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Die Wahrheit · 1932-08-26 · Heft 35 (26.8.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 35 (26.8.1932)
Date
1932-08-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BAPSÄSfÜBIN I HOTEL _ ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang gans „Jewish Chronicle". Die unglückselige Versammlung in Genf, schreibt der Verfasser, die von ihren Initiatoren mit einem grandiosen Titel ausgestattet wurde, der z u ihrer Bedeutungslosigkeit und zu ihrem unrepräsentativen Charakter schlecht paßt, wird binnen kurzem in die Rumpelkammer der historischen Kuriositäten wandern.Es wurde nicht nur nichtsWcsentliches zustande gebracht, sondern nichteinmal etwas versucht, was zu einer Besserung der gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Mißstände, unter denen die Juden in vielen Teilen der Welt leiden, hätte führen können. Es wurde beschlossen, einen jüdischen Weltkongreß für 1934 einzuberufen, doch wird niemand erklären können, wie dies dazu beitragen könnte, die der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands infolge der hitleristischen Brutalitäten im Jahre 1932 drohenden Gefahren zu bannen, den jüdischen Massen Ost- und Mitteleuropas bei der Anpassung an die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Zeit beizustehen, die russische Judenheit vor der allzu unmittelbaren Gefahr der Vernichtung durch Assimilation zu retten oder auch nur die Judenheit der Vereinigten Staaten gegen die wirtschaftliche und soziale Zurücksetzung, die zu einer Ailtagserscheinung im amerikanischen Leben geworden ist, zu schützen. Die Wertlosigkeit der Konferenz, heißt es in dem Artikel weiter, war der Hauptgrund, warum wir der englischen Judenheit nachdrücklich von einer Beteiligung an ihr abgeraten haben, und wir glauben, daß unsere Stellungnahme sich als durchaus berechtigt erwiesen hat. Eine internationale Konferenz und insbesondere ein Kongreß, auf dem Bürger der Vereinigten Staaten das Uebergewicht haben, so wie es auf dieser Konferenz der Fall war, hat keine Regierung hinter sich, deren Beistand er in Genf mit Recht für sich in Anspruch nehmen könnte. Der Völkerbund ist ein Bund von Staaten, von politischen Einheiten, und es liegt außerhalb des Bereichs des Möglichen, daß die Juden vor ihm in anderer Eigenschaft denn als Bürger der Staaten, denen sie angehören, vertreten werden. Dr. Johannes Sehober. Kaum 14 Tage nach dem Ableben Doktor Seipels ist auch der zweite hervorragendste Staatsmann Neuösterreichs vom Tode ereilt worden. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß diese beiden Männer, die eine Zeitlang zusammenarbeiteten, dann aber gewissermaßen zu Antipoden geworden sind, kurz nacheinander verstorben sind und noch dieses Ableben beider Männer mitten ins aktuelle politische Getriebe hineinspielte. Das Ableben Dr. Seipels rettete die Regierung Dollfuß vor dem Mißtrauensvotum der Großdeutschen wegen des Lausanner Vertrages, indem der unmittelbar darnach einberufene Ersatzmann der Regierung die zur Ablehnung des Mißtrauensantrages fehlende Stimme verschaffte. Als die Regierung 14 Tage später neuerdings auf der Suche nach einer einzigen Stimme war, um die Annahme des Beharrungsbeschlusses des Nationalrates hinsichtlich dieses Abkommens zu sichern, da schied Dr. Schober aus dem Leben und sein Nachfolger, ein Mitglied des Landbundes, brachte der Regierung die fehlende Stimme. Neben Dr. Seipel hat auch Dr. Schober sich um die österreichische Republik große Verdienste erworben und sein Ableben bedeutet einen großen Verlust für unseren Staat. Dr. Schober war es, der als Polizeipräsident von Wien in den Flitterwochen der Republik, als alles drüber und drunter zu gehen drohte, die Ruhe und Ordnung aufrecht erhielt und Neuösterreich vor dem Chaos bewahrte. Während seiner ersten Kanzlerschaft konnte er wesentlich zur Konsolidierung der Verhältnisse im Innern und nach außenhin beitragen. Am 15. Juli 1927 war es wiederum sein tatkräftiges Eingreifen, das drohendes Unheil abwandte. Während seiner zweiten Kanzlerschaft konnte er die Befreiung Oesterreichs von der Reparationslast durchsetzen und wurde dadurch einer der populärsten Männer der Republik. Später allerdings beging er einen großen Fehler, als er sich dazu bereit fand, seine überparteiliche Stellung aufzugeben und ins parteipolitische Leben einzugreifen. Aus Empörung über seine Verdrängung aus dem Bundeskanzleramte, trat er an die Spitze des ad hoc ins Leben gerufenen „Nationalen Wirtschaftsverbandes"; er hätte es damals vermocht, die noch immer nicht unbeträchtliche Schar der bürgerlich-demokratischen Elemente Oesterreichs zu railiieren, und damitdie in unserem politischen Leben so stark fühlbare Lücke einer Mittelpartei ausfüllen können. Er unterlag jedoch dem Druck der Großdeutschen, die diese neue Gruppe absolut „judenrein" haben wollten, und hat damit nicht nur eine gute Gelegenheit verpaßt, sondern auch sich selbst in eine zwiespältige Situation gebracht. Seither war er der Gefangene der großdeutschen Ideologie, beging den Fehler mit dem Zolluniönsprojekt - und führte seine Isolierung herbei. Noch hatte er die Möglichkeit, wieder die Leitung des Polizeipräsidiums zu übernehmen und zu seinem eigentlichen Wirkungskreise zurückzukehren, wo er der richtige Mann auf dem rechten Platz war. Aber ein schweres Leiden behinderte die Durchführung dieses Entschlusses und nun ist er diesem Leiden erlegen. Als Polizeipräsident wie als Bundeskanzler hat sich Dr. Schober große Verdienste um die Juden in Oesterreich erworben und diese werden ihm stets ein dankbares Angedenken bewahren — trotz der Entgleisung der letzten Zeit. Als unmittelbar nach der Ausrufung der Republik gewisse Elemente die Gelegenheit für gekommen erachteten, im Trüben fischen zu können, und eine Judenhetze arrangieren wollten, trat ihnen der Polizeipräsident mit der gebotenen Energie entgegen. Er benahm sich überaus rücksichtsvoll und wohlwollend gegenüber den sogenannten „Kriegsflüchtlingen", als gegen diese eine Kampagne einsetzte und ihre Ausweisung drohte. Gelegentlich des Zionistenkongresses 1925 traten die Polizeibehörden mit der größten Energie den geplanten und angekündigten Exzessen entgegen. Auch als Bundeskanzler zeigte sich Dr. Schober immer in Fragen, die Juden und Judentum berührten, sehr freundlich und wohlwollend, so daß ihm sogar der Ruf eines „Judenfreundes" voranging. Allerdings mutete sein Verhalten im Herbst 1930 und sein damaliges Nachgeben gegenüber dem Drucke der Großdeutschen etwas eigenartig an — aber zu seiner Entlastung mag gesagt werden, daß es auch hier die böse Politik war, die den Charakter verdarb .... Trotzdem soll dem Verstorbenen von jüdischer Seite der Tribut der Anerkennung und des Dankes gezollt werden. In fteiug auf Kastiirutli über nimmt die Redahtion Dei den Inseraten Keine Verantwortung ffcuifjfcton Frau Rat Eine Lebensskizze von Anna Mandel-Friedmann. Nicht nur, weil Frau Rat in den nächsten Tagen 90 Jahre alt wird, was heutzutage auch schon eine Seltenheit und wert ist, bemerkt zu werden, will ich diese Lebensskizze schreiben und ihr eine Freude, vielen, die sie verehren und lieben, ein Geschenk machen, sondern weil das Leben und Wirken einer solchen markanten Persönlichkeit festgehalten zu werden verdient Frau Rat ist eine Persönlichkeit, eine starke, jüdische Frau, die durch die glatten und unebenen Wege ihres Lebens mit einer Sicherheit und Würde, mit einem Ernst und einer Hoheit schritt, die Bewunderung und Nachahmung verdient, sie ist, ich glaube, nicht zu übertreiben, einer ganzen Generation von Menschen ihrer Umgebung Vorbild geworden. Einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in Oberschlesien entstammend, überragte sie schon als Mädchen ihre Genossinnen durch ihre Klugheit und vielseitige Bildung, wurde geliebt und bewundert von Eltern, Verwandten und der einzigen Schwester, und betätigte sich dann— auch schon damals eine Seltenheit, als Erzieherin in einem vornehmen jüdischem Hause. Sie heiratete einen klugen, feinen, gütigen Menschen, einen Arzt und ward in dem kleinen Städtchen L. seine echte Gefährten und Helferin. Wie gut kenne ich sie, diese hochgewachsene, aufrechte Frau mit dem anziehenden etwas strengem Gesicht, den durchdringenden klaren Augen, den fest zugreifenden, allezeit beschäftigten Händen. Schon in früher Morgenstunde im Haushalte eifrig tätig, ihre Blumen und Vögel pflegend, die weiße, blitzsaubere Schürze vorgebunden, der Großen und Kleinen ihre Aufmerksamkeit zuwendend, so haftet ihre Gestalt in meinem Gedächtnis. Ich sehe sie durch die hellen, großen Räume ihrer Wohnung in dem kleinen Städchen an der Grenze Polens schreiten, musternd, mitarbeitend, Befehle erteilen und dann wieder an einer großen, geschmackvoll gedeckten Tafel präsidieren, an der Aristokraten der Umgebung mit den jüdischen Freunden des Hauses plaudernd, musizierend oft zusammen saßen und den, natürlich selbstgemachten, Kuchen und die eingekochten Früchte genießen. Auch damals gehörte gesellschaftliches Talent, Bildung. Verstand und Takt dazu, Menschen so verschiedener Art an einem Tische zu vereinen, sich eine solche Achtung der feudalen Agrarier und der bürgerlichen Glaubensgenossen in gleichem Maße zu erwerben. Aber diese seltene Frau konnte es. Und schon dadurch ward sie den Juden des Kreises zur Helferin, denn der Respekt, der ihr von ihrem edlen Gatten, von den Andersgläubigen gezollt ward, von Hoch und Niedrig, Jung und Alt, er wurde zugleich auch den Glaubensgenossen, dem Judentum entgegengebracht Hier war ein Mensch, eine Frau, die unerläßlich, gewissenhaft und mit äußerster Strenge die größten Anforderungen an sich stellte und sie jeden Tag von neuem zu erfüllen suchte. Ihre fast puritanische Einfachheit und Arbeitsfreudigkeit im Hause und dabei ihre organisatorische Begabung zur „F ü h r e r i n" und „Leiterin" außerhalb desselben, veranlaßte die vornehmen Frauen des Kreises, sie zur Vorsitzenden des „Vaterländischen Frauenvereines" zu wählen, ein Amt daß sie durch 30 Jahre gewissenhaft ausübte. Sie nähte und kochte selbst für die Armen, ging in deren Wohnungen, brachte arme Kinder unter, versorgte Kranke und Sieche, kurz arbeitete in aufopfernder Weise für sie. Wir oft mußte sie mit ihrem Gatten im strengsten Winter über Land reisen, wenn der Schnee in dichten Flocken die Erde ringsum bedeckte und der Schlitten durch endlose dunkle Wälder glitt, furchtlos — mit Lebensmitteln und Arzneien ausgerüstet, für die armen Patienten in den IV. fern ringsum. Und diese kluge, ernste Frau wie konnte sie doch voll Güte mit Kindern umgehen, wie entzückend verstand sie, die Kinderlose, für ihre kleinen Freundinnen Jausen zu arrangieren. Ja, sie nahm ein Kind, eine Nichte, an ihr Herz, der sie eine seltene Erziehung angedeilien ließ, und schuf sich einen noch wertvolleren Lebenszweck, wurde Mutter und Großmutter aus eigenem Wunsche und erfüllte mit strengster Gewissenhaftigkeit und Treue diese neuen Pflichten. Sie gab und schenkte ihr Leben lang. Denn es war der Reichtum ihres Wesens, der sie zwang, unaufhörlich zu geben, es waren ihre Forderungen an sich und die anderen so groß, daß sie unaufhörlich arbeiten mußte. Ihre Erkenntnisse waren schon früh so klar, daß sie wohl nicht verschwenderisch sein konnte mit äußeren Zärtlichkeiten, aber verschwenderisch in ihrem Tun und Wirken. Und von solch großzügiger Art war auch ihre Einstellung zu ihrem Glauben. Sie lebte ihn. obgleich sie eigentlich nicht fromm war. Doch war ihr Rat ausschlaggebend und die innige Freundschaft, die sie und ihren Gatten mit meinem seligen Vater, dem Rabbiner der kleinen Gemeinde durch Jahrzehnte verband, fand auch darin ihre Bestätigung, daß sie seinen Wünschen gerecht wurde. Zu Frau Rat kam man in jüdischen Frauenangelegenheiten, sie schlichtete alle Zwistigkeiten. sie arrangierte jüdische Feste, sie war der Mittelpunkt des geistig-jüdischen Lebens dieses Kreises. Und welche Würde umgab sie, wenn sie den Tempel betrat, wie versunken war sie in ihr Gebet, ohne Neugierde, ohne Sucht zu schwaxzen, zu kritisieren. Wie hoch hielt sie ihren Glauben, wußte ihm jederzeit Achtung zu verschaffen und jeden Angriff abzuwehren. Und dann kam der Krieg. Und da ward diese Frau genial zu nennen in ihren Ideen für die Pflege der Soldaten, der Verwundeten, für die Fürsorge, der sie in allen Zweigen vorstand. Und. obgleich ihr das einzige Kind so früh geraubt worden, obgleich ihr Gatte nicht mehr war und jetzt in der bösen Nachkriegszeit ihr die Heimat genommen wurde, klagte und jammerte sie nicht. Ich sah sie bei der „Abstimmung" wieder und fand sie aufrecht, fleißig, tätig, obgleich sie damals schon eine hohe Siebzigerin war und der Verlust ihrer Wohnung und ihres so geliebten selbstbearbeiteten Gartens drohte, unverzagt und nur mit dem Schicksal Oberschlesiens und seiner Bewohner beschäftigt gleich teilnehmend und gütig gegen jeden Besucher. Und wie sehr es sie auch schmerzte, nach Jahrzehnten eifrigster Tätigkeit fast als letzte deutsche

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