Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT IHOTEL ELISABETHHO Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeite nzwang ,f Der nationalsozialistische Kleinkrieg gegen Juden und politische Gegner, für den Reichspräsident von Hindenburg so aufrichtig verdammende Worte gefunden hat, wird mit unverminderter Schärfe fortgesetzt, ja es besteht die Gefahr, daß nunmehr nach AblehnungderDiktaturpläne Hitlers durch Hindenburg die Exzesse sich noch steigern werden. Täglich, ja stündlich, laufen Nachrichten über neue Bombenanschläge und Schaufensterstürme aus verschiedenen Teilen Deutschlands ein. Die Liste dieser Attentate ist heute schon so groß, daß die Veröffentlichung der einzelnen Anschläge gar nicht mehr erfolgen kann. Neuestens haben sich derartige terroristische Attentate ereignet in Alienstein, Neidenburg, Bischofsburg, Konstadt, Gleiwitz, Hindenburg, Münsterberg, Landsberg, Bialla und Krefeld. Die Teirorwelle hat nunmehr auch auf die bisher von derartigen antisemitischen Exzessen der Nationalsozialisten verschont gebliebene Reichshauptstadt übergegriffen. Im Berliner Stadtteil Neukölln wurden am 8. August, kurz nach 9 Uhr abends, fünf große Schaufensterscheiben der Filiale der Schuhfirma Leiser mit Pflastersteinen eingeworfen. Nach den polizeilichen Feststellungen war der Ueberfall planmäßig vorbereitet. Die Täter wurden durch eine größere Menschenmenge, die sich offenbar auf Verabredung angesammelt hatte, vor der polizeilichen Feststellung geschützt. Wohl die ruchloseste Form der Attentate ist der Sturm auf jüdische Gotteshäuser, von denen bereits mehrere das Ziel hakenkreuzler iseher Bombenanschläge gewesen sind Ueber die Schändung der Sj'nagoge in Kiel haben wir schon berichtet. Unter dem niederschmetternden Eindruck dieses ruchlosen Anschlages hat der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Kiel am 8. August folgendes Schreiben gerichtet: „Wir haben voller Entrüstung vernommen, daß freche Bubenhiand es gewagt hat, Hand an das ehrwürdige Gotteshaus der Gemeinde Kiel zu legen. Wir trauern mit der Gemeinde und sind entsetzt über die ihr angetane Schmach und die frevelhafte Schändung der geweihten Stätte. Die ruchlose Tat zeugt von einer kaum zu überbietenden Verrohung, die durch eine gewissenlose Hetze hervorgerufen ist. Wir erwarten bestimmt, daß es den dazu berufenen Behörden gelingen wird, in Zukunft derartige Ausbrüche eines unmenschlichen Hasses zu unterdrücken. Wir haben auch die feste Zuversicht, daß es unserem Vaterlande beschieden sein werde, diese Zeiten der inneren Zerreißung zu überwinden und daß unser Volk dank der in ihm ruhenden gesunden Kräfte wieder den Weg zu ruhigem Aufbau und damit zu neuem Aufstieg des Deutschen Reiches finden werde." Vor der Synagoge in der Roonstraße zu Köln wurde eine Bombe in Mörserform von 7,5 Zentimeter Durchmesser gefunden, die von der Polizei rechtzeitig entfernt werden konnte. Der Vorfall hat in jüdischen Kreisen erhebliche Beunruhigung hervorgerufen. Es wird angenommen, daß der Anschlag von einer der Synagoge gegenüber befindlichen Geschäftsstelle der N.S.D.A.P., von wo aus wiederholt Ueberfälle auf jüdische oder jüdisch aussehende Passanten unternommen wurden, ausgegangen ist. Drei Besucher der Synagoge der Adass Jeschurun in der St. Apernstraße wurden am letzten Sonntag um 6 Uhr 30 morgens von jugendlichen Nationalsozialisten überfallen. Zwei der Angegriffenen konnten sich in däe Synagoge flüchten, der dritte wurde in roher Weise mißhandelt, zu Boden geworfen und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Die Rowdies sind unerkannt entkommen. Der Rabbiner der Adass Jeschurun, Dr. D. C a r 1 ebach, hat wegen dieses Vorfalls, der einen besonders krassen Fall in einer Reihe von Angriffen gegen jüdische Synagogenbesucher darstellt, beim Kölner Polizeipräsidenten Vorstellungen erhoben. Der Polizeipräsident hat Schutz der Synagoge durch eine Schupopatrouille zugesagt. In der vorigen Woche war in Reichenbach in Schlesien ein Attentat, anscheinend auf den Redakteur des dortigen sozialdemokratischen Blattes Peschke, von dem Nationalsozialisten Jenke beabsichtigt worden. Als Jenkei eine Handgranate schleudern wollte, krepierte diese vorzeitig in seiner Hand und zerriß den Attentäter. Bei der Verfolgung der Straftat wurde auch der Nationalsozialist Wagner als der Mittäterschaft verdächtig verhaftet. Wagner hat ein Geständnis abgelegt und u. a. erklärt, das Handgranaten- Attentat habe nicht dem Redakteur Peschke gegolten, sondern man habe die Absicht gehabt, die Handgranate vor die Synagoge zu legem, um einen Einsturz des Gotteshauses herbeizuführen. Durch dieses Attentat auf die Synagoge habe man eine Einschüchterung der Gegner der Nationalsozialisten erreichen wollen. * Verstärkte Boykottpropaganda. Zu dem gegen die jüdische Geschäftswelt in der deutschen Provinz durch Attentate und Attentatsdrohungen ausgeübten Terror tritt eine verstärkte Boykottpropaganda hinzu. Hierüber schreibt die „Frankfurter Zeitung": „Der Boykott verbreitet sich durch eine erstaunlich wirksame Mundpropaganda, aber auch offen durch Zeitungen, Flugblätter, Handzettel oder .Bezugsquellen-Anzeiger' (die in einem Teil Empfehlungen bestimmter Firmen aussprechen, im anderen zum Boykott der übrigen auffordern). Es gehört zum Bilde des heutigen Deutschland, daß einmal die Betroffenen regelmäßig die jüdischen oder vermeintlich jüdischen Geschäfte sind; zum anderen handelt es sich um die Großunternehmungen allgemein, die Warenhäuser, Einheitspreisgeschäfte, Filial-Unternehmungen, zuweilen auch um die Konsumvereine." * Wie sehr das Wüten der Mord- und Brandbuben die Billigung der nationalsozialistischen Parteiführung findet, beweist eine Polemik, die dieser Tage zwischen dem offiziellen Berliner nationalsozialistischen Abendblatt „D e r A n g r i f f" und dem ehemaligen Chefredakteur der „Vossischen Zeitung" Georg Bernhard entstanden ist, der im „8-Uhr-Abendblatt" auf die Unnahbarkeit der gegenwärtigen Zustände hingewiesen hatte. In einem „Bernhard-Bonzen-Bomben" überschriebenen Artikel schrieb das Nazi-Blatt u. a.: „Bernhards Hilfeschrei erweckt auch bei Unvoreingenommenen den Eindruck, als fürchte er, daß man auch ihm eines Nachts eine kleine Bombe auf die Daunendecke wirft. Und diese Furcht muß doch irgendwie motiviert sein. .. . Draußen auf den nachtdunklen Straßen wurden unsere SA-Männer von vertierten roten Mördern zur gleichen Zeit abgeknallt, da der Jude Bernhard Sekt in sich goß und mit Hundertmarkscheinen um sich warf. . . . Wir vergessen das nicht." An einer anderen Stelle des Blattes wird ausdrücklich erklärt, daß die Nationalsozialisten den Terror fortsetzen werden, bisihnendie Macht im Staate überantwortet wird. „Je eher man das Gebot der Stunde erkennt", heißt es am Schlüsse eines „Angriff-Artikels, „desto besser für Deutschland, desto besser aber auch für die Regierung und für die sich durch Attentate bedroht fühlenden marxistischen Bonzen." Georg Bernhard, dem also in einer führenden nationalsozialistischen Zeitung offen mit einem Bombenattentat gedroht worden war, ohne daß der Staatsanwalt es für notwendig fand, gegen das Hetzblatt energisch einzuschreiten, hat an die Redaktion des Berliner „S-Uhr-Abendblatt" folgendes Schreiben gerichtet: STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: Iii.. Rennweg 112, Tel. U I5-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 „Sehr verehrte Kollegen! Nach einem mit Arbeit reich gesegneten Jahr bin ich Ende der letzten Woche zum Kurgebrauch von Berlin abgefahren. Ich glaubte an den Burgfrieden. Gleich nach den ersten Bädern erhalte ich die Nachricht von der Mordhetze, die der „Angriff" gegen mich begonnen hat. Die Schimpfereien des Blattes sind mir gleichgültig. Aber gegen eins will ich mich wehren: Der „Angriff" deutet an, ich möchte mit dem Terror Schluß gemacht haben, weil ich mich fürchtete, aucli mir könnte einmal eine kleine Bombe auf den Tisch fliegen. Dem „Angriff" liegen derartige Gedanken begreiflicherweise nahe. Dr. Goebbels, sein Chefredakteur, hat sogar GrzesinskiumSchutzgegienAttentäterangefleht. Ich habe weder Furcht noch Angst noch etwas, das man mit ähnlichen Namen benennen könnte. Mich schrecken weder kleine noch große Bomben. Wen sie treffen sollen, der entgeht ihnen doch nicht. Wem aber der Tod nicht vorschnell beschieden ist, an dem bewahrheitet sich der Segen für Benjamin (5. Mose 33, 12): „Der Geliebte des Herrn wird sicher wohnen." Daran wird sich auch künftig nichts ändern." Das katholische Ausland ruft nach dein Völkerbund. Das Antwerpener Organ der katholischen Regierungspartei „La Metropole" nimmt im Leitartikel seiner letzten Nummer zur Lage der Juden in Deutschland Stellung und verlangt, der Völkerbund solle die jüdische Minderheit in Deutschland, deren bürgerliche Gleichberechtigung durch den Nationalsozialismus bedroht sei, in seinen Schutz nehmen. Solange die Rechte der deutschau Juden nicht gesichert seien, könne keine Rede davon sein, daß der Völkerbund Deutschlands Forderung nach Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage erfülle. Nationalsozialistische Ausschreitungen in Danzig. Der Ruhm ihrer reichsdeutschen Gesinnungsgenossen läßt die Hakenkreuzler in Danzig nicht ruhen. Täglich ereignen sich dort blutige Ueberfälle auf jüdische Kaufleute und Passanten, kürzlich wurden sogar in einem nationalsozialistischen Demonstrationszug Transparente mit der Aufschrift „Tod den Juden!" mitgeführt!. Der Präsident des Danziger Centrai-Vereins, der ehemalige Senator Dr. Kamnitzer, hatte daraufhin beim Leiter des Dezernats für innere Angelegenheiten Senator Hinz interveniert. Auch der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hatte dem Senat ein Memorandum überreicht, in dem Maßnahmen gegen die judenfeindliche Hetze der Nationalsozialisten verlangt wurden. Der Danziger Senat hat nunmehr eine gerichtlicheUntersuchung gegen die für die Zulassung dieser Demonstration Verantwortlichen angeordnet. Wie die offizielle polnische Telegraphen-Agentur PAT mitteilt, hat der polnische Generalkommissar in Danzig anläßlich des vor einigen Tagen von Nationalsozialisten verübten Ueberfalls auf jüdische Passanten einen energischen Brief an den Danziger Senat gerichtet, in dem auf die' häufige Wiederholung solcher Ueberfälle hingewiesen und ausreichender Schutz für die Juden polnischer Staatsangehörigkeit verlangt wird. in bezog aus Kasdirutb übernimmt die Redaktion bei den Inseraten Keine Verantwortung Mitglieder und Freunde der „Union" ***** ,jugend-Union«< treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Dienstag, ab 7t8llhr abends, im reservierten Teil des Cafe-Restaurant „Zum braunen Hirschen", II., Prater Hauptallee. II