Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 36 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Narienbad WM Franzensbad Gold Schlüssel w Rest. Fürstenhof SIMON RAAB Den wirtschaftlichen Verhältnissen angemessen, bedeutend ermäßigte Preise. Kritische Beleuchtung einer Kritik. Von Uriel Birnbaum. Wer in die Oeffenlichkfeit tritt, muß sich Kritik gefallen lassen. Das bedeutet aber nicht, daß er alles, was sich selbst Kritik nennt, als solche anerkennen und hinnehmen müßte. Wo der eigentliche Inhalt und der letzte Sinn der eigenen Meinung durch den Kritiker mißverstanden und darum entstellt wurde, wird Widerspruch nicht nur Recht, sondern Pflicht In dieser Lage aber befinde ich mich bezüglich der Rezension, die S. Taubes in Nummer 30 der „Wahrheit" meiner Schrift „Volk zwischen Nationen" angedeihen ließ. Taubes überwertet, offenbar weil ihm selbst dieser Oedanke besonders nahesteht, meine „kardinale Behauptung", „wonach der Antisemitismus letzten Endes religiös zu umschreiben sei", und bekrittelt, daß ich diesen Gedanken „nicht zum kardinalen Mittelpunkt" meines Essays erhoben hätte. Er übersieht, daß ich den Antisemitismus eben vom religiösen Standpunkt aus als göttliches Mittel zum Zweck der Erhaltung der Judenheit auffasse, sondern denkt nur an seine eigene Auffassung des Antisemitismus als einer religiös nur bedingten, nicht religiös zweckhaften Erscheinung — und geht im Banne dieser seiner eigenen, aber unbewußt mir unterschobenen Anschauung fast leichtfertig über meine Darlegung der jüdischen Mitschuld am Judenhaß hinweg. Sonst könnte er zu meinem Satz: .....gleicherweise klar ist wohl, daß die von diesem vieltausendjährigen Haß Getroffenen irgendwie an seinem immer neuen Entstehen Schuld tragen müssen" nicht fragend „wie?" schreiben oder mir gar vorhalten, daß dann „gerechterweise beide, Hasser und Gehaßte, aus religiösen Motiven heraus zu erfassen gewesen wären"; denn auf S. 31 meiner Schrift sage ich ausdrücklich: „Der den Judenhaß ständig neu nährende Trieb zur Assimilation, wie der diese Assimilation ständig verhindernde Judenhaß wären in diesem Sinn providentielle Mittel zur Erhaltung der Judenheit zu besonderen Zwecken." Wobei ich schon vorher deutlich genug als solche Assimilationserscheinungen insbesondere auch die neujüdischen sozialistischen und nationalistischen Ideologien gekennzeichnet habe. Natürlich sind aber beide, Antisemitismus wie Assimilation, nur ihren Zwecken nach von Wert, stellen dagegen religionsphilosophisch beide gleicherart Auflehnungen gegen Gott dar. Wenn Taubes mich mit dem Ausspruch zitiert: „Und sicherlich ist der jahrtausendlange Ansturm gegen Israel ein Kampf um die von den Juden in die Welt gebrachte Idee, letzten Endes also ein Kampf der Heiden gegen Gott" — darf er mich doch nicht dahin auslegen, daß der Antisemitismus einfach ein unsittlicher Kampf gegen die Sittlichkeit sei! Und das meint Rezensent doch, wenn er sich, bemerkenswert erbost, gegen die „schöne Pathetik" wendet, mit der ich den Juden jedes Recht abspreche, „den Völkern in deren Auffassung des Sittengesetzes und in ihr Leben mit oder ohne dasselbe etwas dareinzureden." Will also Taubes etwa den Juden ihr unglückseliges ethisches Einmengen nicht nehmen oder es ihnen wenigstens nicht als Schuld anrechnen lassen? Merkt er denn nicht, daß er damit das „Zeugnis- und Beispielvolk", mein Zitat nach meinem Vater gegen mich zitierend, zu einem Erziehungs-, einem Oberlehrervolk degradiert? Wie wenig Taubes, offenbar nicht gewillt, von „der Königin der Denkformen, der Deduktion" abzugehen, den Wegen meines Denkens zu folgen bereit ist (was doch erste Pflicht ernsten Rezensententums wäre!), wie sehr er es mir verübelt, daß ich in meiner Schrift meine statt seiner Ideen ausspreche, beweist am besten sein achselzuckendes Hinweggehen über meine historische Ableitung des Gegenwartsantisemitismus aus der Gnosis. Von diesem, einem wirklichen Kardinalpunkte meiner Arbeit, enthält seine seltsame, doch wirklich sonst sehr ausführliche Rezension kein Wort! Es ist anzunehmen, daß Taubes sich, wie viele Juden, gereizt, ja provoziert gefühlt hat durch meine, die ganze Broschüre durchziehende Weigerung, jeden Antisemiten von vorneherein zum Halbmenschen. zum Untermenschen, zum Lumpen und Verbrecher zu stempeln. Darum paßt es ihm nicht, den Judenhaß als ein Mittel der Vorsehung zur Erhaltung der Judenheit aufgefaßt zu sehen — aber er wäre wohl selbst in Verlegenheit, wie er (vom religiösen Standpunkt aus!) das jahrtausendelange Bestehen des Judenhasses anders erklären sollte. Oder ist Taubes etwa mit den meisten Judenfeinden der Meinung, daß der jüdische Auserwähltheitsgedanke die Juden als ein Adelsvolk aufzufassen gebiete? Dann habe ich gegen ihn nicht mich, sondern die Thora selbst auszuspielen, die da (ich zitiere es auch in meiner Schrift) sagt: „Nicht weil ihr mehr seid, denn alle Völker, hat der Ewige euch geehrt und euch auserkoren; denn ihr seid die Geringsten unter allen Völkern!" Daß dieser Einstellung gemäß die gebräuchlichen Abwehrmethoden mir völlig zwecklos erscheinen müssen, ist klar. Taubes übertreibt nur, freilich ein wenig bösartig, wenn er meint, meine Formulierung sei „eher dazu angetan, einer gefährlichen Indifferenz die Wege zu bahnen". Diese fast denunziatorische Warnung vor meiner Auffassung wird sogar noch unterstrichen durch des Rezensenten Behauptung, daß meine Formulierung „der ewigen Notwendigkeit von Antisemitismus und Assimilation ein ewiges Verzweifeln an der endlichen Verwirklichung der jüdischen Mission einbegreifen" müsse. Hier hat Taubes offenbar jedes Verständnis für meine Schrift verloren. Nur mangelnde Klarheit des religiösen Empfindens, Unkenntnis der Wichtigkeit von Demut in der Beurteilung seiner selbst wie des eigenen Volkes, fehlende Einsicht in die Notwendigkeit des Leidens kann ihn aber hindern, meinen Gedanken zu folgen. Es liegt also nicht auf meiner Seite „verunglückte metaphysische Spekulation" vor — sondern auf Seite des Rezensenten die typisch moderne, aller Tapferkeit bare Verschwommenheit'der wenn auch noch so ehrlichen Religiosität Und ich möchte ihm an dieser Stelle versichern, daß er es wirklich nicht nötig hat, in so allzu tiefschürfender Weise „vom biographisch-entwicklungsmäßigen Standpunkt ... die Mängel dieser Arbeit im Gesamtschaffen Birnbaums ... zu begreifen". Denn ich bin nicht wie er schreibt, aus der Sphäre meiner „bisherigen großartigen: und großzügigen, weil rein theologischen Gedankenbahn gerissen" worden, habe auch wirklich nicht „jene überlegene Fähigkeit der Sichtung und Anordnung aller Erscheinungen um eine zentrale Idee vorübergehend (!!!) eingebüßt". Sondern diese meine letzte Schrift steht wohl eingeordnet würdig neben meinem übrigen Schaffen, nicht zu unklar, sondern wohl eher zu klar für den, der seine Logik durch Eitelkeiten, ob eigene, ob nationale, beirren läßt! Es ist bezeichnend, daß Taubes den wichtigsten Charakterzug meiner Schrift zwar unbewußt davon gereizt, bewußt gar nicht wahrgenommen hat: Die wenn auch mitleidende, so doch unbestechliche Erbarmungslosigkeit im Urteilen über mein Volk. Ich empfehle ihm, sich bei Jesaja und Jeremia zu überzeugen, was dem jüdischen Geiste mehr entspricht: Ob religiöselnde Vergötterung der Judenheit — oder gerechtes Gericht über Israel! Die Verelendung der polnischen Juden. Was Congressman Dickstein in Polen gesehen hat Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika, Samuel Dickstein, der etwa zwei Wochen in Polen geweilt - und Material über die Lage der Juden in dfiesem Lande gesammelt hat, schildert in der Warschauer jüdischen Tageszeitung „Hajnt" seine Beobachtungen in Polen und führt u. a. aus: Wo immer ich während meiner kurzen Anwesenheit in Polen geweilt habe, merkte ich ein systematisches Zurückdrängen dl es jüdischen Elements von der Arbeit und der Produktion. Nur daraus ist die ungeheure Verarmung der jüdischen Bevölkerung zu erklären. In mancher Kleinstadt ist jeder zweite Judle auf öffentliche Mildtätigkeit angewiesen. In einer Stadt mit 500 jüdischen und nur etwa 40 polnischen Einwohnern bestand der Magistrat aus lauter Pollen. Und dieser Magistrat sorgt dafür, daß kein Jude eine öffentliche Stelle bekleidet odier an öffentlichen Arbeiten beteiligt wird. Die Umsatzsteuern sind unerträglich. Man erzählte mir, daß ein jüdischer Händler, dessen Geschäftskapital 2000 Zloty beträgt, mit 10.000 Zloty besteuert wird. Ein amerikanischer Jude besuchte seinen alten Vater in Polen. Am Tage seiner Ankunft erschien der Steureexekutor und nahm ihm eine goldene Uhr und Kette ab für Steuerrückstände seines Vaters, die 10 Jahre zurückliegen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß in Polen ein verborgener Kampf gegen die Juden geführt wird in der Weise, daß man ihnen jeden Weg zum Leben versperrt. Von all den Arbeitszweigen und Produktionsgebieten, in denen sie einst führend waren, blieben den Juden bloß Reste eines ruinierten Handwerks und eines untergehenden Handels. Sie sind wie in Käfigen zusammengepfercht und dem Ersticken nahe. Sobald ich nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt sein werde, schließt Congressman Samuel Dickstein, werde ich das Schweigen, das ich hier in Polen geübt habe, brechen. Seit 12 Jahren gehöre ich dem Kongreß der Vereinigten Staaten an, seit einer Reihe von Jahren bin ich Vorsitzender der Immigrations-Kommission des Kongresses. Ich werde meine Kollegen aufklären und auch bei der amerikanischen Regierung intervenieren. Mit dem polnischen Gesandten in Washington werde ich ebenfalls über düe Sache reden. Die polnische Regierung muß es wissen, daß, wenn der polnische Staat einen gleichberechtigten Platz unter den freien Republiken der Welt beansprucht, 'er auch alle seine Bürger ohne Unterschied der Rasse und der Religion als gleichberechtigt behandeln muß. * Ein charakteristisches Symptom der jüdischen Wirtschaftsnot in Polen ist der fortschreitende Uebergang jüdischen Hausbesitzes in nich'fcjüdische Hände. Aus einer soeben veröffentlichten Statistik geht hervor, daß in Warschau im Monat April christliche Käufer 23 Häuser aus jüdischem Besitz erworben haben. Von August bis September 1931 wurden in Warschau 159 Häuser aus jüdischem, dagegen nur 4 aus christlichem Besitz versteigert. 67 Juden gehörende Häuser wurden wegen Nichtbezahlung von Schuldzinsen seitens der Eigenümer unter Sequeste gestellt. Der Jud ist schuld. Was kennt ihr denn von unseren Leiden? Ihr haßt uns, wißt ihr auch warum? Mit Lügenmärchen, die sich kühn verbreiten, Macht ihr die Menge taub und stumm. Ihr seht nur Einzelne, die blindlings prassen, Was hat denn dies mit Judentum, zu tun? Ihr wißt von jenen nicht, die ganz verlassen, Im Elend tief gebettet ruhn. Was ist bekannt euch denn von unsern Qualen, Und was von uns'rer jüd'schen Not? Seht euch doch an die endlos langen Zahlen Der Armen, die da schrei'n nach Brot Der Jud ist schuld an dem verlornen Kriege, So lautet euer Haßgesang. Der Jud) ist schuld an allem, — feige Lüge — Was euern Führern je mißlang. Der Jud ist schuld, sejn könnt ihr nicht entraten,. Er ist der Sündenbock, er ist der Knecht. Auf ihn wohl fällt es leicht, Schuld abzuladen, Wenn ihr nicht halten wollt, was ihr versprecht Der Jud ist schuld. Mit diesem billigen Worte Ist da däe Weltgeschichte abgetan? Der Jud ist schuld, so reizt ihr auf zum Morde, Peitscht auf der leidgequälten Menschheit Wahn. Der Jud ist schuld, dies schreibt ihr starken Helden Auch flammend groß auf dlas Panier, Der Jud ist schuld, dies muß als Schlagwort gelten Und stachelt auf des Volkes Gier. Der Jud ist schuld, sonst wißt ihr nichts zu sagen, Wo eine Welt vom Wirtschaftskampf bedroht. Der Jud ist schuld, o Schmach in unsern Tagen, Damit schafft ihr nicht Arbeit, schafft nicht Brot. Der Glaube ist's, der uns zu allen Zeiten, Jahrtausende hindurch die Kraft verleiht, Unschuldig zu ertragen diese Leiden, Wenn uns des Hasses Welle überspült, entweiht. Wann wird der Vorhang fallen über grausem Spiele? Wann sehnt die Menschheit wieder sich nach Licht? Wann strebt sie zu dem hohen Friedensziele? Wann trägt die Welt ihr Friedensangesicht? Beate Baumgarten. Constantin Brunner. Am 28. August beging Constantin B r u n n e r seinen 70. Geburtstag. Obwohl wir in entscheidenden Punkten seiner Auffassung und seiner Lehre nicht mit ihm übereinstimmen, treten wir an seinen Geburtstagstisch und gratulieren ihm auf das allerherzlichste. Constantin Brunner gehört zu denjenigen Menschen, die in seltener Reinheit des Charakters einen Idealismus verfechten, der rücksichtslos — und das scheint uns das Entscheidenste seines Wesens zu sein — allem Aberglauben entgegentritt und das Wahre mit dem Guten verbindet. Er gleicht in vielem Spinoza, dessen Lehre in ihm eine neuspinozistische Richtung erfahren hat Brunners Leben hat sich nach seinem Meister geformt, verrät doch die Biographie „Vom Einsiedler Constantin Brunner" in vielem die Aehnlichkeit mit Baruch Spinoza. Auf dem Gebiet der Abwehr ist Brunner von entscheidender Bedeutung durch sein unübertroffenes Werk „Deutschenhaß und Judenhaß". Hier hat Brunner, und das hat vor und nach ihm keiner getan, in schlüssiger Weie den Beweis geführt daß der Judenhaß heute genau so begründet wird wie vor und nach dem