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Die Wahrheit · 1932-09-09 · Heft 37 (9.9.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 37 (9.9.1932)
Date
1932-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden** and den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Die Wahrheit XLVIII. Jahrgang Wien, 9. September 1932 Nummer 37 Politik und Wirtschaft. Zu den Vorgängen in Oesterreich und Deutschland. Nach den heißen Tagen des Kampfes um das Anleiheprotokoll von Lausanne ist in Oesterreich im politischen Leben die Stille der Sommerferien eingetreten- Die Herren Volksvertreter wie die Mitglieder der Regierung genießen ein wenig Ruhe, bereiten sich aber zugleich für die heranrückende Herbstkampagne vor, die nicht minder heiß sein dürfte. Denn mit der Erledigung des Lausanner Protokolls ist es noch nicht getan. Abgesehen davon, daß die Flüssigmachung der Anleihe noch Monate auf sich warten lassen dürfte, abgesehen davon, daß das Ergebnis derselben kaum hinreichend sein dürfte, die Währungs-, geschweige denn die Wirtschaftskrise zu beheben, ist es jedem Einsichtigen klar, daß die Beseitigung der Gefahren für den Schilling, die Sicherung des Gleichgewichtes im Staatshaushalte usw. ohne dauernden Effekt bleiben müßten, falls es nicht gelingen sollte, die gesamte österreichische Politik auf eine gesunde Basis zu stellen. So wahr es ist, daß die politische Krise in Oesterreich hauptsächlich eine Folge der wirtschaftlichen und finanziellen Not ist, so darf man sich anderseits die Tatsache nicht verschweigen, daß es vielfach die Politik war, die wesentlich zur Verschärfung der Wirtschaftskrise beigetragen hat. Wären im politischen Leben die Parteiegoismen nicht allzusehr in den Vordergrund gerückt, hätten besonders die großen Parteien, die doch naturgemäß eines gewissen Verantwortungsgefühls nicht entbehren, sich nicht nur auf die Wahrung ihrer einseitigen Parteiinteressen verlegt, sondern mehr mit den Interessen der Allgemeinheit gerechnet, so wäre es wahrscheinlich nicht zu dieser Verschärfung der Wirtschaftskrise gekommen, deren Auswirkungen wir alle am eigenen Leibe verspüren. Nun stecken wir inmitten dieser Krise und es ist dringend geboten, derselben Einhalt zu tun. Man mag sich zu der Politik des gegenwärtigen Bundeskanzlers wie immer stellen, eines darf ihm nicht abgesprochen werden, die Erkenntnis, daß die österreichische Politik der nächsten Zeit in der Hauptsache eine Wirtschaftspolitik sein müsse. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Radikalisierung der breiten Volksmassen, das Aufsteigen der extremen Elemente von rechts und links eine Folge der Wirtschaftsnot ist. Nie hätten die Hakenkreuzler in Oesterreich derartige Fortschritte machen können, nie wäre es den Herren Frauenfeld, Suchenwirth und Genossen geglückt, in die öffentlichen Körperschaften einzudringen und dort Radau zu machen, wenn ihnen nicht die allgemeine Unzufriedenheit infolge der großen Not die Steigbügel hierzu gereicht hätte. Will man diese Gefahr beseitigen, will man es verhüten, daß auch in Oesterreich 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung sich um die Fahne des Hitlertums scharen, dann muß eben bessere Wirtschaftspol it i k gemacht werden. Wirtschaftspolitik — das ist aber eipe sehr heikle Materie; da muß rein sachlich gedacht und gehandelt werden; da darf es keine Demagogie geben. Ebenso wie Papen in Deutschland die Parole von der „konservativen Staatsführung" ausgegeben hat, ebenso muß diese oder eine ähnliche Parole auch in Oesterreich für diejenigen maßgebend sein, die weiterhin an der Spitze der Staatsgeschäfte stehen wollen. Die christlichsoziale Partei, die seit mehr als 10 Jahren in der Hauptsache die Geschicke Oesterreichs leitete und die diese Leitung weiter beibehalten will, darf diese Tatsache nicht aus dem Auge verlieren. Es ist selbstverständlich nicht die Aufgabe eines jüdischen Blattes, sich den Kopf der Christlichsozialen zu zerbrechen. Aber es darf in diesem Zusammenhange darauf hingewiesen werden, daß gerade in der fetzten Zeit in der katholischen Presse Deutschlands ernste Betrachtungen über die Zukunft der österreichischen Christlichsozialen angestellt werden. Diese Blätter weisen darauf hin, daß die christlichsoziale Partei in Oesterreich nach dem Ableben Dr. Seipels ihren einzigen Mann verloren hat, der einen Einfluß auf die Jugend hatte, und daß diese Jugend nunmehr ziel- und führerlos den Verlockungen der extremen Strömungen ausgeliefert sei. In den führenden christlichsozialen Kreisen hat man diese Sachlage erkannt. Aber anstatt nach einem Programm Ausschau zu halten, das irgendwie der Jugend einen moralischen und materiellen Halt bieten könnte, verfiel man auf den absurden Gedanken, die radikalen Elemente zu begünstigen, mit dem Nationalsozialismus zu liebäugeln und den Hakenkreuzlern Konzessionen zu machen. Man gab sich dem Irrwahn hin, eine Wiederauffrischung der antisemitischen Flagge von anno dazumal werde den Hakenkreuzlern den Wind aus den Segeln nehmen. Wenn die Christlichsozialen für das Gleispachsche „Studentenrecht" eintreten, wenn ihr neuer Obmann sich nicht geniert, in seiner Programmrede offen zu erklären, daß die Partei aus „agitatorischen Gründen" wieder den Antisemitismus stärker betonen müsse, wenn das Zentralorgan der Christlichsozialen in der letzten Zeit sich darin gefiel, gelegentlich allzu kraß antisemitische Töne anzuschlagen, um der „Dötz" Konkurrenz zu machen, so legte man das Geständnis ab, daß man den Versuch machen wolle, mit Hilfe des Judenhasses wieder in die Höhe zu gelangen und die Jugend zu verhalten, bei der Stange zu bleiben. Aber dieser Versuch muß mißlingen, denn die Hakenkreuzler werden immer imstande sein, die Christlichsozialen in punkto Antisemitismus zu überbieten. Und wenn die Christlichsozialen weiterhin als Staatspartei gelten wollen, wenn sie an der Macht bleiben möchten — dann gehen sie mit dieser Taktik einen falschen Weg. Gerade dieser Tag hat sich einer ihrer Wortführer, der Justizminister Dr. Schuschnigg (der sich noch im Frühjahr als „selbstverständlichen" Antisemiten bezeichnet hatte) in seinem Vortrag auf dem Katholikentag in Essen in anerkennenswerter Weise gegen den konfessionellen Hader ausgesprochen. Es reimt sich schlecht dazu, wenn gleichzeitig das Hauptorgan der Partei mit. der „Dötz" in ein Horn stößt und den konfessionellen Haß zu schüren sucht. Wenn sie die Konkurrenz der Nationalsozialisten los werden will, dann sollte sie lieber gute W i r t s c Ii a f t s p o 1 i t i k machen; wenn einmal die Not geringer sein wird, dann dürfte der Zulauf zu den H akeuk r e uz1e r n geringer w erden. Auch Reichskanzler v. Papen scheint diese Wahrheit voll zu begreifen. Auch er ist vor allem mit einem Wirtschaftsprogramm hervorgetreten. Und wenn man sieht, daß in Deutschland die Hitlerianer trotz ihrer 14 Millionen Stimmen plötzlich in die Defensive gedrängt worden sind, daß diese grimmigsten Gegner des Parlamentarismus heute nichts besseres zu tun wissen, als den Parlamentarismus zu verteidigen und als Böcke die Rolle des Gärtners zu spielen, so ist daraus zu erkennen, daß die Parole der Wirtschaftspolitik, der konservativen Staatsführung in Deutschland nicht ohne Echo geblieben ist. Hier sollten auch in Oesterreich die Bemühungen der gemäßigten Elemente einsetzen — und sie werden dabei sicherlich wesentlich besser fahren, als wenn sie sich die antisemitischen Parolen zu eigen machen und mit dem Hitlertum ein Wettrennen hinsichtlich des Judenhasses austragen. Sie werden damit nicht nur sich selbst, sondern auch Oesterreich einen großen Dienst erweisen. Die revisionistische Weltkonferenz. Wien hat neun Tage lang einen zionistischen Kongreß beherbergt, dessen Beratungen eine Fülle von interessantem Matierial über idSe Bewegung, ihre Aussichten und Gliederung boten. Raummangel macht es uns leider unmöglich, auf alte Details näher einzugehen, obwohl dies sehr lohnend wäre, nur ein kurzer Rückblick sei hier geworfen auf das, was der Beobachter sah und hörte, und noch mehr auf das, was aus dem Gesehenen un'di Gehörten sich ableiten läßt. Der Kongreß begann mit einer großzügig gedachten Kundgebung im Zirkus Renz, in deren Mittelpunkt die Eröffnungsrede Jabotinskys stand, die sogar seine treuesten Anhänger enttäuschen mußte. Es war nicht der Jabotinsky der Tatkraft, <hr da sprach, sondern ein müder, ein verbitterter Jabotinsky. Nur auf Hoffnungen baute er seine oratorisch gewiß ausgezeichnete Rede auf, nur Versprechungen bekam man zu hören, nichts Reales, nichts, was auch dem nicht skeptisch Veranlagten die Wahrscheinlichkeit einer Verwirklichung bietet. Vor allem kein Wort von Gewalt, dieser Donner, den Jabotinsky noch vor nicht mehr als einem Jahre im Wiener Konzerthaussaal hören ließ, ist verrollt. Dafür hat eine starke Gruppe innerhalb der

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