Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 38 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tDanrheif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien iiiöiiimiiiüiiiUiiiii^üiM Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVHI. Jahrgang Wien, 16. September 1932 Nummer 38 Alle Kinder laufen 1"60 Turn-Leibchen Turn-Cloth-Hosen Turn-Socken....... Turn-Schuhe, ganz Leder Skl-Renoraduren las§ von zum S 2.40 „ 1.98 fi n Si4 4.80 Jüdische Politik in 'Österreich. Die Ferien sind zu Ende und das politische Leben in Oesterreich beginnt wieder lebhafter zu pulsieren. Eigentlich waren es diesmal sehr kurze Sommerferien, die den Oesterreichern gegönnt waren. Der Kampf um die Lausanner Anleihe zog sich bis gegen Sommerende hin und kaum zeigen sich die ersten Schatten des nahenden Herbstes, da beginnt der Kampf aufs neue. Charakteristisch für die Verhältnisse in der Donaurepublik ist der Umstand, daß das Wiedereinsetzen des politischen Lebens mit blutigen Zusammenstößen beginnt, wobei in der Hauptsache die Hakenkreuzler die treibende Kraft bilden. Sie rüsteten sich zunächst zu einem gewaltigen Treffen und der große Adolf Hitler hätte in höchst eigener Person die Wiener mit seinem Besuch beehren und mit seiner Weisheit beglücken sollen. Es wäre zu schön gewesen — es hätt' nicht sollen sein! Hitler hat abgesagt, da ihn einerseits die kritischen Verhältnisse in Deutschland davon abhalten, sich um die „Erlösung" der Oesterreicher zu kümmern, anderseits die inneren Reibungen im Lager der österreichischen Nazi die Abhaltung des großen Parteitages als untunlich erscheinen ließen. Aber die Herren Hakenkreuzler wollen keine Ruhe geben; geht es nicht mit dem großen Eroberungszug in Wien, so versucht man es vorläufig mit blutigen Schlachten in Bruck usw. Dieses Präludium läßt darauf schließen, daß es in Oesterreich in den nächsten Wochen recht heiß hergehen dürfte. Die Rührigkeit der Nazi muß vor allem den Juden zu denken geben. Die Wahlen in Bruck zeigten, daß die Nazi nach wie vor dabei sind, auf Kosten der Christlichsozialen weitere Eroberungen zu machen. Die Christlichsozialen geben sich zwar alle Mühe, den Herren Hakenkreuzlern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber bis auf weiteres sind die Nationalsozialisten im Vorsprung. Da sie noch immer nicht so weit wie in Deutschland vorgedrungen sind, wo Hitler und seine Genossen sich ein wenig Reserve auferlegen müssen, um ihre Regierungsfähigkeit zu dokumentieren, so darf man sich weiterhin auf allerlei Ueberraschungen gefaßt machen. Besonders ist damit zu rechnen, daß sie ihre Versuche, antijüdische Exzesse zu arrangieren, erneuern dürften. Ein besonderes Augenmerk widmen sie den Allerjüngsteu, den Bürger- und Mittelschülern, wobei sie scheinbar der Meinung sind, unter diesen für politische Erkenntnis am wenigsten reifen Jünglingen leichter ihren Gimpelfang betreiben zu können. G erade deswegen müßte es die Aufgabe der maßgebenden jüdischen Faktoren sein, rechtzeitig für die nötigen Abwehraktionen Sorge zu tragen. Wie ist es nun nach dieser Hinsicht bei uns bestellt? Leider nicht am besten. Vor allem werden die Wiener Juden in den nächsten Wochen und Monaten von eigenen inneren Kämpfen stark absorbiert werden. Die Weisheit unserer Zionisten hat es verlangt, daß gerade jetzt, während dieser ernsten Wochen, die Wahlkampagne für die Kultus wählen vor sich gehe. Die Herren können es nicht länger erwarten, die „Eroberung der Kultusgemeinden" in die Wege zu leiten. Sic haben keine anderen Schmerzen, als die Mehrheit in der Gemeindestube zu erringen, und wenn alle anderen Argumente versagen, da muß die „Demokratie" herhalten ... Die Erzdemokraten vom Revisionistenlager wollen zwar innerhalb der zionistischen Weltorganisation von der Demokratie wenig hören und spielen ganz offen mit dem Gedanken einer Diktatur — aber im Kampfe um die Kultusgemeinde sind sie fanatische „Demokraten"; die allgemeinen Zionisten hinwiederum, die sich sonst von den Revisionisten ihren Weg nicht vorschreiben lassen und für diese nur Hohn und Spott haben, zeigten ihnen gegenüber wenig Widerstandskraft, als es sich darum handelte, im allgemeinen jüdischen Interesse gerade in dieser ernsten Zeit einen innerjüdischen Wahlkampf hintanzuhalten und lieber eine einheitliche jüdische Abwehrfront herzustellen. Eindringlicher als je muß der jüdischen Oeffentlichkeit vor Augen geführt werden, daß die Not der Zeit und ihre Gefahren den führenden jüdischen Faktor en eigentlich wichtigere Au fgaben zuweisen, als einen K a m p t um Mandate zum Kultusvorstand. Allerdings muß auch dieser Kampf ausgekämpft werden, da er nun einmal auf Wunsch der Zionisten beschlossen worden ist. Aber gerade dieser Umstand soll für diejenigen, die anderer Meinung sind, den Ansporn bilden, darauf hinzuweisen, wie gefährlich es sein würde, denjenigen Elementen, die in einer so ernsten Zeit keine anderen Sorgen kennen als M a n d a t e s u c h t, das Schicksal der Wiener .1 u d e n h e i t anzuvertrauen und ihnen die Macht in der Kultusgemeinde auszuliefern. Da die zionistischen Gruppen also nach wie vor vor allem mit ihren parteipolitischen Aspirationen und Ideologien beschäftigt sind, ist und bleibt die „Union" der einzige berufene Faktor zur Verteidigung der allgemeinen jüdischen Interessen. Je stärker ihr Anhang, je größer die Zahl ihrer Mitglieder, je weitgehender die direkte und indirekte Unterstützung, deren sie sich seitens der breitesten jüdischen Kreise erfreut, um so besser wird die „Union" ihren Aufgaben gerecht werden können. Die Wiener Juden werden daher im eigenen Interesse gut daran tun, die moralische und materielle Kraft der „Union", ihrer einzigen Wortführerin im vollsten Sinne des Wortes, zu stärken. Je rascher und ausgiebiger dies erfolgt, desto besser für die jüdische Allgemeinheit. Die „Union" bedarf aber nicht nur neuer Mitglieder, sondern auch neuer Mitarbeiter. Die große Zahl derjenigen, die noch immer abseits stehen und sich politisch desinteressiert zeigt, müßte endlich aus der Reserve heraus, die bisherige Passivität aufgeben und mit Hand anlegen zur Währung und Verteidigung der allgemeinen jüdischen Interessen. Vielleicht wird gerade die bevorstehende Kampagne für die Kultuswahlen hierzu die passende Gelegenheit bieten. Alle Mann an Bord! — das muß heute die Parole des Tages sein. Jeder Jude muß in diesen ernsten Tagen seiner Pflicht gerecht werden. Wir stehen vor den großen und heiligen Tagen, da jeder Jude sich Rechenschaft über sein Tun und Lassen abgibt. Möge dies diesmal nicht nur im individuellen Sinne, sondern auch im kollektivenderFallsein. Mögesich jeder Jude darüber klar werden, ob und in welchem Ausmaße er auch seinen Pflichten als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft nachgekommen ist — und das Ergebnis dürfte sicherlich dazu führen, daß die jüdische Abwehrfront die erforderliche Stärkung und Ausgestaltung erfahren wird. Österreichische luden! Denkt an Euren Schutz! / Werbet für Eure „Union"!