Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 36 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT 11 Judische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Dr. ifrfigemeim, n., raaizgasse l Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. Eine Versammlung der „Oesterr. Volkspartei". Eine begrüßenswerte Aufklärungsarbeit Oberflächliche Beobachter der Vorgänge im öffentlichen Leben sind, irregeführt durch die lärmende Gewalttätigkeit und das Maulheldentum der Nazi-Führer, der Meinung, daß derzeit in der Tat eine tiefe Kluft zwischen dem. christlichen und dem jüdischen Teil der Bevölkerung besteht, daß — mit einem Wort — alle Christen auch Antisemiten seien. Juden, die beruflich oder gesellschaftlich in dten höheren sozialen Schichten der Christenheit verkehren, wissen, daß dem nicht so ist, und vermerken nur die bedauerliche Tatsache, daß jene vorurteilslosen Christen, angewidert durch die unappetitlichen Begleiterscheinungen des politischen Lebens, die öffentliche Tribüne meidlen. Wer von uns Juden in näherer Verbindung mit der Arbeiterschaft, und hier insbesondere mit dem sozialdemokratisch organisierten Teil derselben, steht, kann gleichfalls feststellen, daß das gerade in den letzten Monaten von den nationalsozialistischen Blättern bewußt in Umlauf gesetzte Märchen von dem Ueberhandnehmen des Antisemitismus in Arbeiterkreisen nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, wenn auch zuzugeben ist, daß infolge der zunehmenden Arbeitslosigkeit die Gefahr einer antisemitischen Verseuchung nicht von der Hand zu weisen ist. Aber, aber, wird man uns einwenden, die christliche Bürgerschaft, der heute verarmte christliche Kleinbürger ist doch jetzt samt und sonders im Lager der Antisemiten. Niemand wird äeugnen, dlaß der Zustrom zum Nationalsozialismus gerade aus diesen Schichten beängstigenden Umfang angenommen hat. Daß aber den verhetzenden Einflüssen Hitlers und seiner Gefolgsleute ein starker Damm entgegengesetzt werden kann, das zeigte lehrreich eine Kundgebung der kleinen und politisch noch einflußlosen „Oesterreichischen Volkspartei", die dieser Tage im „Bayerischen Hof" eine große öffentliche Versammlung abgehalten hat, in der der Parteiobmann, Rechtsanwalt Dr. Zalmann, über „Antisemitismus und Wirtschaftskrise" sprach. Der Referent — ein Jude, die mehrere Hunderte zählende Zuhörerschaft, Männer und Frauen jeglichen Alters, fast ausschließlich christlich. Der Redner nahm sich kein Blatt vor den Mündt Er geißelte die Niedertracht der antisemitischen Hetzer, er rühmte die idealen ethischen Grundflagen des Judentums. Daran ist nichts besonderes, daß ein Jude so spricht, selbstverständlich auch vor christlichen Zuhörern. Das Lehrreiche und Interessante liegt darin, wie diese Zuhörer auf die Ausführungen undt Ausfälle des Redners reagierten. Man traute nicht seinen Augen, wenn man diese christlichen Männer und Frauen in einen tosenden Beifall immer wieder ausbrechen sah, sobald der Redner Sälze sprach wie die folgenden: „Die Herren, die Steine auf die Judlen werfen, die sollen zuerst an ihre Brust klopfen, die sollen erst selbst in ihre schwarze Seele hineinschauen. Der jüdische Wucher ist nicht größer und nicht kleiner als der anderer Glaubensangehöriger. Auf einen jüdischen Wucherer kommen zehntausende anständige Juden ... Ich habe schon viele Christen, die gar oft in die Kirche gehen, als ganz gemeine Wucherer kennengelernt . . . Die Antisemiten, die den Juden Mangel aji Idealismus vorwerfen, sind ganz gemeine Schufte, die das Volk mißbrauchen, selbst aber nicht das geringste Ideal besitzen und auch nicht das Geringste für das Volk geleistet haben oder leisten . . . Den Antisemitismus holt man immer dann hervor, wenn man eine große Schurkerei decken will. Und es ist eine schlechte Politik der Juden, diesen Schurkereien gegenüber zu schweigen oder sich vielleicht gar zu verkriechen . . . Jede antisemitische Bewegung bedeutet einen furchtbaren Schaden für das ganze Volk, weil die Hauptsache dadurch immer beiseite geschoben wird . . . Das Streben der Nazi geht nicht dahin, die Wirtschaftskrise zu beseitigen, sondern zu verschärfen . . . Die Menschheit braucht heute nicht Haß, sie braucht heute mehr denn je gegenseitige Liebe, gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit." Freilich, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine kleine, von wenigen hundert Christen besuchte Versammlung ist noch kein Anlaß, Jubelgesänge anzustimmen, aber Anlaß genug, um neuerdings zu erkennen, daß Aufklärungsarbeit möglich, notwendig und erfolgversprechend ist. Trotz allen bösen Erfahrungen, trotz der düsteren, gefährlichen Epoche, in der wir leben, bleibt unsere Ueberzeugung bestehen, daß über alle Rückschläge hinweg die Zeit für uns arbeiten wird. Die Geschichte wird lehren, daß wir und nicht Herzl, nicht Jabotinsky auf dem rechten Wege waren. Aus alter Weft Von der Olympiade in Los Angeles. Den jüdischen Sportlern Europas auf der Olympiade waren gute Erfolge beschieden. Der für Dänemark startende Leichtgewichtsringer Abraham Kurland (Hakoah Kopenhagen) setze sich bis in die Endkämpfe durch und errang die bronzene Medaille hinter Malmberg (Schweden) und Sperling (Deutschland). Der Oesterreicher Hirschl (Hakoah Wien), der durch sein glänzendes Können schon auf der Makkab i a h großes Aufsehen erregt hatte, belegte hinter Wester Green (Schweden) und Urban (C.S.R.) dien dritten Platz, womit er Oesterreich bekanntlich eine bronzene Medailü'e sicherte. An einem der schwersten leichtathletischen Wettbewerbe, dem Marathonlauf über 42,2 km, beteiligte sich als Vertreter der Tschechoslowakei Heks (Hagibor Prag). Unter .28 Läufern aus 18 Nationen belegte er in 2:41:35 St. den 8. Platz hinter dem argentinischen Sieger, zwei Engländern, einem Finnen und zwei Japanern. Er erwies sich mit dieser hervoragenden Leistung als bester Marathonläufer Mitteleuropas. Leipzig. In der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität ist der Privatdozent mit der Lehrberechtigung für „Wissenschaft vom späteren Judentum", Dr. Lazar Gulkowitsch, zum nichtplanmäßigen Professor ernannt worden. Dr. Gulkowitsch, der zugleich als Lektor für späthebräische, jüdisch-aramäische und talmudische Wissenschaften tätig ist, kam 1924 als Lektor an die Universität Leipzig als Nachfolger von J. K a h a n e. Hier erhielt er auch 1927 die venia legendi auf Grund einer Schrift „Der Chasidismus religionswissenschaftlich untersuch t". Dr. Gulkowitsch leitet die Abteilung für spätjüdische Wissenschaft am Leipziger alttestamentlichen Seminar. Bukarest Als Vertreter des jüdischen Kultus wurde Oberrabbiner Senator Dr. N i e m i r o w e r in die Senatskommission für Kultus und Unterricht gewählt. Diese Kommission, der die hervorragendsten Parlamentarier aus kirchlichen und wissenschaftlichen Kreisen angehören, ist eine der bedeutendsten und einflußreichsten beratenden Körperschaften des rumänischen Parlaments. Ihr obliegt die Prüfung und Bearbeitung aller dem Senat vorgelegten Fragen, die sich auf Kultus und Unterricht beziehen. Senator Doktor Niemirower hat auch in den vergangenen Parlamentssessionen stets dieser Kommission angehört Dreyius-Ehrung in Port Haliguen. Die Pariser Liga für Menschenrechte wird demnächst in Port Haliguen bei Quiberon an der Stelle, wo Oberst Alfred Dreyfus nach der Rückkehr von der Teufelsinsel landete, eine Gedenktafel anbringen lassen. Dreyfus kam in Port Haliguen an Bord des Dampfers „Sfax" am 30. Juni 1899 an. Am 7. August wurde vor dem Kriegsgericht in Rennes die Verhandlung in dem Wiederaufnahmeverfahren eröffnet Das Gericht sprach Dreyfus mit 5 gegen 2 Stimmen abermals schuldig, empfahl ihn aber unter Anrechnung mildernder Umstände der Gnade des Kriegsministers. Am 19. September 1899 wurde dem damaligen Hauptmann Dreyfus durch einen Erlaß des Präsidenten der Republik die restliche Strafe nachgesehen, aber erst am 12. Juli 1906 hob der Oberste Gerichtshof das Urteil gegen Dreyfus auf und ordnete seine sofortige Wiedereinreihung in die Armee an. Dreyfus wurde zum Major befördert und zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Gleichzeitig wurden gerichtliche Schritte gegen die an seinem Unglück Schuldigen eingeleitet Leopoidsf&dfer Tempeivereln „ACSCDEL Awnonon", IL, Pazmanitengasse 6,—Telephon Nr. R 47-8-63. Zur Erinnerung an die Einweihung des Tempels findet am 1. Selichot-Tage (25. September) eine Stiftungstrauung für Waise im Tempel, IL, Pazmanitengasse 6, statt Bewerber wollen ihre Gesuche an die Tempelkanzlei bis 15. September einsenden. Der Vorstand. Jfiakcnfzrcuz am Werfc Antisemitischer Wirtschaftskrieg. Es gab auch schon bisher „Führer" durch die christliche, die arische Geschäftswelt. Das waren aber Bücher von kleinerem Umfang, nur einige wenige Branchen umfassend, herausgegeben von irgend einem nationalsozialistischen Geschäftemacher. Jetzt aber soll es anders werden. Die Partei selbst, die nach den Weisungen ihres Osafs darauf ausgeht, die wirtschaftlichen Positionen der Juden vollends zu brechen, um dann mit der ganzen „jüdischen Pest" aufzuräumen, bereitet, wie sie in ihren österreichischen Organen mitteilt, einen „Neuen FühreT und Wegweiser durch die bodenständige Geschäftswelt" vor, damit es in Zukunft nicht mehr vorkomme, daß es noch immer so- ' genannte deutschblütige Menschen gebe, die bei jüdischen Geschäftsleuten einkaufen. Bei den bisher im Umlauf befindlichen nationalsozialistischen Wegweisern kam es, wie durch die Nachprüfungen der „U n i o n" festgestellt wurde, immer wieder vor, daß einzelne christliche Kaufleute ohne ihren Willen und ohne ihr Zutun in diesen „Führern" Aufnahme fanden. Nun aber wird nur jenen Kaufleuten und Gewerbetreibenden das Heil wiederfahren, in dem neuen „Führer" verzeichnet zu stehen, die, abgesehen von der Insertionsgebühr, sich's etwas kosten lassen, denn, wie die Verlautbarungen mitteilen, müssen einige Prozente der Verkaufsbeträge an die nationalsozialistische Bewegung abgeliefert werden. Wir Juden sind begreiflicherweise jedem Boykott abgeneigt und könnten uns nur schwer dareinfinden, Gleiches mit Gleichem zu vergelte«. Diesen neuen „Führer", der im Herbst — offenbar noch rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft — das Licht der Welt erblicken soll, sollten aber alle jüdischen Kaufleute und Konsumenten genau studieren, um zu wissen, welche arischen Geschäftsleute ausschließlich auf arische Kunden reflektieren. Die „Union" wird nicht ermangeln, den Lesern der „Wahrheit" einen „Neuen Führer" durch jene Geschäftswelt zu bieten, die darauf verzichtet, jüdisches Geld in ihre Kasse zu tun. Zweierlei Maß. Die „D ö tz" meldet: „Die noch nicht 13jährige Josepha N. hat durch ihre geschlechtliche Frühreife zwei junge, bisher unbescholtene, gut beleumundete Männer, den Kutscher Friedrich G. und den Leopold H. ins Verderben gestürzt." Was wäre in der „Dötz" zu lesen, wenn es sich um Juden handeln würd'e? * Die „Dötz" teilt mit: „Das Schöffengericht in Dessau verurteilte den 20 Jahre alten Arbeiter P. Bieler aus Dessau zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis. Er hatte im Jänner gemeinsam mit zwei von ihm angestifteten Schuljungen die empörenden Grabschändungen auf dem alten Dessauer evangelischen Friedhof verübt." Empört sich die „Dötz" auch, wenn es sich um Schändungen jüdischer Friedhöfe handelt? Die neue deutsche Sachlichkeit. Aus einer Zuschrift an die „Dötz" über das Programm von Radio Wien: „Im Vortrag „Sudetendeutsche in Oesterreich" von Doktor Brehm, der sonst sehr gut war, fiel nur die sachliche Behandlung des Judenproblems und die Nennung mancher jüdischer Namen als literarische Größen unangenehm auf." Schlecht aufgenordet. Der Kreisleiter der NSDAP in Eutin, Doktor Wolfgang Saalfei dt, hatte einen Tannenbergbund-Führer verklagt, weil1 ihn dieser einen Judenstämmling genannt hatte. Bei der Gerichtsverhandlung wurde festgestellt, daß Saalfeldts Mutter Cäcilie Säalfeüd tatsächlich einer alten jüdiischen Farn i 1 i e in Posen entstammt. Saalfeldt war also nur nur ein Saalfeld. Doch dieses angemaßte nordische „t" war nur der letzte Schnörkel in einem Auf-