Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 35 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Der deutsehe Die nationalsozialistische Propaganda hat in den letzten Wochen in allen Teilen Deutschlands einen politischen Terror entfaltet, der nicht anders wie als Mordwahn bezeichnet werden kann. Hunderte von Leichen politischer Gegner sind bei diesem mordwütigen Toben auf der Strecke liegen geblieben, zahllose Opfer dieses Wütens leiden noch heute an ihren erheblichen Verletzungen, gewaltig groß ist auch die Zahl der vornehmlich jüdischen Geschäfte, die durch Attentate der Hakenkreuzler beträchtlichen Schäden erlitten haben. Das „Heldentum" dieser Gesellen machte bekanntlich auch vor Gotteshäusern nicht Halt; ruchlose Bombenanschläge gegen jüdische Synagogen waTen in diesen Schreckenstagen an mehreren Orten Deutschlands zu verzeichnen. Die Judenschaft Deutschlands, der vor allem der blindwütige Kampf der Nationalsozialisten gilt, hat also alle Ursache, für eine energische Bekämpfung dieser Volksseuche einzutreten, und wir wissen, daß die altbewährte Abwehrorganisation der deutschen Juden, der Centraiverein, tatsächlich alles unternimmt, um die Ausbreitung der nationalsozialistischen Welle zu verhindern. Wir verweisen diesbezüglich auf den weiter unten veröffentlichten Artikel des Syndikus des Centraivereins. Dr. H i r s c h b e r g, über das dem Reichspräsidenten von Hindenburg vorgelegte „Weißbuch". Dennoch aber können wir nicht umhin, unserer großen Bestürzung über das drakonische Urteil des Beuthener Standgericht e s Ausdruck zu geben. Abgesehen davon, daß es sich hier wie in den meisten anderen Fällen durchaus um junge Menschen handelt, die durch gewisses lose Verführer und Verhetzer in eine Mordpsychose hineingedrängt worden sind, besteht die gewaltige Gefahr, daß die fünf Todesurteile von Beuthen eine Verschärfung der Situation herbeiführen werden, die in den letzten Tagen nicht zuletzt infolge der schweren politischen Blamage Hiders schon weniger zugespitzt erschien. Wenn also auch die blutrünstige Tat der Hakenkreuzler von Beuthen, die in starker Ueberzahl einen wehrlosen politischen Gegner im Schlafe überfallen und getötet hatten, abscheulich war und die schärfsten Strafen verdiente, das Todesurteil ist menschlich und politisch zu hart, um selbst bei jenen Anklang zu finden, die der mörderische Haß der Hakenkreuzler ständig bedroht. Die Darstellungen, die wir im folgenden über das Attentat auf die Wohnung des Königsberger Syndikus des Centraivereins Herrn Kurt Sabatzky und über den Bombenanschlag auf die Kieler Synagoge veröffentlichen — .die Berichte sind uns über unser Ersuchen von Herrn Sabatzky und dem Jüdin nach unzähligen Leiden und Drangsalierung weggehen zu müssen in ein anderes Domizil, sie tat es wie alles in ihrem Leben klaglos, voll Umsicht und Energie und wollte nur ihrer Umgebung nicht zur Last fallen. Und so ragt diese seltene jüdische Frau, zu der wir Jüngeren stets aufsahen, an die wir uns um Rat wenden konnten, die uns Freundin und Stütze ward wie Erz, in diese neue, wetterwendische, unsichere Zeit. Sie gab uns einen sicheren Halt und noch heute erinnern wir uns in Stunden seelischer Bangigkeit und Zweifels dieser starken Persönlichkeit; sie ist allen, die fern von ihr weilen, heute noch nahe geblieben durch diese unerschütterliche Sicherheit in der Führung ihres Lebens. Welch einen Wert, welch eine Geltung eine solche Frau für die kämpfenden Menschen noch heute hat, kann kaum mit Worten gesagt werden. Und obwohl in allen Teilen der Welt jüdische Frauen beruflich tätig und tüchtig sind und viel mehr noch leisten als Frau Rat. wird es immer nur einige geben wie sie, die durch ihre vollkommene Wesenheit einer großen Zahl von Menschen zum Mittelpunkt werden konnte, wenige wie diese jugendliche Neunzigjährige, die ihre Briete mit ihrer hohen geistigen Kulutr zu Dokumenten einer großen Seele stempelt und ihre Plauderstunden noch heute zu einem Genuß werden läßt. Ihre Beziehungen reichen noch weit und so werden Gratulationen und Grüße von ihren Verehrern und Verehrerinnen aus Deutschland und Oesterreich. ai>ch aus Wien, «Jessen Zauber sie kennt und liebt, nach Gleiwitz' fliegen, wo Frau Geheimrat Dr. Friedländer im silberweißen Haar, gebückt durch die Last der Jahre, jedoch voll ungebrochener Energie voll Beherrschung und geistigen Interesses an allen Geschehnissen der Welt sie als Zeichen der Anerkennung und Liebe empfangen und lesen wird im Bewußtsein, daß solch ein Leben einer jüdischen Frau als Beispiel eingedrungen ist in viele Herzen auch in dieser Zeit voll drückendster Sorgen und Zerriebenheit. Und wir dürfen dankbar erkennen, daß uns vor der Zukunft nicht bange zu sein braucht, so lange das Judentum Frauen solchen Formates sein eigen nennt. Nazi-Terror. Kieler Rabbiner Dr. P o s n e r selbst zugekommen — beweisen, wie mörderisch dieser blindwütige Haß ist. Dennoch aber: Die Welt kann auf die Dauer nicht mit Blut regiert werden, nicht mit dem 31 ute unschuldiger Opfer und nicht mit dem Blute verhetzter Menschen, auch wenn sie sich durch tückischen Mord schuldig gemacht haben... * Das „Weißbuch" des Centrai-Vereins und Hindenburgs Erklärung. Ueber den Schritt des Central-Verems deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beim Reichspräsidenten v. Hindenburg und das dem Reichspräsidenten übermittelte „W e i ß u c h" des Centraivereins gibt Dr. Alfred Hirschberg Aufschluß im Leitartikel der „C.V.-Zeitung", in dem es u. a. heißt: Der Schritt des Central-Vereins beim Reichspräsidenten bildet den Abschluß einer Reihe von Maßnahmen, durch welche die meinungbildenden wie die bestimmenden Kräfte unseres öffentlichen Lebens auf die gefährliche Entwicklung der deutschen Judenfrage aufmerksam gemacht wurden. Die ständige Beobachtung der Umwelterscheinungen hatte gezeigt, daß sich die U n k e n n tn i s über die wirkliche Lage des deutschen Judentums mit einer weitgehenden Gleichgültigkeit gegenüber den möglichen und immer näheren Wirkungen der nationalsozialistisch-antisemitischen Politik verband. Der unbekannte Jude war der uninteressante Jude, und die Zusammenhänge grundsätzlicher Natur, die eine notwendige Verbundenheit des jüdischen Schicksals in Deutschland mit dem von über zwei Dritteln des Gesamtvolkes schufen, wollte und konnte man nicht erkennen. Dr. Hirschberg streift die Massen-Arbeit des Centrai-Vereins und dessen Schritte bei den zentralen Stellen und fährt dann fort: Die Zuspitzung der gesamten innerpolitischen Lage hatte einen kaum noch zu erhöhenden Grad erreicht. Entscheidungen von bestimmendem Inhalt auch über das Schicksal der deutschen Juden standen unmittelbar bevor. In der machtpolitischen Auseinandersetzung der großen politischen Gruppen war von Besorgtheit um unsere Sonderlage wenig zu finden; es gab da zu viel Bindungen und taktische Vordringlichkeiten. Unberührt von diesem Nahkampf stand allein der Reichspräsident. Er verkörperte in sich die Kontinuität der Verfassungsrechte aller Bürger, auch der Angehörigen verschwindend kleiner oder besonders bekämpfter Gruppen. Ein verfassungsrechtlich unbestreitbarer und von jeweiligen Parteigruppierungen unantastbarer Rechtsanspruch wie der der deutschen Juden auf Gleichberechtigung konnte nur bei ihm als der weithin sichtbaren Verkörperung des Rechtsstaates geltend gemacht werden. Dieser Schritt geschah durch Ueberreichung einer Dokumentenmappe, die die Aufschrift trägt: „Die Stellung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zur Judenfrage, eine Materialsammlung, vorgelegt vom Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V." Ein Sammelumschlag enthält in sieben Untergruppen („im Parteiprogramm und Schrifttum, in gesprochenem Wort, in Theaterstücken und Liedern, in der Presse, Boykott, Ausschreitungen, Anträge im Landtag") auf fast zweihundert weißen Bogen (daher „Weißbuch") Tatsachen und nichts als Tatsachen über die Art und Weise, wie die nationalsozialistische Bewegung sich die Lösung der deutschen Judenfrage denkt und wie sie ihre Vorbereitungen dazu trifft. Die besonders umfangreiche Mappe „Ausschreitungen" zeigt kommentarlos die Ergebnisse: Trümmer, Wunden, Blut. 2 schöne Zimmer (Schlaf- und Wohnzimmer) auch für Bureauzwecke geeignet, Telephon und Badebenützung, preiswert zu vermieten. Nähere Auskünfte: 11. .Heinestr. 13/12. Pension Exquisite Baden bei Wien Telephon 1* Zentrale Lage — Sehr schöne Zimmer mit 3 Mahlzeiten (feine Hausmannsküche) Garten-, Strand- und Heilbädernähe Preis von lO S «Shilling aufwärts Auf diese nüchterne Tatsachendarstellung erfolgte die Antwort des Herrn Reichspräsidenten. Wir wissen, daß niemand, der dieses Weißbuch kennenlernt, anders als Herr von Hindenburg; Stellung nehmen kann. Das Weißbuch, heute ein politischer Akt, wird) — so hoffen wir sehr bald kulturhistorische Bedeutung erhalten: Kommende Forscher und Geschlechter sollen an ihm ermessen, welchen Grad politischer Gemeinheit es in Deutschland im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts geben konnte, ehe sich im letzten Augenblick die wirklich aufbauwilligen undi verantwortungsbewußten Kräfte ihrer Verantwortung zur Rettung des deutschen Namens vor der Mitwelt bewußt wurden. * Nachwort zu den Königsberger Gewalttaten. Es erscheint einmal notwendig, die Hintergründe zu beleuchten, die in einer Stadt wie Königsberg dazu führen konnten, daß am Tage nach der Wahl Terrorakte schlimmster Art vorkamen. Diese Terrorakte, zweifellos vorgenommen durch aufgehetzte junge Nationalsozialisten, konnten nur dadurch entstehen, daß seitens der leitenden nationalsozialistischen Stellen jahrelang eine Atmosphäre des Hasses schlimmster Art vorbereitet und vertieft war. Seit etwa 4 Jahren ist der Reichstagsabgeordnete Koch als Gauleiter der N.S.D.A.P. in Königsberg tätig. Koch begann seine Tätigkeit damit, daß er eine große Anzahl1 antinationalsozialistisch eingestellter Staatsmänner und Politiker — so auch Schreiber dieses, der in vorderster Front im Kampf gegen den Nationalsozialismus steht, — in der schlimmsten Weise verleumdete und ihnen Verrat an der deutschen Sache vorwarf. In den von ihm herausgegebenen amtlichen Parteiorganen „Ostdeutscher Beobachter" und „Preußische Zeitung" wurde eine ungeheuerliche juden-, katholiken- und staatsfeindliche Hetze betrieben. Auch waren die Versammlungsreden des Herrn Koch in der aufreizendsten Tonart gehalten. Er erklärte in einer großen Anzahl von Versammlungen, daß mit den Gegnern des Nationalsozialismus bald abgerechnet werden würde: „Wir sind höflich bis zur letzten Galgensprosse, aber gehängt wird doch." Zwei Abende vor der Wahl sagte Koch in einer Versammlung in Braunsberg: „Die Herrchen sollen sich nicht wundern, wenn sie sich eines Morgens als Leiche vorfinden, nachdem sie so viele Leichen in Deutschland auf dem Gewissen haben." Daß solche Worte auf jugendliche Gemüter in höchstem Grade aufreizend wirken und daß sich dann, getragen von jugendlichen Elementen, ganze Terrororganisationen entwickeln, darf wohl nicht verwundern. So wurde auch zu wiederholten Malen wahrheitswidrig behauptet, die Juden hätten Kommunisten bestochen, um mit Mord und Terror gegen die Nationalsozialisten vorzugehen. Dabei wissen die maßgebenden Kreise der N.S.D.A.P. genau, daß an diesen Behauptungen kein wahres Wort ist. Trotzdem wurde diese Lüge immer aufs neue wiederholt. Dieses führte schließlich dazu, daß ich vor einiger Zeit eine anonyme Zuschrift erhielt, wonach ich in Bälde die angebliche „Unterstützung der Mordkommune" mit dem Tode büßen werde. Als ich mir vor einigen Wochen gemeinschaftlich mit dem von unserer Berliner Zentrale nach Ostpreußen entsandten Dr. Felix Heimann, Berlin, ein Plakat an einer Königsberger Anschlagsäule durchlas, trat ein junger Mensch auf mich zu und erklärte mir: „Sie werden bald nichts mehr zu lachen haben, Ihnen wird es sehr schlecht ergehen!" Der junge Mensch verschwand so schnell, wie er gekommen war, nicht ohne uns vorher beiden das Wort „Ausländer" zugerufen zu haben.