohl wachen sie, sind tätig, eifrig, regsam, wenn es um die Dinge der materiellen Welt geht, sind aber müde, schläfrig, träge, wenn es um die Dinge Gottes geht. Der Versöhnungstag ruft jedem zu: „Auf, rufe zu deinem Gotte!" Lassen wir diesen Ruf an unser Ohr dringen, lassen wir ihn unser Herz erobern, daß jeder Gott diene, auch wenn die Seenot noch nicht das Schiff bedrängt, damit wir Kraft für Herz und Seele finden und sammeln, um glückliche Fahrt im Leben zu tun und zu retten aus dem Sturme, was der Ahnen heiliges Gut ist und es glücklich in den Hafen bringen zum Segen für uns, Kinder und Enkel. HlllllllllinillllllllllllllllIHHIIIIINIIIIIIIIIIIIIIlllluiMMlnitlinilMIUlHIIHHIIMMMIIIIMI Warum schläfst du?" Eine Betrachtung zum Versöhnungstage. Von Dr. V. K u r r e i n, Linz.