Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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GROSZGEMEINDEN (Besondere Gelegenheit) Namhafter, akademisch - musikalisch er Oberkantor, bestrenommiert, klangvolle, geschulte Tenorstimme, Meister-ftJi, Hebräisch, für hohe Feiertage frei. ' Zuschriften: Habermann, Budapest,Sz5vetsegut.22 Für ein Inserat von zwei Seiten hat sich also die Leitung der Deutschen Paramount davon freigestellt, auf dieser Liste mit zu erscheinen. Wenn sie schon kein Empfinden für die Würdelosigkeit besitzt, als Unternehmen, dessen Verwaltung jüdische Männer angehören, ein antisemitisches Hetzblatt zu unterstützen, wenn ihr ferner schon das Gefühl dafür abgeht, im Gegensatz zu allen deutschen Filmfirmen als einziges Unternehmen ein solches Blatt in Nahrung zu setzen--: dann hätte man doch wenigstens ein ■wenig kollegiale Solidarität der Paramount mit den anderen amerikanischen Unternehmungen und Unternehmern erwarten dürfen, die ihrerseits mit einem solchen Blatt nichts zu tun haben wollen. Man muß sich ernstlich fragen, ob bei der deutschen Paramount besondere Ursachen vorhanden sind, die sie dem Druck des Naziblattes besonders gefügig machen. Dann freilich wäre es richtiger, wenn Herr Zukor und Herr Ike Blumenthal in Berlin bei ihrer Vertretung einmal selbst kräftig durchgreifen würden. Oder legen die verantwortlichen Führer des Paramount-Konzerns eine Ehre darein, die Förderer des Judenhasses im deutschen Film zu sein? Die ersten Früchte reifen bereits: es ist sicher kein Zufall, daß „Der Deutsche Film" in der gleichen Ausgabe, die die zwei Paramount-Inseratseiten enthält die Ankündigung bringt, von nun an jede Woche zu erscheinen, d. h. seine den Haß fördernde Arbeit zu verdoppeln. Mata Hari. Im Morgengrauen des 15. Oktober 1917 krachte auf dem Exerzierplatz des Forts von Vincennes eine Salve; die schöne Tänzerin Mata Hari wurde als Spionin erschossen. Das war der Endpunkt dör Karriere einer der interessantesten und tragischesten Figuren, welche dem Weitkrieg zum Opfer fielen. Greta Garbo hat sich schon seit Jahren mit dem Plane beschäftigt, Mata Hari in einem Film darzustellen. Dieser Plan wurde minmehr verwirklicht und die Uraufführung des Films findet demnächst in Wien statt „Verkaufte Braut" — die erste Film-Oper. Der Regisseur. Max Ophuels und der Musiker Theo Mackeben haben Friedrich Smetanas komische Oper „Die verkaufte Braut" zum Tonfilm umgeformt Smetanas lebensvolle Musik bleibt auch weiterhin die Seele des Werkes, nur wird die Handlung, befreit von der Enge und Starre des Bühnenrahmens, filmisch gesehen und geführt, echtestes musikerfülltes, musikgetragenes Filmgeschehen. Diese erste Filmoper wurde vom Publikum und Presse in Berlin und München als kühne filmisch-künstbrische Tat enthusiastisch aufgenommen. Wiener Premiere demnächst. Gemeinde - thtomk Dr. Benno Jacob 70 Jahre. Dr. Benno Jacob, der jahrzehntelang das Rabbineramt zuerst in G o e 11 i n g e n. dann in Dortmund ausgeübt und sich als Kanzelredner wie als Lehrer einen großen Ruf erworben hat vollendete am 8. September d. J. sein 70. Lebensjahr. Neben seinem Prediger- und Lehreramt widmete sich Dr. Jacob von je der gelehrten Forschung und veröffentlichte eine längere Reihe Kritiken und wissenschaftliche Abhandlungen, u. a. Beiträge zur Exegese der Heiligen Schrift, die dem jüdischen Liberalismus starke Anregungen und Impulse gaben. Als Mitglied des Hauptvorstandes des Centrai- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betätigt er sich eifrig im Abwehrkampf und veröffentlichte zahlreiche Zeitungsaufsätze. Broschüren und Bücher zur Abwehr des Antisemitismus. Im Philo- Verlag erschienen von ihm „Auge um Auge", „Die biblische Sintfluterzählun g", „M i s c h e h e", „KTieg, Revolution und Juden" und „Zum Antisemitismus im Altertum". Bund Jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs. Am 31. v. M. fand im Festsaale des Hotel „Bayrischer Hof" die konstituierende Generalversammlung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" statt, zu der gegen 1000 neue Mitglieder und Delegierte sämtlicher Ortsgruppen erschienen waren. General Emil Sommer wurde unter brausendem Beifall in der Versammlung einstimmig zum Bundesführer gewählt. Der neue Bundesführer erläuterte in einer kurzen, aber kernigen Ansprache den Zweck des Bundes: Schutz der Ehre, des Lebens und Eigentums der Juden Oesterreichs gegen die unberechtigten Angriffe des Antisemitismus, und forderte die Versammelten auf, nach Kräften am guten Werke mitzuarbeiten. Bei der Verlesung der Statuten, die in der Folge en bloc einstimmig angenommen wurden; entwickelte sich eine lebhafte Wechselrede. Alle jüdischen Frontsoldaten, die Frontdienste nachweisen können, werden gebeten, sich beim Bunde anzumelden, wo sie als ordentliche Mitglieder aufgenommen werden. Als außerordentliche und unterstützende Mitglieder können alle Juden eintreten, die Kriegsdienste geleistet haben oder den Bund durch tätige Mitarbeit, sowie finanzielle Beihilfe unterstützen wollen. Solche Mitglieder und die Jugend werden in besonderen Sektionen vereinigt. Das Ferienheim Kottingbrunn der Israelitischen Kultusgemcinde empfing bei seinem am 30. v. M. stattgehabten Abschiedsfest den ehrenden Besuch einer stattlichen Anzahl Wiener Gäste; u. a. waren erschienen der Präsident der Kultusgemeinde Prof. Dr. A. Pick, als Vertreter der Fürsorgekommission des Vorstandes Herr Börserat 1. Glück mit seiner Gattin, der Leiter des jüdischen Kinderambulatoriums Prof. Dr. Zappert, Amtsdirektor Regderungsrat G. Fuchsgelb, außerdem waren sämtliche Beamte der Fürsorgezentrala mit dem Amtsvorstand Emil Engel und der Leiterin der „Kinderfürsorge" Fräulein Schwarz an der Spitze gekommen. Das Aussehen der Kinder bewies, daß es ihnen nicht nur an diesem Tag ausgezeichnet ging. Sind es doch lauter C (schlechteste)-Befunde, die diese Kinder zu Gästen des Ferienheimes gemacht haben und was vier Wochen Erholung bedeuten können, wenn sie in. gesunder Luft, und liebevoller Pflege verbracht werden, das sah man diesen kleinen Menschen an. Erfreulich hed dem Feste war der völlige Mangel an Aufmachung; man sah, daß nichts schöner gemacht worden war. als es jeden Tag ist; im Gegenteil nahm der Leiter Dr. Qual die gute Gelegenheit wahr, auf manches hinzuweisen, das wohl im nächsten Jahr noch besser gemacht werden könnte, wenn das Geld dazu vorhanden wäre. Nur der schön gedeckte Jausetisch bewies, daß man Gäste erwartet hatte. An ihm gebührte der Ehrenplatz der Heimleiterin, Frau Kornfeld, die alles berechtigte Lob in bescheidener Weise zurückwies, indem sie die Geschicklichkeit ihrer ausgezeichneten Hilfsköchin pries. Dann fingen die Festaufführungen der Kinder an. Als abends der Autobus erschien, um die Festgäste abzuholen, war man noch lange nicht bis zur Hälfte des überaus hübschen Programms gekommen. Das tat allen sehr leid, den Gästen allerdings noch mehr als den Kindern, die kein Hehl daraus machten, daß sie sich schlimmstenfalls auch allein sehr gut amüsieren könnten; aber die Gäste hätten doch gern noch die anderen angekündigten Nummern gesehen, nachdem die ihnen bereits vorgeführten sogar die würdigsten unter ihnen zu einer Stimmung hingerissen hatten, in der sie sich von den vergnügten Kindern nicht mehr allzusehr unterschieden. L. F.-T. Berlin. Dr. Alexander Altraann, Rabbiner in Berlin und Dozent am Rabbinerseminar, ein Sohn des Oberrabbiners von Trier, Dr. Adolf Alt mann, hat sich mit Frl. Judith Franck, Tochter des ersten Vorsitzenden der Synagogengemeinde Altona, Sanitätsrat Dr. L. Franck, verlobt. Dr. Alexander Altmann gehört zu den bekanntesten und in ihrem Wirken erfolgreichsten jungen Rabbinern in Berlin. Er hat sich als glänzender Kanzelredner und Jugendbildner, sowie als Wissenschaftler schon einen großen Namen gemacht. Seine Werke: „Die Grundlagen der Wertethik, Wesen, Wert, Person" und „Metaphysik und Religion" haben die größte Beachtung gefunden. Wir gratulieren herzlichst. Israelitischer Tempel- und Schulverein, X., Humboldtgasse 27. Samstag, den 17. September 1932, findet in unserem Tempel beim Vormittagsgottesdienste die seltene Feier der diamantenen Hochzeit unseres verdienstvollen Ehrenmitgliedes und ehemaligen, langjährigen Vorstandsmitgliedes Herrn Moritz Faltiischek statt. Freie Klublokalitäten bei Tonello. Frau Jo Tone 11 o, welche nun schon seit längerer Zeit das Restaurant Tonello zur größten Zufriedenheit der Gäste als Alleinbesitzerin in eigener Regie führt, hat sich bereit erklärt, allen jüdischen Wohltätigkeits- und anderen Vereinen, sowie Klubs (ohne Ansehen der Parteischattierung) ihre ausgedehnten Klubsäle für die Abhaltung von Vorträgen, Sitzungen und Klubabenden ohne Nachtmahlzwang kostenlos zur Verfügung zu stellen. Der jetzigen Wirtschaftslage Rechnung tragend, sind die Preise bei „Tonello" auf die heute übliche Preislage ermäßigt worden. Außer den billigen Tonello-Menüs werden auch Tee, schwarzer Kaffee, Eier im Glas, belegte Brötchen, Soda mit Himbeer, Limonade und sonstige Erfrischungen zu äußerst mäßigen Preisen verabreicht. Alle Klubs, Vereine usw., welche die freien Klublokalitäten „Tonello" kostenlos zu benützen wünschen, wenden sich an: Restaurant Tonello. Wien IL, Lilienbrunngasse2 (Ecke Marienbücke). Telephon A47-4-50. Fassungsraum: 2 kleine Klubzimmer für je 25 Personen, mittlerer Saal 100, großer Saal 200 Personen. Das „Genesungsheim" des Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten, Meran" wird, wie alijährlich, auch heuer am 1. November eröffnet Aufnahmesuchende wollen sich mit ihren Gesuchen an das „Asilo Israelitico" Merano (Italien) wenden.! I jüdische Mädchen vor der Beruf swahl I! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Modistenkurs Dr. Krflaertieim, II., Malzgasse? Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. _Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. Wiener Talmud-Thora Volks- und Hauptschule für Knaben und Mädchen mit Oeffentlichkeitsrecht Wien IL, Malzgasse 16. Schulbeginn am 16. September. Bethaus in der Mensa academica judaica. Der Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica veranstaltet auch heuer anläßlich der hohen Feiertage im Lokale der Mensa. 9. Bez., Zimmermannplatz 8. ein Bethaus (Minjan). Für gute Vorbeter wurde gesorgt. Das Reinerträgnis wird zur Gänze für Freitische an arme Studenten verwendet. Der Kartenverkauf findet täglich von 9 bis 5 Uhr im Sekretariate der Mensa, 9. Bez., Zimmermannplatz 8. Telephon B 47-4-66, statt. Jeder£eserfoat dasWortf ■ XiMSttkxiftem aus dem üluAfimim. Das Auf stehen beitnSch'mä'Gebet. (Eine weniger gelehrte, dafür aber um so sachlichere Darlegung, die der ganzen Diskussion ein Ende bereiten dürfte.) Abkürzungen: H Herzog, J Jellinek, K Kahan, Ro Rosenmann, RW Redaktion der „Wahrheit", Sch.A. Schulchan Aruch, Sp Spanier. Von Prof. Dr. Ph. Goldberge r. II. Der Laie wundert sich!") A. Nämlich der Wiener Laie, der Durchschnittsjude, der die „neuzeitlichen", in den Augen der strengkonservativen (es gibt auch da verschiedene Färbungen) verfemten Tempel (und dazu gehört auch der in der Seitenstettengasse) regelmäßig besucht, weiß seit 50 Jahren, daß er, wenn er sich nicht den ermahnenden oder im besten Falle mißbilligenden Blick des Schames oder gar eine Wortermahnung zuziehen will, mit der ganzen Betgemeinde bei Rezitation des Sch'mä-Satzes sich zu erheben hat; ja, wie das oft bei solchen Einführungen geht, er hält womöglich den, der es nicht tut für einen Am haarez (Unwissend in jüdisch-religiösen Dingen) im allgemeinen oder im besonderen, der etwa nicht einmal das Sch'mä kennt, oder nicht weiß, daß es üblich ist, beim Sch'mä aufzustehen, oder — im schlimmsten Falle — für einen, der keinen Derech erez (schickliches Benehmen) hat, der nicht autsteht, wenn alles aufsteht, und sitzt wenn alles sitzt; im schlimmsten Falle aber für einen Chuzpenik (arroganter Mensch) oder Asuth panim (asess ponem, wie das Volk sagt, das ist herausfordernd, anmaßend). — Dieser Laie ist nun dank K in seiner seelischen Ruhe schwer erschüttert er muß es sein, denn sein Großvater, sein Vater und er selbst sowie alle anderen Tempelbesucher sind die ganzen Jahre her — horribile dictu — beim Sch'mä aufgestanden, ohne zu wissen, ja ohne auch nur zu ahnen, daß sie alle Awarjanim (Gesetzesübertreter) seien! Diese, auf seinem und seiner Vorfahren Haupte lastende Schuld, wie soll er sie büßen? Wird die Widuji (Sündenbekenntnis9) am Jom Kippurim (Versöhnungstage) genügen, um diese Sündenschuld wegzuschaffen? Oder wird das „chotossi, owissi, poschati10)" nach gehöriger Zerknirschung ihm die erhoffte Verzeihung bringen? Oder sollte in weiser Voraussicht das Einleitungsgebet das mit den Worten „im hoawarjanim" schließt11), die Awarjanim des Sch'mä-Aufstehens gemeint haben? — Und wie, wenn dieser Laie in unverbesserlicher Sündhaftigkeit am Kol Nidrej-Abend beim Ertönen des Sch'mä-Rufes durch den Vorbeter, vielleicht sogar von Begeisterung und atavistischer Glut ergriffen, sich erhebt und aus voller Seele sich ihm der Schrei entringt: Sch'mä Jissroel?! B. Wie alle Jom Kippur-Machsor-Gelehrten wissen, wird auch dort nach dem Vorbild unseres Meisters Moseh, der für die Verirrungen des Volkes als unwissentliche (bisch'gagah) Verzeihung erbat, die Verzeihung verheißen; der einzige Lichtblick in dieser dunklen Sündennacht! Denn der Laie kann ja wirklich sagen, er habe seinen Lehrern gefolgt, er habe es nicht gewußt. — Aber da könnte er nun auf die Idee kommen, daß hier chass weschalom (wörtlich: Schonung und Frieden! Gott behüte!) eine jener Ueberhebungen vorliegt, die von jeher den Gegensatz zwischen Gelehrten und dem Am haarez (Volk des Landes un- 8) Wie dem Verfasser obiger Ausführungen, durch diese angeregt, von mehreren Seiten mitgeteilt wurde, erinnern sich noch (über 80 Jahre alte) Ohrenzeugen der Predigt in welcher Jellinek für das Aufstehen der Gemeinde bei dem Aussprechen des Sch'mä-Satzes Erklärung und Begründung gab. (S. auch „Schma Jisrael" — 5 Reden über das israelitische Glaubensbekenntnis. Wien 1869.) ") Das bekannte, zu allen Gebetzeiten wiederholte Al-Chet-Gebet und das Bekenntnis Oschamnu. 10) Das Gebet des Hohepriesters am Versöhnungstage für die ganze Gemeinde: „Ich habe gesündigt, mich vergangen und gefrevelt!" ") „Es sei uns erlaubt, mit den Gesetzesübertretern zu beten!" — Einleitungsformel am Vorabend des Jom Kippur, vor Kol Nidrej, deren Sinn noch bestritten ist.