Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 39 (23.9.1932)
- Date
- 1932-09-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 M! I Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit Öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Modistenkurs Dr. Kruaerüeim, II., Malzgasse 1 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. _Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. |(j|)(jif*^ Wien L, Seitenstettengasse 2, Tel. ü 28-1-28 XL, Zentrallrledhot, Hin III I- Üt, TeL U18-0-85 dtochsdiüiec erleilt gewissenhaften Unterricht und Nachhilfe in sämtlichen hebräischen und profanen Wissenschaften Unter „Honorar mäßig" an die Redaktion Nolsdirel der „WelMimen rursorae". Die „Weibliche Fürsorge" (IX- Althanplatz 11). ist in ihrem last zwanzigjährigem Bestände ein wesentlicher Faktor der Wohlfahrtspflege unserer Gemeinde geworden. Sie vuide gegründet behufs Zentralisierung, Beschleunigung und Vereinfachung der Arbeit der Wiener und niederösterreichischen Frauenvereine; sie hat nicht nur in Chanuka- und Pessachaktionen, Ausspeisungen, Lebensmittelverteilungen, Bekleidungs- und Kohlenaktionen im Katastrophenwinter mehr geleistet, als den einzelnen Vereinen möglich gewesen wäre, sie hat auch in unzähligen Einzelfällen, in denen sich die Vereine an sie wendeten, durch Zusammenfassung aller Kräfte tausende vor Delogierung und Erwerbslosigkeit gerettet, Kinder erzogen. Greisinnen gestützt. Nunmehr sind aber durch die Winterhilfe des vorigen Krisenwinters sowohl die Mittel der Einzefvereine als die des Verbandes selbst vollkommen erschöpft; verzweifelnd steht der Verband einer Sturmflut von Gesuchen gegenüber, die meistens von Angehörigen des einstigen, selbst höheren Mitteistandes ausgehen. Einige der eifrigst tätig gewesenen Vereine des Verbandes mußten ihre Arbeit vollständig einstellen. Bevor dies Aeußerste auch beim Verband selbst geschieht, tritt er, der den Weg der Oeffentlichkeit fast nie beschritten hat. noch mit einem Notschrei an die oft bewährte Humanität der noch wohlhabend gebliebenen Glaubensgenossen heran, er zählt auf die leider nicht allzu Zahlreichen, die noch im Erwerbsleben stehen, um die schon erwerbslos Gewordenen zu stützen. Wir bitten um Gaben, mögen sie .noch so klein sein; wir bitten an den hohen Feiertagen das Andenken an teuere Verstorbene durch Spenden an die Fürsorge zu ehren, damit nicht alle jene Unglücklichen, die in der „Weiblichen Fürsorge" seit Jahren ihre letzte Stütze sahen, gerade während der Feiertage verzweifeln müssen. Gütige Spenden wolle man an die Administration dieses Blattes, oder Postsparkassenkonto 152.250 oder an die „Weibliche Fürsorge", IX., Althanplatz 11, richten. Regine Ulmann. Sofie Grünfeld, Hermine Kadisch. Margarethe Grunwald, .Helene Kuranda. Malvine Schütz, Ida Berliner. Helene Stein. Rosa Schur. „Jutäa" (Jugendgruppe des Tempelvereines Aeschel Awrohom). Montag, den 26. September 1932. um 8 Uhr abends, hält Frau Rabbiner Dr. Taubes einen Vortrag über „J e h u d a H a 1 e v i" im Vereinslokal der Jugendgruppe, Caf£ Produktenbörse, IL, Taborstraße 10. Die Leitung der Jugendgruppe ladet auch auf diesem Wege zu diesem interessanten Vortrag ein. Grabsteinstellung. Vergangene» Woche wurde das Grabd'enkmal des hochverdienten Rektors des Wiener Rabbinerseminars, Hofrat Dr. Adolf Schwarz, beim Ehrengrabe am Wiener Zentralfrfedhofe zur Aufstellung gebracht. Der künst- ferische Entwurf stammt von dem bestbekannten Architekten Dr. Oskar Wlach, die Schrift vom Graphiker Arthur W e i s z. Die Gesamtausführung erfolgte durch die Steinmetzfirma Friedländer & Deutsch. Die „Jta" (Jüdische Telegraphen-Agentur) ersucht uns um Aufnahme nachstehender Mitteilung in eigener Sache: Mr. B. Pollak (jugoslawischer Staatsbürger) ist aus den Diensten der „Jta" ausgeschieden und für keinerlei Aktion namens der „Jta" legitimiert. Gottesdienste. Wie alljährlich, findet auch heuer im „Auge Gottes", 1X„ Nußdorferstraße, veranstaltet von den Vereinen „Bikkur Chaulim" und „Beth Hatfilah", zu den hohen Feiertagen ein Gottesdienst statt. Kartenverkauf täglich von ^3 bis 5 Uhr nachmittags. Im Schönlatern-Tempel sind noch einige restliche Sitze zu ermäßigten Preisen erhältlich. Anfragen täglich von 7 bis 8 Uhr abends in der Tempelkanzlei. I., Schönlaterngasse. In den Sälen der Israelitischen Kinderbewahranstalt, Wien IL, Schiffamtsgasse 15, findet anläßlich der hohen Feiertage ein feierlicher Gottesdienst unter Mitwirkung erstklassiger Vorbeter statt. Restliche Karten im Sekretariat, IL. Schiffamtsgasse 15 (täglich von 9—15 Uhr; Samstag geschlossen; Sonntag 9—12 Uhr) erhältlich. Jeder Xeserfta* dasWowit Zasdktiftetn ans dem <Fu6filzum (Eine weniger gelehrte, dafür aber um so sachlichere Darlegung, die der ganzen Diskussion ein Ende bereiten dürfte.) Abkürzungen: H Herzog. J JeIIitiek, K Kahan. Ro Rosenmann, RW Redaktion der „Wahrheit". Sch.A. Schulchan Aruch. Sp Spanier. Von Prof. Dr. Ph. Goldb erger. (Schluß.) Der RW-Bemerkung in Nr. 32: „Wenn der Rabbiner beim Sch'mä sitzen blieb, während die Gemeinde aufstand, wurde dies von mancher Seite zu Ungunsten des Rabbiners unliebsam vermerkt, ja sogar von Leuten, die das Religionsgesetz nicht kannten, übel gedeutet", möge zur Illustration eine wahre Geschichte hinzugefügt werden, die — in diesem Falle aktuell — bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Bekanntlich war der Nachfolger Jellineks im Stadttempel der Wiener Kultusgemeinde Dr. Güdemann. uer Antipode im Tempel Leopoldstadt, der schon bei Lebzett J's in gewissem Gegensatze zu ihm stand; bekannt ist das köstliche Wort, das die Situation scheinwerferartig beleuchtet. J nahm auch in der Sephirah (7-Wochen-Z ä h 1 u n g zwischen Pessach und Sch'wuoth) Trauungen vor, G aber nicht; darüber betragt, antwortete ü mit dem bekannten Humor, statt sich in eine gelehrte Diskussion einzulassen: „Das ist eben der Unterschied zwischen J und mir! J traut und zählt nicht; ich aber zähle und traue nicht!" — Als nun G sich beim Sch'mä nicht erhob, also in voller Uebereinstimmung mit K (dem man im Prinzip eventuell zustimmen kann, ohne seine Handlungsweise zu billigen), wollte ihm der damalige Tempelvorsteher — er soll Wasservogel geheißen haben — sicher in der besten Absicht, geleitet von seiner langjährigen Uebung neben J, der sich immer als Erster erhoben hatte — also im Gegensatz zu K — und die eigene Unwissenheit nicht ahnend, vielleicht sogar sich sehr kundig dünkend — für ein andermal vor dem „faux pas", sitzen zu bleiben, während die ganze Gemeinde aufstand, bewahren und sagte zu ihm: „Herr Oberrabbiner"), Sie Konzertpianistin CAC1L1E GW1LLP1ÜNN staatl. gepr. Klavierpädagogin und Absolv. der Staatsakademie erteilt erstklassigen Klavierunterricht für Anfänger und Vorgeschrittene VorDereiiung zur Staatsprüfung sowie zur Aufnahmsprüfung in die Staatsakademie. Honorar maßig, Sprechstunden täglich von 2—4 Uhr Wien II., Taborstraße 64, 11 Stiege, Tür 14 bleiben sitzen, während bei Sch'mä sich alles erhebt?", worauf Gls) mit dem schon oben geschilderten Sarkasmus ziemlich brüsk und ablehnend geantwortet haben soll: „Das geht Sie gar nichts an!" Einem on dit zufolge soll G in diesem Falle statt „gar nichts" ein kräftigeres Wiener Wort, nach einer anderen Lesart sogar noch derber geantwortet haben; keinesfalls aber ließ er sich auf eine gelehrte Begründung ein; vielleicht im Bewußtsein, selbst das Richtige zu tun und dafür keine Rechenschaft geben zu müssen, ohne aber an der Institution seines Vorgängers zu rütteln. G glaubte eben, daß es vergebene Mühe ist, einem Am-Haarez (Unwissend in jüdisch-religiösen Dingen), auch wenn er Tempelvorsteher ist, den Unterschied zwischen religiös-gesetzlicher Theorie und neuzeitlicher gottesdienstlicher Praxis klar machen zu wollen; denn es unterliegt keinem Zweifel, daß für J, so sehr er sonst Wissenschaft und Studium hochhielt, der sogar das Beth- Hamidrasch (das noch heute bestehende Lehrhaus) ins Leben rief16), im Gotteshause neben seiner Predigt der Grundsatz galt: lo hamidrasch ikkar. ela hama'asseh! (Nicht die graue Theorie, sondern des Lebens golden grünender Baum, die lebendige Praxis ist die Hauptsache.) (Pirke Aboth [Spr. d. Väter] I, 17b). Hierher gehört auch von demselben Oberrabbiner D. G. eine bisher auch noch nicht veröffentlichte, aber sicher noch lebenden Zeitgenossen, Augen- und Ohrenzeugen, bekanntet Episode, die sich im Jahre der Beratung der Statuten (1890) der erweiterten Wiener Kultusgemeinde17) zugetragen hat. — Zu dieser Beratung waren irni Sinne des Einheitsprinzips Vertreter aller religiösen Richtungen geladen, unter denen der konservativen (orthodoxen) Richtung auch der erst vor wenigen Jahren verewigte und in seiner prinzipiellen Anschauung gewiß unan- GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIM Ut» MBaOASSB MR. t» nuuii xvui.» w&MMMauisnuusa n TttepftmNr. A 17-3-99 oa 4 A 1&-8-34 Uafataat für Hallanstaltea AbteilungenmrKoscherfleisch «atw Aufstaut «•» «hm. IbMHnlM «•* tar. KHltu«a«""«iad« Wlaa. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen tastbare B. Hoibauer s. A., bekannt durch seine in Gesinnung und Tat kongruente Frömmigkeit. Dieser hatte nun bei irgendeinem Paragraphen Bedenken und begründete dies damit, daß diese Bestimmung nach seiner Ansicht dem Sch.A. widerspräche oder nicht ganz mit ihm übereinstimme, eine Begründung, die für H, der bestrebt war, sein ganzes öffentliches und privates (Familien- und Geschäfts-) Leben streng nach den Bestimmungen des Sch.A. zu führen18), das Naheliegendste und Naturlichste war, zugleich aber eine Begründung, die natürlich voraussetzt, daß der Einwendende seine Ansicht auch beweist. Soweit sollt» es aber gar nicht kommen; die Sch.A.-Aeußerung war kaum dem „Gehege der Zähne" (um uns homerisch auszudrücken) Hotbauers „entflohen", als G mit dem — nachmals durch den preußischen General Holtmann bei dun Friedensverhandlungen mit Rußland in Brest Litowsk (1918) — so berühmt gewordenen Faustschlag auf den Tisch ausrief: „Der Sch.A. bin ich!" Wenn also auch der Laie nicht gegenüber K den Vorwurf des auch nach dem Sch.A. verbotenen massig gewul (Verschiebung der Gebietsgrenze) erheben will, weiii der dolus (die schlimme Absicht) lüezu nicht glaubbar ist, so kann er sich doch nicht dem Eindruck entziehen, daß hier ein Fingriff in das Entscheidungsgebiet des zuständigen Rabbiners vorliegt, der nach dem oben zitierten Ausspruche G's für seine Tempeigemeinde den Sch.A. repräsentiert. D. Dies alles sagt sich verwundernd der Laie — und noch mehr! Aber selbst, wenn er so bescheiden geworden ist, das Wort: lo am haarez chassid (der relig. Unwissende kann nicht entscheiden, was fromm heißt, und kann auch selbst nicht wahrhaft fromm sein10) auf sich anzuwenden, und nicht in den von der RW in ihrer Anmerkung (Nr. 33. 5./VI11., S. 6, Sp. 1) gerügten Fehler verfällt, sich das Recht zu einer Kritisierung des Rabbiners herauszunehmen, weil er vielleicht steuerzahlendes oder auch nicht steuerzahlendes oder sogar Vorstandsmitglied Ist. muß ihm doch das Vorgehen K's die Frage nahelegen, ob es für ihn beispielgebend sein darf; das Wort dies Propheten Maleachi Cap. I. Ver 8: Hakriwehn na lephechaChecha (versuche doch einmal, andernorts, etwa bei Behörden oder Vorgesetzten, dich gegen „eingeführte" Ordnung zu stellen) hajirzecha o hajissah panacha (ob du damit an Ansehen gewinnst) ist im übertragenen Sinne schon von unseren Lehrern angewendet und will treffend die leider verbreitete Gepflogenheit kennzeichnen, sich in jüdischen Kreisen oder gar im Gotteshause über Rücksichten hinwegzusetzen, die andernorts geboten erscheinen und auch respektiert werden"). Hierher gehört auch die für jüdische Selbstkritik (im guten Sinne) bemerkenswerte Tatsache, daß in unseren Tempeln in mehr oder minder auffälliger Art Plakate — anscheinend doch der Not gehorchend — ausgehängt sind, in welchen auf die Notwendigkeit der Unterlassung jeder Störung — durch Behelligung des Nachbarn oder unwürdiges Verlassen des Gotteshauses vor Schluß des Gottesdiensces — hin Bewiesen werden muß. E. Und erst der Laie, der etwas von seiner jüdischen Geschichte weiß, findet des Wunderns kein Ende! Denn was anderes, sagt er sich, ist denn diese „an sich schönste Geste", als ein sichtbarer Ehrfurchtsbeweis .gegenüber der Größe und Einzigkeit dieses Schema-Satzes, mit dem Tausende glaubenstreue Juden auf dem Scheiterhaufen, auf der Folterbank, im Freitod, den sie schmachvoller Gefangenschaft, Schändung und Zwangstaute vorgezogen haben, ihre reinen Seelen aushauchten und für Lehre und Glauben des Judentums zeugten! Und auf der anderen Seite wieder: Tant de bruit pour une Omelette! Der Sturm im Wasserglas! Und nun zum Schlüsse: Wie gedenkt das Rabbinat oder der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Einvernehmen mit den Rabbinern diese brennende Frage zu entscheiden? Oder soll es dem Gewissen jedes Einzelnen überlassen bleiben, sich in „pietätvoller" Beibehaltung der „an sich schönen Geste" (K) beim Sch'ma-Satze zu erheben oder nach der fraglichen ") Ueber Ursprung und Einführung dieses Titels s. Ro. a. a. O., S. 178, Anm. 14. ,5) Der sich gerne mit Abraham a Sancta Clara verglich und vergleichen hörte. ") Rosenmann, a. a. O., Cap. VII. 17) s. Rosenmann, a. a. O. ") Eine Ueberlieferung, die in der Wiener Familie H. ihre traditionelle Fortsetzung findet. ") Auf die Bedeutung von chassid und die Weiterentwicklung dieses Begriffes kann hier naturgemäß nicht eingegangen werden. M) D. h. er bedarf der Belehrung und Unterweisung. Es dürfte wohl kaum jemand versuchen, im Gottesdienst der Berliner Reformgemeindc, obschon dort jüdische Gebete, wenn auch in deutscher Sprache, gesprochen werden, und obwohl auch dort ein „aron hakodesch" vorhanden ist und aus der Thora vorgelesen wird, den Hut aufzubehalten, da eben dort die Uebung herrscht, den Hut abzunehmen, oder sein gegenteiliges Verhalten durch Hinweis auf den Sch.A. zu begründen.