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Die Wahrheit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT I HOTEL 0 ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang von Kopenhagen bis Agram, vom Rhein bis an die rassische Grenze. Sorgen wir dafür, daß dieses Wissen um den Kulturwert unserer Gemeinschaft Gemeingut aller Juden und Jüdinnen werde! Mehr jüdisches Wissen, mehr jüdische Würde! G. «r * Die im vorstehenden Beitrage gegebene Anregung unterstützen wir mit dem Hinweis auf den iii unserer Nummer 25 d. J. erschienenen Leitartikel aus der Feder des Herrn Markus Silberschatz „Neue Wege der jüdischen Selbstverteidigung". Wir hoffen und wünschen, daß die vereinten Bemühungen, die Leistungen der Juden auf allen Gebieten der Kultur und Zivilisation allgemein bekannt zu machen, recht bald greifbare Formen annehmen. D. Red. Regierungsrat Dr. Oppenheim. Ein unsagbar harter Schlag hat unsere Vereinigung, hat die österreichische Judenschaft, hat den österreichischen Staat getroffen. Einer seiner Besten, einer der edelsten Söhne des jüdischen Volkes, Regierungsrat Doktor Oppenheim hat nun aiuch seinen Tribut an diese unsere nervenzerrüttendle Zeit gezollt. Wenn irgend jemandem, so durfte man ihm, seiner stahlharten Natur die Ueberwindung jeglichen Hindernisses, die Meisterung der Dinge der Umwelt zutrauen. Doch er seihst hat sich noch mehr, allzuviel zugetraut Seine Rücksichtslosigkeit gegen seine eigene Person kannte keine Grenzen. Die ungeheure Last von Arbeit und Verantwortung, die er freiwillig, nur aus seinem Pflichtgefühl heraus auf seine Schultern nahm, erwies sich nun doch als zu schwer. Mit seiner granitenen Willenskraft versuchte er sich über die Mahnungen der Natur, über die auch ihm schon Hange bewußt gewordenen Symptome seiner erschütterten Gesundheit hinwegzusetzen. Der Raubbau, den er trotz eindringlichster Warnungen seiner Umgebung an seiner Gesundheit vollführte, mußte schließlich zum körperlichen Zusammenbruch und zur Zerrüttung seiner Nerven führen. Was Regierungsrat Oppenheim als einer der hervorragendsten Bankfachmänner unseres Kontinents, was er als gründlicher Kenner der Wirtschaft bisher geleistet hat, das wurde in diesen Tagen von den Zeitungen aller Schattierungen in einmütig anerkennenden Worten gewürdigt Was Regierungsrat Oppenheim für die österreichische Judenschaft bedeutet, das ist heute in aller Juden Mund, wie immer auch ihre innerjüdische Einstellung sei. Seine aufopfernde Hingebung an die jüdische Sache macht dies auch vollkommen begreiflich: Blickte doch jeder, ob Freund oder Gegner, voll Bewunderung zu dem Manne auf, der, obwohl an hervorragendster, mit einer immensen Arbeitslast verbundenen Stelle tätig, seine im Dienste der Judenschaft übernommene Funktion in der Kuftusgemeinde mit einer bis an die Grenzen der Selbstaufopferung gehenden Gewissenhaftigkeit erfüllte. Er, der tagsüber, vom frühen Morgen bis zum späten Abendi, von einer schwierigen Konferenz zur andern eilte, er, der fast nie seinen Schreibtisch in der Bank vor der neunten Abendstunde verließ, er fehlte in keiner Kommissions-, in keiner Plenarsitzung der Kultusgemeinde, soferne ihn nicht dienstliche Agenden davon abhielten. In unserer Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Niederganges, der sich auch an den Kassen der Kultusgemeinde auswirkte, hatte er das so wichtige Ressort der Finanzen inne. Es gibt in der Kultusgemeinde nur eine Stimme, daß es einzig und1 allein der klugen Voraussicht und der zähen Beharrlichkeit des Finanzreferenten Oppenheim zu danken ist, wenn heute das Gleichgewicht im Haushalte der jüdischen Gemeinde wieder hergestellt ist Als Regierungsrat Oppenheim vor mehreren Monaten unter Hinweis auf seinen geschwächten Gesundheitszustand, der ihm däe oft bis nach Mitternacht währende Arbeit in der Kultusgemeinde nicht mehr gestatte, sein Amt zurücklegte, sich aber dann über eindringliches Ersuchen dei Herren des Kultusvorstan'dles mit der Beurlaubung bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit begnügte, da ließ man ihn, wenn auch schweren Herzens, in der Hoffnung ziehen, ihn im Herbste wieder rüstig an der Arbeit sehen zu können. Von dieser zuversichtlichen Hoffnung sind seine Freunde auch heute erfüllt. Dr. Oppenheims starke Natur und sein eiserner Wille werden siegreichbleiben. Ein hartes Schicksal mußte diesen nimmermüden Mann zur Rast zwingen. Möge er in ihr jene Ausgeglichenheit der Seele, jene Selbstsicherheit und Energie finden, die unseren Regierungsrat Oppenheim in so hohem Maße bisher auszeichneten. Die „Union österreichischer Juden" ist stolz darauf, Regierungsrat Oppenheim zu den Ihren zählen zu dürfen. Was er schon bisher als einer der Prominentesten in unseren Reihen, was er als Vorstandsmitglied der „Union" gewirkt und geleistet, das ist mit goldenen Lettern in den Annalen unserer Vereinigung verzeichnet. Wenn je, so bedürfen wir in dieser drangvollen Epoche des Judentums seines weisen Rates und seiner starken Führung. Unsere Wünsche vereinigen sich mit denen vieler tausender und afoertausender seiner Freunde in aller Welt zu dem innigen Gebet: Möge eine gütige Vorsehung unseren Dr. Oppenheim beschützen und erhalten, ihm bald wieder seine volle Gesundheit verleihen. ml. Der deutsehe Nazi'Terror. Vertreter des Centrai-Vereins beim Reichs-Innenminister. Der Reichsminister des Innern, Freiherr von Gayl, empfing am Mittwoch, den 3. August, den Vorsitzenden des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Justizrat Doktor Julius Brodnitz und den Syndikus Dr. Alfred Wiener. Die Vertreter des Centrai-Vereins unterbreiteten umfangreiches Material über Angriffe auf jüdisches Leben und Eigentum in Ostpreußen, Oberschlesien und anderen Teilen des Reiches. Sie wiesen darauf hin, dlaß solche Anschläge in den letzten Tagen sich häufen. Sicherlich sind diese terroristischen Vorgänge auf die verstärkte judenfeindliche Agitation der letzten Zeit zurückzuführen; diese Propaganda sei vor dler Verleumdung nicht zurückgeschreckt die Juden ständen in Beziehungen zu den politischen Gewalttaten und unterhielten in Syn agogen- und FriedhofshaHen Waffenlager*i). *) Am Vormittag des 31. Juli erschien die Polizei auf dem jüdischen Friedhof von München- Gladbach, um nach dort angeblich versteckten Waffen zu suchen. In Gegenwart des Vorsitzenden der Synagogengemeinde wurde das Dach eines an die Straße angrenzenden Friedhofpavillons geöffnet, weil man darunter die Waffen vermutete. Dieses Dach war in der vorhergehenden Nacht böswillig beschädigt worden. Nach durchgeführter ergebnisloser Untersuchung hat sich die Polizei beim Vorstand der Synagogengemeinde entschuldigt und mitgeteilt, daß die Wiederherstellung des aufgerissenen Daches auf Staatskosten vorgenommen werden würde. Eine Auskunft über die Person des Anzeigeerstatters wurde bisher abgelehnt. Feuilleton Israel in Aegypten. Prot Yahuda erbringt den wissenschaftlichen Nachweis der Authentizität der biblischen Berichte. — Ein Vortrag am Londoner University College unter Vorsitz von Lord AHenby. Am University College zu London fand unter dem Vorsitz des Feldmarschalls Lord AHenby am IS. Juli ein Vortragsabend statt an dem der bekannte Sprachforscher Prof. A. S. Yehud Yahuda über das Thema „Der Aufenthalt Israels in Aegypten im Lichte von Denkmälern und Sprache" referierte. Der Vortrag fand mit Unterstützung der British School of Egyptian Archeology statt. In einer Eröffnungsansprache wies Lord AHenby darauf hin. daß Prof. Yahuda vermutlich der erste sei, der die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ausgrabungsarbeiten durch den Nachweis ergänzt habe, daß linguistische Bibelforschung die biblischen Berichte bestätigt. Es sei festgestellt worden, daß z. B. die Geschichte von Joseph, die von vielen bis_in die letzte Zeit als Parabel oder Legende betrachtet worden sei. offenbar von Männern geschrieben wurde, die mit dem Gegenstand vertraut waren und die Tatsachen auf Grund eigener.Erinnerungen dargestellt, haben. Dr. Yahuda führte in seinem Vortrag aus. der Aufenthalt Israels in Aegypten sei von den frühesten Zeiten an als Schlüssel zur Geschichte Israels betrachtet worden, und der Auszug aus Aegypten sei vom jüdischen Volk stets als der Anfang seines nationalen Seins und seiner religiösen Erlösung gefeiert worden. Das „auserwählte Volk" habe es nicht verschmäht, seine jahrhundertelange Verbundenheit mit einem fremden Lande als die erste und wichtigste Phase seiner Geschichte in Erinnerung zu behalten. Kein Volk könnte eine derartige Episode erfinden. Die Tendenz der modernen B i b e 1 k r i t i k sei jedoch dahin gegangen, die auf die Zeit vor dem Königtum bezüglichen Angaben der Bibel als unhistorisch und unverläßlich außer acht zu lassen und insbesondere die Erzählungen des Pentateuchs über die Patriarchen, die ganze Periode des Aufenthalts in Aegypten und die Wüstenwanderung ins Gebiet der Fabel zu verweisen. Auch viele Aegyptologen hätten diesen Gesichtspunkt geteilt und behauptet, der Autor der Erzählungen über Joseph und den Auszug aus Aegypten habe Jahrhunderte nach dem „angeblichen" Auszug gelebt und keinerlei aus erster Quelle geschöpfte Kenntnis ägyptischer Verhältnisse besessen. Dr. Yahuda legte dar. daß die jüngsten archäologischen Entdeckungen diesen Annahmen durchaus widersprechen. Die in Ur von Dr. Woliey vorgenommenen Ausgrabungen hätten die Richtigkeit der früheren Patriarchengeschichte erwiesen und die Entdeckungen Prof. Garstangs in Jericho hätten gezeigt daß die bisher von den Kritikern als bloße Legende betrachtete Erzählung des Buches Josua eine wirkliche historische Begebenheit betreffe. Die vergleichende Sprachforschung, führte Doktor Yahuda weiter aus, sei ebenso wie die Archäologie von hoher Bedeutung für den Nachweis des Alters und der Authentizität der Bibel. Eine linguistische Durchforschung des Pentateuchs weise unmißverständlich auf einen engen Kontakt zwischen Israel und Aegypten hin; der Einfluß des Aegyptischen sei selbst in jenen Teilen des Pentateuchs, die einen assyro-babylonischen Einfluß zeigen, feststellbar; vollends spiegeln die Erzählungen über Joseph und den Auszug in größerer Klarheit den Geist der ägyptischen Umwelt wieder und zeigen deutlich Spuren des ägyptischen Einflusses auf die Sprache. Dr. Yahuda gab einige Beispiele ägyptischer Worte und Satzbildungen in den biblischen Texten. Es gebe eine enge ägyptische Parallele für die Erzählung von Joseph und Potiphars Weib; ferner lasse sich das Gefängnis, in das Joseph geworfen wurde, nach den in der Bibel angegebenen Einzelheiten als eine bekannte ägyptische Festung, in der politische und andere Schwerverbrecher eingekerkert wurden, identifizieren. An Hand von Abbildungen zeigte Dr. Yahuda. wto genau die biblischen Beschreibungen sind und daß die Erzählung von Pharaos Traum und seine Auslegung durch Joseph einen durchaus ägyptischen Hintergrund und eine außerordentliche Vertrautheit mit ägyptischen Verhältnissen und ägyptischer Ausdrucksweise verraten. Die in der Bibel angeführten Einzelheiten über die Joseph erwiesenen Ehrungen sümmen völlig mit ägyptischen Bräuchen überein; ägyptische Grabinschriften beweisen ebenfalls die Genauigkeit der biblischen Erzählung. Auch die Schilderung der Vorbereitungen zur Bestattung Josephs verraten eine innige Vertrautheit mit ägyptischen Begräbnisgebräuchen und Bestattungsordnungen. So stimmt die Angabe, daß für das Einbalsamieren des Leichnams 40 Tage erforderlich sind und daß die Aegypter eine 70tägige Trauer nach Jakob hielten, genau mit den damaligen Gebräuchen bei Einbalsamierung und Trauer im Falle des Ablebens hochgestellter Persönlichkeiten Oberem. Der gesamte biblische Abschnitt enthalte eine Unmenge von Anzeichen dafür, daß der Autor eine Kenntnis ägyptischer Bräuche und ägyptischer Sprache aus erster Quelle besaß. Jede Entdeckung in Palästina, Syrien, Mesopotamien und Aegypten habe die biblischen Angaben bestätigt und nun werde dieser archäologische Nachweis auch noch durch die Ergebnisse der linguistischen Forschung bestätigt und ergänzt. Sir Flinders P e t r i e hielt ein Schlußwort in dem er dem Vortragenden dankte, und äußerte die Ansicht, daß die Anfänge der Niederschrift der Josephs-Erzählung in der Zeit der Hirtenkönige zu suchen seien. Er stützte diese Ansicht auf die biblische Angabe, den Aegyptern seien Hirten verhaßt. In der Zeit des Auszugs, zwei Jahrhunderte nach den Hirtenkönigen, sei jede Erwähnung dieses Regimes „Tabu" gewesen.

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