Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Situation der deutsehen Juden. Wie sie ein führender amerikanischer Jude sieht In Berlin weilte jüngst Mr. Samuel C. Lamport, der bekannte amerikanische Industrielle. Er wohnte der Tagung des Administrative Commitee der Jewish Agency in London bei, begab sich von dort nach Rußland, um die wirtschaftliche Entwicklung im Sowjetreiche im Hinblick auf die Möglichkeiten amerikanisch-russischer Wirtschaftsbeziehungen zu studieren und traf kürzlich in Berlin ein, wo er dem amerikanischen Botschafter, Herrn Sackett, über seine Eindrücke berichtete. In Deutschland, wo Mr. Lamport ausgedehnte geschäftliche Interessen hat, nahm er mit verschiedenen Kreisen Fühlung und gewann so ein Bild von der jetzt herrschenden politischen Atmosphäre. Vom JTA-Vertreter über seine Eindrücke hier befragt, führte Mr. Lamport ungefähr aus: Auf meiner Reise nach Europa traf ich mich mit verschiedenen amerikanischen und europäischen Geschäftsleuten, die früher geschäftliche Interessen in Deutschland hatten und ebenso wie ich hier als Käufer auftraten. Diese Herren sagten mir, sie kämen nicht mehr nach Deutschland, wo sie persönliche Insulten befürchten zu müssen glauben. Ich bin nicht so pessimistisch, ich kenne das deutsche Volk und weiß, daß es sich nicht zu Pogromen verführen lassen wird, auch wenn manche gewissenlose Führer der Nationalsozialistischen Partei solche Pogrome zweifellos wollen und wenn es auch vorgekommen ist, daß sich Steingeschosse und Handgranaten mit Vorliebe gegen jüdische Fenster kehrten. Was mich hier in Deutschland so tief und nachhaltig erschütterte, waren aber nicht diese Stein- und Bombenwürfe, nicht auch die sich häufenden Schändungen von Friedhöfen und Synagogen, die ein Ausfluß von Unreife und Krankhaftigkeit kleinerer Gruppen sein mögen, sondern mich erschütterte zutiefst die geistige und materielle Situation der deutschen Juden, ihre gezwungene IsoliertheitmittenineinemKulturkreis, den sie mit ihrer Begabung und ihrem Herzblut mitzuschaf f en geholfen haben. Ich kenne die deutschen Juden und weiß, welcher Liebe und Opfer für Deutschland sie fähig sind. Auch die führenden Schichten der amerikanischen Juden, die das moderne Amerika mitbauen geholfen haben, sind deutsch-jüdische Einwanderer oder Abkömmlinge von deutschen Juden. Diese jüdischeSchicht tfcutfteton Wladimir Jabotinsky. Skizzen zu einem Porträt. (Anläßlich der kürzlich stattgefundenen Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten in Wien.) . . . Als ein Zwischenrufer den von einem fast legendarischen Nimbus umwobenen „Führer" eines Widerspruches bezichtigte, griff Jabotinsky diesen Vorwurf auf, bekannte sich ohne viel Umschweife dazu, eine äußerst widerspruchsvolle Persönlichkeit zu sein, und formulierte unter der Hand aus diesem „Bekenntnis zur Inkonsequenz" geradezu seine bewußte, planmäßige, weltanschauliche Einstellung. Mit der überlegenen Fähigkeit eines Meisters der Diskussion ließ er einen ganzen Sprühregen von Selbstvorwürfen auf sich niederprasseln, verwies er selbst den Zwischenrufer auf seine publizistischen und journalistischen Arbeiten, in denen sich „noch mehr, viel mehr, tausendmal mehr Widersprüche" finden lassen würden, und erklärte diese seine Wesensart mit folgender Anekdote: „Wenn man einem russischen Muschik sagt: 4 + 4 8, so wird er dies verstehen. Sagt man ihm jedoch: 5 + 3 8, so wird ihm das kaum einleuchten und er wird argwöhnen, es handle sich hierbei um einen .jüdischen Dreh*. Ich aber sage euch" — hier verfiel Jabotinsky in sein faszinierendes Pathos und mit weicher, fein timbrierter, aber fester und jeden Widerstand niederzwingender Stimme spielte er seinen Trumpf aus — „ich aber sage euch, daß nicht nur 4 + 4 8, nicht nur 5 + 3 8, sondern auch . . . ." — und er nannte eine ganze Reihe von Addenden und Subtrahenden, eine vielgestaltige algebraische Summe, deren Resultat am Ende doch auch 8 ergab, wobei er mit nervösen, präzis abgehackten und hastigen Gesten verschieden große Kurven in der Luft beschrieb. Waren diese Kurven die graphische Darstellung logisch-strenger, mathematischer Denkoperation oder nur die Widerspiegelung der exzentrischen Gedankensprünge eines dämonischen Geistes? in Amerika, die im Kriege fürDeutschland gelitten hat, war es, die nach dem Kriege als erste die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen, geistigen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland mit durchgesetzt hat. Die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands und der Vereinigten Staaten berühren sich sehr stark, und eben jetzt, wo die eine Zeitlang erschüttert gewesene amerikanische Wirtschaft wieder eine Wendung nach aufwärts nimmt, beginnt sich der wirtschaftliche Horizont auch für Deutschland zu erhellen. Aber diese deutschen Hoffnungen können zunichte werden, wenn die deutsche öffentliche Meinung nicht genug Widerstandskraft gegen das Hitlerische Gift des Antisemitismus aufbringt. Diejenigen Amerikaner, die Deutschland wirklich kennen, wissen, daß Hitlers Haßgesang gegen die Juden den Geist des deutschen Volkes verfälscht. Das deutsche Volk ist kein Haß-Volk. Leider aber beherrschen Hitler und Goebbels die Straße und verfälschen das Büd des wahren Deutschland. Wenn Hitler wirklich das Beste seines Volkes will, warum treibt er es durch die Desperation des Antisemitismus einer immer enger werdenden Isolierung zu? Siegt Hitler, dann ist an eine Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und der Welt nicht zu denken. Durch eine solche Desperado-Politik sperrt Hitler seinen eigenen Volksangehörigen die Hoffnung auf Arbeit und Brot ab. Sehr niedergedrückt hat mich auch die Tatsache, daß die besseren Elemente in Deutschland, Man sollte meinen, daß diese Anekdote, die das Primat des wirklichen Lebens anerkennt, der Ausdruck eines gesunden, starken und lebenbejahenden Realismus sei. Jabotinsky wollte gewissermaßen zu verstehen geben, daß er nicht das Leben an starren Grundsätzen, sondern seine Grundsätze an den ewig wechselnden Formen des Lebens zu orientieren gewillt sei. Um so seltsamer erscheint dieser kompromißfreundlichen Lebensweisheit gegenüber die harte Unerbittlichkeit, womit er den Exodus seiner Fraktion aus dem Gesamtgefüge der allgemeinen zionistischen Partei erstrebt. Wo bleibt hier sein Realismus, seine Anerkennung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse, die wiederholte Aufforderung zur Disziplin und Einigkeit auch über die am schärfsten klaffende Divergenz in den eigenen Reihen? Oder ist sein Opportunismus nur sehr eng begrenzt? Und reichen seine Grundsätze nur bis zu den Grenzen seines Königreiches, der Fraktion der Revisionisten? Es gibt eben zwei Arten realistischer Einstellung. Jene von Hegel herstammende, vom aktuellen Bolschewismus usurpierte, sogenannte „Dialektik", welche zwar die Anpassung an die jeweiligen Lebensverhältnisse predigt, aber im Hintergrunde stets den Popanz seines politischen Idols aufrecht erhält und sich insgeheim von ihm bestimmen läßt, und den wahren Realismus, der sich bedingungslos dem Strom des Lebens, den Forderungen der Gegenwart hingibt und dessen einziger Halt, dessen archimedischer Punkt religiöse Gläubigkeit ist. (Denn jene* dritte Art von Realismus, die Hingabe an das Leben, ohne zu glauben, ist nichts anderes denn eine Art moralischer Haltlosigkeit, ist geräuschvoller Aktivismus, grundloses Vertrauen, Lärm — um nichts.) Es gibt demnach auch einen scheinbaren Realismus, einen Realismus mit Vorbehalt, vergleichbar dem Wirken eines Manikers, der sich zwar nach außen hin ganz harmlos gibt, dessen Triebkraft jedoch eine geheime Idee, ein verborgenes Ideal, irgendein eingewurzeltes metaphysisches System ist. Ist Jabotinsky nun ein ehrlicher, bedingungsloser Realist oder ein verkappter Metaphysiker? Es ist schwer, ihn ganz zu durchschauen, da er auch vor seinen engeren Parteigängern nicht alie seine STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 diejenigen, die den wahren Wert der deutschen Juden, ihre Liebe und ihre Opfer für das Vaterland kennen und die wissen, daß die noch nicht 600.000 deutschen Juden mehr als 12.000 ihrer Söhne auf den Schlachtfeldern für Deutschland geopfert haben, daß sie von jedem wirtschaftlichen Unglück Deutschlands als die ersten getroffen werden, daß diese besseren Deutschen nicht aufstehen, um für die deutschen Juden zu zeugen, aus Furcht, daß man sie als Judenfreunde verschreit; daß nicht von autoritativer deutscher Seite in der letzten Zeit ein Machtwort gegen die antisemitische Desperation gesprochen worden ist. Eine Ueberwindung des antisemitischen Giftes läge doch letzten Endes im Interesse des deutschen Volkes, seines Ansehens und seiner Wohlfahrt. * Das Sprengstoffattentat gegen die jüdische Arbeitersiedlung Groß-Gaglow. Der unter der Leitung eines Berliner Kriminalkommissars stehenden Untersuchungskommission ist es gelungen, den Sprengstoffanschlag aufzuklären, durch den in der Nacht vom 16. zum 17. August ein neuerbautes Haus der jüdischen Landarbeitersiedlung in Groß-Gaglow in Trümmer gelegt wurde. Die Täter sind festgenommen. Es handelt sich umfünfMitgliederdernationalsozialistischen Partei. Karten aufdeckt. So spricht er, obzwar anscheinend religiös inspiriert, nur selten von Gott und fast niemals von Religion. Da er aber, anläßlich eines Entwurfes des revisionistischen Programms, in fast religiöser Verzückung die zukünftige Entwicklung dieser Partei prognostizierte, sie mit der Gesamtentwicklung der Menschheit verknüpfte, sie als Basis für einen Aufschwung — „ins Unendliche" bezeichnete, wird man ihn schon als einen Metaphysiker ansehen müssen, als den Inhaber eines „geschlossenen, metaphysischen Systems". Denn immer, wenn von Unendlichkeit gesprochen wird, ohne daß dabei der Name Gottes erwähnt wird, handelt es sich um leidige Metaphysik .... Noch ein Hinweis auf den zweideutigen Realismus Jabotinskys: Seine aristokratische Auffassung (er gebrauchte selbst diesen Ausdruck) des jüdischen Volkes, das er als ein Volk von „lauter Fürsten" bezeichnete, wohl in Anlehnung an unsere religiöse Ermahnung, ein „Volk von Priestern" zu sein. Mit dieser Auffassung machte er den an sich löblichen Versuch, die Idee des Klassenkampfes zu diffamieren. Aber er fand keinen realistischeren Ausweg als den, jeden Bestand von Klassenunterschieden zu leugnen, trotz der augenscheinlich und faktisch bestehenden Unterschiede zwischen den Menschen. „Für mich sind", so erklärte er treuherzig, „alle Fürsten. Mein Schneider — ein Fürst, ich selbst — ein Fürst, mein Schuster — ein Fürst. Ich würde anderenfalls mit ihnen nicht sprechen, da ich mich prinzipiell nur in fürstlichem Milieu bewege. Also, alle, alle — Fürsten." Eine bestechende Auffassung, da es gewiß einem jeden der Delegierten und Zuhörer nicht unangenehm war, zu erfahren, daß sie von fürstlichem Geblüt wären. Aber ebenso falsch wie die marxistische Praxis, die am liebsten aus allen Fürsten — Schuster machen möchte, geradeso falsch ist es, in jedem Schuster einen Fürsten zu erblicken. Das ist utopische Gleichmacherei nach oben und alles andere denn realistisch. Der wahre Realismus sieht die Dinge viel einfacher: Ihm sind die Fürsten — Fürsten und die Schuster — Schuster! Leo Lenz. Eine Insel des Friedens. 150 Jahre Deutschtum in der Bukowina. In diesen Tagen feierten die Deutschen der Bukowina im Beisein der^fnihrer des Deutschtums in Rumänien das 150jährige" Jubiläum ihrer Seßhaftigkeit in der Bukowina. Aus diesem Anlaß widmet Deputierter Dr. Mayer Ebner in der Czernowitzer „Ostjüdischen Zeitung" den Deutschen seiner engeren Heimat einen Gruß; er führt u. a. aus: Auf die Jubiläumsfeier der Deutschen in der Bukowina fällt der Schatten des an Breite und Tiefe wachsenden reichsdeutschen Judenhasses, den spätere Geschichtsschreiber als eine Psychose des durch den Krieg arm und unglücklich gewordenen deutschen Volkes erklären werden. Aber wir Juden, gewohnt in Zeiträumen von Jahrhunderten zu denken, wir wollen uns den