Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 36 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tÜcmrneif Ii Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVUI. Jahrgang Wien, 2. September 1932 Nummer 36 Auch wir müssen unser Sommerlager zum halben Preis räumen 2Sporthemden S 9*80, S 7 90, S 4'90 S 3*98 Hafferlhosen S 7-90, S 6-90 „ 4-90 Bauern-Janker s 19 80, S 1780 - „ 9-80 *98 Knickerbocker, Jaquard-Strümpfe J? ORTVATTFD dERBILLIGSTe^IS w1ppli n ce r str!o SM -Peparamren lassen Sie Jetzt machen! Realpolitik. Zur Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten in Wien. Diese Woche tagte in Wien die Weitkonierenz der Zionisten-Revisionisten. Wir möchten zunächst feststellen, daß dieser Konferenz immerhin angesichts der Situation innerhalb der zionistischen Gruppen und angesichts der prinzipiellen Streitfragen, um die sich der Kampf der Revisionisten gegen die offizielle Leitung der zionistischen Weltorganisation dtreht, eine gewisse Bedeutung zukommt. Allerdings kann, ohne Gefahr zu laufen, sich als falscher Prophet eine Blamage zu holen, vorausgesagt werden, daß auch die Beschlüsse dieser Konferenz, mögen sie wie immer ausfallen, kaum dazu beitragen dürften, die politische Situation des Zionismus zu bessern, schon deswegen nicht, weil der Revisionismus es bisher noch zu keinem positiven Programm gebracht hat und seine Haupttätigkeit sich auf eine negative Kritik der offiziellen zionistischen Politik beschränkt. Unsere prinzipielle Stellung zum Zionismus als solchen ist hinlänglich bekannt. Wir anerkennen voll und ganz die Bedeutung des Wiederaufbaues Palästinas und) die Schaffung einer starken jüdischen Siedlung in diesem, allen Juden heiligen Lande. Aber die Bedeutung dieser Aktion ist mehr wirtschaftlich und kulturell als politisch. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise, unter der die ganze Welt und besonders die Juden zu leiden haben, ist es von großer Wichtigkeit, wenn in Palästina ein jüdisches Wirtschaftszentrum entsteht, das tausenden Juden Lebensmöglichkeiten bietet; angesichts des Umstandes, daß heute fast die Tore aller Länder einer Einwanderung versperrt sindl, ist es von großer Bedeutung, daß zumindest ein Land vorhanden ist, das alljährlich eine, wenn auch beschränkte Anzahl von jüdischen Zuwanderern aufnehmen kann. Dieser Gesichtspunkt war ja auch für diejenigen Nichtzionisten maßgebend, die sich an der Jewish Agency beteiligten und beteiligen und) die sich nach wie vor ausdrücklich den weitgehenden politischen Aspirationen der Zionisten gegenüber ablehnend verhalten. Dies vorausgeschickt, müssen wir aber zugeben, daß, vom rein zionistischen Gesichtspunkte betrachtet, die Kritik, die die Revisionisten an der Tätigkeit der offiziellen Leitung der zionistischen Weltorganisation üben, nicht unberechtigt ist. Aber, wie gesagt, es ist nur eine negative Kritik. Bisher lassen die Revisionisten jeden Anhaltspunkt darüber vermissen, wie sie es besser machen würden, und alle ihre) Proklamationen und Darlegungen lassen wenig Positives erblicken, auch sie gehen in der Hauptsache von einem irrigen Gesichtspunkte aus. Es ist die Tragik des politischen Zionismus, daß er gewissermaßen der Gefangene der eigenen Ideologie geworden ist. Jeder einsichtsvolle politische Kopf wußte es und sah es klar und deutlich, daß England in der Hauptsache seine eigenen politischen Ziele verfolgte, als es während des Weltkrieges sein Augenmerk der Palästinafrage zuwandlte. Nur die Herren Zionisten, und zwar sowohl Dr. W e i z m a n n als auch sein schärfster Antipode Jabotinsky wollten oder konnten dies nicht einsehen. Ja, gerade Jabotinsky war ja während des Weltkrieges noch stärker proenglisch eingestellt, als diejenigen, die er heute mit solcher Vehemenz bekämpft. Psychologisch ist daher seine bittere Enttäuschung ob der Haltung Englands begreiflich; geradle er, der mit der Schaffung der Jüdischen Legion so viel für die Sache Englands in Palästina getan, fühlt sich arg betrogen und macht seinem Unmut ob der Haltung Englands in dter schärfsten Form Luft. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß England seine eigene Politik verfolgt und sich von derselben nicht abdrängen läßt. Es wäre verfehlt, anzunehmen, daß die offizielle Leitung dfer zionistischen Weltorganisation auch heute noch an der These festhalte, daß man auf Englands Wort absolut bauen darf. Auch Weizmann und seine Anhänger wissen heute nur allzu gut, daß die englische Politik andere Ziele verfolgt als den Ausbau des jüdischen Nationalheims in breitem Ausmaße. Nur sagen sie sich, daß man schließlich nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen darf und es keinen Sinn hätte, durch eine Fehdeansage an die Adresse der Londoner Regierung die Situation noch zu verschärfen und dem Gegner des Zionismus neue Argumente zu liefern. Weizmann und seine Freunde ziehen aus der gegebenen Sachlage die sich ergebenden Konsequenzen und wollen Realpolitiker sein. Demgegenüber vertreten die Revisionisten nach wie vor den Standpunkt, daß es möglich sei und möglich sein müsse, England! zur Aenderung seiner Haltung zu bewegen: entweder mit guten Worten, mit Aufklärungen und mit sachlichen Argumenten — oder mit Drohungen, mit einer Protestbewegung, mit Anrufung des Völkerbundes, mit der Forderung, England das Mandat über Palästina abzunehmen .... Während d5e sogenannten allgemeinen Zionisten der Meinung sind, man müsse sich vorläufigmit den kleinen Brocken begnügen, die die englische Politik den Zionisten hinwirft, fordern die Revisonisten Sveiterhin alles. Wer nicht alltäglich die . Judenstaatsparole verkündlet, wird ads Verräter der zionistischen Sache be- und verurteilt . . . Als es sich um den Entscheidungskampf auf dem letzten Zionistenkongreß handelte, glaubten die Revisionisten, daß es ihnen gelingen werde, die Macht an sich zu reißen und die Leitung der zionistischen Organisation zu übernehmen. Dieser Endsieg blieb ihnen jedoch versagt Sie vermochten es wohl, Weizmamn zu stürzen, aber die Macht blieb weiterhin in den Händen der Weizmarinisten und die Revisionisten blieben weiterhin darauf angewiesen, das bittere Brot der Opposition zu essen. Diese Entwicklung der Dinge wirkte ein wenig lähmend auf ihre Stoßkraft und sie vermochten es nicht, sich schon auf dem Kongreß, bzw. unmittelbar nach diesem zu einer klaren Stellungnahme aufzuraffen. Sie vertagten daher ihre Beschlußfassung bis nach ihrer Weltkonferenz. Diese hätte schon im Dezember vorigen Jahres stattfinden sollen — aber aus technischen Gründen wurde die Abhaltung derselben bis jetzt verschoben. Inzwischen behalf man sich mit einer Konferenz in Calais, die aber nur provisorische Beschlüsse fassen konnte. Seither geht ein scharfer Kampf innerhalb des Revisionismus vor sich. J ab o t i n s k y und seine engsten Anhänger sind für den Austritt der Revisionisten aus der zionistischen Weltorganisation, die Schaffung einer eigenen „unabhängigen" Organisation und die Führung einer selbständigen Politik, ohne Rücksicht auf die Haltung der offiziellen Leitung. Eine andere Gruppe unter der Führung von Richard Lichtheim ist jedoch gegen den Austritt und fordert das weitere Verbleiben innerhalb der allgemeinen Organisation, bzw. die Fortsetzung des Kampfes innerhalb derselben. Mit anderen Worten: Jabotinsky hat jede Hoffnung aufgegeben, die Weizmiannisten zu bekehren, und will eine selbständige revisionistische Politik. Lichtheim dagegen meint, es sei ratsamer, innerhalb der zionistischen Organisation schrittweise auf die Durchsetzung der revisionistischen Postulate zu drängen. Es ist anzunehmen, daß sich auf der Weltkonferenz eine Mehrheit für die Beschlüsse von Calais finden wird, obwohl fast die gesamte Palästina-Delegation und kleinere Delegiertengruppen aus einigen anderen Ländern gegen die Ratifizierung der Calais- Beschlüsse sind und für dte Schaffung einer unabhängigen zionistisch-revisionistischen Organisation eintreten. Die Haltung der Konferenz in iieser Frage wird wohl von der ganz überragenden, geradezu osafmäßigen Position Wladimir Jabotinskys, des Schöpfers des Revisionismus und Präsidenten der Organisation, abhängen. Um dieses Hauptproblem wird nun auf der 5. Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten in der heftigsten Weise gekämpft. Wie die Entscheidung ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Eines aber darf schon heute gesagt werden: Bis auf weiteres hält England an seiner Politik in Palästina fest und läßt sich nicht abdrängen. Auch ein Sieg der schärferen Tonart des Revisionismus wird daran kaum etwas ändern. Es ist die Tragik dler Zionisten, daß sie sich über die Politik Englands einer Täuschung hingegeben haben, aber auch sie müssen schließlich Realpolitiker sein. Haben die Revisionisten nicht die Macht, England zur Aenderung seiner Haltung zu zwingen — und bisher zeigten sie den Weg nicht, wie sie dieses Ziel erreichen Wolfen — dann wird auch ihnen nichts anderes übrig bleiben, als das „Fortwursteln" der Weizmannisten .... Politik ist eben die Kunst dies Erreichbaren! . . .