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Die Wahrheit · 1932-08-05 · Heft 32 (5.8.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 32 (5.8.1932)
Date
1932-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Pension Exquisite Baden bei Wien Telephon 74 Zentrale Lage — Sehr schöne Zimmer mit 3 Mahlzeiten (feine Hausmannsküche) Garten-, Strand- und Heilbädernähe Preis von lO Schilling aufwärts Juda verrecke!" 99 Unter dieser, aus der Küche Hitlers stammenjene vereinzelten Schieber, Valutenschleichhändler erfolgreiche Entwicklung nehmen, die ihm vom Herzen zu wünschen ist: Die absolute Unparteilichkeit in allen innerjüdischen Fragen. In der vorwöchentlichen Versammlung, der prominente Vertreter aller österreichischen jüdischen Parteien, insbesondere der Präsident der Kultusgemeinde, Prof. Dr. A. Pick, beiwohnten, wurde ex präsidio auf das nachdrücklichste betont, daß der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" eine absolut unpolitische Vereinigung darstellt, der alle Juden ohne Rücksicht auf ihre parteipolitische Einstellung umfaßt. Hoffen wir, daß es bei dieser objektiven Einstellung bleibt und daß nicht leidige Parteipolitik auch hier ein Werk zerstört, das zu schönen Erwartungen berechtigt. * Ueber die Versammlung, die unter dem Ehrenvorsitz des Herrn Generals Emil Sommer stattfand, wäre noch zu berichten, daß sie so stark besucht war, daß die Polizei vielen hunderten von Teilnehmern! wegen Ueberfüllung des Saales den Einlaß verwehren mußte. Zahlreiche Redner forderten von der staatlichen Exekutive Schutz der Rechte der Juden als gleichberechtigte Bürger der österreichischen Heimat, mit deren Wohl und Wehe sie unlösbar verbunden sind, damit sie in Ruhe und Frieden am Wiederaufbau des Vaterlandes mitwirken können. Die Gründung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" wurde von sämtlichen Rednern aus den verschiedensten politischen Lagern in seltener Einmütigkeit begrüßt, u. a. überbrachte Präsident Professor Dr. A. Pick die herzlichsten Grüße der Kultusgemeinde. Schließlich nahm die Massenversammlung folgende Resolution einstimmig an: „Die heute im Hotel Continental versammelten jüdischen Frontsoldaten und Krieger Oesterreichs protestieren in schärfster Weise gegen die ständige Bedrohung jüdischer Staatsbürger, gegen die fortwährenden Verleumdungen und Beschimpfungen jüdischer Ehre und jüdischen Namens und fordern die staatlichen Behörden auf, dem Gesetze Geltung und den Juden Oesterreichs Ruhe und Frieden zu sichern." 57. Man muß nicht mit allem einverstanden sein, was Fritz Kahn in seinem Buch: „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" schrieb, inbesonders nicht mit dem. was er über Marx sagte. Wenn man sich aber vor Augen hält, daß er nicht bloß mit Worten, sondern auch durch Taten — und die Herausgabe jenes großen Werkes ist eine Tat — die gehässigen Reden von der Minderwertigkeit der Juden auch für seine Person ad absurdum führen wollte, so muß jedermann vor diesem tiefschürfenden, kenntnis- und gedankenreichen Autor sich achtungsvoll verneigen. Dieser also hat in das wissenschaftliche Bauwerk Chamberlains hineingeleuchtet wie kaum ein anderer, die Haltlosigkeit seiner oft sehr gewagten Behauptungen überzeugend dargelegt, seine „wissenschaftlich" tuenden Deklamationen auf das richtige Maß zurückgeführt, seine „wissenschaftlichen" Jongleurkunststückchen schonungslos bloßgelegt. Wie war es möglich daß ein solches wissenschaftlich fragwürdiges Werk zwei Jahrzehnte hindurch des großen deutschen Volkes Lieblingslektüre bilden konnte? Warum trat er. Chamberlain, der Sohn eines englischen Admirals, damit nicht in seiner engeren Heimat hervor? Weil er wußte, daß er mit seinem sich selbst wissenschaftlich gebärdenden Antisemitismus in England niemals reüssieren, daß ihm darauf, wenn irgend jemand, nur der deutsche Michel hineinfallen werde. 58. Einst lautete das Schlagwort: indogermanisch. Dann kam durch Qcbineau-Chamberlain die Germanentheorie und die Schädellehre auf. Alles längst wieder über Bord geworfen. Jetzt ist das Losungswort: nordisch! Liegt in dieser ewigen Jagd nach neuen Schlagworten nicht etwas Unernstes?? In England gilt heute genau wie vor 150 Jahren das Wort: Britannia rules the waves. Frankreich handelt noch immer nach dem von General Bonaparte geprägten Wort: „La grande nation" und Italien nach seinem „L'Italia farä da se". Das sind Worte, bei welchen die Völker aufhorchen. Aber Langschädel. Rundschädel, nordisch-ostisch — nein damit wird Deutschland niemandem imponieren. Nur in einer Beziehung hat sich bei ihm nichts geändert, und zwar in bezug auf den Judenhaß. Was einst „hepphepp" hieß, heißt jetzt „Juda verrecke": soll sich darin des großen deutschen Volkes geistiger Höhenflug manifestieren? den Marke veröffentlichte die Wiener „Arbeiter- Zeitung" vom 24. Juli 1. J. eine Glosse, wonach einem im Düsseldorfer Industriellenklub zu Ehren Hitlers vom Großindustriellen Fritz Thyssen veranstalteten Festmahl u. a. auch „die Vertreter des jüdischen raffenden Kapitals Bankier Elkan, Munitionsfabrikant Grünthal, Justizrat Cohen und Direktor Nothmann beigewohnt und auf Aufforderung Thyssens den Judenfresser Hitler mit dem Fascistengruß begrüßt" hätten. Die „Union österreichischer Juden" zog an informierter reichsdeutscher Stelle Erkundigungen ein und erhielt in Beantwortung ihrer Anfrage nachstehende Mitteilung: „Den Tatsachen entspricht, daß jüdische Industrielle an dem Vortrag Hitlers im Düsseldorfer Industriellenklub teilgenommen haben, genau so wie sie andere Veranstaltungen des Klubs besuchen. Es ist unseres Erachtens daran kein Anstoß zu nehmen, daß auch ein jüdischer Bürger sich Hitler anhören will, ebensowenig wie dagegen ein Einwand erhoben werden kann, daß Sozialdemokraten und Mitglieder anderer Parteien nationalsozialistische Versammlungen besuchen, mit der Absicht, den Gegner einmal kennenzu lernen. Im übrigen lag der Vortrag in einer Vortragsreihe, deren Referenten aus den verschiedensten Lagern der Politik und Wirtschaft kamen, u. a. hat innerhalb dieser Vortragsreihe auch der Sozialdemokrat Cohen-Reuß im Düsseldorfer Industriellenklub gesprochen. Daß diejenigen jüdischen Persönlichkeiten, die dem Vortrag Hitlers im Industriellenklub beiwohnten, etwas getan hätten, was sich mit ihrer Würde nicht vereinbaren läßt, d. h. daß sie dem Redner Beifall spendeten oder ihn mit erhobener Hand grüßten, ist bewußte Verleumdung. Der „Heil"- Ruf Thyssens ist nicht nur in jüdischen, sondern auch in christlichen Kreisen des Klubs als außerordentlich taktlos empfunden worden." Aus dieser Mitteilung geht hervor, daß es sich also nicht um ein Festbankett, sondern um einen Vortrag Hitlers handelt. Wir glauben allerdings, daß die genannten jüdischen Industriellen gar leicht ihre Neugierde nach den Weisheiten Hitlers hätten bezähmen und1 einem Vortrag desselben wohl besser ostentativ hätten fernbleiben sollen. Wer auf Reinlichkeit hält und auch sonst so etwas wie Charakter besitzt, setzt sich nicht mit jedermann an einen Tisch. Wir möchten sehr bezweifeln, daß dieselben jüdischen Industriellen einem Vortrage eines kommunistischen Parteiführers beiwohnen würden, und sie wären in der Achtung nicht nur ihrer jüdischen Mitbürger, sondern auch deren wütendsten Gegner gestiegen, wenn sie dem Vortrage eines Mannes ferngeblieben wären, der an der Spitze einer Partei steht, die sich in der Verunglimpfung der jüdischen Ehre, in der Bedrohung von Leben und Eigentum der Juden nicht genug tun kann. Wie ,dler Gönner der Hakenkreuzlerei, Herr Thyssen, seine jüdischen Gäste einschätzt, das zeigten seine taktlosen Ovationen für Hitler in Gegenwart von Juden. Wir möchten gerne annehmen, daß die anwesenden jüdischen Industriellen durch diese Provokation sich ihres Fehlers bewußt geworden sind und in der entsprechenden Form gegen diese Huldigung remonstriert haben. Oder sollten sie wirklich zur Kategorie jener feigen und charakterlosen Menschen gehören, die, wenn man ihnen ins Gesicht spuckt, sich abwischen und fragen, ob es regnet? Aber nicht nur manche Juden, die auf höherer „sozialer" Stufe stehen, vergehen sich in diesen Tagen, da Judentum und Judenschaft das Ziel von gemeinen Verunglimpfungen und Verleumdungen sind, gegen das Gebot der Selbstachtung und gegen die primitivste Verpflichtung, nicht das eigene Nest zu beschmutzen. Die anständigen, pflichtbewußten Juden, die ein tiefes Gefühl für ihre jüdische Gemeinschaft besitzen und sehr wohl wissen, daß Vergehen und Verfehlungen einzelner Juden von unseren Gegnern immer wieder der Gesamtheit angekreidet werden, müßten in so gefahrvollen Zeiten/ wie den gegenwärtigen einen Trennungsstrich gegenüber allen jenen Individuen ziehen, die, sei es aus Charakterlosigkeit oder aus Gewinnsucht, Dinge tun, die dem Namen und der Ehre des Judentums zum Schaden gereichen. Mit berechtigter Empörung wandten und wenden wir uns deshalb gegen und Wucherer, die die Not der Zeit ausnützen und sich gegen die geltenden Gesetze vergehen. Wir wissen, daß es sich nur um einzelne Individuen handelt, aber man braucht nur die antisemitischen Blätter zu lesen, um zu erkennen, welch furchtbaren Schaden sie damit der jüdischen Gemeinschaft zufügen. Wir dürfen uns nicht damit trösten, daß die Zahl der nichtjüdischen Uebeltäter und Nutznießer der menschlichen Not unverhältnismäßig größer ist. Ihre Namen werden eben nicht an dien Pranger gestellt und es fällt niemandem ein, das Vergehen einzelner Christen auf das Konto der gesamten Christenheit zu setzen. Mit Recht weist ein Wiener Morgenblatt in Besprechung des von vier galizischcn Juden im Schlafwagen begangenen Valutenschmuggels darauf hin, daß es sich hier nur um einen Fall unter hunderten handle. Schillinge- und Valutenschmuggler werden, wie alle Welt wisse, täglich und in sämtlichen Grenzstationen aufgegriffen, ohne daß ihre Namen von der Wirtschaftspolizei bekanntgegeben werden. Allerdings gehe es dai nicht um Juden, sondern um hochstehende Persönlichkeiten. — In welcher Form aber antisemitisch eingestellte Blätter derlei Dinge mißbrauchen, das zeigen die Ausführungen der ..Reichspost" vom 22. Juli, die nach bekannter Methode verallgemeinernd schreibt: „Das Interessanteste an der Angelegenheit der beiden pflichtvergessenen Schlafwagenschaffner sind aber die Auftraggeber. Die Schädlinge der Allgemeinheit, die dem österreichischen Bürger d'en mühsam ersparten Schilling entwerten wollen, sind wieder einmal vier Söhne des düstersten Ostgalizien, die überall auftauchen, wenn man an der Not anderer reich werden kann. Es ist unbegreiflich, warum man diese zweifelhaften oder vielmehr schon unzweifelhaften Existenzen nicht kurzerhand dorthin schickt, woher sie gekommen sindl. Aus dem Deutschen Reich werden österreichische Arbeitslose ausgewiesen, österreichischen Künstlern nimmt man die Arbeitsmöglichkeit, aber Rosenberg, Buk, Zucker und Bieler dürfen in Wien leben und den Schilling konterminieren. Es ist höchste Zeit, daß Rosenberg und Konsorten aus Wien verschwinden, sofern sie die Wiener Gemeindeverwaltung nicht schon eingebürgert hat." Wenn schon die ..Reichspost" sich zu derartigen Auslassungen versteigt, wie könnte man sich da über das nationalsozialistische Hetzblatt die „Dötz" wundern, die natürlich jeden „jüdischen Fall" gehörig ausweidet. Daß es nicht nur unter Christen, sondern auch leider unter Juden bei Ehescheidungen und den darauf folgenden Prozessen oft zu sehr unliebsamen, beschämenden Familienszenen kommt, wer wollte es leugnen? So nimmt die „Dötz" in ihrer Nummer vom 28. Juli anläßlich einer solchen Gerichtsverhatid>- lung die Gelegenheit wahr, um unter der Ueberschrift „Geseres in der Familie Kohn" die Gesamtheit der Juden zu verhöhnen. Sie weiß aber, was sie ihren gedankenlosen, verhetzten Lesern zumuten darf, denn sonst würzte sie nicht auf derselben Seite in der gfeichen Nummer von mehreren durchaus unjüdischen Fällen berichten, so von einem 44jährigen christlichen Malermeister, verheiratet, Vater zweier Kinder, der sich Schändungen an Knaben im Alter von 5 bis 12 Jahren zuschulden kommen ließ, so von einem 32jährigen Dachdeckergehilfen, der seinem Schwager ohne besonderen Anlaß das Messer tief in den Hals stieß. Was würden die „Reichspost" und die „Dötz" sagen, wenn wir allwöchentlich aus der Polizeikorrespondenz alle Fälle von Verbrechen und Vergehen von Nichtjuden unter der Spitzmarke christliche Gewalttäter, christliche Einbrecher, christliche Schieber, christliche Betrüger etc. veröffentlichen würden. Wir sind überzeugt, daß sich die Staatsanwaltschaft sehr rasch gegen uns in Bewegung setzen würde. Aber seien wir streng gegen uns und milde gegen andere. Iii bezog auf Kasffirafli fltarnimmt die Redaktion Del des Inseraten keine Yerantworioiig

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