Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 35 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Dienstag, den 30. August, %S Uhr abends, spricht Dr. Ernst Fddsberg im Klubzimmer des Cafe Zentral, IL, Taborstraße, über das Thema: „Wir und die Kultuswahlen". Ein Weltkongreß für den Frieden durdi die Religion. Tagung des Exekutivkomitees in Genf. — Oberrabbiner Rubinstein (Wilna) über Judentum und Friedensgedanken. — Eine Diskussion über Antisemitismus. — Untersuchung des arabisch-jüdischen Konflikts. Am 17. und IS. August fanden in Genf Sitzungen des Exekutivkomitees zur Vorbereitung eines Weltkongresses für den Frieden durch die Religionen statt Die Beratungen waren hauptsächlich der Erörterung der Frage gewidmet, was die Religionen im gegenwärtigen Augenblick tun können, um die Arbeiten der Abrüstungskonferenz zu fördern. An der Sitzung nahmen von jüdischer Seite Rabbiner Dr. Stephan Wise, Oberrabbiner Rubinstein aus Wilna und Rabbiner Lieber als Vertreter des Orand Rabbin von Frankreich, Prof. Israel L e vy, teil. Oberrabbiner Rubinstein war einer von den Rednern, die eingeladen worden waren, die allgemeine Aussprache über die Stellung der Religionen zum Frieden und für die praktischen Möglichkeiten einer Verhinderung des Krieges durch die Religionen einzuleiten. In längerer Rede präzisierte Oberrabbiner Rubinstein die jüdische Auffassung des Friedensgedankens und die Stellung der jüdischen Religion zu ihm. Rabbiner Rubinstein wies insbesondere auf die hohe Ethik der jüdischen Propheten, die von den Ideen menschbeitlicher Verbrüderung und Verständigung durchdrungen waren, hin. Zur Frage übergehend, welche Macht den Religionen zur Verwirklichung des Friedensgedankens zur Verfügung stehe, erklärte Rabbiner Rubinstein, bei der jüdischen Religion handle es sich um das Bekenntnis eines Volkes, das keine äußere Macht besitzt In der heutigen Welt könne man eher von einer Religion der Macht als von der Macht derRelig i o n sprechen. Sehr oft sei R e 1 i g i o n d e r P o 1 i t i k Untertan. In vielen Ländern bestehe erbitterter Haß eines Teiles der Bevölkerung gegen einen anderen. Es sei zu bedauern, daß diese niedrige gehässige Propaganda häufig auch durch Geistliche gefördert werde. Geistliche, die an dieser Sitzung teilnehmen, hätten dem Redner bestätigt, daß von manchen Priestern Haß gepredigt werde. Zur Frage des Krieges erklärte Rabbiner Rubin- «tein.-ebenso wie alle Religionen aus der Thora das sich auf Individuen beziehende Gebot „Du sollst nicht töten" übernommen haben, müßten die Völker jetzt jenes kollektive „Du sollst nicht töten" anerkennen, das zuerst von den jüdischen Propheten, die den Gedanken friedlichen Zusammenlebens von Volk zu Volk verkündethaben, ausgesprochen worden ist. Der Redner schloß mit der Aufforderung, für eine Erziehung zu sorgen, die nicht mehr den Glauben an das Schwert als höchsten Kult propagiert In der Diskussion wandten sich einige Redner gegen die Ausführungen Rabbiner Rubinsteins. Vor allem wollten sie den Judenhaß durch eine Art Rivalität erklären. Ihnen antwortete Rabbiner Lieber, der den Judenhaß als Ergebnis einer falschen Erziehung hinstellte. Eine gewisse Schuld treffe auch die Kirchen, die diesen Haß nicht bekämpfen. Es verlautet daß eines der einflußreichsten Mitglieder des Komitees, Herr Andrews, ein Führer der religiösen Friedensbewegung in Indien und intimer Freund Rabindranath Tagores, sich demnächst nach Palästina begeben wird, um die Ursachen des Gegensatzes zwischen Arabern und Juden an Ort und Stelle zu studieren und die Möglichkeit einer Verständigung zu untersuchen. Weltkonferenz des Verbandes für das liberale Judentum. Vom 4. bis 8. August fand im Haag eine Konferenz des Welt Verbandes für das liberale Judentum (World Union for Progressive Judaism) statt. Zahlreiche deutsche Delegierte waren zugegen, fast vollzählig der englische Hauptvorstand, Claude Montefiore. J. Mattuck, Lily Montagu, Erich Türk, sowie Vertreter aus Amerika, Australien, Polen und anderen Ländern. Die vor etwa Jahresfrist gegründete aufstrebende holländische Vereinigung für das liberale Judentum (sie hat bereits ansehnliche Ortsgruppen im Haag und in Amsterdam) veranstaltete zwei eindrucksvolle Gottesdienste (von dem religiösen Leiter des holländischen liberalen Judentums, Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld, und von Rabbiner Dr. Wolf, Dresden, abgehalten), zwei Elternversammlungen im Haag und in Amsterdam (mit Lily Montagu und Margarete Goldstein), Round-Table-Konferenzen und gastliche Zusammenkünfte. In einer Hauptvorstandssitzung wurde die zukünftige Arbeit wie sie vor allem in Holland, Schweden, Australien, in der Tschechoslowakei und in Oesterreich nun zu leisten sein wird, besprochen. Hier sei vor allem Näheres über die Round-Table- Konferenz vom 7. August berichtet: „Wie können wir die falsche Assimilation bekämpfen?" Das Thema wurde ernsthaft und eingehend geprüft und behandelt Zur Förderung und Klärung der Frage trugen die einführenden Darlegungen Heinrich Sterns (Berlin) bei, sowie die ergänzenden und erweiternden Ausführungen von Claude Montefiore, Rabbiner Italiener, Rabbiner Samuel, E. Simons (Haag). Die kurz zusammengefaßten Referate und Aussprachen von George Goetz, Kellermann (Berlin), Dr. Perl zweig und Dr. M a 11 u c k (London) standen auf hohem Niveau. Alle Redner stimmten darin überein. daß das liberale Judentum die Pflicht und die Kraft habe, die falsche Assimilation zu bekämpfen, ob sie sich in der sogenannten „Roten Assimilation" äußere oder in Diktatur von rechts oder links, in Austritten aus dem Judentum oder in Taufen. Wahre Assimilation besteht darin, daß wir treue Bürger des Landes sind, in dem wir leben; daneben aber sollen die ewigen Werte des Judentums hochgehalten und gepflegt, vor allem den Kindern durch eine vertiefte religiöse Erziehung wieder eingepflanzt werden. Die Religion unserer Ahnen gilt es, in neuer Form zu wahren und zu erhalten; das Land unserer Väter, dessen Sitten und Gebräuche, dessen Kultur und Sprache auch die unsere ist, wollen wir hochhalten und lieben. Die Tagung wurde mit einer äußerst stark besuchten öffentlichen Kundgebung in Amsterdam — geleitet von dem verdienstvollen Führer des liberalen Judentums in Holland, L. Levisson — beschlossen. Die Redner des Abends waren Claude Montefiore (London), Margarete Goldstein (Berlin) und Gerson Levi (Chikago). Margarete Goldstein. Tagung der orthodoxen Rabbiner Amerikas. Die soeben in New York abgehaltene 15. Jahrestagung des Verbandes der orthodoxen Rabbiner der Vereinigten Staaten und Kanadas hat an Reichspräsident von Hindenburg ein Telegramm gerichtet, in dem ihm der Dank für seine gerechte und freundliche Haltung gegenüber den Juden ausgesprochen und er gebeten wird, den deutschen Juden weiterhin seinen Beistand gegen die ungerechten Angriffe der Judengegner zu gewähren. In einer Resolution wird das Bedauern über die Benachteiligung der Juden in Rumänien ausgesprochen. Entgegen der bisherigen Gepflogenheit des Verbandes, sich jeder Einmengung in die allgemeine amerikanische Innenpolitik zu enthalten, hat die Konferenz eine Resolution zugunsten der Kandidatur des bisherigen stellvertretenden Gouverneurs des Staates New York Oberst Herbert H. Lehmann auf den Posten eines Gouverneurs dieses Staates angenommen. Eine weitere Resolution spricht sich für die Einführung der Fünftagewoche, durch die die Beobachtung der Sabbatruhe erleichtert werde, aus. Schließlich wurde eine Schächtsteuer von einem Cent pro Kilogramm Fleisch, ausgenommen Geflügel, beschlossen, deren Ertrag der Erhaltung religiöser Institutionen und der Schaffung eines Altersfonds für Rabbiner dienen soll. Zum Vorsitzenden des Verbandes wurde Rabbi Wolf M a r g o 1 i e s wiedergewählt. An den Rabbiner der „Adass Jisroel" in Berlin, Dr. Meier Hildesheimer, wurde folgendes Telegramm gerichtet: Die Versammlung des Verbandes orthodoxer Rabbiner bittet Sie, unseren Brüdern in Deutschland unsere herzlichen Grüße zu übermitteln. Möge der Gott Israels ihre Hand stärken, ihren Mut aufrichten und ihre Hoffnungen erstrahlen lassen. Oberrabbiner G. Wolf Margolies, Präsident. ngglenisdles Köniösiicnt Seit vielenjahren dasa..erkannt beste %w vsh-nam Man achte auf die ges. gesch. Harke „Hygien. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengassse 3 Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt.!! Jüdische Mädchen vor der Berufswahl I! 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Wie die Bukarester jüdische Wochenschrift „Egalitatea" erfährt, hat die Regierung beschlossen, dem Parlament demnächst ein Gesetz zum Schutz gegen die Auswüchse der beiden extremistischen Richtungen im Lande, Kommunisten und Antisemiten, vorzulegen. In freiheitlich gesinnten Kreisen hofft man, daß die Regierung sich auf Grund des neuen Gesetzes nicht wie ihre Vorgängerinnen auf den Kampf gegen den Kommunismus beschränken, sondern auch gegen die radikale Propaganda der Cuzisten und der Eisernen Garde entsprechende Maßnahmen ergreifen werde. * Die internationale Liga gegen den Antisemitismus hat unmittelbar vor den Wahlen zum rumänischen Parlament an deni derzeitigen Ministerpräsidenten Alexander Vajda V o e v o d ein Schreiben gerichtet, in dem Ministerpräsident Vajda ersucht wurde, seine Haltung: gegenüber der jüdischen Bevölkerung Rumäniens zu präzisieren. In dem Antwortschreiben des Ministerpräsidenten heißt es u. a.: „Ich kann Ihnen versichern, daß die jüdische Minorität Rumäniens sich all meiner Sorgfalt erfreuen wird. Indem ich ihr diese zuwenden werde, werde ich bloß den Punkt meines Programms verwirklichen, der die Aufrechterhaltung: von Ordnung und Frieden unter den verschiedenen sozialen und ethnischen Kategorien unseres Landes betrifft. Seien Sie überzeugt, daß ich in gleicher Weise vorgehen werde wie in der Vergangenheit, als ich — in meiner Eigenschaft als Innenminister — Gelegenheit hatte, die extremistischen Bewegungen zu dämpfen und die antisemitisch gerichtete Studentengruppe zu beruhigen." Ueberau Abkehr von den Minderheitsrechten. Im Verlauf einer vom Institut für Politik in Williamstown (Amerika) veranstalteten Round Table-Diskussion über Minderheitenfragen kam es zu einer lebhaften Auseinandersetzung über die Handhabung der Schutzbestimmungen für Minderheiten gegenüber den Juden in Polen. Der Vizepräsident des American Jewish Committee, Max Koh 1 er, machte der polnischen Regierung den Vorwurf, daß sie die Minderheitenverträge durch die Art, wie sie die jüdische Bevölkerung behandle, verletze. Die jüdischen Schulen in Polen bekämen nicht den ihnen gebührenden Anteil an den für Erziehungsarbeit bestimmten öffentlichen Geldern, die Juden seien unverhältnismäßig hoch besteuert, Beschränkungen, die aus zaristischer Zeit stammen, stünden ihnen gegenüber noch in Kraft, der Gebrauch der hebräischen und jiddischen Sprache im telegraphischen und telephonischen Verkehr sei nicht zugelassen. Den Ausführungen Kohlers trat der Presse-Attache der polnischen Gesandtschaft Eduard Weintal entgegen- Er erklärte,