Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 37 (9.9.1932)
- Date
- 1932-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT l HOTEL £ ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang revisionistischen Union diesen von Jabotinsky ausgegangenen Ruf nach Gewalt aufgenommen und ihn sozusagen potenziert. Es sind bezeichnenderweise die palästinensischen Revisionisten, die. sich um Abbi Achi-Meir scharen, dem bekannten Radaumacher, der die verschiedenen nationalistischen Kundgebungen an der Jerusalemer Universität inszenierte. Was dieser Mann üi der Generaldebatte forderte, das geht selbst in unserer Zeit, die mit der Diktatur liebäugelt, über die Hutschnur. Der Mann ist ein gelehriger Schüler von Mussolini und Hitler, für die er auch ausgesprochene Sympathie bekundet Gleich diesen Vorbildern predigt er den Kampf, Kampf mit allen Mitteln gegen die „Verräter im Judentum". Für ihn sind solche „Verräter" nicht so sehr die bösen Assimilanten, wie die Zionsten, die sich mit ihnen in der Jewish Agency zusammengesetzt haben, insbesondere gilt sein geradezu fanatischer Haß den Poale- Zionisten, die ihm wegen ihrer internationalen Gesinnung nicht national genug sind. Einen würdigen Assistenten fand Achi-Meir in Wolfgang Weisel, der auch eine eigene Gruppe führt, die sich von der Aclii-Meirs nur dadurch unterscheidet, daß sie .■rite Führerschaft Jabotinslcys anerkennt, der dem Achi-Meir zu wenig revolutionär ist. So hat die wenige Jahre aite revisionistsche Partei schon ihre verschiedenen Fraktionen. Wolfgang Weisel war einer der Hauptschreier bei den stellenweise überaus stürmischen Beratungen, die einmal sogar von der Polizei abgebrochen werden mußten, weil d4e Bewohner der benachbarten Häuser sich mit Recht über den unerhörten Krawall aufhielten. Es ging da um die Person des bisherigen Vizepräsidenten der Partei, Richard L i c h t h e i m, der selbst dem Kongresse ferngeblieben war und der auf mannigfache Weise seine Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit mit der derzeitigen zionistischen Exekutive bekundet hatte. Dieses „verräterische Verhalten" war den nationalen Heißspornen ein Dorn im Auge und Lichtheim erfuhr von ihnen eine Kritik, wie sie diese Herren einem ganz gemeinen Antisemiten kaum zu Teil werden lassen. Im Mittelpunkt der Kongreßberatungen, deren Höhepunkt eine zweite meisterhafte Rede Jabotinskys bildete, stand überhaupt die Frage des Verhaltens zur zionistischen Weltorganisation, eine Frage, die schon im Dezember v. J. auf der Konferenz von Calais nur notdürftg beantwortet worden war. Der Beschluß von Calais, der nach harten Kämpfen in Wien ratifiziert worden ist, war ein Kompromiß, das Idfen Revisionisten die Möglichkeit des Verbleibens in der zionistischen Weltorganisation und der Teilnahme an deren verschiedenen Instanzen (Kongreß, Aktionskomitee, Exekutive) bot, anderseits aber auch jenen Revisionisten, die von der zionistischen Organisation nichts wissen wollen, „gerecht" wurde, indem die Mitgliedschaft zur revisionistischen Union nicht mehr an die Zugehörgkeit zur zionistischen Weltorganisation und die Bezahlung des Schekels geknüpft wurde. Es wurde aber beschlössen, daß sämtliche Mitglieder der revisionistischen Union, ob Schekelzahler oder nicht, ausschließlich der Disziplin der revisionistischen Union unterworfen sind. Man sieht, die Revolutionäre sind große Parlamentarier geworden, auch ihr weiterer Beschluß, an den Völkerbund und an. die einzelnen Regierungen der dem Völkerbund angehörigen Staaten eine Petition wegen Einflußnahme auf gerechte Durchführung des Palästina- Mandates ist so — sagen wir — bürgerlich, daß man unbedingt die Empfindung hat, daß diese ursprünglich so elementar aufgetretene Bewegung durchaus zahm geworden ist, was sicherlich ihre Schlagkraft wesentlich herabmindern muß. Nur die Verlegung der revisionistischen Exekutive nach Genf ist als eine' Kampfansage gegen Englands „Mandatsbruch" zu werten. Auf dem Kongreß erscholl von der rechten Seite wiederholt der Ruf „Zurück zu Jabotinsky!" Darin liegt Bedeutung und Tragik zugleich. Jabotinsky stand vor Jahren auf, um die zionistische Bewegung, die ihm zu unaktiv zu werden drohte, mit Gewalt zu energischem Handeln, insbesondere gegenüber England, zurückzuführen. Er stellte damals die Parole auf: „Z u r ü c k zu Herzl!" Nun, da er selbst Führer einer recht großen Bewegung geworden ist, erkennt er die Grenzen der Aktionsmöglichkeit und will bremsen; seine gläubigen Anhänger aber erinnern ihn an das Wort, das er ihnen zugerufen, und variieren es in mahnender Weise. Was hier in einem Teile der zionistischen Bewegung vor sich geht, wird, so fürchten wir, eines Tages in der Gesamtbewegung offenbar werden; auch da werden die irregeführten Anhänger, wird insbesondere die mißleitete Jugend die Anklage gegen jene erheben, die nur versprachen, obwohl sie wissen mußten, daß sie ihre Versprechungen nicht halten werden können. oh. Schwere Tage in Beuthen Die schweren Ausschreitungen der letzten Wochen in Beuthen richteten sich, wie bereits letzthin mitgeteilt, genährt durch antisemitische Gerüchte, in immer stärkerem Maße gegen die Juden. Die das Gerichtsgebäude bis zur Begnadigung der fünf zum Tode verurteilten Nationalsozialisten umgebenden Massen brachen immer wieder in den Ruf aus: „Deutschland erwache, J u d a v e r r e c k e!" Ein Trupp zog am Abend des 23. August vor die Synagoge und rief dort: „Nieder mit den Juden!". Am 24. August bildeten die Nationalsozialisten einen Zug aus 7- bis 10jährigen Kindern. Man gab den Kindern Hakenkreuzfähnchen in die Hand und ließ sieumdasGerichtsgebäude ziehen und Nazilieder mit judenfeindlichen Texten singen. Verschiedentlich wurden jüdische Persönlichkeiten angerufen und am Telephon mit Beschimpfungen und Bedrohungen überhäuft. In das Geschäft einer jüdischen Dame drangen zwei Männer, einer davon in Hitleruniform, ein, und riefen ihr zu: „Hier wohnt auch so ein verfluchter Jude! Die Scheibe kommt auch noch dran!" In den Abendstunden dieses Tages kam es zu einem neuerlichen Scheibensturm, von dem, wenn man von den zerschlagenen Fenstern im sozialdemokratischen Volkshaus und der Zertrümmerung eines Aushängekastens der Zen- 'JeuHfcton Das Ghetto in Amsterdam. Ein Beitrat: zur Soziologie des Ghettos. Von Prof. Leopold von Wiese. Köln. (Schluß.) Das Zeitalter der Emanzipation beseitigte die letzten rechtlichen Schranken zwischen Niederländern und Juden. Aber Sitte und Brauch haben überall ihre eigenen Gesetze, wurzeln tiefer in Herkommen und Geschichte und sind für Befehle der Obrigkeit wenig zugänglich. Das Ghetto blieb. Bildet es einen offenen oder sozial geschlossenen Kreis? Die Wohlhabenderen wanderten aus; es zeigte sich dabei immer deutlicher, daß das alte Judenviertel jetzt nicht mehr der Wohnbezirk der Juden Amsterdams insgesamt war, sondern zur Heimstätte eben der armen Juden, von Proletariern und Kleinbürgern wurde. Die Zugehörigkeit zur Unterklasse ist neben der Rassen- und Religionsgemeinschaft auch ein verbindendes Band. Die reicher gewordenen Leute nahmen aber selten eine Wohnung in Straßen, in denen sie gewissermaßen in der Diaspora zwischen Nichtjuden wohnen. Die Gewohnheit des Ghettos zog mit ihnen: es entstanden zwei' oder drei neue Judenviertel in Amsterdam, die freilich nur mit starker Abschwächung diese Bezeichnung verdienen. Nicht nur ist das äußere Bild dieser sauberen, breiten Straßen völlig anders als in dem malerisch-schmutzigen Ghetto; auch die Prozentzahl der Semiten unter den Bewohnern ist in diesen Quartieren beträchtlich geringer. Im eigentlichen Ghetto fehlt es auch nicht an Zuzug von außen. Jüdische Einwandererfamilien aus der Unterklasse nehmen nicht selten dort eine Wohnung, wenn sie sie finden, was freilich nicht so leicht ist. Die Wohnungs- und Gesundheitspolizei reißt in den letzten Jahren viele alte verkommene Häuser und ganze Gassen nieder. An Stellen, wo man noch vor fünf Jahren ein Gewirr von Gäßchen, Höfen und Schuppen sah, ist heute ein breiter Marktplatz; sehr viele Häuser und Kellerräume tragen die Aufschrift, daß sie nicht mehr als Wohnungen dienen dürfen; an ihnen ist ein Schild mit dem Vermerk: „Onbewoonbaar" angebracht. Genötigt von Polizei und Wohlfahrtsämtern, verlassen manche Familien ihre alten Wohnhöhlen und engen, düsteren, unsauberen Stuben; aber es ereignet sich nicht selten, daß sie nach einigen Monaten oder Jahren heimwehkrank in die alten Schlupfwinkel zurückkehren. Dabei müssen der Behörde gegenüber schlaue Vorwände angewendet werden. Man hat ihnen etwa die Benutzung der alten Keller als Lagerräume für Waren gestattet; aber in Wahrheit machen sie diese Höhlen wieder zu ihren Wohnstätten. Was aber hält diese Familien von Diamantenarbeitern, Händlern und Handwerkern im Ghetto zusammen? Ich war geneigt, im Ritual der jüdischen Orthodoxie das Hauptbindemittel zu sehen. Doch ist dieser Deutung, der ich in einem Vortrage in der Genootschap voor de Joodsche Wetenschap in Nederland am 11. Juni 1930 Ausdruck gab, gerade von den besten Kennern des Ghettos widersprochen worden. Einige meinten: die Gewohnheit. Das kann aber nicht ausreichen; denn es handelt sich ja gerade darum, zu erklären, wieso dieses engste Zusammenwohnen zur eifrig festgehaltenen Gewohnheit werden kann. Die meisten Diskussionsredner erklärten sich diesen Zustand hauptsächlich und in tiefster Verursachung biologisch: aus dem Rassenzusammenhang. Die Religion übe bei diesem Großstadtproletariat heute keinen stärkeren Einfluß mehr aus. Viele Leute hielten sich an die konfessionellen Vorschriften nur insoweit, als sie mit den wirtschaftlichen Daseinsbedingungen und der heutigen Lebenshaltung in deutlicher Uebereinstimmung ständen; auch habe der Rabbiner nur noch wenig Macht über das Ghetto. Viel stärker sei der Einfluß des Sozialismus, und in der Tat ist die Verhältniszahl der sozialdemokratischen Wähler im Ghetto bedeutend größer als in den anderen Stadtvierteln. Proletarisches Klassenbewußsein ist die eigentliche Religion (oder der Religionsersatz) in diesen Kreisen geworden. Aber die Leute ziehen eben doch nicht in das nichtjüdische Arbeiterviertel Jordaan oder in den eigentlichen Hafenbezirk. In der Tat mag die Zugehörigkeit zu dem biologischen Gebilde, das man Rasse nennt, die wesentlichste Ursache der räumlichen und sozialen Verbundenheit sein. Aber weshalb gibt es dann heute anderswo in Mittel- und Westeuropa kein Ghetto mehr? Offenbar ist die Verknüpfung von Proletariat und Semitentum die Hauptwurzel der Gemeinschaft. Anderswo, gelingt es in Friedenzeiten den jüdischen Familien, kiurch Zähigkeit, Enthaltsamkeit und Wirtschaftsgeschick allmählich oder plötzlich aus den Niederungen des Proletariats emporzusteigen; der wachsende Wohlstand aber isoliert (auch in Amsterdam) die Familiengruppen. Hier aber zeigt sich eine soziologisch sehr lehrreiche Erscheinung: die aus der Vergangenheit überkommene Ghettogemeinschaft hält die große Mehrzahl fest in ihrem Bann. Die meisten Familien bleiben arm und klammern sich an ihr soziales Gebilde. Ein ausgezeichneter Armenarzt, der . einer der gründlichsten Kenner des intimen Lebens und Denkens der Ghettoleute ist, sagte mir: draußen in der Welt jenseits der imaginären Ghettomauern finden sich die Leute nicht zurecht; sie fürchten sich vor der Geringschätzung und dem Hochmut der Gojim; sie hegen in ihrem Innersten ein Minderwertigkeitsgefühl, das sie nur vergessen und überwinden, wenn sie ganz unter sich sind. Die Enge des Ghettos erzieht sie eben auch nur für den engsten Kreis. Dabei wird darüber geklagt, daß viele von ihnen — besonders auch-(eine seltene Erscheinung) die Hausfrauen — faul seien, daß eine starke Neigung für gutes Essen bestehe und nicht viel gespart werde. In der Tat fällt auf, in welchen Mengen (besonders am Feiertage) an den herumfahrenden Geflügel- und Fischwagen verhältnismäßig teure Ware von schlecht und liederlich gekleideten Frauen aus dem Proletariate gekauft wird. Diese Gewohnheiten der Ghetto-Juden unterscheiden sich beträchtlich von der Lebensart jüdischer Familien der Unterklasse an anderen Orten. Die Existenz in der Nachbarschaftsgemeinschaft erstickt anscheinend das Streben, wirtschaftlich emporzukommen, sie macht träge und sorglos. Die Leute sind vielfach gutmütig und heiter. Auf den Stufen vor den Häusern sitzen wie im Süden die Frauen mit den Gemüseschüsseln und schwatzen lebhaft und unaufhörlich. Ist aber einmal ein von Natur nicht besonders energisch veranlagter und begabter Mensch mit einem solchen Dasein ganz ausgesöhnt und zufrieden, dann ist ihm die Vorstellung, aus dieser Lebensgemeinschaft zu scheiden, unlieb und quälend. Es kommt also zu dem biologischen Faktor und zur Konfession ein drittes Element sozialer und sozialpsychologischer Art hinzu, die bindende Gewalt einer herkömmlichen Gemeinschaft, der der Einzelmensch ein gut Teil seines Persönlichkeitsbewußtseins geopfert hat., Man kann das dann in der Tat bei oberflächlicher Deutung Gewohnheit nennen. Wer nicht in die erschlaffende Gemeinschaft paßt, sucht aus dem Viertel fortzukommen. Aber die große Mehrzahl will das Ghetto. Es ist lehrreich, daß die neuen, gesundheitlich besser eingerichteten Häuserblocks, die die Stadtverwaltung hier und da an der Stelle der alten schmutzigen Gassen errichtet, in sozialer Hinsicht alsbald wieder Ghetto-Charakter bekommen. Die Familien suchen also wieder einen engeren nachbarschaftlichen Zusammenschluß und pflegen den genossenschaftlichen Geist. Dabei bindet sicherlich die zahlreichen Händler unter den Amsterdamer Juden ihr Gewerbe und Geschäft an das Ghetto. Seit Jahrhunderten blüht hier ein sehr eigenartiger Straßenhandel. Er ist ein Kapitel für sich. Dieser merkwürdige Riesenumsatz in Trödelwaren und altem Schund gehört zum Ghetto und macht in erheblichem Grade seine Eigenart aus. Anderswo ist er in ähnlichem Ausmaße unmöglich.