Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 33 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064433--18954-3084039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fflElT DIE WAHRHEIT Seite 3 Pension Exquisite Baden bei Wien Telephon 74 Zentrale Lage — Sehr schöne Zimmer mit 3 Mahlzeiten (feine Hausmannsküche) Garten-, Strand- und Heilbädernähe Preis von 10 Schilling aufwärt» Der Minister würdigte die Mitteilungen mit allem Ernst und sicherte alle in seinen Kräften stehenden Maßnahmen zu. * Es ist anzunehmen, daß die sich häufenden Angriffe auf jüdisches Leben und Eigentum, von denen wir unten eine stattliche, aber leider auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebende Liste bieten, auf das planmäßige Vorgehen einer nationalsozialistischen Geheimorganisation zurückzuführen sind. Ob mit einer Fortsetzung der Serie antisemitischer Ueberfälle in nächster Zeit zu rechnen ist, läßt sich in diesem Augenblick schwer sagen. Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß jetzt ein gewisser Stillstand in dieser Bewegung eintreten wird. Der nationalsozialistische Führer Hauptmann Göring hat am 4. August in einigen Ministerien vorgesprochen. Es verlautet, daß er namens dler nationalsozialistischen Partei gewisse Garantien für die Beobachtung von Ruhe und Ordnung durch die Nationalsozialisten in nächster Zeit gegeben hat. In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August wurden in Kreuzburg (Oberschlesien) in den Schankraum des jüdischen Gastwirtes -Tauber und in das Wohnzimmer des jüdischen Kaufmannes Ebstein von bisher nicht ermittelten Tätern Eierhandgranaten geworfen. Es entstand erheblicher Sachschaden. In der Nacht zum 2. August wurde ein H a n dgranatenattentat auf das Grundstück des jüdischen Kaufmannes Ehmann in K o n s t a d t bei Kreuzberg (Oberschlesien) verübt. Es entstand Sachschaden. In Orteisburg (Ostpreußen) wurden in" der Nacht vom 1. zum 2. August fünf große Schaufensterscheiben des Warenhauses Motulsci e i ngeschlagen. und zwar bei dem jüdischen Kaufmann Mendel vier und bei dem jüdischen Lederhändler Behr ein großes Fenster. Weder in Konstadt noch in Ortelsburg konnten die Täter ermittelt werden. In Neidenburg wurde der jüdische Kaufmann Baehr überfallen und blutig geschlagen ins Krankenhaus gebracht In Kiel wurde in der Nacht vom 2. zum 3. August gegen halb drei Uhr ein Bombenanschlag auf die Synagoge verübt. Auf das Gotteshaus, das sich am Hohenzollernpark, Ecke Humboldtstraße befindet, wurden, nach der großen Wirkung zu urteilen, nicht Handgranaten, sondern offenbar wirkliche Bomben geschleudert; es wurde ein großes Loch ins Mauerwerk gerissen und am Eingang und im Innern schwere Schaden angerichtet. Der Synagogenraum selbst ist nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Unbekannte haben nach dem Anschlag an die Wand der Synagoge die Worte geschrieben: „So sorgt Hitler für Arbeit und Brot." Die Aufschrift wurde von der Polizei entfernt. Sehr erhebliche Beschädigungen trug auch das in der Nähe befindliche Licht- und Wasserwerk davon, bei dem durch den Luftdruck zahlreiche Fensterscheiben eingedrückt wurden. Die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet. Die Täter sind noch nicht gefaßt. Auf ihre Ergreifung hat der Regierungspräsident von Schleswig eine hohe Belohnung gesetzt. In dem einem jüdischen Eigentümer gehörenden Hotel Baginsky in Rosenberg (Oberschlesien) wurde ein Handgranatenanschlag verübt. Unbekannte Täter hatten eine Handgranate an eine Türklinke angebunden. Bei der Explosion wurde erheblicher Schaden angerichtet. In L y c k wurde eine große Schaufensterscheibe der Firma Simberg & Tikotzki durch einen Steinwurf und eine Fensterscheibe der Adlerapothcke durch eine Stielhandgranate zerstört, die von der Polizei beschlagnahmt wurde. In Rössel wurden zwei Schaufensterscheiben des Geschäftes von Israelski durch Steinwürfe zertrümmert. In JohannisburR wurde in der Nacht zum vergangenen Freitag auf das WarenhausHeimann ein Sprengstoffattentat verübt, durch das sämtliche Fensterscheiben zertrümmert wurden. Der Anlage nach vermutet man, daß es sich um die gleichen Täter handelt, die auch in benachbarten Städten ähnliche Anschläge verübten. In der Nacht nach 1 Uhr wurde in Breslau auf die Wohnung des Rechtsanwalts Dr. Eckstein ein Handgranaten-Attentat verübt. Dr. Eckstein, der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, hatte sich gerade zu Bett begeben, als eine Eier-Handgranate durch das Fenster in das Schlafzimmer geworfen wurde. Die Einrichtung wurde zerstört. Wie durch ein Wunder blieb der Rechtsanwalt unverletzt. Die Täter entkamen unerkannt in einem Auto. Auf das Warenhaus Karstadi in Kiel wurde ein Sprengstoffanschlag verübt. Das Scherengitter des Eingangs wurde zerrissen und mehrere Spiegelscheiben! des Warenhauses zertrümmert. Auch an den dem Warenhaus gegenüberliegenden Häusern wurde erheblicher Sachschaden angerichtet. Die gegen die Warenhäuser gerichtete Hetze der Nationalsozialisten steht bekanntlich in engem Zusammenhang mit ihrer antisemitischen Agitation. In die Privatwohnung des Gastwirtes und Kaufmannes Li 11 w a c k in Ortelsburg wurde eine Bombe geworfen. Die Fensterscheiben wurden zertrümmert, die Fensterkreuze herausgedrückt. In der Nacht vom 5. zum 6. August wurde gegen ein Warenhaus in A11 c n s t e i n neuerlich ein Bombenanschlag verübt. Die Maßnahmen des Centrai-Vereins. Der Centrai-Verein hat alle Vorkehrungen getroffen, um Mitteilungen über drohende Anschläge gegen Juden sofort an die zuständigen Stellen gelangen zu lassen und die Oeffentlichkeit über die Gefahren der antisemitischen Propaganda aufzuklären. An den vom Reichskommissär für Preußen mit der Leitung des preußischen Innenministeriums beauftragten Oberbürgermeister Dr. Bracht hat der Centrai-Verein eine Eingabe gerichtet, in der auf den antisemitischen Charakter der gegen Juden verübten Anschläge hingewiesen wird. Der Presse und allen in Betracht kommenden Stellen wird demnächst eine Denkschrift zugehen, in der <Me in letzter Zeit in den nationalsozialistischen Zeitungen erschienenen Hetzaufrufe Pogromaufforderungen und ähnliche judenfeindliche Kundgebungen im Wortlaut und ohne jeglichen Kommentar wiedergegeben werden. * Der Anschlag au! den Königsberger Syndikus des Centrai-Vereines planmäßig vorbereitet. Zu den Ausschreitungen in Königsberg in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August teilt die Pressestelle des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens das Folgende mit: Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß es sich, wie auch der Königsberger Polizeibericht meldet, um einen planmäßigen politischen Anschlag gegen den Synd'ikus des Landesverbandes Ostpreußens des Central - Vereines, Kurt Sab a t z k y, gehandelt hat. Drei unbekannte Männer versuchten zuerst, das Schloß der Wohnungstür zu erbrechen. Als ihnen dies nicht gelang, traten sie die Füllung der Wohnungstür ein. Sie stürzten in alle Zimmer und durchwühlten sogar die Betten, um ihren Racheakt zu vollführen. Dem Centrai-Verein war bekannt, daß gegen S abatzky wiederholt ernst zu nehmende Drohungen von nationalsozialistischer Seite ausgesprochen worden sind. So hatte der Reichstagsabgeordnete Erich Koch der N.S.D.A.P. vor längerer Zeit schon erklärt: „Wenn ich den Misthund Sabatzky erwische, schlage ich ihm mit der Reitpeitsche ins Gesicht." Bei zahlreichen Prozessen, die Sabatzky als Syndikus des Centrai-Vereins zu führen gezwungen war, ist er von Königsberger Nationalsozialisten bedroht und beschimpft worden. Wiederholt haben Presseangriffe schwerster Art die Aufmerksamkeit der Königsberger Nationalsozialisten auf Sabatzky gelenkt. In großen Schlagzeilen hat man den Namen Sabatzky s der nationalsozialistischen Oeftentlichkeit preisgegeben. Der Centrail-Verein hat sofort seinen stellvertretenden Syndikus Dr. Alfred Hirschberg nach Königsberg zur Unterstützung der dortigen Freunde und der jüdischen Bevölkerung entsandt. Besonders deshalb, weil die Gefahr bestand, daß sich die Ausschreitungen auf jüdische Geschäfte erstrecken. Im Laufe des Montags wurden dann auch in den Läden der drei großen jüdischen Firmen Lachmanski, Sommerfeld und Grünewald die Fensterscheiben eingeschossen. Der Central-Verein hat weiterhin die nötigen Schritte bei den Staatsbehörden unternommen, weil der Fall Sabatzky symptomatisch für die Linie der nationalsozialistischen Terroristen ist. Tierschützgesetz. Eine unterlassene Berichtigung. Von D. Herzog in Graz. Der Obersteirische Tierschutzverein in Leoben hat in dem Entwürfe eines Gesuches, der als Grundlage einer Aktion aller steirischen Tierschutzvereine gedacht ist, unter anderem, wie ich dies der in Wien erscheinenden periodischen Druckschrift: „D e r Tierfreund", Wien 1932, Jahrgang 87, Heft 6 (Juli- August), Seite 29, Kol. 1, entnehme, auch folgende Stellen diesem Entwürfe eingefügt. 1. daß das gläubige Judentum durchaus nichi eines Sinnes in der Ablehnung des Schächtungsverbotes ist, und 2. „ein berufener Vertreter des Judentums, der Rabbiner Dr. Linke in Innsbruck, hat mit dem dortigen Tierschutzvereine die Vereinbarung getroffen, üaß bei zu schachtenden Tieren zuerst die Schußbetäubung und dann erst der Schächtschnitt erfolgen soll". Diese Stellen des Entwurfes decken sich mehr oder weniger mit Darlegungen, die der Vorsitzende des Verbandes österreichischer Tierschutzvereine Herr Oberfinanzrat Dr. Melkus in einer am 20. Jänner 1. J. im Saale der Bäckergenossenschaft in Wien abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung des Wiener Tierschutzvereines gehalten hat. Nur mit dem Unterschiede, daß, während Herr Dr. Melkus gemeint hat, ein grundsätzlicher Widerstand wurde allerdings nur (von mir fettgedruckt) von den Rabbinern und israelitischen Kultusgemeinden geleistet, spricht der steirische Entwurf vom gläubigen Judentum, und während Herr Dr. Melkus meint, Herr Doktor Linke habe die Betäubung der Schlachttiere mittels Kopfschlages vor dem Schächtschnitt als zulässig erklärt, heißt es in dem steirischen Entwurie, wie wir oben gesehen haben: Herr Dr. Linke habe die Vereinbarung getroffen, daß bei zu schachtenden Tieren zuerst die Schußbetäubung und dann erst der Schächtschnitt erfolgen soll (vgl. „Der Tierfreund". Jahrgang 87, Heft 3 (März 1932, S. 7, Kol. 2). Demgegenüber möchte ich nun zunächst bemerken, daß bei aller Wertung der gewiß überaus schätzenswerten Persönlichkeit des Herrn Oberiinanzrates Doktor Melkus (vgl. „Der Tierfreund", a. a. O.. S. 17 ff.), ich mich darum mit Herrn Dr. Melkus nicht in eine Polemik einlassen möchte, weil ich es als Mann der Wissenschaft aus prinzipiellen Gründen rundweg ablehnen muß — und ich weiß mich hier gewiß eins mit vielen jüdischen und christlichen Gelehrten, die es ehrlich mit der Wissenschaft meinen — mich dort in eine Polemik einzulassen, wo. wie in unserem Falle, Doktor Melkus in einem „Die Tierquälerei des Schächtens" betitelten Aufsatze (vgl. Mitteilungen des Grazer Tierschutzvereines, Graz 1931, 5. Jahrgang, Nr. 2 [September. Oktober, November], S. 4, Kol. 2) den Satz niederschreiben konnte: „Es sollte in Hinkunft Leuten, die das Schächten in seiner jetzigen Form verteidigen wollen, auf Kongressen und Versammlungen der Tier, schutzvereine überhaupt nicht mehr das Wort erteilt werden." Hat man schon je derartiges in der Neuzeit gehört, daß in einer, wie selbst die Gegner zugeben müssen, durchaus nicht geklärten Angelegenheit man seinen Gegner einfach mundtot machen, indem man ihm Mundfesseln anlegen will. Das ist etwas so Unerhörtes, daß man sich in das tiefste Mittelalter zurückversetzt fühlt, wo man auch bemüht war, der Wissenschaft Knebel anzulegen. Was kann das noch für eine Ueberzeugung sein, die die Einwände der Gegenseite nicht an sich herankommen lassen will? Auf dieselbe Linie gehört die in demselben Aufsatze ausgesprochene Drohung: „Sind die Juden klug genug, rechtzeitig einzulenken und dieser Kulturforderung Rechnung zu tragen, desto besser; wenn nicht, dann wird eben auch diese Frage, wie so manche andere, gegen sie entschieden werden." Ich glaube, man wird nach diesen Darlegungen meinen Standpunkt begreifen, wenn ich mich mit Herrn Dr. Melkus in keine weitere Polemik einlasse. Denn unter solchen Umständen hört doch einfach jede wissenschaftliche Auseinandersetzung auf. Nun möchte ich mich mit dem vom Obersteirischen Tierschutzverein in Leoben abgefaßten Entwürfe befassen, bei dem ich keinen Zweifel habe, daß er ehrlich gemeint und von Liebe zu den wehrlosen Tieren inspiriert ist. Diesem möchte ich zunächst erwidern, es ist unrichtig, daß das gläubige Judentum durchaus nicht eines Sinnes in der Ablehnung des Schächtverbotes ist. Richtig ist vielmehr, daß das gläubige Judentum eindeutig und einmütig in der Wahrung dieses göttlichen Gebotes ist und hierin kein wie immer geartetes Kompromiß einzugehen in der Lage ist. Was dann weiter die Vereinbarung des Innsbrucker Rabbiners Dr. Josef Link (dies der wirkliche Name des Rabbiners in Innsbruck) mit dem dortigen Tierschutzvereiii anbelangt, so habe ich bereits in meinem Gutachten (abgedruckt in den Mitteilungen der israelitischen Kultusgemeinde Graz, Graz 1932, Jahrgang 7. Nr. 4. S. 2. Kol. 2) in bezug auf einen dort erwähnten Kronzeugen im Gegensatz zu den vielen tausenden Rabbinern meinen Standpunkt dargelegt, weshalb es sich erübrigt, dort bereits ausführlich Gesagtes hier noch einmal zu wiederholen. Ich bin aber heute in der Lage, nachzuweisen, daß der Obersteirische Tierschutzverein in Leoben mit den angeblichen „Vereinbarungen" des Herrn Dr. Link mystifiziert worden sein mußte. Denn vor mir liegt die Abschrift eines vom 11. Juli 1932 datierten Schreibens des Herrn Dr. Link (ich bin gern bereit, ein Lichtbild vom Original dem Vereine zukommen zulassen), der folgende Stelle enthält: „Ich habe nie mit dem hiesigen Tierschutzverein verhandelt. Es wurde hier im Schlachthause nie geschachtet, weder mit, noch ohne Betäubung. Wir beziehen unser Koscherfleisch seit vielen Jahren direkt aus Wien." Brauche ich auch in diesem Falle dem noch etwas hinzuzufügen? So werden „Vereinbarungen" von Männern, die nie etwas vereinbart haben, verbreitet und in Dezag auf Kasdirnfli flhernimmt die Redaktion bei den Inseraten Keine Verantwortung