Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1932-09-02 · Heft 36 (2.9.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 36 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064401-3064436--18981-3084069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 3 Verlauf und die Resolution der Weltkonferenz bilden eine nachträgliche Rechtfertigung der seinerzeitigen Beschlüsse der „Union", wie der übrigen, eine jüdischnationale Politik ablehnenden großen Vereinigungen Amerikas, Englands, Deutschlands, Ungarns etc., die „Jüdische Weltkonierenz" nicht zu beschicken. Vom Centrailverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war während der Versammlung «in mit großem Beifall aufgenommenes Begrüßungstelegramm eingelangt, worin die Genfer „Jüdische Weltkonferenz" sowohl hinsichtlich der Zusammensetzung als auch des Verlaufes und der Zielsetzung auf das schärfste abgelehnt und die von derselben gefaßte Resolution als indiskutabel bezeichnet wird1. Die Versammlung fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. J. Ornstein statt, der in seiner Eröffnungsrede dlem verstorbenen Polizeipräsidenten Dr. Hans Schober einen sehr warmen Nachruf hielt. Deutschland: Das Hamburger „Israelitische Familienblatt" schreibt: Die in Genf stattgefunden^ „Jüdische Weltkonferenz" faßte u. a. Resolutionen gegen den Antisemitismus in verschiedenen Ländern, die nach Inhalt und Form derart — gelind'e gesagt — ungeschickt und naiv waren, daß man sie verantwortungsbewußten, die Materie beherrschenden Männern kaum zutrauen sollte. Man „drohte" in Reden den Ländern, in denen der Antisemitismus herrscht, mit nicht mehr und nicht weniger als einem Boykott der Weltjudenheit! undgar un jüdische Mittel in dl er Hand einer Minderheit eine besonders ge- Dabei vergaß man aber vollends, daß dieses ganz und gar un jüdische Mittel des Boykotts in der Hand einer Minderheit eine besonders gefährliche Waffe darstellt, die sich nur zu leicht gegen ihren Träger selbst richten kann. Um so unverständlicher ist das Spiel der Herren, die diese Boykott-Resolutionen faßten, als sie ja ganz genau wissen, daß es eine einheitliche Weltjudenheit, die solche Resolutionen als verbindlich für sich ansieht, nicht gibt, und daß es z. B. kein Vereinsführer der Welt fertigbringen wird1, irgendeinen der großen Geschäftsleute und* Industriellen, die man — ob mit Recht oder Unrecht — dem Judentum zurechnet, von Geschäften mit diesen, von der Konferenz als besonders judenfeindlich bezeichneten Ländern abzuhalten, solange sie selbst sie für richtig halten. Wäre der Ruf nach 'einem solchen Boykott schon bedenklich, wenn er tatsächlich von einem Gremium der Weltjudenheit ausgehen würde, so muß man ihn geradezu als freventlich bezeichnen, wenn er von einer Stelle ausgeht, die, wie die „Jüdische Weltkonferenz", nur einen recht geringen Teil der Weltjudenheit vertritt. Sie war mehr oder weniger eine Art Privatveranstaltung des geltungsbedürftigen New Yorker Rabbiners Stephen Wise, diese „Weltkonferenz", deren Ruf zwar zumeist Vertreter von mit der nationaljüdischen Ideologie sym- Gruppen und Grüppchen aus Ländern gefolgt sindi, keines- Vertreter der Gesamtheit Ländern wohnenden Juden. Und selbst die zionistische Zentral-Organisation, die möglicherweise in dieser Konferenz und! dem von ihr vorzubereitenden Welt- Kongreß so eine Art Konkurrenz gesehen haben mag, hatte keine offiziellen Vertreter entsandt, sondern es haben sich nur einige ihrer Neben- und Unterorganisationen auf dieser Tagung vertreten lassen, und zwar nicht einmal durch ihre eigentlichen Führer, sondern teils durch Leute, die man meist bestenfalls als „unbeschriebene Blätter" bezeichnen kann. Und die Beschlüsse eines so zusammengesetzten Gremiums werden nun in die Welt posaunt als die einer jüdischen Welt-Vertretung! Was Wunder, wenn sie von unseren Gegnern gierig aufgegriffen und aus ihnen falsche Schlüsse auf die Gesinnung und die Anschauungen der jüdischen Gesamtheit gezogen werden . . . England: Rabbi Dr. Mattuck, der bekannte jüdischliberale Führer, erklärt in einer Zuschrift an den pathisierenden aller Herren wegs aber der in diesen „Manchester Guardian" die Haltung der Gegner des Jüdischen Weltkongresses damit, daß unter den Juden in der Welt eine solche Verschiedenheit der U'eberzeugungen herrscht, daß ein jüdischer Weltkongreß zu keinerlei praktischen Resultaten führen könnte. Die Anhänger der Kongreßid'ee glauben, der Kongreß werde ein Mittel sein, den Antisemitismus zu bekämpfen. Aber die Juden in Deutschland tun alles, was in ihrer Macht steht, um dem deutschen Volke, dem sie sich zugehörig fühlen, die Torheit und Falschheit des Hitlertums darzutun. Was könnte ein Kongreß mehr tun? Der Antisemitismus muß in jedem Lande gesondert bekämpft werden. Der Board ofDeputies, der es abgelehnt hat, an Dr. Wises Konferenz teilzunehmen, ist nach wie vor bereit, den Juden in anderen Ländern beizustehen. Die Juden, däe in verschiedenen Ländern schwer zu kämpfen haben, um die Völker, denen sie zugehören, vor der antisemitischen Narretei zu retten, können Protestresolutionen und Redesturzbäche — dais einzige, was ihnen ein Kongreß bieten kann — entbehren. Wenn sie praktische Hilfe brauchen, wissen sie, daß alle Juden bereit sind, ihnen zu helfen. Hierzu braucht es nicht eines Kogresses. Was in den offiziellen Kommuniques nicht stand: Auf der Genfer „Jüdischen Wekkonferenz" ergriff wiederholt der bekannte radikale Z i o n i s t Jizchak Grünbaum (Polen) das Wort, um nachzuweisen, daß der geplante „Wel tkongreß" zionistisch oder nicht sein wird. Er sagt ihm Opposition an, wenn er von der zionistischen Lösung der Judenfrage nur in einem Punkte abweichen sollte. Zu einem wahren Skandal führte die Grünbaum'sche Opposition in der Sitzung der Politischen Kommission. Elf nichtzionistische Delegierte, die an der Konferenz beteiligt waren, legten Protest gegen den Standpunkt Grünbaums, den sie als Herausforderung empfanden, ein. Da über ihre Köpfe Beschlüsse gefaßt worden sind, welche offensichtlich zionistischen Tendenzen dienen sollen, erklärten sie, daß sie gezwungen seien, die Konferenz zu verlassen. Entsprechend dieser Erklärung sah man bei der Schlußsitzung die wenigen nichtzionistischen Mitglieder nicht mehr im Saale. Damit bleiben die Zionisten bei der STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-052 GRABSTEINLAGER: Zentratfriedhof.3. Tor, Tel. U10-4-53 Ausführung der Konferenzbeschlüsse und Vorbereitung des Kongresses schön unter sich. Was dieser Kongreß neben dem üblichen Zionistenkongreß noch für eine Autgabe haben soll, ist also rätselhaft. Wie die Alten sangen . . . Die im Weltverband jüdischer Studenten organisierte jüdische (lies: jüdischnationale) Studentenschaft hat ihre Stellungnahme zur Frage eines jüdischen Weltkongresses in einer Erklärung präzisiert. In dieser Erklärung wird die Schaffung eines jüdischen Weltkongresses vorbehaltlos begrüßt. Zum Weltkongreß seien alle diejenigen, aber auch nur diejenigen, die sich zum jüdischen Volke bekennen, zuzulassen. Die Wünsche der Herren Studenten sollen immer so in Erfüllung gehen wie in diesem Falle. Die Antisemiten: Unter der Ueberschrift „Die jüdische Weltregier ting wird beschlossen" kritisiert der „Völkische Beobachter" die von der Genfer Jüdischen Weltkonferenz angenommene Entschließung über den einzuberufenden Weltkongreß. Das Blatt zitiert den Wortlaut der Resolution und: knüpft daran folgende Bemerkung: „Damit hat sich das Judentum als eine völkische Einheit der ganzen Welt verbindlich vorgestellt. Es hat sein Weltpariament und seine Regierung über alle Staaten hinweg beschlossen. Die Völker haben also die Folgerungen daraus zu ziehen!" 1 oder 2 sdiönc Zimmer (Schlaff- und Wohnzimmer) auch für Bureauzwecke geeignet, Telephon und Badebenützung, preiswert zu vermieten. Nähere Auskünfte: 11. .Heinestr. 13/12. Wahre Produktivität. Auf der Berliner Funkausstellung, die wie jedes Jahr auch in diesem das größte Ereignis für die Funkindustrie der - Welt bildet, hat sich ein besonderer Vorfall ereignet. In einem Ausstellungspavillon, so berichtet das Organ des deutschen „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", „Der Schild", war eine nationalsozialistische Ausstellung veranstaltet. Besondere nationalsozialistische Erzeugnisse produktiver Art konnten in diesem Pavillon allerdings nicht gezeigt werden. D-afür brachte man allerlei sonstige Scherze. Die Bedienung trug nationalsozialistische Uniformen. Insbesondere gab es dort auch eine antisemitische Zusammenstellung mit dem Titel: „Juden reden miteinander", die eine gemeine antisemitische Beleidigung darstellte. Nach einiger Zeit führte dann auch die Entrüstung der meisten Besucher dazu, daß diese Darstellung durch Einschreiten der Ausstellungsleitung zurückgezogen werden mußte. Diese antisemitische Demonstration der NSDAP, auf der Funkatisstellung regt von selbst dazu an, auf folgendes hinzuweisen: Außer den Herren Nationalsozialisten sind auch die deutschen Juden auf dieser Ausstellung in hohem Maße vertreten. Wir wollen hierbei gar nicht etwa an die vielen fleißigen und für die deutsche Technik erfolgreichen jüdischen Köpfe und Hände denken, die in den verschiedenen in der ganzen Welt bekannten deutschen Werken der Funkindustrie arbeiten. Wir wollen hier nur auf zwei besonders grundlegende Schöpfungen jüdischen Ursprungs hinweisen. Die grundlegende Theorie und Experimentalforschung der elektrischen Wellen und auch die erste grundlegende Konstruktion, die zur drahtlosen Telegraphie führte, und ohne die eine drahtlose Telegraphie nicht möglich gewesen wäre, waren das Werk eines Mannes jüdischen Stammes, nämlich des Physikers Heinrich Hertz. Die wichtigste Grundlage der modernen Funktechnik ist aber die Elektronenröhre, die in jedem modernen Funkapparat zu finden ist. Der Erfinder dieses wichtigen Gerätes ist der geniale Robert von Lieben. Ueber die Person dieses Mannes hat sich vor zwei Jahren eine sehr amüsante Angelegenheit abgespielt. Die bekannte Wochenzeitung „Fridericus" schrieb eines Tages: „Wenn es sich darum handeln soll, den wirklichen Erfinder und Verbesserer der Elektronenröhre kennenzulernen, so ist es der deutsche Baron von Lieben. Und wenn es der Judenschaft beliebt, so sind wir serne bereit, einmal der Oeffentlichkeit zu zeigen, in welcher Weise die jüdische Telefunkengesellschaft gegen diesen deutschen Erfinder, dessen Werk bahnbrechend war . . .. vorgegangen ist. Wie sie es verstanden hat, die wertvollen Talente des Barons von Lieben, die für die gesamte Radiotechnik heute grundlegend sind . . ., an sich zu bringen." Der „Fridericus" mußte sich vom „Schild" dahin belehren lassen, daß Baron von Lieben ein aus Wien stammender Jude war. Wenn nach Vorstehendem etwa jemand die Frage aufwerfen wollte, wo Produktivität für Deutschlands Aufbau geleistet wird, so wird man wohl kaum auf die nationalsozialistischen Pavillons hinweisen, trotz ihres Reklamerummels. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung wird auch für uns Juden wohl so ausfallen, daß wir die niedrigen demagogischen Mätzchen in jenen Pavillons der allgemeinen Verachtung anheimgeben dürfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.