Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 37 (9.9.1932)
- Date
- 1932-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 ^=se=sa trumszeitung absieht, nur Juden betroffen wurden. Einem jüdischen Arzt wurden die Fenster, zahlreichen jüdischen Gewerbetreibenden Schaufenster-, Türen- und sonstige Scheiben, stellenweise zwei und drei in einem Geschäft, zertrümmert. Der Landesverband und die Ortsgruppe des Centrai-Vereines unternahmen gegen die Ausschreitungen bei der zuständigen Behörde die notwendigen Schritte. Gegen die nationalsozialistische „Deutsche Ostfront", die unwahre Berichte brachte, daß Juden, deren Geschäfts- und Privatadressen genau angegeben waren, ihrer Freude über, die Todesurteile offen Ausdruck gegeben hätten, und die auch sonst ständig Lügenmeldungen über einzelne Juden oder die jüdische Gemeinschaft brachte, ist eine ganze Reihe von Strafanzeigen erstattet worden. Der Abschluß der Gerichtsverfahren zog sich so lange hin, daß sich die Hetze voll auswirken und zu Gewalttaten gegen die Angegriffenen führen konnte. Nichts ist unverständlicher als diese Langsamkeit. Menschenleben stehen auf dem Spiele. Jede Stunde kann neue schwerste Exzesse bringen. Da begehen die verantwortlichen Behörden die unverständliche Versäumnis, nicht unverzüglich einzugreifen und von heute auf morgen auf Grund ihrer Ermächtigungen Sühne und Beruhigung zu schaffen. So waren die Vorfälle in Beuthen, wie ja auch schon die kurz vorher vorgekommenen Handgranatenattentate auf Juden und jüdisches Eigentum in Oberschlesien gezeigt haben, kennzeichnend für die innere Bereitschaft eines zur wilden Feindschaft aufgestachelten Teiles der deutschen Be- Streng rituell... wird Kunerol erzeugt, in modernen, appetitlich reinen Anlagen, die vom Publikum jederzeit besichtigt werden können. Kunerol ist garantiert reines, 100%iges Pflanzenfett Seine besonderen Vorzüge sind: Großer Nährwert, leichte Verdaulichkeit und lange Haltbarkeit Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt . KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFEIT 5,1 u' völkerung, antisemitische Ausschreitungen herbeizuführen auch bei Anlässen, die, wie der vorliegende, mit Juden und Judentum nicht das geringste zu tun haben. „Natürliche Feindschaft" oder bloß „Chauvinismus"? Nachspiel zu den antijüdischen Ausschreitungen in Polen vom November 1931. Feindschaft zum Polen hege", und daß Wulfin schon darum diese Tat zuzutrauen sei. Das Urteil und dessen Begründung hatten um Jüngst fand vor dem Kreisgericht in Wi 1 na der Beruf ungsprozeß gegen den jüdischen Studenten Samuel Wulf in statt, der von dem Erstgericht wegen angeblicher Teilnahme an den Ausschreitungen, bei denen der polnische Student Waclawski den Tod fand, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Im November vorigen Jahres haben bekanntlich an der Wilnaer Universtät umfangreiche Exzesse nationaldemokratischer Studenten gegen ihre jüdischen Kollegen stattgefunden, die sich dann lawinenartig über die ganze Stadt, besonders über die jüdischen Wohnviertel, ausbreiteten und in der Folge auf eine Reihe anderer großer und kleinerer Städte Polens übergriffen. Während der Exzesse war der nationaldemokratische Student Waclawski durch einen Steinwurf so schwer verletzt worden, daß er an dessen Folgen im Hospital verstarb. Allgemein herrschte die Ansicht vor, daß der tödliche Steinwurf von einem Kollegen Waclawskis herrührte und den jüdischen Studenten galt, da nur die angreifenden polnischen Studenten sich mit Wurfgeschossen versorgten, die sich verteidigenden jüdischen Studenten aber ganz unbewaffnet waren. Während Waclawski von seinen Kollegen in einer Droschke ins Hospital gebracht wurde, sollen die Insassen der Droschke angeblich von einer Gruppe Juden, unter denen sich Wulfin befand, angegriffen worden sein. Obwohl mehrere jüdische Zeugen aussagten, daß Wulfin nichts mit den Ausschreitungen zu tun hatte, wurde er auf Grund der Aussagen einer polnischen Zeugin, die ihn wiedererkannt haben wollte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. In der Begründung hatte) das Gericht unerhörterweise ausgeführt, daß „der Jude eine natürliche so mehr Entrüstung unter der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen, als von den wirklichen Schuldigen an den Studentenunruhen und den nachfolgenden zahlreichen antisemitischen Exzessen, bei denen Hunderte von Juden verletzt und hunderte jüdische Geschäfte teils geplündert, teils zerstört wurden, bisher keiner vor Gericht gestellt wurde, dagegen aber eine lange Reihe von Prozessen fast ausschließlich gegen Juden, die überall die Angegriffenen waren, geführt wurde, wobei die jüdischen Angeklagten zu einem großen Teil zu empfindlichen Strafen verurteilt worden waren. Der Verteidiger Samuel Wulfins, der Advokat Joseph C z e r n i c h 0 w, hat in einem umfangreichen Schriftsatz Urteil und Begründung des Erstgerichtes einer scharfen Analyse und vernichtenden Kritik unterzogen. Das erstrichterliche Urteil wurde tatsächlich aufgehoben und Wu 1 fin zu nur zwei Monaten Gefängns verurteil t. In der Begründung heißt es, in Wilna seien weder antijüdische noch antipolitische Unruhen vorgekommen, es hätten „bloß Zusammenstöße zwischen chauvinistischen Gruppen" stattgefunden. Man hat den Eindmck, daß das Revisionsgericht bestrebt war, ein Kompromißurteil zu fällen, um die polnische Justiz aus jener peinlichen Lage herauszubringen, in die sie das monströse erstrichterliche Urteil versetzt hat. Sachlichkeit? „Die geistigen und politischen Führer des Volkes klagen an und verteidigen" heißt es auf dem Schutzumschlag zu dem über 400 Seiten starken Wälzer „Der Jud ist schuld . . .", der vor kurzem im Zinnen v erlag in Wien erschienen ist und dessen Ziel in dem Vorwort wie folgt umrissen wird: „Der Umstand, daß in den Meinungen über die für die Zukunft des deutschen Volkes so lebenswichtige Frage des Judenhasses ein wahres Chaos herrscht, verleiht dem Buch eine Bedeutung, die es weit über billige Tagesaktualität hinaushebt. Hier soll zum erstenmal eine neutrale Plattform errichtet werden, auf der der Pro- und Kontraredner die Gewißheit hat, von einer unbefangenen Zuhörerschaft gehört und gewürdigt zu werden. ..." — Gewiß eine schöne Aufgabe, und selbst ein Skeptiker, der glaubt, daß keine Zeit so wenig zur objektiven Würdigung dieser Frage geeignet ist als unsere zerrissene, gehetzte, chaotische, könnte sich vorstellen, daß man immerhin kluge, abgewogene Worte zu hören bekommen würde, die zwar das Problem nicht lösen, ihm aber vielleicht ein Stück auf dem Weg zur Lösung weiterhelfen könnten. Aber selbst diese bescheidene Erwartung wird enttäuscht Es fällt uns schwer, das auszusprechen, weil wir den Vorwurf voraussehen, der Jude in seiner Empfindlichkeit könne wieder einmal die Wahrheit nicht ertragen. Wir könnten sie sehr wohl ertragen, ja wir würden sogar einen kleinen Sack voll Lügen noch gerne mit in Kauf nehmen, er würde leicht auf unseren Schultern liegen, gegenüber dem, was man hier wagt, der Oeffentlichkeit als Wissenschaft vorzusetzen. Ehe' wir ins einzelne gehen, eine kleine Rechnung: Das Buch umfaßt -400 Seiten, von denen die ersten 200 abgestempelten Antisemiten eingeräumt sind. Unter den „Führern des Volkes" finden wir die Herren Graf Reventlow mit 25 Seiten, Herrn Werner in seiner frisch gebackenen Würde als Präsklent des Hessischen Landtags mit 20, Herrn Prof. Passarge mit 22 und die Herren WoJ- , zogen, Gottfried Feder, von der March, Artur Dinter, Alfred Roth, Major Buchrucker u. a. mit im Durchschnitt 10 Seiten. Bescheidener im Umfang die Herren Stapel, Schaukai. Jungnickel. Die nächsten 100 sind mit Aufsätzen von Persönlichkeiten gefüllt, bei denen nach Ansicht der Herausgeber eine vermittelnde Stellungnahme vorhanden sein soll. Unter ihnen sind Franz Schauwecker, General von Lettow-Vorbeck, Herrmann Bahr, Werner Sombart, Wilhelm Solhnann, das Zentralkomitee der KPD. Und dann kommt endlich der dritte Teil, noch einmal 100 Seiten, also nur ein Viertel des Buches, und zum Schluß, wenn der Leser bereits entweder voll Ekel das Buch zugeklappt oder, wenn er weniger urteilsfähig war, von den Tiraden, Lügen, Phantastereien der nationalsozialistischen Gande vollkommen umnebelt ist. — dann kommen die deutschen Juden zu Wort und einige Männer, die die Kulturschande des Antisemitismus erkannt haben. Immerhin fünfzehn Namen von Klang. Aber von diesen schreiben nur zwei größere Aufsätze: Zielenziger 13 Seiten und Adolf Böhm 18 über „Zionismus und Judenfrage"; Heinrich Mann, Coudenhove-Kalergi, Oskar Maria Graf, Holitscher, Naumann, Theilhaber, Feuchtwanger, Ismar Elbogen, Brod, Saiten, Prof. Lessing bleiben alle unter 6 Seiten. Wir wissen nicht, wie weit diese an sich weise Beschränkung der Klugheit der Autoren und wie weit sie dem Wunsch des Verlags entspricht, aber diese rein äußerliche Einteilung muß bereits zu denken geben. Wobei wir ohne Ueberheblichkeit feststeilen könen, daß diese letzten 100 Seiten nicht nur durch ihre ruhige Sachlichkeit, sondern auch zum großen Teil durch ihre richtige Wertung und Ausdeutung der Situation bei dem aufmerksamen Leser sicher Gutes bewirken werden. Wir wollen es an dieser Stelle absichtlich unterlassen, die „jüdischen" Beiträge einer Kritik zu unterziehen. Das mag bei internen Unterhaltungen geschehen, aber nicht vor der Oeffentlichkeit, vor der es heute mehr denn je notwendig ist, daß das deutsche Judentum geschlossen seinen Feinden entgegentritt. Dieses