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Die Wahrheit · 1932-09-30 · Heft 40-41 (30.9.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 40-41 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Erst mit dem letzten Pulsschlag, dem Stillstand seines Herzens nimmt er ein Ende (jowau scholaum jonuchu al mischekewaussom); erst dann zieht der Friede ein in das Gemüt des Menschen, wenn er auf seinem Sterbebett liegt, auszuruhen in ewigem Schlaf. So lange er lebt, kennt er kein ruhiges Glück und wenn er auch alle Ursache hätte, mit seinem Geschick zufrieden zu sein, der Wohlstand seines Nachbarn stört schon seine Ruhe. Ach, neben ihm wohnt einer, einer, der hat ebenso viel wie er, — da nagt die Mißgunst wie ein Wurm an seinem Herzen. Neid und Habsucht erwecken ein Heer von Sorgen, gönnen dem Menschen keine Ruhe und Rast, stören seine Zufriedenheit, machen ihm das Leben zur Wüste. So heißt es in unserem Schriftabschnitt: „Gott war mit dem Knaben, (wajigdal) .wie er aber heranwuchs, da ließ er sich nieder in einer Wüste, er ward ein wilder Kämpfer, ein Bogenschütze." Meint Ihr, das war nur die Geschichte des Ismael? Das ist die Geschichte eines jeden Lebens, die Lebenstragödie eines jeglichen Menschen. Solange er Kind ist, solange thront Gott in seiner Seele, Gottes Unschuld und Gottes Friede in seinem Herzen. Sowie er (wajigdal) jedoch groß wird, der Mensch, in den schwülen Sommer des Lebens tritt und zum Manne reift, da wird das Leben eine Wüste für ihn, heißer Sand brennt unter seinen Füßen, ein heißer Himmel glüht über seinem Haupte, ein Kämpfer und ein Bogenschütze wird er, in ewigem Krieg und Kampf mit dem Leben. Darum mahnt uns der heutige Tag an die Kürze und Flüchtigkeit des Lebens, und unter diesem Eindruck ringt sich aus unserem Herzen das Gebet (Haschiwenu...): „Führe uns zurück, o Gott, denn wir wollen umkehren; erneuere unsere Tage, wie sie ehedem waren!" Die Zeiten zu erneuern, die vorüber sind, daß unser Leben wieder so werden möchte, wie es einst gewesen! — manche freilich, viele vielleicht, gibt es, die das wirklich darum wünschen, weil sie mit Sehnsucht, ja mit tiefem Schmerz zurückbücken in die Zeiten, wie sie sie einst durchlebten. Sie waren ja einmal viel glücklicher, als sie es jetzt sind. Das Leben lag einmal so heiter und rosenfarbig vor ihnen da, sie wiegten sich in Hoffnungen, in süße Träume, die aber nunmehr wie Seifenblasen, wie Luftschlösser in nichts zerronnen sind. Damals waren sie jung und kräftig und bückten so hoffnungsfreudig in die Zukunft, — doch ach, diese Zukunft hat sie nicht eingelöst, die Wechsel, die Anweisung, die ihnen die Vergangenheit ausgestellt Jetzt stehen sie gebeugt da, entblättert wie der kahle Baum im rauhen Sturm des Herbstes. AUe diese Enttäuschten fredlich wünschen, wenn es ginge, den roUenden Wagen der Zeit wieder umzukehren; aus voüer Seele strömt ihnen das Gebet: „0 führe uns wieder, o Gott, zurück, wie gerne möchten wir werden wie ehedem!" Nicht in diesem Sinne wünschen wir uns die früheren Zeiten zurück. Mahnt doch so klug der weise König: „Sage nicht, daß die früheren Zeiten besser waren", sondern suche aus der Gegenwart das Gute heraus, suche sie, und wäre sie noch so arg, Dir erträglich zu machen, und ist sie noch so schwankend und unsicher, Du bleibe fest, — ist sie noch so schlecht, Du bleibe gut! Nein, nicht Zeiten mit besseren Chancen' wünschen wir uns zurück, sondern Zeiten mit besseren Herzen, Zeiten, in denen jüdische Kinder noch Pietät kannten, in denen jüdische Eltern noch eine nicht erzwungene, sondern eine herzgebotene Autorität bei ihrem Kinde genossen, eine Autorität, die so natürlich und selbstverständlich war, wie das Leben und seine Erfordernisse, so heilig, wie sonst nichts auf Erden. Zeiten, in denen das jüdische Kind ein Glück, das höchste in dieser Welt war, in denen jüdische Eltern in ihren Söhnen und Töchtern nicht Erben, sondern Kinder sich erzogen. Zurück möchten wir im Herzen zu jenem Paradies der Kindheit, da wir reinen Herzens und unbeschwerten Gewissens vor unsere Eltern hintreten durften. Und diese Reinheit zurückzugewinnen, bietet sich jetzt in unseren Jomim nauroim die Gelegenheit Aber auch der Anstoß zu der Frage: Warum ist es so anders geworden in dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in unserem Judentum? Des Rätsels Lösung enthalten vielleicht die ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets: Aleph Beth. — „Aleph" heißt auf deutsch etwa „der Lehrer", „Betii" bedeutet „das Haus"; „Aleph Beth" somit: Der rechte Lehrer eines jeden Menschen ist das Haus, keine Schule der Welt kann sich mit dem Hause messen. Alles, was der Mensch einmal gelernt hat kann er wieder vergessen: Mathematik und Geographie, Weltgeschichte und fremde Sprachen; eines bleibt unverüerbar, unvergeßlich: „Aleph Beth" — die Eindrücke aus dem vElternhause. Daran ermnert-^^ims die eine Haphtara unseres Festes. In dieser Haphtara wird erzählt, wie der große Prophet Samuel erzogen wurde. Dieser Samuel war einer der größten Männer, der kühnsten Geister, die je auf Erden lebten. Einer der großen Führer und Lehrer der Menschheit die die Weltgeschichte in ihrem Ehrentempel, in ihrem Pantheon1 aufgestellt hat. „Mose und Aharon unter seinen Dienern und Boten, Samuel unter seinen Verehrern und Verkündern voran!" So sagt die Schrift. Anders dachte Samuel. Feuilleton Eine Neujahrslegende. Von Prof. Dr. K. Kupfer. Die polnische Großstadt hatte viele kleinere Bethäuser, deren Ruhm von der besonderen Tüchtigkeit des Vorbeters oder von der großen Weisheit des Rabbiners abhängig war. Ein Bethaus darunter hatte den Ritus der Chassidim und sein Rabbi war ein großer und beliebter Redner. Seine Vorträge bildeten oft das Tagesgespräch der jüdischen Bevölkerung und besonders seines Tempelvereines. Aber dieser Rabbi MeTr war kein gewöhnlicher Rabbiner. Er war der Ratgeber seiner ganzen kleinen Gemeinde und kümmerte und sorgte sich sehr um ihre Seelen, die er alle überwachte. Wenn der Kantor die kleinen Buben für die hohen Feiertage einübte, eiferteer die Kinder zum Singen an. „Singt mit, Kinder," sagte er und hub selber an und seine klare Stimme übertönte alle die anderen. „Wie hübsch ist das", riefen draußen die Zuhörer aus, „uns ist, als ob die ganze Welt mitsänge". Einmal, im Sommer, nach Schewuaus. hörte die Frömmigkeit im Bethause auf. Der Rabbi war entsetzt Die Leute kamen nicht rechtzeitig zum Beten. Ihr Gebet war nicht andächtig und es sangen auch nicht alle mit Der Rabbi setzte sich am Sabbatnachmittag in seinen großen Stuhl und ließ traurig den Kopf hängen. So vergingen Wochen und Monate, aber es wurde nicht besser. Oft vertiefte sich der fromme Rabbi in. seine Bücher und sachte dort Rat und Trost. Wohl waren die Zeiten sehr trist, die Menschen klagten über den schlechten Geschäftsgang, aber es fiel ihnen nicht ein, die Hilfe Gottes anzurufen. Die Tage waren sehr heiß und glühend war die untergehende Sonne. Die Menschen waren von einer förmlichen Wanderkrankheit befallen, alles ging und wanderte rastlos umher. „Dieser Sommer ist so lang, er nimmt kein Ende", dachte der Rabbi. Seine ganze Hoffnung war der Monat Elul, der Monat des Schofarblasens. Diese Töne müssen die Menschen aufrütteln. Der Vers des Propheten Arnos summte ihm in den Ohren: „Wenn die Posaune in der Stadt ertönt, muß nicht das Volk erbeben?" Die Posaune ertönte jeden Morgen, aber das Volk erbebte nicht Die Hände des Rabbi zitterten, als er die Posaune hob. So stand er hüfos in der Synagoge. Abends blickte er zu den Sternen am Himmel, bei ihnen Hilfe erspähend. Rabbi MeTr träumte und sah die Raubtiere der Wüste, die Löwen mit ihren weißen Zähnen, die Tiger mit ihrem fleckigen Fell und hinterdrein die Schakale mit ihrer kranken Gier nach Aas. Als er erwachte, wußte er, das waren die Triebe des Menschen, die über ihn herrschen. ..Wenn ich so in die Seelen hineinschauen könnte", dachte er, „wie man durch eine Glasscheibe in ein Haus sieht, so würde ich nicht dien Scharten einer Frömmigkeit sehen." Indessen vergingen wieder die Tage, es kamen die Selichot die Bußgebete und es nahten die hohen, furchtbaren Tage Neujahr und Jörn Kippur. Der Rabbi sah ganz blaß aus. Wie wird seine Gemeinde die „furchtbaren" Tage aushalten? Er dachte an R. Jochanan b. Sakai, der das irdische Gericht fürchtete und viel mehr noch das himmlische Gericht Neujahr ist doch der Tag des Gerichtes. Da kam der Rüsttag des Neujahrs. Die Bußgebete waren so rührend, aber die Menschen kamen mehr aus Gewohnheit in den Tempel und der Rabbi ertappte einen und den anderen, wie er über dem Gebetbuch schlief. Der Rabbi starrte mit seinen großen Augen vor sich hin und seine Hände hielten krämpfhaft das alte Gebetbuch. Nach dem Gebete stand er auf und klopfte auf das Buch. „Unsere Brüder, Kinder Israels," rief er laut, „bleibet noch hier, ich will eine Geschichte aus einer alten Zeit erzählen". Alle staunten und schwiegen. Es war so still, es schwirrte kaum eine Mücke über dem Licht. Kein Laut erscholl, außer dem Bellen eines Hundes im Hofe. Dann erstarb auch das. Der Rabbi hub an: ... Es war in alter Zeit, da lebte in der Stadt ein sehr reicher und mächtiger Mann. Er hatte einen einzigen Sohn, dem all diese unermeßlichen Reichtümer gehören sollten. Der Vater hatte stete Angst um den Knaben, da es im Orte von Räubern wimmelte. „Du sollst nie allein ausgehen", warnte er den Knaben. Aber der Knabe folgte nicht entfernte sich allein aus dem Palast und fiel den Räubern in die Hände. Diese ver- Achtung! Die vorliegende Festnummer der „Wahrhell" ist 16 Selten stark. Die nächste Nummer erscheint Freitag, 14. Oktober Bis zu seiner Zeit stand ein einziger Stamm seines Volkes an hervorragender Stelle. Dieser einzige Stamm war im Besitze der Urim und Tuinmim, übte Priesterrecht und heiliges Amt. Da erhob sich Samuel: „Wie kommt ein Stamm zu einem solchen Vorrecht? Wer den Beruf in sich trägt und wäre er der Letzte im Volke, soll für das Wohl des Volkes wirken und walten, er darf zum Führer berufen werden." So gründete denn Samuel Schulen und er war, so viel man weiß, der erste in der Geschichte, der Schulen gründete. Dort wurden die „Söhne des Propheten" unterrichtet! — Bis zu Samuel wußte man es nicht anders, als daß, wenn man Gott verehren wollte, man ein Tier schlachtete, ein Korban darbrachte. Selbst ein fioherpriester wußte noch nichts von dem Wesen und Wert der Andacht. Eine betende Frau, die ins Heiligtum kam, um ihr Herz vor Gott auszuschütten1, hielt er für eine Betrunkene. Da trat nun Samuel mit dem kühne Worte auf (l. Sam. 15, 22): „Hat Gott denn Wohlgefallen an geschlachtetem Getier, an Opfern, ohne daß das Herz dabei ist?" Endlich sei daran erinnert, daß einer der berühmtesten französischen Volksredner in einer feurigen Ansprache auf die Bücher Samuels sich als kräftige Stütze berief, auf jenen Vorfall, da das Volk nach einem Könige verlangte, weil die anderen Völker, die Nachbarn, auch Könige hätten. Da hielt Samuel eine Ansprache an das Volk, in der er das Königtum zeichnete mit Worten, die der französische Parlamentarier in hoher Bewunderung als eine vier Jahrtausende alte Weisheit pries. Woher hatte das Samuel? Von seinem Lehrer Eli etwa? Wohl kaum. Man braucht, um diese Antwort abzulehnen, nur an Elis Söhne zu erinnern. In Wahrheit war Samuel der Schüler — seiner Mutter. Von ihr hatte er seine Weisheit und Willenskraft. Diese Hanna, wie sie die Bibel uns zeichnet hatte alle diese großen Gedanken ihrem Kinde ins Herz gepflanzt und seinen Willen zu schleppten ihn in den dichten, tiefen Wald. Alles Suchen des Vaters war trotz der Hilfe der Behörden vergeblich. Der Vater jammerte, blieb trostlos und mit seinem Gefolge streifte er in den Wäldern umher. Sein Sohn blieb unauffindbar, denn die Räuber umgaben das Versteck mit einer dicken Mauer, die noch obendrein von Gesträuchern überdeckt war. Die Stimme des weinenden Knaben konnte nicht zum Vater dringen. Nun hatte der Knabe von den Schätzen seines Vaters einen Edelstein mitgenommen, von dem die Räuber nichts wußten. Dieser Stein hatte die Eigenschaft, so zu leuchten, daß es selbst dicke Mauern durchdrang. Der Knabe rief laut und nahm auch den Stein, der jedoch das Dunkel nicht erhellte. Der arme Junge wußte nicht, daß man diesen Stein naß machen und fest reiben müsse, um seine wundervolle Kraft zu erwecken. Jetzt war er verzweifelt und gab jede Hoffnung auf die Befreiung auf. Monate vergingen und wieder ging der Vater emsig suchend und spähend vorüber. Der Junge erkannte seinen Gang, begann laut zu jammern und in seiner höchsten Verzweiflung packte er den Edelstein, begann an ihm zu reiben und seine Tränen rannen über den Stein. Da wurde plötzlich alles hell, das Licht des Steines durchdrang die Mauer und die Bäume und erhellte das bleiche Antlitz des Knaben. Der Vater entdeckte ihn und eilte zu ihm, drang mit seinen Leuten über die Mauer, verjagte die erschrockenen Räuber und mit einem Schrei stürmte der Knabe in die Arme des Vaters. So sind, schloß der Rabbi, euere Triebe die Räuber, die euere Seelen geraubt und entführt haben. Sie haben eine Mauer zwischen euch und dem himmlischen Richter gebaut. Nur das Gebet kann euch helfen. Das ist der Edelstein, aber ihr müßt viel und anders beten, viel weinen und Tränen vergießen, damit ihr erhört werdet. Denn nahe ist der Tag des Gerichtes, das Neujahr, Rosch Haschana. „Wenn die Posaune ertönt, muß nicht das Volk erbeben?" sagte der Prophet . . . Rabbi MeTr erhob sich, warf einen Blick auf seine Gemeinde und sein Gesicht erhielt einen gütigen Ausdruck. Sein Auge leuchtete, er atmete tief und wie erlöst auf, denn er fühlte, daß er seine Gemeinde wieder gewonnen hat.

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