Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 35 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Marienbad ÄÄ Fr anzensb ad Gold Fürslenhof Schlüssel Rest. SIMON RAAB Den wirtschaftlichen Verhältnissen angemessen, bedeutend ermäßigte Preise. Daß das Attentat am Morgen des 1. August nicht glückte, habe ich lediglich einer unaufschiebbaren Reise zu verdanken, die mich von Königsberg wegführte. Es ist weiterhin ein Glück, daß sich auch meine Familienangehörigen zur Zeit nicht in Königsberg aufhielten. Bedauerlicherweise hat sich das Königsberger Polizeipräsidium bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht entscldießen können, einen genauen Bericht über die Mordanschläge herauszugeben. Lediglich in bezug auf die Brandstiftungsakte in Königsberg- Kalthof wird erklärt, daß die Täter selbst Angehörige des Sturmes 12 ,der N.SJD.A.P. seien. Es besteht kein Zweifel darüber, daß auch in bezug auf die Mordüberfälle nur Angehörige der N.S.D.A.P. in Frage kommen. Auch die Ausschreitungen gegen die jüdischen Geschäfte in Königsberg, Sensburg, Lyck. Rossel, Neidenburg, Bischofsburg und Orteisburg sowie gegen die nichtjüdischen Politiker sind auf das Konto der intellektuellen nationalsozialistischen Führer zu setzen, deren Blut- und Gewaltsaat nunmehr aufgegangen ist Von dten Behördeu aber muß verlangt werden, daß sie mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit die Vorgänge so schnell wie möglich aufdecken und dafür sorgen, daß nicht nur weitere Gewalttaten selbst verllindert werden, sondern daß auch die mörderische Hetze in Presse und Versammlungen unterbunden wird, damit endlich einmal die Atmosphäre des Hasses und Blutterrors beseitigt wird, zum Wohle aller friedliebenden Deutschen. Kurt Sabatzky, Königsberg. Die Synagoge wird geschändet — die Kirche schweigt. - Sehr geehrter Herr Redakteur! Für Ihre Zeilen der Teilnahme an dem Attentat auf die Synagoge danke ich Ihnen bestens. Der Anschlag war ein ruchloser Akt, gegen ein Heiligtum gerichtet, ein Zeichen der Volksverrohung. Die Synagoge war in den ersten Tagen darnach das Ziel von Tausenden, ein Zeichen der Sensationslust unserer Zeit. Die Hauptzeitungen brachten ein Bild des zerstörten Gebäudes, der Sachschaden ist mittelgroß. Personen hätten natürlich gefährdet sein können, da der nichtjüdische Kastellan im Synagogengebäude wohnt Die Polizei war rasch auf dem Platze, dennoch schreiten die Untersuchungen nur langsam fort. *) Wie hat sich die nichtjüdische Oeffentlichkeit dazu geäußert? Das Publikum, das am Tatorte erschien, war in der Mehrzahl empört, schob die Schuld spontan auf die Linkskreise, gelegentlich hörte man auch andere Stimmen, und zwar bezeichnenderweise aus Frauenmunde. Die weltlichen und geistlichen Behörden schwiegen. Kein Christ bekundete seine Teilnahme. Eine rühmliche Ausnahme bildet meine Wirtin in Stuttgart die Witwe eines Oberstleutnants, bei der ich 1924 wohnte, sie schrieb mir sofort: „Verehrter, lieber Herr Doktor! In unserem Tageblatt las ich. daß .die Synagoge in Kiel demoliert wurde: dazu möchte ich Ihnen doch sagen, wie leid mir das tut für Sie, die israelitische Gemeinde, überhaupt für die Menschheit, daß solche Gemeinheiten noch vorkommen können. Wohin sollen wir kommen, wenn einer dem anderen die Luft zum Atmen raubt? . . . Wir haben unser Elend verdient und kommen gewiß nicht wieder hoch, wenn wir nicht umkehren von dem falschen Wege." Ich nahm den Anschlag zum Anlaß, das hiesige Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt darauf hinzuweisen, welchen Haß die Anhänger der Kirche zeigen. Ich wies darauf hin, daß es Pflicht der Kirche wäre, Liebe zu lehren. Die Antwort, ,dSe ich erhielt, war politisch kühl, geschäftsmäßig, beleidigend. Sie vertrat den Standpunkt, daß die Kirche, d. h. das Christentum die Pflicht habe, Deutschland von undeutschem Geiste und wesensfremder Kultur zu befreien. Man kennt das Lied, man versteht, woher der Wind weht. Ich habe unter Hinweis auf eine Aeußerung von Prof. Hempel (Theologe in Göttingen), der 1931 in einem Heft („Altes Testament und völkische Frage") schrieb, daß für den religiösen Menschen erst die Religion undl dann das Volkstum komme, geantwortet. Ich wiederholte meine Mahnung, habe aber keine Antwort erhalten. Die fürchterlichste Stimme zum Anschlag war ein Aufsatz des „Volkskampf" (Deutsches Wochenblatt für Kiel, Nr. 32), der den Akt so umdrehte, daß die Juden durch ihr Verbrechertum ihn provoziert hätten. Der Artikel fließt von Haß und Gemeinheit über. Daß die Welt so etwas ertragen kann, ja, darüber könnte man verzweifeln. Es ist alles versucht worden, hiergegen vorzugehen. Der Centrai-Verein hat sich vielfach bemüht, die Kieler Gemeinde selbst hat.^an den Reichskanzler von P a pVn " und den preußischen Staatskommissär Dr. Bracht folgendes Tele- *) Im Zusammenhang: mit den gegen die Kieler Synagoge, das dortige Karstadt-Warenhaus und andere Objekte in Schleswig-Holstein verübten Bombenananschläge hat die Polizei inzwischen einige Verhaftungen vorgenommen. Unter den Festgenommenen befindet sich der Führer der 4. SS.-Standarte (Altona) der nationalsozialistische Abgeordnete Moder, der dringend verdächtig erscheint, die Anschläge organisiert /u haben. Als vermutliche Lieferanten des Sprengstoffes wurden der Kaufmann Hoelck in Wrohm und der Dentist Bestmann in Hohn verhaftet Auch der Leiter der chirurgischen Abteilung am Kreiskrankenhaus in Wesselburen Dr. Forst wurde unter dem Verdacht der Mithilfe verhaftet Die Leitung der holsteinischen NSDAP hat gegen die Verhaftung des Abgeordneten Moder — der erst nach Zusammentritt des neuen Reichstages die Immunität erlangen wird — protestiert und gedroht die Maßnahme der Polizei könne „ernsteste Folgen" haben. gramm gerichtet: „Das Attentat auf die Kieler Synagoge liat im „Volkskampf" (Deutsches Wochenblatt für Kiel, Nr. 32) einen umfangreichen Hetzartikel gegen die jüdische Gemeinschaft veranlaßt Ohne jede Beweisführung werden die Juden dort der schwersten Verbrechen gegen das Gemeinwohl beschuldigt; es wird im Widerspruch zu den Tatsachen vom Prunk der Synagoge sowie von jüdischen Villen und Palästen gesprochen. Wortlaut und Satz des Artikels sind geeignet, zum Klassenhaß und vornehmlich zur Gewalttat gegen die Juden aufzureizen. Wir bitten um wirksame Schutzmaßnahmen." So sieht es bei uns aus, in Kiel, , wo die Hälfte der Bevölkerung ihre Stimme bei der Reichspräsidentenwahl für Hitler abgab. Rabbiner Dr. A. P o s n e r, Kiel. * Dynamitanschlag auf dem jüdischen Siedlungsgut Groß-Gaglow. Auf dem Gute der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." in Groß-Gaglow bei Cottbus, wo die erste vom Reichsbund für jüdische Siedlung initiierte jüdische landwirtschaftliche und gärtnerische Siedlung errichtet wird, wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August ein Dynamitanschlag auf ein leerstehendes Haus verübt Die Wirkung der Explosion war so groß, daß das eben fertiggestellte Hans dem Erdboden vollkommen gleichgemacht wurde. In der Bevölkerung der Umgebung, die ausgezeichnete Beziehungen zu den jüdischen Siedlern unterhält, herrscht lebhafte Empörung über den Anschlag. Die Siedler erklären, der Vorfall werde sie zu noch größerem Eifer bei der Durchführung des Siedlungswerkes anspornen. Berliner Kriminalbeamte haben die Ermittlungen nach den Urhebern des Anschlages aufgenommen. Im Schutte des zerstörten Siedlimgshauses wurde eine Zündschnur gefunden. Mehrere Personen wurden vernommen, die T äter konnten jedoch noch nicht ausfindig gemacht werden. Auf ihre Ergreifung hat der Regierungspräsident von Frankfurt a. O. eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Die, , gleiche Prämie wurde für die Ermittlung der Urheber des Sprengstoffattentats in Landsberg a. W. bestimmt. Innere Abwehr. Von den Gebildeten, Intellektuellen aller Schichten sehnsüchtig erwartet erschien im August die „Jude ntumnummer" der in Berlin herausgegebenen vornehmen Zeitschrift „Europäische Revue". Diese Monatsschrift will gegen die zersetzenden Kräfte der Zeit ankämpfen, um einen organisch kulturellen Aufbau vorzubereiten. Es kommen in der August-Nummer Freunde und Feinde des Judentums zum Worte. Von den Feinden sind zu nennen: der „Rassenprofessor" Günther und der „Studentenrechtsprofessor" GI e i s p a c h. Aber in sehr kluger Gruppierung, nach den einleitenden Sätzen des Redakteurs Karl Anton Prinz von Roh an, von denen ein Satz zitiert werden möge: „Ein deutsches Dasein ist ohne Judentum unvorstellbar", gelangt der hervorragende Kenner des Judentums, der Altmeister der jüdischen Ethik, Rabbiner Dr. Leo Baeck zum Worte. Seine Worte, die das geheimste Drängen und Kämpfen der jüdischen Seele darstellen, sollen wohl das allgemeine Forum treffen, aber in Wirklichkeit stillen sie das deutliche Verlangen der jüdischen Jugend nach einem gewaltigen Gegendruck, da uns die Welt auffordert, aus der Rüstkammer des Judentums jüdische, ethische Werte hervorzuholen, um einen Beweis für die Unsterblichkeit des Judentums zu führen. Der jüdischen Jugend, der jüdischen Gemeinde soll ein Anblick geboten werden, wie sich das jüdische Seelenleben die Jahrtausende hindurch abgespielt hat Nach Leo Baeck's tiefen gedanklichen Aufschlüssen ist es uns nicht darum zu tun, Entwicklungen, Wandlungen und Wandelbares festzustellen, sondern das Bleibende aufzuzeigen, das unberührt durch den Zug der Jahrhunderte geblieben ist. Im wechselnden Gewände der Zeiten sind es die ewigen Atemzüge unseres Seins. Uebernationale oder im ökonomischen Materialismus steckende Denker und Führer, wie Karl Marx und Heinrich von Treitschke, werden das Judentum nie begreifen, weil das Politische und Oekonomische ihnen den Blick verdeckt für diese Menschheitserscheinung, die in einem anderen Bereiche ihr Eigenstes besitzt und durch das Wort des Pentateuch, Deut Kap. VIII/3; „Nicht durch das Brot allein nährt sich der Mensch, sondern von allem, was der Mund Gottes schafft, lebt der Mensch", gekennzeichnet ist Das Judentum ist die Poesie der Jahrtausende und der Haß, den es erfahren hat, ist voller Prosa. „Spießbürgerhaß, aus der Alltäglichkeit geboren". (Gedanken Leo Baeck's über das Judentum.) Von Prof. Dr. K. Kupfer, Wien. Das Judentum erfassen, man auch ihres zum heißt etwas Religiöses und Geistiges, ein Gottesgnadentum, oder wie die Heilige Schrift es nennt, den Bund mit dem Einigen Gott verstehen. Hier begegnet sich Baeck mit den Aussprüchen Jakob Wasssermanns, die ebenfalls in dieser Nummer zu lesen sind: „Im Sinne einer Zeit und im Geiste der menschlichen Ordnungen bedeutet Adel auch Würde und Würdigkeit. Würde zu haben und es zu beweisen, erscheint mir als jüdische Aufgabe schlechthin . . . . Jude sein, ist in heutiger Welt nichts anderes als Verpflichtung zur Noblesse". Diese Worte und Gedanken sollte wie einen Spiegel unseren Renegaten vorhalten, all jenen, die den Keim der langsamen Zersetzung Judentums in ihrem Inneren bergen. Von da aus führen die Gedanken Baeck's Problem der Auserwähltheit unseres Volkes. Zwar fühlt sich jedes Volk auserwählt, aber entscheidend ist, wodurch und wofür man sich erwählt erachtet. Ueber die Grenzen der zeitlichen Erscheinungen hinaus strebt und begehrt das Judentum, das Gebot Gottes zu erfassen. Alles Geschehen, alles Abrollen in den Fluß der Zeitlichkeit lenkt den Blick des Juden aus der Tiefe zur Ewigkeit. Das jüdische Ziel ist demnach, den Namen Gottes auf Erden zu heiligen, um die Welt zum Gottesreich zu machen. Von dem Extrem der Unendlichkeit führt der schöne Weg zum Tale des irdischen Daseins. Der Jude soll hier einen Bezirk Gottes schaffen, denn wo immer sich zehn Juden vereinen, dort ist ihr Gotteshaus. Hier wird jeder Jude, nach einem talmudischen Ausdrucke, der Helfer Gottes auf Erden. Die Entwicklung zum Gottesreiche strebt jeder Jude an: .Allen ist das Priestertum und das Heiligtum gegeben, jedem die Priesterpflicht auferlegt". Das Gebot ist freundlich, es schafft ein Licht, wie wenn menschliche Weisheit einen engen Raum erleuchtet. Alle Schuld wird mit Ueberlegenheit angesehen und zu einer Sentenz des Lebens verklärt. Die Seele des Juden ist dann von einer wahrhaft musikalischen Abgcstimmtheit und lyrischen Potenz. Deshalb wirken die Satzungen, die Bräuche und die Uebungen der jüdischen Religion wie eine Philosophie der Gottbejahung. „Sie erdrücken nicht und beengen nicht Der in ihnen Lebende weiß, daß sie ihn tragen, ihn erheben." Hinter all dem liegt das Messianische im Judentum, das Geheimnis seiner praktischen Solidarität trotz aller Zerstreuung, trotz seiner geographischen Zerrissenheit.