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Die Wahrheit · 1932-08-19 · Heft 34 (19.8.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 34 (19.8.1932)
Date
1932-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die UUrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Erscheint jeden Freitag IIIUIIIIIIIIIIIIDIIIIIIIIIHH nniiiii.....II Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 19. August 1932 Nummer 34 Hitlers „Machtergreifung", (Brief aus Deutschland) Berlin, 15. August. „Hochmut kommt vor dem Fall!" Falls sich dieses bekannte Sprichwort auch diesmal bewahrheiten soll, dann ist Hitler auf dem besten Wege, den Abstieg anzutreten. Sein unleugbarer Erfolg bei den Wahlen vom 31. Juli hat ihn übermütig gemacht. Obwohl hinter ihm, trotz aller Fortschritte des Hakenkreuzlertums, doch bloß etwa 38 Prozent der Gesamtwählerschaft stehen, obwohl somit noch immer etwa zwei Drittel des deutschen Volkes anderen Lagern angehören, obwohl seine extremsten Antipoden, die Sozialdemokraten und die Kommunisten, ebenfalls etwa 36 Prozent der abgegebenen Stimmen auf ihre Listen vereinigen konnten und diese beiden Gruppen somit den Nationalsozialisten zahlenmäßig fast gleichkommen, hat sich der „Osaf" eingebildet, nunmehr das Recht für sich beanspruchen zu dürfen, die Hand nach der Macht auszustrecken. Ein Angebot des Zentrums hinsichtlich einer Koalition unter der Voraussetzung eines Programmes auf Basis der Verfassung — wurde hochmütig abgelehnt; ebenso ein Angebot der Regierung, den Nationalsozialisten einige Ministerposten zu überlassen, allerdings nur ohne jede parteimäßige Bindung — Hitler erklärte, nur Reichskanzler werden zu wollen, und als er vor dem Reichspräsidenten Hindenburg erschien, ging er noch einen Schritt weiter: er forderte „die ganze Macht im Reiche", somit auch die Machtvollkommenheit, die die Reichsverfassung eigentlich dem Reichspräsidenten einräumt . . . Der „Sieger" glaubte, diktieren zu dürfen ... Nun ist er a b g e b 1 i t z t worden. Hindenburg, der Sieger von Tannenberg, der vier Jahre lang das deutsche Heer einer vielfachen Uebermacht gegenüber führte und erst zur Kapitulation gezwungen wurde, als das deutsche Volk infolge Hunger und Not widerstandsunfähig geworden ist, ließ sich von den 38 Prozent der Hitlerianer nicht einschüchtern und vom „Osaf" nicht imponieren. Kurz und bündig lehnte er die Forderungen Hitlers ab und dieser Maulheld verließ die Kanzlei des Reichspräsidenten ziemlich kleinlaut... Er mußte es aus berufenem Munde hören, daß die maßgebenden Faktoren keineswegs geneigt sind, die Führung der Staatsgeschäfte Elementen anzuvertrauen, die hierzu absolut ungeeignet sind. Hindenburg hat die geistigen Fähigkeiten Hitlers wohl richtig eingeschätzt, als er meinte, man könnte ihn höchstens zum Postminister ernennen . . . Die Abfuhr, die sich Hitler vom Reichspräsidenten holte, wirkte auf ihn derart ernüchternd, daß er, konsterniert und niedergedrückt, die S.-A.-Formation bis zum 28. August beurlaubte — er will sich erst ein wenig sammeln und von der erlittenen Niederlage erholen .... Ist die innerpolitische Krise in Deutschland damit auch nicht gelöst, so ist zumindest nach einer Richtung hin Klarheit geschaffen worden. Die Nationalsozialisten haben in den letzten Wochen wiederholt durchblicken lassen, als ob zwischen ihnen und der Regierung Papen bestimmte Vereinbarungen bestünden, als ob Papen nur der Platzhalter für Hitler sei, dem er nach den Wahlen nicht nur sein Amt als Reichskanzler überlassen werde, sondern der auch nach einer kurzen Frist an Stelle Hindenburgs, der zur Resignation gezwungen werden sollte, Reichspräsident werden und somit die gewaltige Machtfülle erhalten sollte, die die Verfassung dem Staatsoberhaupte gibt. Es darf nicht geleugnet werden, daß diese Gerüchte vielfach Glauben fanden, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie dem Hitler-Lager viele neue Anhänger zugeführt haben. Gar manche, die sonst für das „Programm" der Hakenkreuzler wenig übrig haben, wollten rechtzeitig den Anschluß an diejenigen finden, die morgen oder übermorgen die Herren im Reiche sein werden. Nunmehr zeigt es sich, daß diese Annahme eine irrige war, daß vielmehr die Meinung, die vor einigen Wochen an dieser Stelle ausgedrückt worden ist, daß nämlich die Herren Papen und Schleicher ihre eigene Politik verfolgen und keineswegs die Absicht hätten, Hitler in die Steigbügel zu verhelfen, die richtige war. Die Abfuhr, die sich Hitler jetzt holte, hat einigermaßen seine Isolierung herbeigeführt. Die Deutschnationalen, seine intimsten Freunde, sagen sich nunmehr offen von ihm los. Sollte er eine Kraftprobe versuchen, und sich mit Gewalt in den Besitz der Macht setzen wollen, dann wird er dies auf eigenes Risiko und Gefahr tun müssen, und das wäre angesichts der Entschlossenheit der Regierung, einem solchen Versuch alle Machtmittel des Staates entgegenzustellen, eine ziemlich gefährliche Sache. Darum ist Hitler vorsichtig geworden — darum der Urlaub für seine „Formationen" ... Wenn man bedenkt, welche Gefahren ein Hitler-Regime heraufbeschwören müßte, wenn man die blutigen Gewalttätigkeiten in Betracht zieht, die sich seine Anhänger in den letzten zwei Wochen zuschulden kommen ließen, so darf die Absage der Regierung und des Reichspräsidenten an Hitler mit einiger Erleichterung aufgenommen werden. Bis auf weiteres räumt Hindenburg dem „Osaf" nicht seinen Platz; bis auf weiteres zeigt die Regierung wenig Lust, vor dem Ansturm des Hakenkreuzes zu abdizieren. Mit Hitlers „Machtergreifung" hat es noch seine guten Wege; und wäre es auch verfehlt, schon heute von einer Beseitigung der Gefahr zu sprechen, so darf zumindest die Verringerung derselben als ein Fortschritt gebucht werden. Freilich, diese Entwicklung der Dinge läßt ein stärkeres Anschwellen des Hakenkreuzterrors befürchten. Die blutigen Exzesse und Attentate der letzten zwei Wochen, die sich in der Hauptsache gegen Juden gerichtet haben, dürften sich nicht nur wiederholen, sondern es liegt sogar eine Verschärfung derselben im Bereiche der Möglichkeit. Aber anderseits ist anzunehmen, daß die R egierungnunmehresmitdenGegenmaßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung ernster als bisher nehmen werde. Insolange sie an die Möglichkeit eines Einvernehmens mit den Nationalsozialisten glaubte, wollte sie scheinbar die Herren Hakcnkreuzler ein wenig gewähren lassen. Heute aber, nachdem das Tischtuch zwischen Regierung und Hitler zerschnitten ist, dürfte sie wohl keinen Grund mehr haben, diese Ausschreitungen zu dulden — und die Erfahrungen haben gezeigt, daß die Machtfaktoren in Deutschland noch immer jede Gewalttätigkeit, jede Störung der Ruhe und Ordnung hintanhalten können, wenn sie es nur ernstwollen... Daß besonders die Juden in Deutschland die weitere Entwicklung der Dinge mit großer Unruhe verfolgen, daß sie sich keineswegs über den Ernst der Situation hinwegtäuschen wollen und mit allen Möglichkeiten rechnen, darf wohl nicht als übermäßige Nervosität gedeutet werden. Die Erfahrungen der letzten Wochen sind traurig genug und mahnen zu besonderer Vorsicht. Aber immerhin darf man auch jüdischerseits in der unzweideutigen Abfuhr, die sich Hitler vom Reichspräsidenten geholt hat, ein Symptom der Beruhigung erblicken. Wenn die Machtfaktoren des Staates mit den Nationalsozialisten nicht unter einer Decke spielen — dann sind die Hauptmomente der Gefahr ein wenig gebannt. H i tlers Hochmut könnte unter Umständen den Beginn seines Abstieges bedeuten. Austriacus. Der deutsche Hindenburg gegen Der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte dem Reichspräsidenten ein Weißbuch vorgelegt, in dem neben einer Schilderung des judengegnerischen Programms der N. S. D. A. P. aktenmäßig alle Drohungen, Beschimpfungen und Herabwürdigungen wiedergegeben sind, die maßgebende Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Gemeinschaft in Presse und Versammlungen ausgesprochen hatten. Den Drohungen sind die bekannten Terrorakte gefolgt. Der Reichspräsident hat auf die Vorlage des Weißbuches durch den Staatssekretär Meißner Nazi-Terror. den Antisemitismus. eine Antwort erteilen lassen, in der es heißt: „Das Schreiben des Centrai-Vereins und die diesem beigefügte Materialsammlung hat dem Herrn Reichspräsidenten vorgelegen. Der Herr Reichspräsident, der jeden Versuch einer Einschränkung der verfassungsmäßigen politischen und religiösen Rechte deutscher Staatsbürger und die von Ihnen mitgeteilten Ausschreitungen jüdischen Reichsangehörigen gegenüber lebhait mißbilligt und bedauert, hat das Schreiben und die Anlagen dem Herrn Reichs« minister des Innern zur Nachprüfung zugeleitet.**

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