Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 32 (5.8.1932)
- Date
- 1932-08-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gold. Schlüssel w Rest. Fürstenhof SIMON RAAB Den wirtschaftlichen Verhältnissen eingemessen, bedeutend ermäßigte Preise._ YORNEffllE f ANIUEN - PENSION Wenn wir allesamt aber strenge gegen uns wären und es an der oft gar sehr nötigen Selbsterziehung nicht fehlen ließen, dann hätte auch ein drittes Wiener Morgenblatt, die „Wiener Neuesten Nachrichten", das, wenn sich's gerade schickt, in Antisemitismus macht, nicht dieser Tage Gelegenheit gehabt, unter der Ueberschrift „Der insultierte Tempelvorbeter", der „Gauner" und „Verbrecher mit der Thora" einen längeren Artikel über jene Gerichtssaalszene zu veröffentlichen, in der sich unsere lieben Glaubensgenossen Moritz Fürst und David Feuer als Schwiegersohn und Schwiegervater gegenüberstanden. Da das genannte Blatt wohl nur sehr wenige Juden zu seinen Lesern zählt, wollen wir zur Erbauung unserer Glaubensgenossen einen Teil des betreffenden Artikels wörtlich zum Abdruck bringen: „Fürst schritt wutentbrannt zum Tempel in der Leopoldsgasse, wo sein Schwiegervater vor etwa 20 Glaubensgenossen gerade seine Stimme als Vorbeter ertönen ließ. Fürst wartete, bis Feuer mit der Thora vom Podium stieg, um die Gebetrolle in der „Buhdeslade" zu verwahren. Dann trat er dem Gebethausvorsteher Naftali Goldberg, der dem Feuer vorschriftsmäßig folgte, entgegen und störte die Andacht durch die an Goldberg gerichteten, aber auf Feuer gemünzten Worte: „Sie, den Gauner und Verbrecher lasse ich verhaften. Ich werde gegen ihn die Strafanzeige erstatten. Er ist ein Verbrecher; ich werde ihm einen Skandal machen, wo ich ihn treffe." Naftali war bestürzt Er fragte ganz erschrocken, wer der Gauner sei. Moriz entgegnete: „Meinen Schwiegervater meine ich." Dabei machte er Miene, seinem Unmut weiter Luft zu machen. Goldberg, der einen „Wirbel" im israelitischen Gotteshaus befürchtete, griff beschwichtigend ein: „Bleiben Sie doch ruhig, Sie sind doch im Tempel. Wenn Sie etwas gegen ihn haben, klagen Sie ihn oder sagen Sie es dem Rabbiner, aber hier im Tempel bleiben Sie ruhig!" Fürst beruhigte sich tatsächlich und ging weg. Abraham Feuer aber lief noch am selben Tag zur Polizei und erstattete die Anzeige. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen Moriz das Verfahren wegen Religionsstörung ein. Fürst leugnete sein ärgerniserregendies Verhalten im Tempel und Feuer wurde plötzlich sehr schweigsam — er entschfag sich der Aussage. Der einzige Goldberg blieb als Zeuge übrig. Moriz erhielt von einem Schöffensenat des OLGR Dr. Osiö drei Wochen strengen Arrests, bedingt mit zweijähriger Probefrist." Wir sind überzeugt, daß unseren Lesern bei der Lektüre dieses Gerichtssaalberichtes die Schamröte ins Gesicht steigen wird, daß sie sich für diese Juden, die sich selbst unter den heutigen Verhältnissen nicht scheuen, ihre Schmutzwäsche außer Haus, ja sogar im Gotteshaus zu waschen suchen, schämen werden. Wenn zwei dasselbe tun, so ist es doch nicht dasselbe. Was sich Nichtjudten ohne Schaden für die Gesamtheit erlauben dürfen, dürfen sich Juden nicht gestatten. Die anständigen, gut erzogenen, ethisch und sozial denkenden, taktvollen Juden haben auf Grund ihrer Lebensführung vollen Anspruch darauf, dagegen energischest Stellung zu nehmen, daß ihr gemeinsames jüdisches Haus von einzelnen rücksichtslosen „Außenseitern" beschmutzt werde. Wir Juden leben heute mehr denn je in einem Glashaus. . ml. ■ )H<»^IWMII^MIMlHHIIlMIIIIIIHIIIlHMI«ifHIMIWIIIIIIamilUmiHltNlfMIIUIlM Antisemitische Ausschreitungen in Sensburg fOstpreußen). deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. „Juden Sensburgs! Erfolgreiche Intervention des Centrai-Vereins Am 21. Juli kam es in dter ostpreußischen Ortschaft Sensburgim Anschluß an eine Schlägerei zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen. Vor dem Gebäude des ehemaligen Kreishauses waren Nationalsozialisten und Kommunisten wegen der Rufe „Heil Hitler" und „Rot Front" in ein Handgemenge geraten, bei dem der kommunistische Arbeiter Hasenpusch den Nationalsozialisten Gralla durch einen Messerstich schwer verletzte. Hasenpusch flüchtete in den Laden des jüdischen Kaufmanns Leppkowitz und von dort >dturch den Hinterausgang in seine Wohnung, wo er verhaftet wurde. Obwohl die Verhaftung Hasenpusch's bekannt geworden war, zogen die Hitleristen, unter denen sich viele SA-Leute in Uniform befanden, gegen 2 Uhr vor das Haus Leppkowitz* und drangen unter dem Rufe „Das jüdische Packzeug hat den Mörder begünstigt" in den Laden ein, mißhandelten den christiichen Angestellten Ernst Dworrak und verletzten den Neffen des Geschäftsinhabers, Kurt Leppkowitz, erheblich am Hinterkopf. Als Täter wurde <dler frühere Ortsgruppenleiter der SA in Sensburg. Kirm, sowie die SA- Leute Zimmermann und Heinrich ermittelt. Sodann zog die Menge vor die Läden "der jüdischen Firmen Gustav Bülow Nachf., Pasch, Alexander, Klein, Moses, Abraham und Sondland, erzwangen deren Schließung und drückten in einzelnen Läden Fensterscheiben ein. Jüdische Passanten, unter ihnen einige ältere Damen, wurden: von den Demonstranten schwer bedroht. Den Kaufleuten und Angestellten, die die Nationalsozialisten vor den Folgen ihres Vorgehens warnten, erklärten diese, die Polizei habe jetzt nichts mehr zusagen, nur mehr sie selbst, die Nationalsozialisten, hätten etwas zu sagen. Am nächsten Morgen erhielten sämtliche jüdischen Kaufleute von Sensburg anonyme Drohbriefe folgenden Inhalts: Aus einwandfreier Quelle ist mir bekannt, daß der kommunistische Mordanschlag auf unsere SA- Leute von euch vorbereitet und finanziert ist. Als kleines Beispiel gebe ich nur an, daß der Judenlümmel Pasch gestern eine Versicherung über 40.000 RM gegen Einbruch und Demolierung seines Ladens mit sofortiger Wirkung abgeschlossen hat. Ihr habt heute aus Angst vor der Rache des Volkes sämtliche Läden geschlossen. Ich warne euch, wenn euch Leben und Eigentum lieb ist. eure Geschäfte in den nächsten 14 Tagen wieder aufzumachen. Ich selbst werde mich von diesen jüdischen Feiertagen überzeugen und im Nichteinhaltungsfalle auf das energischeste eingreifen. Blut fordert Blut." Der Central -Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der von den Vorgängen in Sensburg durch seine dortigen Vertrauensleute sofort verständigt worden war, hat noch während der Ausschreitungen durch Syntäglich 5-Uhr-Tee SEIf HERING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mitPensionS 12.—aufwärts Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer j dikus Dr. Kurt S a b a t z k y, Königsberg, als Ver^ treter des Landesverbandes und Dr. Felix Heymann, Berlin, als Vertreter der Zentrale beider Regierung in Alienstein interveniert. Die Vertreter des Central-Verems erhielten die Zusicherung, daß alles geschehen werde, um jede weitere Ausschreitung im Keime zu ersticken. Landrat Funk, bei dem die beiden Herreu sodann vorsprachen, erklärte ihnen, es seien bereits Landjäger zur Verstärkung der Sensburger Polizei herangezogen worden, im Notfalle werde man auch die Zöglinge der Sensburger Polizetschule als Verstärkung verwenden. Auch der Bürgermeister von Sensburg, Rabe, sicherte den Vertreten des Central-Vereins sofortige Schutz- und Vorbeugungsmaßnahmen zu. Dank den behördlichen Maßnahmen ist Ruhe und Ordnung in Sensburg wieder vollkommen hergestellt. Das sofortige Eingreifen des Centrai- Vereins hat zur Beruhigung der jüdischen Bevölkerung wesentlich beigetragen, die Wut der Hakenkreuzler aber besonders aufgestachelt, wie der heimtückische Ueberfall auf die Königsberger Wohnung von Dr. Kurt S a b a t z k y bewiesen hat. Daß das Attentat keinerlei blutige Folgen hatte, ist nur dem glücklichen Umstand zuzuschreiben, daß Herr Sabatzky nicht in seiner Wohnung anwesend war. Prinz August Wilhelm hetzt. In einer Berliner Versammlung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gab Prinz August Wilhelm von Preußen eine tendenziös verzerrte Schilderung der Vorgänge in Sensburg, die darauf abzielte, die Ausschreitungen als von den Juden bewußt zu politischen und privaten wirtschaftlichen Zwecken provoziert darzustellen. Prinz August Wilhelm führte u. a. aus, der verletzte Nationalsozialist sei von einem „Warenhausjuden" in seinen Laden gezogen worden, in der Erwartung, die Menge werde das Geschäft stürmen und demolieren, so daß ihm dann die Prämie einer unmittelbar vorher abgeschlossenen Versicherung von 50.000 Mark zufallen würde. Auch hätten die Juden erwartet, daß die S.A. im Falle eines Sturmes auf das Warenhaus polizeilich aufgelöst werden würde. Diese nationalsozialistische Verleumdungstaktik ist um so bezeichnender, als auf Grund von Erhebungen des Centrai-Vereins und der Behörden festgestellt wurde, daß weder der jüdische Kaufmann Leffkowite, noch dessen Angestellte überhaupt bemerkt hatten, daß der kommunistische Arbeiter Hasenpusch, der einen Nationalsozialisten niedergestochen hatte, auf der Flucht vor seinen Vierfolgern das Geschäftslokal Leffkowitz' passierte. ■HIINHIIIHUHHIIMUnMHMIH Der JucT ist schuld. Wenn irgend jemand eine Preisfrage darüber ausgeschrieben hätte, welcher Zusammenhang zwischen dem Lausanner Anleihevertrag und dem Judentum bestehe, die nationalsozialistische „Deutschösterreichische Tageszeitung" hätte den Preis gewonnen. Ein normal arbeitendes Gehirn wäre wohl überhaupt nicht in der Lage, einen solchen Zusammenhang ausfindig zu machen. Die „Dötz", der kein Mittel zu verworfen ist, wenn es gilt, die Juden in Verruf zu bringen, entblödet sich nicht, ein schon längst als Fälschung überwiesenes Machwerk als Beweismittel für einen solchen Zusammenhang heranzuziehen. Sie macht den Bundeskanzler Doli fuß auf das Protokoll 20. Punkt 36 der „Weisen von Zion" aufmerksam, auf daß er sich eines Besseren besinne und die Lausanner Anleihe fahren lasse. Die „Dötz", die in jeder ihrer Nummern zeigt, daß sie in der antisemitischen „Literatur" ausgezeichnet zu Hause ist, die ihr ja eine unerschöpfliche Quelle für ihre täglichen Verleumdungen der Judenschaft ist, weiß natürlich ganz genau, daß die „Weisen von Zion" eine ebenso blödsinnige als erbärmliche Erfindung sind. Aber wie könnte sieden scharfen Konkurrenzkampf mit dem „Völkischen Beobachter", dem „Kampfruf" und all den anderen antisemitischen Hetzblättern mit Erfolg aufnehmen, wollte sie vor derartigen Kleinigkeiten zurückschrecken, wie wissenschaftlich nachgewiesene Fälschungen zu gebrauchen? Wenn unsere Glaubensgenossen in der antisemitischen Hetzliteratur ebenso gut bewandert wären, wie die „Dötz", dann würden sie vielleicht denn doch ein wenig ihre Indolenz ablegen und