Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1932)
- Date
- 1932-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 80 Groschen Doppel-Festnummer Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag israelitischen Kirifasgemeinde Wien wifflipiiniiiiiiiiHniiiiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Die Wahrheit XLVIII. Jahrgang Wien, 30. September 1932 Nummer 40/41 Hubertuf-Trench 27 'SO Rein Schaffwolle für Damen und Herren derselbe ffOr's Kind mit Kapuze von S lw 80 Sl ORT VA ogRBILLIGm^fl WIPPLINGERSTRiO HER Samstag, den 1. Oktober geschlossen Haschiwenu. Neujahrsgedanken. Werfen wir einen prüfenden Blick auf die Thoraabschnitte und die Kapitel aus den Propheten, die an den Neujahrstagen in unseren Gotteshäusern verlesen werden, so drängt sich uns eine bemerkenswerte Erscheinung auf. Am ersten Festtage liest man die Geschichte der Stammutter Sara, wie sie im hohen Alter durch ein Kind beglückt wird. Es folgt die Erzählung von dem Kinde der Hagar, das sich mutwillig benimmt. Die Mutter mit dem Kinde wird aus dem Hause gewiesen, sie irren in der Wüste umher. Hier droht ihnen der Tod durch den brennenden Durst, bis endlich ein Engel sie rettet, weil Gott „gehört hat das Weinen des Kindes". Die Haphtara erzählt von der frommen Hanna, wie sie aus inbrünstigem Herzen zu Gott um ein Kind betet, und wie Gott Gebet erhört, Mutterfreuden ihr gewährt, und wie sie dann den kleinen Samuel zum greisen Priester hinführt, um ihn dem Dienste Gottes zu weihen. Das ist am ersten Neujahrstage.— Am zweiten wieder lesen wir im Schriftabschnitt das berühmte Kapitel der Akeda, wie Abraham sein einzig geliebtes Kind auf den Altar des Herrn niederlegt und wie ihm ein Engel des Himmels mit mächtiger Stimme zuruft: „Abraham, Abraham, strecke nicht die Hand aus nach dem Knaben, schone Deines Kindes!" Und dann in der Haphtara — da sehen wir die Gestalt einer Mutter, wie sie dem Grabe entsteigt und über den Jammer ihrer Kinder weint und wie der Herr sie tröstet und spricht: (ha-ben jakir Ii Ephraim) „0, du weinende Mutter, Dein Kind, es ist auch mir ein Liebling; darum weine und trauere nicht!" Wenn wir alles dies so mit einem Blick zusammenfassen, die Thoraabschnitte von heute wie von morgen, die Prophetenkapitel, die wir heute gelesen haben und die wir morgen lesen, — ein einziger Gedanke durchzieht sie alle: Eltern und Kinder; Freude der Eltern über ihre Kinder und Trauer der Eltern um ihre Kinder. Unsere alten Weisen, die diese gottesdienstliche Einrichtung getroffen und die Abschnitte zur Verlesung an unserem Feste angeordnet haben, — von welchem Gedanken waren sie wohl dabei beeinflußt, von welcher Absicht geleitet? Zweifellos, weil die Freude der Eltern über ihre Kinder die schönste und die höchste ist, ja das höchste Glück im Leben bildet; weil die Trauer der Eltern um ihre Kinder, über das Unglück ihrer Kinder oder über die Verirrungen ihrer Söhne und Töchter der tiefste Seelengram und Kummer ist. den Elternherzen empfinden können. Weil ein Vater nichts so sehr und so innig wünscht, als Freude am seinen Kindern zu erleben, weil eine Mutter nichts so unendlich tief schmerzt als Gram und Kummer über das Kind, das sie unter ihrem Herzen getragen; — darum mahnen die Thoraabschnitte und die Prophetenkapitel alle Eltern, daß sie am Neujahrstage, da der Herr zu Gericht sitzt und die Geschicke der Menschen entscheidet, daß alle Väter und alle Mütter im Gebete zum Herrn der Welt sich wenden, daß er sie Freude an den Kindern erleben lasse, daß er vor Gram und Kummer über ihre Kinder sie bewahren und beschützen möge. Darum beten wir heute heiß und innig und aus tiefster Seele: „Unser Vater, unser König, erbarme Dich über uns, erbarme Dich über unsere Kinder, die kleinen und die großen, die Söhne und die Töchter." Wo gäbe es auch einen Vater, eine Mutter in Israel, die heute hier stehen und ihr Herz vor Gott entlasten und nicht vor allem dächten an ihre Kinder? Jeder, der heute hier vor Gott in tiefer Andacht steht, wem gelten seine innigsten Gebete, wem fließen seine heißesten Tränen, für wen steigen die tiefsten Wünsche zum Throne Gottes empor? Sind es nicht die Kinder vor allem, daß sie nur glücklich sein möchten, daß mir das Leben recht heiter und sorglos sich ihnen gestalte, daß sie nur Gunst haben und Gewogenheit finden in den Augen Gottes und der Menschen, daß vor allem jedes Unglück ihnen fern bleibe, kein Kummer ihnen das Herz bedrücke. Für Eltern gibt es kein anderes Glück als das Wohlergehen ihrer Kinder. — Unser Prophetenabschnitt schildert uns die fromme Hanna. Mit allen Gütern war sie gesegnet. Sie führte ein reiches Haus, in dem nichts fehlte, ihr Mann hing mit aller Zärtlichkeit der Seele an ihrem Herzen, aber sie ging betrübt einher, ihr Gemüt kannte keine Freude» denn, was des Lebens Krone ist, das kannte sie nicht, „sie hatte keine Kinder". Darum waren ihr alle Güter dieser Erde wertlos. Oder der Prophetenabschnitt, der morgen zur Verlesung gelangt. Er erzählt von der Stammutter Rahel. In der Blüte ihrer Jahre verließ sie das Leben, früh wurde sie von der Seite ihres Gatten gerissen. Ach, wie bitter ist es, aus dem Leben zu scheiden, wenn dieses Leben noch so schön in Jugendpracht vor uns liegt! Allein Rahel kennt nur einen Schmerz, über eines nur ist sie untröstlich. Unter all den tausend Herrlichkeiten des Lebens, von denen sie scheidet, findet sie nur eines zu beweinen (Rochel mewakkoh al bonehoi), die zwei kleinen Sprößlinge, die sie so innig liebt, soll sie verlassen, soll sie fremder Fürsorge übergeben, •fremder Liebe anvertrauen. Das bricht das Herz: •einer Mutter. Darum beten'wir am heutigen Tage, zum allmächtigen; Vater im -Himmel, daß er jeden Vater und jede Mutter vor ähnlichem Geschick bewahren möge, daß er alle Eltern ihren Kindern und alle Kinder ihren Eltern erhalte. Alle die Thora- und Prophetenabschnitte aber, die heute und morgen hn Mittelpunkt unseres Gottesdienstes stehen, bringen Erzählungen von kleinen Kindern, von kleinen, zarten, unschuldigen Kindern; von dem kleinen Isak, dem kleinen Ismael, dem kleinen Samuel, Ephraim, wie er noch klein und kindlich ist (haben jakir). Ein Fingerzeig! Wenn wir heute unser Herz zu Gott wenden, da sollen wir wieder unser Gemüt läutern und wieder zu Kinder werden, zu den Jahren der Unschuld, der Einfalt und der kindlichen Sittenreinheit zurückkehren; der heutige Tag ruft uns zu: (weheschiw lew owaus al bonim welew bonim al awaussom). ..Ihr, die Ihr schon im Mannesalter, auf der Höhe des Lebens stehet, kehret zurück zur frommen Unschuld der Kindheit! (Wejeled sekunim kotaun.) Ihr Greise, das Haupt mit dem Silber des Alters, gekrönt, nehmet wieder die stille Unschuld und Einfalt des Kindes auf in Euer Herz!" Daß die Kindheit in unseren Erinnerungen in farbenreicher Schönheit glänzt, voll sonniger Heiterkeit, einem wolkenlosen Himmel gleich, daß diese Rückerinnerungen an die Jahre der Kindheit unser Herz immer von neuem entzücken, hat sehne guten Gründe. Zunächst, weil es eben eine Vergangenheit ist. Alles, was längst entschwunden und vorüber ist, gewinnt im Laufe der Zeit eine eigene Patina, einen eigentümlichen Reiz Mögen wir in der Gegenwart noch so glücklich sein, die Vergangenheit dünkt uns doch immer besser und glücklicher. Selbst Leiden, wenn sie einmal längst vorüber sind, entbehren, verklärt, nicht einer gewissen Schönheit. Das liegt in der menschlichen Natur. (Tauw Ii os meotto.) Es ist ein altes Wort: „Das Damals ist mir immer lieber als das Jetzt." Die Vergangenheit — breitet immer einen vergoldenden Schimmer der Verklärung über sich in unserer Seele Augen. Das erste Kapitel hn Buche Ezechiel beginnt mit den Worten: (Ani bessauch hagauloh al nehar kewor) „Einst zog ich dahin auf dem Strome Kewor, da war der Himmel offen (niftechu ha-schomajim), ich sah vor mir göttliche Gestalten." Auch diese Vision hat den gleichen Sinn. Kewor heißt die längst entschwundene, verronnene Vergangenheit, jene Vergangenheit, die immer uns so schön und göttlich dünkt. Ani bessauch... sagt nun Ezechiel: „Einst machten meine Gedanken einen Streifzug über den Strom der Vergangenheit, meine Phantasie versetzte mich in längst vergangene Jahre zurück, o, da glaubte ich den Himmel mit seiner ganzen Herrlichkeit offen über rnir (woereh marauss Elaukim) und göttliche Gestalten erschauten meine Blicke." Und in der morgigen Haphtara heißt es: (Merochauk Haschern niroh Ii) „In der Entfernung glaube ich das Göttliche zu schauen." So wird denn auch die Kindheit zunächst von dem Zauber einer entfernten Vergangenheit umstrahlt. Allein dieser Zauber ist keine Täuschung, keine bloße Vorspiegelung des Herzens. Die Kindheit ist in Wahrheit die Zeit des Glückes, weil sie die Zeit der Unschuld ist, die Zeit der Sittenreinheit, da das kleine Herz, noch keinen Begriff von Sünde und Laster hat, weil das jugendliche Gemüt da noch von keinem Neid und von keiner Mißgunst getrübt, von keiner Habsucht erregt wird. Der Mann jedoch, der lebt in ewigem Kampfe mit unlauteren Trieben, im ewigen Kampfe mit unbändigen Leidenschaften seiner Seele. Wie sollte der Mensch da jemals zu einem ruhigen Glück gelangen? So lange er atmet, dauert der Kampf fort.