Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT allem Guten gestählt. Diese Hanna war ebenso hoch gebildet, als feinsinnig und freisinnig. Die Haphtara will uns das andeuten, wenn sie uns erzählt: Jedes Jahr zu Rausch Haschono zog ihr Mann Elkana hinauf ins Heiligtum; früher zog auch Hanna mit. Seitdem sie aber ihren Samuel hatte, wallfahrtete ihr Mann allein. Jezt sagte Hanna: (Ki omroh...) „Nein, jetzt bin ich Mutter, ich habe heilige Pflichten, mein Haus ist jetzt nicht nur meine Welt, das ist fortan auch mein Heiligtum." Solchen Geistes waren die Lehren, die der kleine Samuel von seiner Mutter erhielt. (Umei'I koton taasse lau immau.) Die Bibel erzählt uns, und das darf symbolisch gelten: „Bevor Samuel das Elternhaus verließ, hatte ihm seine Mutter einem kleinen Mantel gemacht." Der Talmud fragt: Nach dem Gesetz der Sprache hätte es doch heißen sollen im Perfektum „ossesso lau", — was will das Futurum „taasse"? Der Mantel war ihm für alle Zukunft als unzertrennlich mit auf den Weg gegeben. Dieser Mantel von Mutters Hand ist ihm nie zu eng geworden, er ist mit ihm gewachsen, ihm durchs ganze Leben treu geblieben. „In ihm ist er groß geworden, in ihm ins Grab gestiegen, in ihm ist er auferstanden", — auferstanden in jedem jüdischen Kinde, das von solcher Mutter erzogen und dieser Erziehung ein lebendes Zeugnis wurde. Was hier von Hanna erzählt wird, das galt Jahrtausende hindurch als Vorbild für alle Mütter unseres Volkes, für alle Frauen in Israel. Dadurch war das jüdische Familienleben ein so unvergleichliches Wunderbild geworden, bis die neueste Zeit kam und auch hier ihr Zerstörungswerk begann. Wenn wieder Mütter, wie Hanna, dem Juden als höchstes Ziel seiner Wünsche in Ehren stehen werden, dann werden auch wieder Kinder wie Samuel die Zierde des jüdischen Hauses, das Glück und die Freude jüdischer Eltern sein. Dem Wunsche Haschiwenu, dem Gebet um Rückkehr der Tage, wie sie einst gewesen, muß, will es auf Erhörung rechnen, vorangehen die Umkehr der Herzen (weheschiw lew owaus al bonim). Die Herzen der Eltern müssen sich nicht nur der Schaffung günstiger Erwerbsbedingungen für die Kinder, sondern zunächst und vor allem wieder ganz der Erziehung der Kinder zuwenden, dann (welew bonim al awaussom) werden sich auch die Herzen der jüdischen Kinder wieder zuwenden den Eltern und damit — dem Judentum. G. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 99 Von Dr. Karl Vizepräsident der „Union Mittelalterlicher Haß schleicht wieder durch die Gassen. Eine aufgestachelte und irregeleitete Menge tobt: „Juda verrecke!". Deutsche Kultur treibt ihre merkwürdigsten Blüten: Friiedhofsschändungen und Besudelung von Gotteshäusern. Zügelloser Kampf wütet gegen alles Jüdische. Kaufläden werden geplündert, Kaufleute von den Märkten vertrieben, Studenten aus den Hörsälen gejagt, Juden niedergeschlagen. „Kauft nicht bei Juden!" ist die Parole. Sie erscheint in Druckschriften, wird an die Wände geschmiert. Juden kein Amt, Juden keine Anstellung, Juden kein Brot, Juden kein Recht — so will es der moderne Haman. Trüb ist der Rückblick auf das abgelaufene jüdische Jahr und der Ausblick in das neue ist wahrlich kein Blick in eine hellere Zukunft. Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor klar zutage, liegenden Tatsachen und wir dürfen uns keiner Täuschung über die wahre Sachlage hingeben. In naher Zeit äst keine Besserung zu erwarten, dem Kundigen ist es vielmehr klar, daß die Verhältnisse sich immer mehr zuspitzen und die kommenden Zeiten immer größere Gefahren bringen werden. Immer lauter wird das „Juda verrecke!" erdröhnen und man wird! auch in Oesterreich nach deutschem Muster zu Taten übergehen. Nichts liegt nun näher, als dem Rufe: „Juda verrecke!" ein: „Juda erwache!" entgegenzusetzen. Immer lauter gelle dieser Schrei in die Ohren der abseits stehenden, der lauen und! gleichgültigen Juden, die sich noch immer nicht ihrer Zusammengehörigkeit mit uns bewußt werden, die die Gefahren nicht sehen wollen, die auch ihnen drohen, als ob sie auf einer einsamen Insel im Weltmeere lebten. Noch fühlen sie sich sicher in ihren stolzen Häusern, in ihren festen Wohnungen, in ihren gegenwärtigen Positionen. Und doch ist der Grund, ohne daß sie es vielleicht merken, stark unterwühlt, die Wogen des Hasses werden auch sie erreichen — auch für sie wird es dann kein Entrinnen geben, denn sie sind Juden, mögen sie auch tausendmal es hinausschreien, daß sie mit dem Judentum nichts gemeinsam haben. Darum ist es für sie ein Gebot der Stunde, zu erwachen, aus ihrem Traume von Sicherheit und Geborgenheit, und die Reihen ihrer Brüder zu stärken in dem aufgezwungenen Kampfe um jüdisches Recht und jüdische Ehre. Sie müssen sich endlich bewußt werden, daß sie zu uns gehören wie wir zu ihnen, daß bei uns ihr „angeborener Platz" ist. Hier gibt es keine verschiedenen, nur gleiche Interessen, die Stunde der Gefahr nicht allein für Vermögen und Existenz, sondern auch für Sicherheit und Leben — sie muß uns einigen und' zusammenführen. Juda erwache!" Steiner, österreichischer Juden". Der Ruf: „Juda erwache!" gilt aber nicht allein diesen unseren Brüdern, er dröhne auch in die Ohren jener Juden, die noch immer traumbefangen dem jüdischen Nationalismus huldigen und', wie mit Blindheit geschlagen, die Gefahren nicht sehen oder nicht sehen wollen, die gerade ihr nationales Bekenntnis und ihre nationalen Forderungen für uns Juden heraufbeschwören. Sie wollen in der Gesamtheit der Juden dieses Staates nur eine völkische Minderheit und' nicht wie wir nur eine religiöse Gemeinschaft erblicken. Damit geben sie aber — gewiß nicht in Verkennung der wahren Sachlage, sondern nur um eines unerfüllbaren Traumes willen, denn auch nach den Worten ihres gewesenen Führers Weitzmann wird es einen „Judenstaat" nie geben, — den Judenfeinden die Handhabe, uns als eine Fremdnation in diesem Staate wirtschaftlich und! politisch zu bekämpfen. Ihr Judenhaß wirkt sich nicht in konfessioneller, sondern nur in nationaler Richtung aus. Unsere Feinde beziehen nur jene Position, die unsere eigenen Brüder einnehmen, indem sie uns trotz unserer mehr als tausendjährigen Ansässigkeit auf diesem Boden nicht als hier bodenständig ansehen und in uns nur ein Gastvolk, ein Fremdvolk erblicken, das in diesem Staate kein Heimatrecht besitzt. Die Feindschaft richtet sich nicht gegen uns als eine religiöse, sondern als eine völkische Minorität, die wir nicht sein wollen, weil wir es tatsächlich nicht sind, was aber unsere jüdischen Fanatiker des nationalen Irrglaubens nicht wahr haben wollen. Darum ist es notwendig, daß auch unsere Jüdischnationalen erwachen, die Schädlichkeit und Gefährlichkeit ihrer nationalen Landespolitik erkennen und mit uns gemeinsam den Kampf führen gegen den gemeinsamen Feind. Unseren antisemitischen Feinden von drüben und unseren nationalen Gegnern von hüben möchte ich die Worte Goethes entgegenhalten, die wahr sind und wahr bleiben: „Das israelitische Volk ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovas durch die Zeiten zu verherrlichen." Schließt die Reihen! Von Dr. Ernst Feldsberg. War es Absicht oder ist es Zufall, daß gerade an den Tagen, an denen wir Juden unser Neujahrsfest feiern, die nationalsozialistische Partei Oesterreichs ihren Parteitag nach Wien einberufen hat? Es soll diese Frage nicht überprüft werden. Allein die Tatsache genügt, sich mit dem eigenartigen Zusammentreffens unseres Neujahrsfestes mit dem Parteitag der Kämpfer für das „Dritte Reich" zu befassen. Wir werden in. diesen Tagen in den Straßen unserer Stadt uniformierte Hakenkreuzler, als Gegendemonstranten in Uniform aufgebotene Schutzbündler, wir werden in den Straßen dlas durch die politische Verhetzung uns schon bekannte Bild des Aufgebotes aller verfügbaren Polizeikräfte zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung sehen können. Wien wird wieder einmal der Schauplatz politischer Aufmärsche sein, die Bevölkerung dieser Stadt wird wieder in Sorge sein, ob ihr Leben, Hab und Gut gegen politisch verhetzte Massen wirksam geschützt wird' werden können. Wir Juden wissen, daß die Nationalsozialisten überall ihr „Juda verrecke!" dtorch die Straßen brüllen werden, der Kampf gegen uns wiTd von den Führern in ihren Versammlungen gepredigt werden, die Zeitungen dieser Partei werden sich in den Dienst d!er Judenhetze stellten. In diesen bewegten Tagen werden wir unser Neujahrsfest feiern. Jeder Jude, der die diesem Feste von unserer Dogmatik zugrunde gelegte Idee kennt, wird! an diesen ernsten Tagen ein wenig das vergangene Jahr noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen und gleichzeitig sich Gedanken über das kommende Jahr machen müssen. Es sei mir gestattet, die Gedanken, die uns alle in diesen Tagen beschäftigen werden, einmal vor aller Oeffentlichkeit auszusprechen. Ein Jahr bitteren Kampfes um die wirtschaftliche Existenz ist vorüber, ein Jahr, in dem alle Juden erkennen mußten, daß der durch die Krise geschaffene Radikalismus im Juden den besten Prügelknaben gefunden hatv ein Jahr, in dem wir verstehen lernten, daß der praktische Antisemitismus gewaltige Formen angenommen hat, ein Jahr, in dem so oft das uns als Bürger dieses Staates gewährleistete Recht mit Gewalt unter Duldung öffentlicher Organe gebeugt wurde. Wir erinnern uns alle, wie viele jüdische Existenzen Opfer antisemitischer Verhetzung geworden sind, wir wissen nur zu genau, wie viel jüdische Angestellte und! Arbeiter auf das Pflaster geworfen wurden, nicht vielleicht weil sie untüchtig, sondern weil sie Juden waren. Es gibt keine jüdische Familie, die nicht in ihrem eigenen Kreise erkennen mußte, daß der Antisemitismus immer neue Opfer fordert. Wir stehen nicht am Ende dieser harten Zeit, wir müssen in die Zukunft blickend zugeben, daß noch weitere Opfer von uns Juden werden gebracht werden müssen. Wir dürfen uns darüber nicht täuschen, daß der wirtschaftliche Boykott der Juden noch lange nicht tien Höhepunkt erreicht hat. Und trotzdem wollen, dürfen und werden wir nicht verzweifeln, sondern, vertrauend auf die durch unsere Glaubenslehre "der Welt gegebene Idee der Menschlichkeit, der Freiheit und der Menschenachtung, über alle reaktionären Ideen hinweg einer besseren Zukunft entgegensehen. Wenn wir auch diese Hoffnung nicht aufgeben werden, weil sie zwangsläufig in Erfüllung gehen muß, so müssen wir doch für d'en Augenblick darüber nachdenken, wie wir uns der versuchten Entrechtung in diesem Staate erwehren werden. Wir können nicht die Situationen voraussehen, in die wir alle oder einzelne im kommenden Jahre durch den Antisemitismus werden gebracht werden, aber wir können Vorsorge treffen, daß all diese Versuche uns als einer geschlossenen Kampftruppe für die Erhaltung und Wahrung unserer Rechte begegnen. Gerade ein großer Teil der Wiener Juden hat sich besonders geachtet und geehrt gefühlt, wenn er darauf hinweisen konnte, daß er sich zeitlebens einer besonderen „Objektivität" gegenüber unseren Mitbürgern befleißigt hat und daß er aus diesem Grunde die besondere Achtung auch jener Kreise genießt, von denen wir behaupten, daß sie, wenn nicht offen, so döch in ihrem Inneren