Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Augenblick, in dem wir unsere deutschen Heimatsgenossen zu ihrer Anderthalbjahrhundertfeier beglückwünschen, durch die schmerzlichen Ereignisse in Deutschland nicht verdüstern lassen. Wir wollen dem deutschen Volke in der Bukowina herzliche Worte der Anerkennung seiner hundertfünfzigjährigen Kulturarbeit sagen und uns mit ihm mitfreuen. Die Welt soll es wissen, daß die Bukowina der gesegnete Fleck der Erde ist, wo Deutsche und Juden anderthalb Jahrhunderte lang in fast nie getrübter Eintracht friedlich und freundschaftlich nebeneinander gelebt haben und — so Gott will — auch weiterhin leben werden . . . Manche sprechen von einer unüberwindlichen Abneigung der Deutschen gegen die' Juden, während andere gerade in der seltsamen Affinität deutschen und jüdischen Wesens und in der Aehnlichkeit der Schicksale beider über die ganze Welt zerstreuten und vielfach mit Unrecht gehaßten und sicherlich verkannten Völker sozusagen den seelischen Hintergrund für den deutschen Haßkomplex gefunden zu haben glauben. Wahr oder nicht wahr — die Bukowina ist das Beispiel vom Gegenteil. Es muß nicht sein, daß die Deutschen uns hassen, aber unbestritten wahr ist die sonderbare Tatsache, daß wir Juden in der ganzen Welt für das Deutschtum und für das deutsche Volk eine Zuneigung hegen . . . So richten sich unsere Augen auf das Bukowinaer Deutschtum als eine Insel des Friedens im wogenden Haßmeere des Deutschtums in der Welt. Die antisemitische Hetze in Tunis. Die französische Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus hat in einer Zuschritt an ihren Ehrenpräsidenten, den jetzigen Ministerpräsidenten Edouard H e r r i o t, dessen Aufmerksamkeit auf die vor kurzem in Tunis, Sfax, Ariana und in anderen Städten Französisch-Nordafrikas stattgefundenen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gelenkt. Ministerpräsident Herriot erwiderte: Die französischen Behörden in Tunis werden, dessen dürfen Sie sicher sein, jedweden neuen Ausbruch gegen die Juden zu verhindern wissen. Die Exzesse wurden durch Agitatoren, die sich die gegenwärtig im Lande herrschende Wirtschaftsnot zunutze machen, ins Werk gesetzt. Herriot fordert die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus auf, ihren Einfluß auf die Juden in Tunis nach der Richtung auszuüben, daß jede Unklugheit vermieden werde, da es angesichts des in Tunis wieder in Erscheinung getretenen religiösen Hasses außerordentlich wichtig sei, daß jede Aktion vermieden wird, die, in falscher Auslegung, als gegen die moslemitische Religion gerichtet interpretiert werden könnte. Ministerpräsident Herriot teilt ferner mit, daß der Generalresident von Tunis dem Keren Hajessod-Delegierten Herrn Halpern davon abgeraten habe, auf öffentlichen zionistischen Versammlungen, die aus Anlaß seiner Anwesenheit in Tunis arrangiert worden waren, zu sprechen, damit Unruhen vermieden werden. In dem Schreiben der Liga an Herriot war auch darauf hingewiesen worden, daß die französischen Behörden in Tunis dem Führer der Zionisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky das Einreisevisum verweigert haben. Auf diesen Hinweis nimmt Herriot in seinem Antwortschreiben keinen Bezug. Unbeschadet der beruhigenden Erklärung des französischen Ministerpräsidenten wird die Judenschait in Tunesien von einer Welle neuer gegen sie gerichteter blutiger Ausschreitungen von Arabern heimgesucht. Wiederum diente den antisemitischen Agitatoren die Legende, daß Juden die Religion der Moslems verhöhnt haben, als Motiv zur Erregung von Unruhen, die arge Dimensionen annahmen. In Tunis erhält sich hartnäckig das Gerücht, daß die Unruhen eine Folge der Propaganda palästinensischer Agitatoren ist, die vom Mufti in Jerusalem nach Tunis entsandt worden waren. In den Moscheen werden aufreizende antijüdische Ansprachen gehalten, den Andächtigen wird aus den palästinensisch-arabischen Zeitungen „Falastin" (Organ der arabischen Exekutive) und „II Jamea el Arabia" (Organ des Großmufti) vorgelesen. Auch wird die Behauptung in Umlauf gesetzt, daß die Juden in Palästina die Moscheen mit Beschlag belegt haben und die arabische Bevölkerung unterdrücken. „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs", Wien IL, Aspernbrückengasse 2. Jüdische Frontsoldaten, welche ihren Frontdienst, bzw. ihre Auszeichnungen oder Verwundungen dokumentarisch nachweisen können, wollen sofort ihren Beitritt zum Bunde anmelden. Dieses Siegel bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Speisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kurveroi wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT Aus der Berliner jüdischen Gemeinde. In ihrer Sitzung am 8. September, der letzten in diesem jüdischen Jahre, befaßte sich die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin, die von Rechtsanwalt Dr. Klee geleitet wurde, im wesentlichen mit kleineren Vorlagen. Unter anderem wurden für die Anschaffung eines Niederlegungsapparates zur Vorbereitung des Schächtaktes 900 Reichsmark bewilligt Dieser Apparat, dessen Eignung von der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten begutachtet ist, bringt das zu schlachtende Tier binnen wenigen Sekunden in die für das Schächten geeignete Lage und erleichtert auch den Blutaustritt Auf diese Weise werden auch die letzten von nichtjüdischer Seite gegen die Vorbereitungshandlungen für das Schächten vielfach geäußerten Bedenken restlos beseitigt und alle zur Vorbereitung und Durchführung des Schachtens notwendigen Handlungen auf wenige Sekunden zusammengedrängt Dr. Klee schloß die öffentliche Sitzung mit etwa folgenden Ausführungen: Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben die Existenzgrundlage der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland tief erschüttert und bedroht, jedoch nicht an die Grundfesten unseres jüdischen Seins rühren können. Die brutalen Angriffe auf unsere Existenz und noch mehr auf unsere in unseren religiösen Traditionen verkörperte Ehre haben uns tief beeindruckt an uns selbst gleiten sie ab. Wir bedauern sie vor allem, weil sie von Volksgenossen Kants und Lessings ausgehen. Wir sind überzeugt daß Vernunft und Verständnis für Menschenwürde wieder die Oberhand gewinnen werden. Die Tatsache, daß wir trotz des Druckes und der Not nicht verzweifelt sind, gibt uns den Mut, auf unsere jüdische Zukunft zu hoffen. Die schweren Ereignisse der Vergangenheit haben uns gezeigt, daß das, was uns trennt geringfügig ist gegenüber den großen Werten, die wir gemeinsam zu verteidigen haben. Wir wünschen für uns, unsere Gemeinde und unsere Gemeinschaft, daß das kommende Jahr eine fruchtbare jüdische Aufbauarbeit ermöglicht. Die Ansprache des Vorsitzenden wurde von allen Seiten mit lebhaftem Beifall aufgenommen. So fand ein an scharfen innerparteiischen Kämpfen reiches Jahr der Berliner Repräsentantenversammlung einen harmonischen Abschluß. Zwei Jahre bayerisches Schächtverbot. Katastrophale Auswirkungen. Die diesjährige Hauptversammlung des Landesverbandes jüdischer Metzgermeister, die soeben in Würzburg stattfand, beiaßte sich sehr eingehend mit dem Kampf um das Schächten, der, wie in einem Bericht festgestellt wurde, zu einer Existenzfrage für das gesamte Metzgerhandwerk geworden ist. Die Auswirkungen des jetzt gerade zwei Jahre bestehenden Schächtverbots in Bayern sind katastrophal. Die Statistik gibt folgende Aufschlüsse: Für Bayern werden z. B. gegenwärtig jährlich außerhalb des Landes mindestens 14.000 Stück Großvieh, 14.000 Stück Kälber und 15 Stück Schafe geschachtet: dazu kommen noch jährlich 8000 bis 10.000 Stück Wurstkühe und Stiere, die vor dem Schächtverbot zum Export nach Norddeutschland in Bayern geschlachtet wurden, jetzt aber in außerbayerischen Staaten gekauft und geschachtet werden. Das Schächtverbot hat außerdem in Bayern die Zahl der beschäftigungslosen Metzgergehilfen um 200 vermehrt, vor allem sind der Viehhandel und die Landwirtschaft schwer geschädigt worden. Das außerhalb Bayerns zu schächtende Vieh wird nun auch außerhalb des Landes aufgekauft, so daß auch die Häute- und Fellverwertungen einen bedeutenden Ausfall haben und nicht zuletzt eine Mindereinnahme von Schlachhof- und Versicherungsgebühren zu verzeichnen ist. Die Versammlung nahm schließlich auch zu dem im Preußischen Landtag eingegangenen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbotes auch für Geflüg e I Stellung und hob hervor, daß gerade beim Geflügel der Schächtschnitt die rascheste, aber auch die gebräuchlichste Abschlachtungsiorm darstelle und darum auch fast ausnahmslos von allen nichtjüdischen Gefliigelhändlern angewendet werde. Einstimmig wurde der Beschluß geiaßt, zur gegebenen Zeit und im Einvernehmen mit dem Verband bayerischer israelitischer Gemeinden beim Bayerischen Landtag den Antrag auf Auihebung des Schächtverbotes zu stellen. Die Judengesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia und das Toleranzpatent Kaiser Josef II. Festrede des Präsidenten Dr. Jakob Ornsteln. (Fortsetzung.) Das Toleranzpatent hat grundsätzlich, wie bereits an mehreren Stellen dargetan wurde, die Schonung der religiösen Gefühle der Juden zur strengsten Pflicht gemacht. Daher sollen an den von den Juden selbst errichteten Schulen „Lehrer von ihren Religionsgenossen" tätig sein. Solche Lehrer gab es jedoch zur Zeit der Erlassung des Toleranzpatentes offenbar nicht, da, wie bereits angeführt, nach dem mehrfach erwähnten Hofkanzleivortrage vom 7. September 1781 selbst die „vermöglicheren Juden ihre Kinder, außer dem Studium der Religion nicht unterrichten ließen". Deshalb mußte für die Heranbildung von geeigneten Lehrern Vorsorge getroffen werden. Hofrat von Greiner beantragte nun, daß die Juden „drei Subjekte zur Abrichtung an die Normalschuldirektion anweisen sollen". Nach dem Vortrage der Hofkanzlei sollte „aus diesen Subjekten, welche in der für die Juden geeigneten Lehrart unterrichtet werden müßten," von der Schuldirektion der Tauglichste und Geschickteste für den neuen Lehrer gewählt werden. Das Betätigungsfeld des gewählten Lehrers war durch eng gezogene Grenzen eingeschränkt, denn es sollte nach dem Vortrage dem gewählten Lehrer „eingebunden werden, in seine Lehre keine, auch nicht jüdische Religionsgegenstände einzumengen", sondern sich bloß nach der vorgeschriebenen Lehrart zu vorhalten. Die Wahl des Leiters einer solchen auf eigene Kosten errichteten Schule war aber den jüdischen Schulerhaltern nicht freigestellt. Nach dem Vortrage der Hofkanzlei sollten vielmehr diese Schulen christlichen Direktoren unterstellt werden, aber diesem Direktor war „einzubinden, sich in das Religionsfach und ihre Gebräuche bei Andachten nicht einzumengen". Doch Kaiser Josef ging in seiner Richtung gebenden Resolution vom 1. Oktober 1781 über diese prinzipielle Forderung der Hofkanzlei hinaus, indem er von dem Erfordernis des christlichen Glaubensbekenntnisses für den Direktor absah. Nach dieser Resolution unterstanden „die jüdischen Schulen derselben Obsicht, unter welcher die übrigen Schulen stehen", welche Autsicht nach dem Vortrage auch in der Verpflichtung der Schilldirektion, jährlich den zweimaligen Sommer- und Winterprüfungen beizuwohnen, ihren Ausdruck iinden sollte.