Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT a. D. Dr. Georg G o t h e i n, seinen 75. Geburtstag. Auf der vor kurzem stattgefundenen Dresdener Tagung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus protestierte er leidenschaftlich gegen die in der nationalsozialstischen Bewegung sich anbahnende Rückkehr zum Mittelalter und stellte fest, daß die Juden in Deutschland mit den anderen Teilen des deutschen Volkes durch deutsche Muttersprache, deutsche Kultur und gemeinsames geschichtliches Erleben verbunden seien. Die fortschrittlichen Zeitungen würdigen anläßlich Gotheins 75. Geburtstag seine Verdienste um deutsche Wirtschaft und Politik. 300-Jahr-Feier des Geburtstages Spinozas. Anläßlich der bevorstehenden 300-tfahr-Feier des Geburtstages Baruch Spinozas wird in der Zeit vom 5. bis zum 9. September im Haag ein internationaler Philosophen-Kongreß stattfinden. Auf dem Kongreß werden u. a. die Professoren Dr. Leo Polak (Groningen), Dr. Carl Gebhardt (Frankfurt), Sir Frederic Pollack (London), A. S. Ochs (Cincinnati), Adolph Rava (Padua) Vorlesungen halten. — Die Stadtverwaltung von Czernowitz hat beschlossen, eine der größten Straßen des jüdischen Viertels anläßlich der 300-Jahr-Feier des Geburtstages Spinozas in Baruch Spinoza- Straße umzubenennen. (Wo bleibt Wien?) 15 jüdische Abgeordnete und Senatoren im neuen rumänischen Parlament. Die rumänische Kammer hat die Ueberprüiung der Mandate abgeschlossen. Es steht nunmehr fest daß der Kammer 11 jüdische Deputierte, mehr als jemals eine Kammer seit der Erteilung politischer Rechte an die Ju- Rumäniens besaß, dem Senat 4 jüdische Senatoren angehören. Der jüdische Parlamentsklub in der Kammer besteht aus den Deputierten Dr. Mayer Ebner. Doktor Joseph Fischer, Dr. Ernst Marton, Michael Landau und Mischu Weißmann. Als Mitglieder der Nationalzaranistischen Regierungspartei gehören die Deputierten Aureliu Weiß, Salomon Rosenberg-Kischineff und der Redakteur des „Adeverul" Dr. Gr. Qraur, als Mitglieder der Magyarischen Partei die Deputierten Dr. Joseph Willer, Beni Szabo und Nandor Megedüs der Kammer an. Jüdische Vertreter im Senat sind außer dem Repräsentanten des jüdischen Kultus. Oberrabbiner Dr. I. Niemirower, Emil D. Fagure, Moise Zipstein und Max Ausschnitt. Stockholm. Der jüdische Maler Isaac Grünew a 1 d ist zum Professor an der Königlichen Akademie der Künste in Stockholm ernannt worden. Der im 42. Lebensjahre stehende Künstler gilt in Schweden als der bedeutendste Vertreter der jüngsten Malergeneration des Landes. Nach einer längeren Studienzeit in Paris, wo er mehrere Jahre Schüler des berühmten französischen Malers Henri Matisse gewesen ist, trat er 1909 in Stockholm zum erstenmal hervor und hat seitdem eine erstaunlich produktive und vielseitige künstlerische Wirksamkeit als Porträtist, Landschaftsmaler, Aquarellist und Graphiker entwickelt. Grünewald ist mit mehreren Gemälden im Stockholmer Nationalmuseum und im Göteborger Kunstmuseum vertreten. Seine letzte, vor einiger Zeit in Stockholm stattgefundene Ausstellung hat mit 30.000 Besuchern einen Rekord erreicht Jiafienfcreiuz am Wexfc Baisse in Braunhemden. Das Bundesblatt veröffentlicht folgenden Beschluß des Bundesrates: „Das Tragen von nationalsozialistischen Braunhemden auf Bundesgebiet wird verboten. Hinsichtlich des Gebrauchs von nationalsozialistischen Emblemen wird größte Zurückhaltung empfohlen." Um Irrtümern vorzubeugen, sei festgestellt, daß es sich nicht um den österreichischen Bundesrat handelt, der im Falle eines solchen Verbotes nur dem einsichtigen Beispiele des Badener christlichsozialen Bürgermeisters folgen würde, sondern um den Schweizer Bundesrat. Fortgesetzte antisemitische Pressehetze in Kanada. Ungeachtet der Ankündigung des Richters Desaulviers, es werde über die antisemitischen Blätter Kanadas bis zu der für 1. September festgesetzten Verkündigung der Entscheidung über die von jüdischer Seite geforderte einstweilige Verfügung eine Kontrolle ausgeübt werden, wird die antisemitische Hetze in diesen Zeitungen unvermindert fortgesetzt. „Le Miroir" veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen Artikel, in dem die Juden als Schmuggler, Mädchenhändler, Wucherer und Brandstifter bezeichnet werden. Dr. Weizmann, heißt es in dem Artikel ferner, sei als unmittelbarer Nachfolger des als Achad Haam bekannten Verfassers der Protokolle der Weisen von Zion, Ascher Ginsberg der ungekrönte König der Juden und der gefährlichste Jude der Welt. Cotys antisemitisches Parfüm verduftet. Die Zeitung des Pariser Parfüm-Fabrikanten Coty „Ami du Peup 1 e", die bis in die letzte Zeit eine ungemein gehässige antisemitische Propaganda betrieben hat, dürfte Ende August oder Ende September wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr Erscheinen einstellen. Die Aktionäre des „Ami du Peuple" sind zu einer außerordentlichen Generalversammlung einberufen worden, deren Tagesordnung Maßnahmen angesichts der schweren finanziellen Lage der Gesellschaft, eventuell Veräußerung der Aktien, vorsieht. Die „Untersuchungsmethoden" der bessarabischen Gendarmerie. Der Prozeß gegen die Gendarmeriebeamten, die an der Folterung des poale-zionistischen Führers Samson Braunstein in Jedinetz beteiligt waren, wird am 18. Oktober vor dem Czernowitzer Appellationsgerichtshof eröffnet werden. Die Interessen des Privatbeteiligten werden in dem Prozeß von den jüdischen Deputierten Dr. Mayer Ebner und Adv. Michael Landau, sowie von dem Rechtsanwalt Siegfried Rosenzweig vertreten werden. Sememde - Chronik Soziale Fürsorgearbeit der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Wie aus einem soeben veröffentlichten Bericht der Zentralkommission für soziale Fürsorge bei der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde zu ersehen ist, wurden für die von November 1931 bis April 1932 durchgeführte „Notstandsaktion 1931/32 der Israelitischen Kultusgemeinde und der jüdischen Organisationen in Wien" etwa 150.000 Schilling aufgebracht. Die Notstandsaktion umfaßte erstens eine Kohlenaktion, durch die 2652 Familien mit je 100 kg beteilt wurden; zweitens eine Verteilung von Lebensmittel-Paketen, bei der in 64 Ausgabestellen 6792 Anweisungen ausgegeben wurden; drittens eine tägliche Ausspeisung, die täglich durchschnittlich 1000 Personen betraf; im Rahmen der Bekleidungs-Aktion wurden an 1224 Personen verschiedene Bekleidungsstücke ausgegeben. Diese Aktionen wurden durch die Tätigkeit der vom Verein „Ferienheim" in der Toynbeehalle geführten Halbtagesheimstätte für Schulkinder im XX. Bezirk, die von der Poale Zion-Hitachduth durchgeführte Aktion „Jüdische Jugend in Not", durch den Betrieb einer Tagesheimstätte für erwerbslose jüdische Mädchen und Frauen durch den zionistischen Mädchenverein „Miriam" und durch die auf Initiative der jüdischen Religionslehrer mit Hilfe besonderer Eltern-Komitees geschaffene „S c h ü 1 e r f ü r s o r g e" wirkungsvoll ergänzt. Im Wege der Erholungsfürsorge- Aktion für Kinder und Jugendliche wurden 300 Kinder in Heilstätten und Heimen untergebracht. Außerdem wurden durch den Verein „Ferienheim" etwa 120 Kinder, im Heim des Humanitätsvereins für die westlichen Bezirke rund 220 Kinder, in der Tagesheimstätte der Jüdischen Kinderfreunde in Lainz etwa 200 Kinder und in verschiedenen Lagern der Jugendgruppen rund 1000 Kinder aufgenommen. Für 576 dieser Kinder hat die Kultusgemeinde Beiträge geleistet. Die Wanderfürsorge erfaßte 2127 Fälle, von denen 274 nicht im gewünschten Sinne erledigt wurden. Am Schluß des Berichtes wird auf die katastrophalen Fortschritte in der Verarmung der Wiener Juden hingewiesen und festgestellt, daß auch in Hinkunft besondere über den normalen Rahmen hinausgehende Maßnahmen zur Bekämpfung des Elends unter der Wiener jüdischen Bevölkerung notwendig sein werden. Vor einem Katastrophen-Winter in Karpathorußland. Wie der JTA mitgeteilt wird, sehen die leitenden Stellen der jüdischen Sozialarbeit in Karpathorußland dem kommenden Herbst und Winter mit größter Besorgnis entgegen. Der großen Not unter der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes konnte durch die im Frühjahr insbesondere seitens der jüdischen Frauen der Tschechoslowakei durchge-!! Jadische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Dr. Hragerheim, Ii., raalzgasse 7 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. führten Hilfsaktionen nur teilweise und vorübergehend gesteuert werden. In den letzten Monaten hat eine Invasion karpathorussischer und ostslowakischer Juden in die historischen Länder eingesetzt. Scharen jüdischer Bettler leben jetzt in den größeren Städten, insbesondere in Prag, Bratislava und Brünn und geben so ein Bild von dem furchtbaren Elend, das in Karpathorußland im Winter noch größere Dimensionen annehmen wird. Mischehen in der Tschechoslowakei. Aus den letzten Veröffentlichungen des Statistischen Staatsamtes über die demographische Entwicklung in den Jahren 1925/27 geht hervor, daß die Nuptialitätbei den Juden in der ganzen Tschechoslowakei stabil ist und eher ein kleiner Aufstieg als ein Rückgang zu verzeichnen ist. 1925 wurden von Personen israelitischer Konfession 2921 Ehen geschlossen, 1926 1951 Ehen, 1927 bereits 3024. Auch in den historischen Ländern (d. h. Böhmen, Mähren und der tschechische Teil von Schlesien) ist die Zahl jüdischer Ehen annähernd stabil. Auffällig ist der großeProzentsatz vonMischehen, die für die ganze Tschechoslowakei 1925 von 2921 Ehen 558, d. h. 19 Prozent, ausmachen. 1926 und 1927 wurden 549 Mischehen eingegangen. In den historischen Ländern bilden die Mischehen in diesen drei Jahren annähernd 33 Prozent aller jüdischen Ehen. Autobus-Gesellschaftsreisen durch die jüdischen Zentren. Oesterreich und die Nachbarstaaten sind reich an jüdischen Sehenswürdigkeiten, die aber nur wenigen bekannt sind. Darum haben wir uns gemeinsam mit der „P a g" reg. G. m. b. H. in Wien entschlossen, e i n - u n d mehrtägige Gesellschaftsreisen nach diesen jüdischen Zentren zu veranstalten. Diese Fahrten durch die schönsten Landschaften werden dem Führer, einem bekannten Fachhistoriker, Gelegenheit geben, vor den Augen der Reiseteilnehmer die Geschichte der Juden aufzurollen. Einkehr ist, wo nur möglich, in jüdischen Restaurants vorgesehen; strenggläubige Reiseteilnehmer können koscher speisen und den Sabbath heiligen. Die Preise verstehen sich einschließlich Sitzplatz im Autobus, Eintrittsgebühren. Führungsbeitrag und Trinkgelder, bei Mehrtagstouren auch inklusive Hotel (Nächtigung). Für Verpflegung ist der Preis (in Klammer) beigefügt: er beinhaltet bei Eintagstouren Mittagmahl, bei Mehrtagstouren überdies Frühstück und Abendessen. Mindestteilnehmerzahl jeder Reise: 20 Personen. Abfahrt stets halb 8 Uhr früh. Anmeldungen in der Verwaltung unseres Blattes; Anmeldeschluß: 5 Tage vor dem Reisetermin. Für Auslandsfahrten sind Pässe erforderlich, Visa werden besorgt! Reiseprogramm für August und September 1932: A) Ermäßigte Schülerfahrten (für Jugendliche bis 18 Jahre): 1. Fahrt ins Burgenland, mit Eisenstadt am 25. Aug. S. 8.50 (und 2.—); 2. Fahrt ins mittlere Burgenland, mit Sopron am 28. August. S 11.— (und 2.—); 3. Fahrt ins südliche Burgenland und nach Steiermark, mit Graz vom 5. bis 8. September. Vier Tage. S 46.— (und 23.—); 4. Fahrt in die Wachau von 14. bis 16. September, zweieinhalb Tage. S 25.— (und 12.—). B) Gesellschaftsreisen: 1. Fahrt nach Steiermark und Kärnten (Wörthersee): vom 11. bis 13. September. 3 Tage. S 60.— (und 20.—); 2. Fahrt ins mittlere Burgenland, mit Mattersburg am 18. September. S 15.— (und 3.—); 3. Fahrt ins Salzkammergut. nach Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Deutschland, mit München (Sabbath-Aufenthalt) und Regensburg vom 19. bis 26. September. 8 Tage. S 150.— (und 65.—). Detaillierte Programme liegen in der Verwaltung unseres Blattes auf.