Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 32 (5.8.1932)
- Date
- 1932-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Jeder Xcser hat dasWowtl Xnsttkwifien aus dem iFufifift um Das Aufstehen beim Sdiema- Gebet. Von Prof. Dr. J. K a h a n, Znaim. Neulich war ich in Wien Freitag abends beim Gottesdienst im MüIlner-TempeL Beim Schema- Gebet erhob sich die ganze Gemeinde, während ich sitzen blieb. Das veranlaßte den Tempeldiener, mich zum Aufstehen zu ermahnen, worauf ich ihm sagte, daß das Aufstehen beim Schema gegen die Vorschrift sei. Da nun diese Sitte in vielen modernen Gemeinden verbreitet ist, so möge die Begründung meiner Behauptung der breiten Oeffentlichkeit bekanntgegeben werden. In der Mischna Berachot 10 b lesen wir: Die Schule Schamais sagt, am Abend' soll jedermann sich an die Seite lehnen (gleichsam liegend) und das Schema lesen, aber am Morgen soll man stehen, denn es heißt r wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. — Die Schule Hilleis sagt: Jeder liest, wie es sich gerade trifft (Kedarko), d. h. wie Raschi erklärt, stehend, liegend, sitzend oder gehend. Rabbi Tarfon sagt: Ich war unterwegs und lehnte mich an beim Lesen nach den Worten der Schule Schamais und war idlabei durch Räuber in Gefahr geraten. Man sagte ihm: Du hast es verdient, da du gegen die Worte der Schule Hi-Hels gehandelt hast. R. Nachman bar Jizschak sagt sogar, der Tod steht darauf! Tosafot (13b) sagen: Nicht etwa wenn jemand sitzt, soll er aufstehen, sondern wenn er geht, soll er stehen bleiben, um das Schema zu lesen. — Der Schulchan Aruch 63, 2 schreibt: Wer sitzt und aufstehen will, um das Schema zu lesen, heißt ein Gesetzesübertreter (Avarian)! Ich weiß nicht, wer diese an sich schöne Geste, beim Glaubensbekenntnis aufzustehen, eingeführt hat. Aber diese Geste verstößt gegen den klaren Wortlaut unserer Gesetzesquellen und sollte nicht geduldet werden! * Der vorstehende Hinweis wurde von Fachleuten, denen wir ihn zu zeigen Gelegenheit fanden, nicht nur in seinem Inhalte bestätigt, sondern besonders darum gutgeheißen, weil durch seine Befolgung ein unliebsamer Konflikt aus der Welt geräumt werden könnte. Wenn nämlich der Rabbiner, wie er es mußte, beim Schema Jisroel sitzen blieb, während die Gemeinde aufstand, wurde dies von mancher Seite zu Ungunsten des Rabbiners unliebsam vermerkt, ja ihm von Leuten, die das Religionsgesetz nicht kannten, übel gedeutet. Hiermit sollte endlich aufgeräumt werden. D. Red. Neue Wege der jüdischen Selbstverteidigung. Dem Verfasser des unter obigem Titel in der „Wahrheit" erschienenen Artikels, Herrn Marcus Silberschatz, wurde von Herrn Leo Tub 1 in mitgeteilt, er sei Besitzer der Verlagsrechte am Werke Kohuts „Berühmteisraelitische Männer und Frauen" und stelle alle Rechte und das ganze entsprechende Material für die Schaffung eines Gratis-Völkslexikons unentgeltlich zur Verfügung. Aus affer Weit Aucb der Weltverband Poale Zion lehnt die Welt* konferenz ab. Wie die JTA erfährt, wird der Weltverband Poale Zion an der bevorstehenden Konferenz zur Vorbereitung eines jüdischen Weitkongresses nicht teilnehmen. Hierzu wird der JTA aus Kreisen, die der poalezionistischen Verbandsleitung nahestehen mitgeteilt, der Verband habe zwar den Gedanken eines jüdischen Weltkongresses stets bejaht, sei aber bei seiner Stellungnahme von der Voraussetzung ausgegangen, daß dieser Kongreß nach vollkommen demokratischen Prinzipien organisiert sein und sein Programm vorher festgelegt haben müsse. Beide Vorbedingungen sind diesmal unerfüllt und sollen, wie es scheint, auch in Zukunft nicht berücksichtigt werden. Zwei maßgebende Landesgruppen des Weltverbandes, die polnische und amerikanische Partei, haben aus diesem Grunde eine negative Stellung eingenommen. Ebenso ist die Haltung des jüdisch-nationalen Arbeiterverbandes in Amerika, dessen Generalsekretär L. Segall, im Organ des Verbandes „Der jüdische Kämpfer" erklärt, daß der Begriff eines jüdischen Weltkongresses irreführend sei, wenn sich der Kongreß teilweise aus Personen zusammensetzt, die sich selbst gewählt haben, keine Beteiligung der breiteren Volksschichten aufzuweisen hat und in seinem Programm die lebendigen jüdischen Kulturprobleme nicht berücksichtigt. Ein solcher Kongreß biete den jüdischen Massen nichts. „Gerade deshalb", heißt es in dieser Kundgebung, „weil der Gedanke des jüdischen Weltkongresses von uns so tief und leidenschaftlich empfunden und vertreten wurde, gerade deshalb irritiert uns die seltsame Eile, die in diesem Fall entwickelt wird1. Uns irritiert auch die Körperschaft, die sich das Ziel setzte, die große jüdische Weltbewegung ins Leben zu rufen." Sie fangen zeitlich an. Die jüdischen Kommunisten in Sowjetrußland haben mit ihrer diesjährigen Propaganda gegen die Beobachtung des jüdischen Neujahrsfestes und1 des Versöhnungstages durch die Juden der Sowjetunion bereits begonnen. Der Verband der militanten jüdischen Atheisten „Apikoires" hat soeben eine Sondernummer seines Organs herausgegeben, die dem Kampf gegen die Beobachtung der hohen jüdischen Feiertage gewidmet ist. Palästinensische Jlaanicfkten. Das Gericht in Jerusalem hat einen Araber, der im Juni dieses Jahres eine Scheune bei Sichron Jakob in Brand gesteckt hatte, zu einjährigem Gefängnis verurteilt. * Das vom panislamitischen Kongreß eingesetzte Komitee für die Organisierung einer muselmanischen Universität in Jerusalem hat beschlossen, folgende drei Fakultäten an der geplanten Universität zu errichten: eine theologische Fakultät für 600 Hörer, eine technische Abteilung für 200 Hörer und eine medizinische Fakultät für 300 Hörer. * „Der Sabbat hat Heimatrecht in Erez Israel." Anläßlich der Londoner Tagung des Aktions- Komitees der Zionistischen Weltorganisation hat das Präsidium des Wel t v e r b a n d e s Schomre Schabbos ein Memorandum an das Aktions- Komitee gerichtet, in dem dieses aufgefordert wird, zu beschließen, daß in die Verträge, die der Jüdische Nationalfonds mit seinen Siedlern abschließt, ein Passus aufgenommen wird, der den Ch i 11 u 1 S c ha b b os auf dem Boden des Nationalfonds verbietet. Eine ähnliche Anregung hat bereits die Exekutive der Jewish Agency gegeben, und die Forderungen des M i s r a c h i liegen in der gleichen Richtung. Der Weltverband Schomre Schabbos weist in seinem Memorandum darauf hin, daß in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Bedingungen, der Sabbatheiligung fast überall in der Welt sich in katastrophaler Weise verschlechtert hätten, Erez Israel fast das einzige Land geblieben sei, in dem die Beobachtung des Sabbat keinen ernsthaften Schwierigkeiten begegne, indem der Sabbat nicht nur religiöser, sondern auch nationaler Wochenruhetag sei. Um so stärker sei das Verlangen der religiösen Judenheit ohne Unterschied der politischen Stellung, daß dem Sabbat in Erez Israel sein uneingeschränktes Recht werde, und um so größer sei die Bestürzung über den sich mehrenden C h i 11 u 1 Schabbos, der den Frieden im Lande auf das höchste gefährde und das ganze Palästina- Aufbauwerk in Mißkredit zu bringen drohe. Der Sabbat habe Heimatrecht in Erez Israel, und es sei heilige Pflicht all derer, die die Macht dazu hätten, dem Sabbat zu seinem Recht zu verhelfen. Aber mit Worten allein sei es nicht getan. Taten verlangen Taten! „Allerlei Wahrheiten", die in unserem heurigen Feuilletonteil abgeschlossene Reihe von „unverjährbaren Glossen zur Tagespolitik" wurde als Sonderdruck aus der „Wahrheit" am 25..v. M. in Broschürenform an 900 deutsche Zeitungen aller Schattierungen übermittelt. Die Broschüre ist für Interessenten in der Redaktion der „W a h r h e i t", Wien IL, Heinestraße 13, erhältlich,!! Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! - Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Dr. hrügemeim, uM Malzgasse 7 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. JttaJzenftreiis amWexit Die Universität gegen den Antisemitismus. Der akademische Senat der Universität gab jüngst das Urteil seiner disziplinarischen Untersuchung wegen der Nazikrawalle an der Universität im Juni bekannt. Zwei Nazis wurden mit Entfernung von der Universität bestraft, zwei Studenten (ein Linksgerichteter und ein weiterer Nazi) wurde die Entfernung angedroht, ein Nazimann erhielt einen protokollarischen Verweis, ein Linksstudent bekam einen einfachen Verweis und zwei Nazis wurden freigesprochen. Obwohl bei den Krawallen keine Juden verletzt oder sonst irgendwie behelligt worden sind, hat sich der Rektor und der Senat der Universität in einem begrüßenswerten Aufruf an die Studenten mit scharfer Deutlichkeit gegen die antisemitische Hetze an den deutschen Hochschulen gewandt. In diesem Aufruf heißt es u. a.: „Die Achtung des Andersdenkenden ist ein: Grundstein unserer Staatlichkeit. Wo diese Achtung verpönt wird, hört humanistischer Geist auf und beginnt ungeistiges Zünftlertum und eine Selbstgerechtigkeit armseliger Art. Allein wir lehnen jede Hetze, wir lehnen mit vollem Vorbedacht auch einen Antisemitismus ab, wie er in diesen Kämpfen zu Tage getreten ist. An unserer Kultur haben alle Volksteile Anteil und Heimatrecht. Es gibt nur einen höchsten Maßstab, den der sittlich-geistigen Würdigkeit und den gibt: uns nicht das Blut, sondern der Wille zur eigenen Vollendung." Um Irrtümern vorzubeugen, sei festgestellt,, daß es sich hier selbstverständlich nicht um die Wiener Universität, sondern um die von Frankfurt a. M. handelt, bei dessen jüdischen Bevölkerung der Aufruf des Rektors zur Besonnenheit und Gerechtigkeit große Befriedigung" und Beruhigung ausgelöst hat. Mussolini verachtet den Antisemitismus. In einer Betrachtung des „Berliner Tageb 1 a <t t" über die Zusammensetzung des neuen italienischen Kabinetts wird es als erschütternde Ironie bezeichnet, daß ein diktatorisches Regime seine Arbeiterfreundlichkeit im gleichen Moment stärker betont, in dem die Republik Deutschland sich die reaktionärsten Männer und Methoden bieten lassen müsse. Aehnliche Empfindungen — heißt es in dem Artikel weiter — muß es erwecken, daß gerade jetzt der Begründer und Meister des Faschismus sich zum Finanzminister den Juden GuidoJung wählt... Seine spöttische Verachtung des Antisemitismus hat Mussolini auch sonst bewiesen. Ein jüdischer General vertritt als Kommandant von Sardinien die oberste militärische Befehlsgewalt. Eine Abiuhr der Nazis. Der mit der kommissarischen Leitung des Justizministeriums betraute Staatssekretär Hölscher hat auf eine Beschwerde des nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Dr. Freister,, daß der zu einer Veranstaltung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eingeladene Lanidlgerichtspräsident Dr. Daltrop in Kassel sein Bedauern, der Einladung persönlich nicht Folge leisten zu können, zum Ausdruck gebracht und den Landgerichtsdärektor Becker als amtlichen Vertreter des Landgerichtspräsidenten mit dem Besuch der Veranstaltung beauftragt hat, folgendermaßen geantwortet: „Die Einladung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten ist nicht anders behandelt worden, alseine Einladung anderer Verbände, da zu einer abweichenden Behandlung kein Grund voriaig. Die meisten anderen