Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 33 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Di* ttUrWir Erscheint jeden Freitag XLVIII. Jahrgang Wien, 11. August 1932 Nummer 33 Neue Ti€?f Preise beim 2Qualität, Auswahl und Spottpreise "98 Knickerbocker, Jaquard-Strumpffe Hafferlhosen S 7 90, S 6-90 ■ S 4-90 Bauern-Janker S1980, S17 80 „ 9-80 . ,„ „ , .„.„,.,, Sporthemden S9-80, S 7 90, S4 90 „3-98 gn*sa<iw; Moiinax) grame adswqpi; fpORTVATTFD IVoERBILLICtTV^IS 0 rwiPPLINGERSTR-!ZO^ Tischobeaw. Tischobeaw-Stimmung, einst die seelische Einstellung eines einzigen Tages, ist jetzt chronisch, ein Seelenzustand geworden. Ursache ist nicht nur das Tohuwabohu der Wirtschaft wie der Politik. Tiefer begründet ist diese Herzensmüdigkeit bis zur Selbstaufgabe in der Auflösung der Kultur, in dem Zusammenbruch des Wertvollsten, was die Menschheit seit Jahrtausenden mit dem Schweiß und Blut der Besten mühselig aufgebaut, die Preisgabe alles dessen, was sie im Ringen unzähliger Geschlechter dem Ungeist tierischen Vernichtungs- und Selbstvernichtungsdranges abgetrotzt hat. Nicht mehr von einem Kultur defizit kann die Rede sein. Es ist ein.völliger Kulturschwund, eine Inflation der Barbarei, gegen die keine Anleihe helfen kann, wenn nicht in letzter Stunde eine innere Anleihe die allerletzten Reserven aller kulturwilligen Elemente aufzubieten imstande ist. Und das soll die Aufgabe des diesjährigen Tischobeaw sein, aufzurufen alle, die guten Willens sind, aus der Tischobeaw-Stimmung der Verzagtheit sich emporzureißen zu beherzter rettender Tat, nach dem tapferen Zuspruch der Klagelieder Jeremias (3,4): „Auf, laßt uns unser Herz in die Hand nehmen und es erheben zu Qott im Himmel" (nisso lewowenu el kappojim el el haschomojim). „Du bist die Wahrheit", so sprechen wir diesen Gott im Gebete an. Und die Wahrheit ist auch die einzige Waffe, die uns in unserem Kampfe zum Siege führen kann. Am Maßstabe der Wahrheit alles um uns und in uns prüfen, mit dem unerbittlichen Strahl der Wahrheit hineinleuchten in alle Schlupfwinkel der Lüge muß unsere einzige Taktik sein. Sehen wir uns daraufhin die Kampfmethöden unserer Gegner an. Nur zwei Beispiele : Günther, der jetzt mit dem Purpur akademischer Würde bekleidete Entdecker jüdischer Rassebesonderheiten, verbreitet sich in seiner „Rassenkunde des jüdischen Volkes" mit einem zitatenseligen Eifer, den ehrlicher Haß beflügelt, über die Specifica des jüdischen Auges. Und nun beachten wir folgendes Experiment: Ein bekannter Pariser Journalist, Tery vom „Matin", wollte, natürlich von unserem Gegenstand ganz unabhängig, eines Tages feststellen, ob das Auge wirklich der Spiegel der Seele sei. Er verschaffte sich die Photographien der Augen Briands, der Sarah Bernhard und anderer sehr bekannter Persönlichkeiten und legte sie Fachgelehrten, Philosophen wie Bergson, Künstlern und Kriminalisten vor. Bergson fand das ihm anonym vorgelegte Auge Briands „frauenhaft" und ein anderer erklärte es mit aller Bestimmtheit für das der Sarah Bernhardt. Man mischte die Bilder und der Chef der anthropometrischen Abteilung dsr Pariser Polizei wies gleichfalls auf Briands Auge hin mit dem apodiktischen Urteil: „Das ist die göttliche Sarah!" „Briand mit Judenaugen!*' Er selbst hat sicherlich darüber gelacht. Aber die Jenenser Alma mater: „Wissenschaft"!? Doch gewisse Judenfeinde erklären sich ja vor dem Lautsprecher gegen Judenverfolgungen. Vielleicht wird man bald nicht mehr sagen: „Gelogen wie telegraphiert", sondern „Ehrlich wie — gerundfunkt." Ehrlicher jedenfalls als unsere Gegner im anderen Lager, denen doch das Wort geläufig ist: „Wo ist die Wahrheit?" Am 21. Mai & J. sagte der neue Obmann der Christlichsozialen in seiner Programmrede wörtlich: „Es ist bei uns um den Antisemitismus bedenklich still geworden, damit hat sich unsere Partei eines ihrer volkstümlichsten und agitatorisch wirksamsten Schlagwörter entledigt." Also nicht etwa deshalb, weil die bösen Juden es in der letzten Zeit allzu arg getrieben hätten, muß die sich christlich nennende Partei den Antisemitismus wieder stärker betonen, sondern weil er eines der „agitatorisch wirksamsten Schlagwörter" ist. Man ruft zum Kampf gegen eine Bevölkerungsgruppe nicht etwa aus ehrlicher Ueberzeugung, sondern weil man sich davon für die Wahlagitation ein leichteres Spiel verspricht. Das sind' die Streiter gegen die jüdische Korruption im Namen der — christlichen Moral! Spotten ihrer selbst und zeigen mit dieser naiven Selbstentschleierung, daß es doch noch einen Gott der Wahrheit gibt, der seiner nicht spotten läßt, auch nicht von denen, die sich als seine Edelgarde gebärden. Ja, „die lichte Sonne bringt es an den Tag", und jedem Judenfeinde kommt sein Teil durch eigene Hand. Und mag ein Titus vom Weihrauch seiner Schmeichler sein wahres Bild umnebeln lassen, vor dem Richterstuhl der Geschiente steht er gebrandmarkt durch seine Tat am 9. Aw! Wie manches Staatsoberhaupt, wie mancher Führer seines Volkes hat an sich erfahren müssen die Wahrheit des Prophetenwortes (Ezechiel 46,8 fg.): „So das Oberhaupt in den Tempel kommt, gehe er desselben Weges hinaus, den er hineingegangen. Mengt er sich aber unter das Volk, dann zieht er ein wie sie und kommt wie sie hinaus." Der wahre Führer steht über den Parteien, er geht seinen eigenen Weg, den die Pflicht ihm gebietet, ihn sein Gewissen weist. Verschreibt er sich aber dem Volke, das zur Rechten, oder dem, das zur Linken geht, so wird er mit ihm durch dick und dünn gehen müssen und das Schicksal derer teilen, denen er zu Willen war, wie Titus den Generälen, die ihren Judenhaß im Untergang des Wahrzeichens Judas stillen wollten. In unserem Oesterreich tönt eine Stimme, die vieles gutmacht, was an uns Juden und dabei an der Wahrheit gesündigt wird. Es ist die Stimme einer Vierundneunzigjährigen, aber * weil von Liebe zur Wahrheit beseelt, stärker als ein Sprechchor von hundert Jugendlichen, die, von Haß und Lüge verführt, durch Rohheit der Faust zu ersetzen suchen, was ihnen an Klarheit des Hirnes fehlt. Diese führende Frau sprach jüngst, wie sie es so Ott öffentlich getan, in einem Privatbrief ihren Abscheu vor dem Parteitreiben aus, das „die Frauen ihrer Rechte berauben will, Pogrome veranstaltet und verspricht, was nie gehalten werden kann." Sie gebraucht darin Ausdrücke, so stark, daß ich, obwohl ausdrücklich von ihr dazu ermächtigt, im Rahmen einer Tischobeaw-Betrachtung von der Wiedergabe des V/ortlautes absehen will. Der Tenor des denkwürdigen Briefes geht aber dahin, daß man die Frauen immer wieder darüber aufklären müsse, welchen Idolen sie nachlaufen. Um unsere jüdischen Frauen und Mütter von diesem „Nachlaufen" zu kurieren, tut es not, für jüdische Angelegenheiten ihre geistige Teilnahme wachzurufen. Sie sollten, von allen Seiten von Lügen über Juden und Judentum umbrüllt, die schlichte Stimme der Wahrheit hören lernen über das, was in Wirklichkeit Juden geleistet haben, geleistet auch für die, die ihren Dank dafür mit Schmähung und Verleumdung zahlen. Unter der Ueberschrift: „Was der Nazi nicht darf . . ." brachte dieser Tage eine jüdische Wochenschrift eine Zusammenstellung von all den deutschen Volksliedern, Sprichwörtern, Redewendungen, Heilmitteln und Heilmethoden usw., die der Welt unbekannt wären — ohne Juden. Wie viel allein von den uns unentbehrlich gewordenen Gegenständen des täglichen Gebrauches jüdischer Erfindergabe ihr Dasein verdanken, das zunächst und dann weit mehr und weit Wertvolleres sollte vor allem der jüdischen Frau — und nicht ebenso dem jüdischen Manne? — bekannt sein, und wenn es nicht i s t, so recht bald werden. Am Tischobeaw gedenken wir nicht nur eines traurigen Kapitels der Vergangenheit, wir denken in unseren Gebeten auch an eine bessere Zukunft und hoffen auf einen Wiederaufbau dessen, was zerstört ist und durch unsere Schuld in Trümmern liegt. Lernen wir die Wahrheit, wie über unsere Gegner, so auch über uns selbst, unseren Stamm und seinen Wert. Schon vor zwanzig Jahren wurde in Vorträgen von Wien aus Aufklärung verbreitet, Die vorliegende Nummer erschien des Feiertags wegen bereits Donnerstag, den 11. August (Tischobeaw)