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Die Wahrheit · 1932-09-02 · Heft 36 (2.9.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 36 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT 99 Die Juden sind schuld!" Das ist der Titel eines Artikels des berüchtigten Führers der Berliner Nationalsozialisten Dr. Joseph Goebbels, erschienen in seinem nicht minder berüchtigten Organe „Der Ang r i f f". Dieser Aufsatz, der eine selbst für unsere an solchen Erscheinungen reiche Zeit ungewöhnliche antisemitische Hetze beinhaltet, befaßt sich mit den letzthin erflossenen Urteilen der deutschen Sondergerichte und den Kommentaren, die diese Urteile in der deutschen freiheitlichen Presse erhalten haben. Diese Kommentare finden vor den Augen des Herrn Dr. Goebbels wenig Gefallen, weil ihre Verfasser sich erkühnten, die Bluttaten, die in Beuthen so drakonisch beurteilt wurden, als Folgen der blutrünstigen Mordhetze der nationalsozialistischen Führer zu bezeichnen. Diese durchaus richtige Feststellung brachte Herrn Doktor Goebbels so sehr in Harnisch, daß er „empört" ausruft: „Hört es, SA-Kameraden! Vernehmt es, Parteigenossen! Denkt daran und vergeßt es nie, nie, ihr vierzehn Millionen, die ihr für Hitler eure Stimme abgegeben habt: dessen dürfen sich vor unserem Angesicht heute noch in Deutschland die Juden erfrechen, dieselben Juden, die sicher und von Polizeikordons geschützt in ihren Redaktionen sitzen und deutsche Arbeiter gegen deutsche Arbeiter hetzen, dieselben Juden, aus deren Reihen die Sklarz und Barmats und Sklareks kamen, die den deutschen Arbeitern, das Brot vom Munde wegnahmen, dieselben Juden, die Deutschland 14 Jahre lang offen und anonym beherrscht haben, die unisere Volksmoral vergifteten... und ihre feige Dreistigkeit soweit treiben, daß am Ende der Sanftmütigste zum reißenden Wolf wird." Und unter der Sonderüberschrift „Das Strafgericht kommt!" versteigt sich Goebbels gar zu folgender Drohung: „Noch sitzen die wahren Schuldigen sicher hinter den Kordonen der Polizei! Es wird die Stunde kommen, da die Staatsgewalt andere Aufgaben zu erfüllen hat, als die Verräter am Volk vor der Wut des Volkes zu beschützen. Vergeßt es nie, Kameraden! Sagt es euch hundertmal am Tage vor, so daß es euch bis in eure tiefsten Träume verfolgt: Die Juden sind schuld! Und sie werden dem Strafgericht, das sie verdienen, nicht entgehen." Goebbels Artikel endet also mit einer unverhüllten Aufforderung zum Mord, nicht der ersten, die der „Angriff" ungestraft drucken durfte. Die Frage, wer schuld ist, wird gerade in diesem Artikel von Goebbels am unzweideutigsten beantwortet: diejenigen, die, von keiner Staatsgewalt gehindert, das Machtinstrument der Presse dazu mißbrauchen dürfen, um die Temperamente ihrer Anhänger bis zur Explosion zu erhitzen, und jedes Verbrechen glorifizieren, wenn es von einem der Ihren begangen wurde, jeden Gegner aber mit Schimpfworten niedrigster Art überschütten. Dr. Goebbels ist einer von denen, die diese Methode am hemmungslosesten angewandt und zu einer hohen Technik entwickelt haben. Wenn er nach den wahren Verantwortlichen sucht, braucht er bloß in den Spiegel zu sehen. Er ist einer der gemeingefährlichsten Demagogen, die das „Dritte Reich" hervorgebracht hat. Es kann nie Friedero in Deutschland geben, solange eine solche Sprache ungesühnt gesprochen werden kann. Und keine Terrorverordnung wird auf die Dauer verbieten können, daß irgend ein gläubiger Leser sich wieder einmal zu einer der Taten hinreißen läßt, die Dr. Goebbels ihm mit diabolischer Beredsamkeit nahelegt. Wenn das Unheil angerichtet ist, wird man ihn vielleicht fassen und zu den Strafen verurteilen, die das Gesetz befiehlt. Was ist damit geholfen? Dr. Goebbels wird schreiben: „Die Juden sind schuld!" Vorderhand hat seine Mordhetze ihre Wirkung in Beuthen und Breslau getan. Diese beiden Orte befinden sich seit den Todesurteilen des Sondergerichtes in ständiger Erregung, die von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke systematisch ausgenützt wird. Die Demonstrationen, die von ihrer Seite fortwährend veranstaltet werden, tragen einen durchaus judenfeindlichen Charakter. So wurden bei einer Demonstration in Breslau folgende Rufe laut: „A<rb ei t u n d Brot, den Juden T°d!'\ „Jagt die ganze Juden bände endlich aus dem deut- BAPöÄSf I HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang. sehen Lande!" und „Nieder mit den jüdischen Bl utrich ter n!" Die Folgen dieser ungehinderten Hetze waren ernste Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und jüdische Passanten. So wird aus Beuthen gemeldet, daß nach der Verkündung des Urteils ein jüdischer Obsthändler von Hakenkreuzlern nackt ausgezogen und schwer verprügelt wurde. Ein Lynchakt an ihm wurde nur durch Dazukommen der Polizei verhindert. Bei der Demonstration in Breslau wurden zwei jüdische Passanten zu Boden geschlagen und erheblich verletzt Beide wurden außerdem bezeichnenderweise bestohlen. So sind wieder einmal die Juden die Prügelknaben einer politischen Hochspannung, die zur Entscheidung drängt. In Oesterreich versuchen die Nationalsozialisten, eine solche Spannung künstlich zu erzeugen. Sehr bezeichnend hiefür ist der Umstand, daß ein neuerdings mit viel Geschrei, jedoch mit wenig Erfolg kolportiertes hakenkreuzlerisches Wiener Mittagsblatt den Goebbels-Artikel mit balkendicken Titellettern nachdruckte, so daß auch den zahlreichen Nichtkäufern dieses Hetz- .blättchens die Schlagerzeile entgegenspringen mußte, die da besagte: „Die Juden sind schuld!" Der Berliner Polizeipräsident hat den „Angriff" bis zum 31. August verboten, wohl nicht wegen Beschimpfung und böswilliger Verächtlichmachung der Juden, sondern des Reichskanzlers. Immerhin, der „Angriff" ist eingestellt — in Berlin, aber nicht in Wien. iinmiMimniiiWi Nachklänge zur „Jüdischen Welt konferenz" in Gent Oesterreich: Die „Union österreichischer Juden" hielt am 23. August eine stark besuchte öffentliche Versammlung ab, um zur Frage eines „Jüdischen Weltkongresses" Stellung zu nehmen. Auf Grund eines vom Zentralvorstandsmitglied Regierungsrat Dr. Lenk gehaltenen sehr eingehenden Referates wurde folgende Entschließung gefaßt, fand: die auch in der Wiener Presse Aufnahme Die „Union österreichischer Juden" spricht der vor kurzem in Gen! stattgefundenen, sogenannten „Jüdischen Weltkonferenz", in der last ausschließlich nur jüdischnationale Vereinigungen vertreten waren, die Berechtigung ab, im Namen des gesamten Judentums aufzutreten. Der Feuilleton Das Ghetto in Amsterdam. Ein Beitrag zur Soziologie des Ghettos. Von Prof. Leopold von Wiese, Köln. Bis zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden bildete in orientalischen und vielen europäischen Gemeinden das Ghetto den Stadtteil, der den Juden als abgesonderter Wohnbezirk von der Obrigkeit zugewiesen war. Faßt man den Sinn des Wortes Ghetto so eng, daß stets nur eine zwangsweise zugewiesene und zwangsweise isolierte Siedlung damit gemeint ist, so gibt es heute in Mittel- und Westeuropa und ebenso in Amerika keine Juden-Ghetti mehr. Das Judenviertel in Amsterdam, das uns im folgenden beschäftigen soll, ist sogar nie ein Zwangsghetto gewesen. Heute wird freilich der Ausdruck Ghetto im soziologischen Sprachgebrauche in der Weise erweitert, daß er nicht bloß auf von Juden bewohnte Bezirke angewendet, sondern so verstanden wird, daß damit ein Stadteil gemeint ist, in dem irgend eine in einem bestimmten Sinne einheitliche soziale Gruppe verhältnismäßig abgesondert von der übrigen Stadtbevölkerung lebt. In dieser Bedeutung des Wortes hat es früher in den Küstenstädten Chinas auch europäisch-christliche Ghetti gegeben, und die Einwandererviertel in amerikanischen Städten müssen gleichfalls als Ghetti gelten. In diesem allgemeinen und formalen Sinne soll jedoch hier nicht vom Ghetto gesprochen werden. Wir meinen wirkliche Judenviertel, wie sie in Resten noch in Prag, Paris, London, Chikago, New York, vor allem aber in Amsterdam bestehen. Dieses niederländische Ghetto scheint zunächst auch nur geschichtlich bemerkenswert zu sein, Studien, die der unmittelbaren Gegenwart zugewendet sind, scheinen, so könnte man vermuten, hier fehlzuschlagen. Im Jahre 1920 wurden jedoch in Amsterdam 68.785 Juden gezählt oder 11 auf 1000 Einwohner der Stadt. Das ist mehr als in den meisten Städten Europas. Geschichtlich handelt es sich bei ihnen um zwei ursprünglich getrennte Gruppen, zwischen denen früher in der Regel kein Connubium bestanden hat. Auch haben die beiden Teile der Judenschaft noch heute ihre eigenen Gotteshäuser. Die gegenwärtig sehr viel kleinere Gruppe bilden die portugiesischen Juden, die Nachkommen von Emigranten aus Portugal und Spanien; sie machen etwas über 8 Prozent der jüdischen Bevölkerung Amsterdams aus. Der bei weitem umfangreichere Teil gehört zu dem als niederländische oder (häufiger) als deutsche Juden bezeichneten Kreise; es sind Abkömmlinge von Flüchtlingen aus Deutschland oder Polen. Gegen Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die Juden von der Pyrenäenhaibinsel vertrieben; eine wachsende Anzahl flüchtete damals nach dem freiheitlichen Amsterdam, wo diese Emigranten 1612 ihre erste Synagoge errichteten. Nach dem dreißigjährigen Krieg kamen vertriebene deutsche Juden hinzu: 1656 gesellten sich ferner zu ihnen etwa 300 polnische Juden, die zu Schiff in Amsterdam landeten. Sie alle durften sich in einem Bezirke niederlassen, der zwischen der Ruyterkade und dem heutigen Jonas-Daniel-Meyer-Plein liegt. In diesen meist engen Straßen machen die Juden heute beinahe 60 Prozent der Bewohner aus. Dieses alte Judeuviertel hat einen fast völlig jüdischen Kern in der Nachbarschaft der Valkenburger Straat, der Jodenbreestraat und der Zwangc-nburger Straat. In diesen Straßen steigt der Anteil der Juden auf 91 Prozent bis 97 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit wachsender Entfernung von diesem Mittelkreise nimmt die Verhältniszahl der Juden allmählich ab. Dieses alte Amsterdamer Judeuviertel war, wie gesagt, bereits im 17. und 18. Jahrhundert kein Zwangsghetto im öffentlich-rechtlichen Sinne. Aber die Tradition des mittelalterlichen räumlich und sozial absondernden Ghettos wirkte nach. Zwar ist das Viertel von der übrigen Stadt niemals durch Mauern oder Tore getrennt gewesen; aber die Juden wurden nicht in den Zünften aufgenommen, eine Maßnahme, die begreiflicherweise in jenen Zeiten stark isolierende Folgen haben mußte. Dazu kam, daß diese Einwanderer eine Konfession besaßen, deren strenges Ritual, zu dem vor allem die Sabbath-Vorschriften und die einschneidenden Bestimmungen über die tägliche Lebensführung gehörten, die Absonderung vermehrte. Auch kamen besonders die Einwanderer aus Deutschland und Polen als Verfolgte, die besitzlos und ausgeplündert waren. In jenen Jahrhunderten, in denen der Konfessionsgedanke vorherrschte, wurden die Bekenner eines anderen Glaubens (weniger die Andersrassigen) als völlig Fremde betrachtet. So gerieten die Juden trotz der ihnen in religiöser Hinsicht bezeigten Toleranz der Niederländer in eine gewisse Halbisolier.theit. Die Gesetzgebung des Landes stand ihnen bei; der jüdische Sabbath wurde neben dem christlichen Sonnlag als Feiertag anerkannt; aber die wirtschaftlichen Organisationen sperrten sich gegen die Eindringlinge. Es scheint, daß man im protestantischen Amsterdam den Katholiken nicht mehr Duldsamkeit entgegengebracht hat ais den Juden; denn als im 18. Jahrhundert die katholische Gemeinde eine Kirche errichten wollte, bekam sie ihren Platz — im Judenviertel. Seltsam erhebt sich noch heute am Rande des Ghettos die Moses- und Aaron-Kirche; eine merkwürdige Geschichte mit manchen rührenden Einzelzügen verbindet seitdem diese katholische Pfarre mit der mosaischen Nachbarschaft. Innerhalb der Judengemeinde war zwei Jahrhunderte lang (aber heute nicht mehr) der Gegensatz zwischen den portugiesischen und den deutschen Juden beträchtlich. Die Einwanderer aus Südwesteuropa brachten eine künstlerisch und wissenschaftlich hochstehende Kultur und teilweise einen beträchtlichen Wohlstand mit; die Juden aus Mittel- und Osteuropa waren Proletarier. Beide Teile hatten ihre besondere Sprache, auch eine andere Aussprache des Hebräischen. Jene waren Renaissancemenschen, diese aber kleine Leute mit kabbalistischer Denkweise. Biologisch und soziologisch fesselnd ist danach der im 19. Jahrhundert allmählich voranschreitende Ausgleichsprozeß zwischen den beiden Gruppen. Zwar behielten die Portugiesen ihre eigene großartige Synagoge, und sie wurden durch Stiftungen aus vergangenen Tagen bevorzugt; aber ihre selbständige Bedeutung ließ um so mehr nach, als sich bei ihnen Entartungserscheinungen und eine geringe natürliche Vermehrbarkeit geltend machten. Heute sind eheliche Verbindungen zwischen Angehörigen der beiden ethnischen Gemeinschaften häufig. (Fortsetzung folgt.)

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