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Die Wahrheit · 1932-08-05 · Heft 32 (5.8.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 32 (5.8.1932)
Date
1932-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BA&3ÄSTEIN 9 I HOTEL ELISABETHHO Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwan g hat, die es auch heute zwingt, um den Preis einer Anleihe sich schweren politischen und wirtschaftlichen Bedingungen und Bindungen zu unterwerfen. Seit längerer Zeit schwer krank, konnte Dr. Seipel nicht mehr politisch aktiv tätig sein; er blieb nur der stille Ratgeber der Regierungen und noch in den letzten Wochen und Tagen, als sich das Kabinett einer überaus schwierigen Situation gegenübersah, wurde Dr. Seipel gewissermaßen auf dem Totenbette um Rat und Hilfe gebeten. Sein Ableben bedeutet für Oesterreich einen großen, für seine Partei zweifellos einen unersetzbaren Verlust; die Lücke, die sein Tod zurückläßt, wird sich nicht so leicht ausfüllen lassen. Trotz seiner unleugbaren großen staatsmännischen Qualitäten darf jedoch zur Steuer der Wahrheit offen zugegeben werden, daß Dr. Seipel auch große Fehler beging und daß sein einseitiges Festhalten an gewissen Parteiideologien zuweilen seiner sonstigen politischen und weltanschaulichen Einstellung kraß widersprach. Obwohl Berufstheologe, war Dr. Seipel ein Mann moderner Anschauungen und seine wissenschaftlichen Schriften, die er allerdings vor seinem Eintreten ins politische Leben veröffentlichte, zeugen für Verständnis und Vorurteilslosigkeit auch hinsichtlich politischer Tagesfragen. Sein überragender Einfluß innerhalb der christiichsozialen Partei sowie in den Kreisen aller bürgerlichen Elemente hätte ihm die Möglichkeit geben können, eine Ralliierung des österreichischen Bürgertums auf Grundlage eines positiven, den Zeitumständen entsprechenden Programmes zu vollziehen, was Oesterreich und dem Bürgertum zweifellos sehr zustatten gekommen wäre. Statt dessen ließ er sich, in seiner ausgesprochenen Gegnerschaft zur Sozialdemokratie, zu einer sehr einseitigen, intransigenten Politik hinreißen, die ihn zunächst dazu führte, mit dem Heimwehren zu liebäugeln und diese gewissermaßen großzuziehen; nachher aber, als die in diese Bewegung gesetzten Hoffnungen sich als trügerisch erwiesen haben, scheute er sich auch aus taktischen Gründen nicht, dem Nationalsozialismus gewisse Avancen zu machen, obwohl er diese Partei eigentlich als katholischer Priester aufs schärfste hätte bekämpfen müssen. Seine politische Einstellung brachte ihm auch Gegnerschaften in den Reihen der eigenen Partei und so sali er sich nolens volens gezwungen, für einige Zeit in den Hintergrund zu treten. Sicherlich wäre er einmal wieder zur Macht gelangt — aber sein schweres Leiden, an dem er seit Jahren laborierte, zwang ihn zur Unaktivität und all diejenigen, die auf seine Wiederkehr ins aktive politische Leben große Hoffnungen setzten, sehen nun diese ihre Hoffnungen ins Grab sinken. Das, was über Dr. Seipels Politik im allgemeinen gesagt wurde, gilt auch in bezug auf sein Verhalten zur sogenannten Judenfrage. Als Mann moderner wissenschaftlicher Anschauungen konnte er für den Radauantisemitismus nichts übrig haben und in seinen Schriften nahm er auch scharf gegen die wahnwitzige Rassentheorie Stellung. Aber dies hinderte ihn nicht, in der letzten Zeit für das sogenannte „Studentenrecht" auf rassischer Grundlage in Wort und Schrift einzutreten, als es galt, die Nationalisten für die „bürgerliche Sache", die ihm besonders am Herzen lag, zu gewinnen... Als Bundeskanzler verhielt er sich sowohl amtlich als auch im privaten Verkehr den Juden gegenüber absolut vorurteilslos und zuweilen direkt wohlwollend, besonders in Fällen, wo es sich um Einzelne handelte, oder um Dinge, die mit dem STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 religiösen Leben irgendwie im Zusammenhange standen. Das hinderte ihn aber nicht, am neuen Programm der christlichsozialen Partei mitzuwirken, das wieder einmal den „Judenpunkt" allzuscharf betonte; das hinderte ihn auch nicht, mit dem Gleispachschen „Studentenrecht" zu sympathisieren und manche antisemitische Entgleisungen seines Zentralorgans zu tolerieren. Wie in allgemeinen politischen Fragen zeigte sich auch hinsichtlich seiner Stellung zur Judenfrage die Zwiespältigkeit zwischen dem vorurteilslosen Gelehrten und dem christlichsozialen Politiker, der mit den Stimmungen und Interessen seiner Partei rechnen mußte. Trotz dieser Feststellungen darf offen gesagt werden, daß die Juden Oesterreichs dem Verstorbenen für all das Wohlwollen, das er ihnen als Gesamtheit und vielen einzelnen Juden entgegenbrachte, Dank wissen und ihm stets ein ehrendes Angedenken bewahren werden. --\:H 99 Dies war der Kampfruf, mit dem einer der vielen Redner der am vorigen Donnerstag im Festsaale des Hotel Continental stattgehabten ersten öffentlichen Versammlung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" die 2000 Personen, die diese imposante Veranstaltung besucht hatten, begrüßte. Es war eine Versammlung, wie sie das jüdische Wien schon seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, nicht nur die ungeheuer große Zahl der Erschienenen war imponierend, sondern auch der Kampfgeist, der, von den flammenden Reden ausgehend, alle Anwesenden mit Begeisterung erfüllte. So gestaltete sich diese erste öffentliche Zusammenkunft der jüdischen Frontsoldaten Oesterreichs zu einer gewaltigen Kundgebung der Wiener Judenschaft, sich nicht länger von den Nationalsozialisten widerspruchslos beschimpfen und tätlich attackieren zu lassen. Diese Abwehr tut heute dringend Juda erwache!" not und auf diesem Gebiete müßte noch sehr vieles geschehen. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" hat mit seiner ersten öffentlichen Veranstaltung bewiesen, daß er sich in diese Abwehrfront stellen will, und diese seine Entschlossenheit zum heldenmütigen Kampfe ist schon deshalb lebhaft zu begrüßen, weil durch die Tatsache des Bestehens und der Ausbreitung dieses Bundes, in dessen Reihen ausschließlich ehemalige Frontkämpfer stehen, die auch mit hohen Kriegsdekorationen und Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet sind, das Märchen, daß die Juden im Kriege ihre Pflicht für das Vaterland nicht in gleichem Maße wie die nichtjüdische Bevölkerung erfüllt hat, eben als Märchen stigmatisiert wird. Eine Vorbedingung ist allerdings zu erfüllen, soll der Bund tatsächlich jene Feuilleton Allerlei Wahrheiten! Von Ego. (Schluß.) 49. Vor wenigen Wochen starb der „Grazer Stadtpoet" Wilhelm Fischer; von ihm sagte Hofrat Wastian: In Fischers Werken vereinigte sich die Schönheit der Antike mit der Ethik des Christentums, beide erfüllt von der Tiefe deutschen Denkens und Fühlens! Selbst Bartels hat nicht genug lobende Worte für Wilhelm Fischer, von den Fischer's Muse huldigenden zahlreichen Arbeiten anderer deutscharischer Schriftsteller ganz abgesehen. Nun denn, dieser gewiß nicht mit Unrecht so verherrlichte deutsche Poet ist dokumentarisch nachweisbar von jüdischen Eltern am 18. April 1846 in Cikovce, Jugoslawien, geboren. Alles schon dagewesen, würde Rabbi Akkiba sagen! Verhält es sich nicht ebenso auch mit Heine, wie wir aus dem weiter oben zitierten Ausspruch Treitschkes erfahren? Ja, es gibt nichts über die absolut verläßliche Sprache des Blutes! 50. Fischer, frühzeitig getauft, hat jeden Verkehr mit Juden gemieden, noch mehr, er hatte eine fast feindselige Einstellung zu ihnen. Gesetzt nun, daß auch Einstein und Freud dieses Beispiel befolgt hätten — sicher würden sie als nordische Genies erster Größe gelten, so wie sie jetzt angeblich um ihrer PseudoWissenschaft willen, in Wirklichkeit aber nur ihres Judentums wegeji unausgesetzt geschmäht und in den Kot gezerrt werden. Wären sie Italiener, Franzosen, Engländer — sie bildeten den Stolz dieser Völker! 51. Mussolini, sonst der Abgott der Nationalsozialisten, pries kürzlich zu Emil Ludwig die italienischen Juden, wie tapfer sie sich im Kriege geschlagen. Das gleiche hört man in England von den englischen, in Frankreich von den französischen Juden. Selbstverständlich, nur in Deutschland und in Oesterreich waren sie Drückeberger! Zwar haben sich Gen.-Feldm. Hihdenburg, Gen. Daimler, besonders anerkennend über sie geäußert: tut nichts, die Juden waren Drückeberger! Kürzlich protestierte bei einer Versammlung der Nationalsozialisten in New York ein christlicher Deutscher namens Wilhelm Reinbrecht gegen derartige Verleumdungen der Juden; er habe mit vielen im Schützengraben gelegen und an ihrer Seite tapfer für Deutschland gefochten. Wie endlos müßten die Reihen jener in Deutschland sein, die das gleiche aus eigener Erfahrung zu berichten wissen! 52. Der National-„Sozialismus" hatte selbst für die Juden manch Gutes im Gefolge. Ohne sein Auftreten hätte die Welt nie etwas von den „jüdischen Fliegarn im Weltkriege" erfahren, mit welchem Thema sich das vor einiger Zeit erschienene gleichbetitelte Buch Felix Theilhabers befaßt. Die urkundlich nachgewiesenen kühnen Taten der jüdischen Flieger stempeln das nationalsozialistische" Wort von der „jüdischen Feigheit" zu einer blanken Verleumdung. Wären die Nationalsozialisten" mit der Geschichte etwas besser vertraut, dann müßten sie wissen, daß jüdische Heldentaten durchaus kein Novum sind, sie müßten dann von den heldenmütigen Makkabäern. aber auch von jenen Juden gehört haben, die ihr Heiligtum. Jerusalem mit dem Mut von Löwen verteidigt haben, verteidigt gegen das mächtige Rom, das seine besten Feldherren Vespasian und Titus gegen sie aufbieten mußte. 53. Ein anderer, sehr beliebter Angriff auf die Juden lautet: sie arbeiten nicht, d. h. sie lassen andere für sich arbeiten. Demgegenüber weist eine Statistik in den letzten Jahren vor der überhandnehmenden Arbeitslosigkeit in Mitteleuropa, einschließlich Sowjetrußland, ungefähr eine Million jüdischer Lohnempfänger aus, davon rund 600.000 manuelle Arbeiter und 400.000 Angestellte (Jetzt wohl die meisten von ihnen ebenfalls arbeitslos.) Unter dem berüchtigten Schwitzsystem verstand man die vor einigen Jahrzehnten in London, New York, Chikago von eingewanderten polnischen Juden, von ihren Frauen und Kindern geleistete 16- bis 18stündige Tagesarbeit. In den dann entstandenen großen Kleiderfabriken gab es diese Auswüchse nicht mehr. Jetzt allerdings kehrt man allmählich wieder zu dem Schwitzsystem zurück. — Die schweren Lastträger im Hafen von Odessa waren vor dem Krieg fast durchwegs Juden. 54. Schon im alten Jerusalem gab es eine Gasse der Bäcker, ein Fischertor. ein Walkerfeld, ein Tal der Zimmerleute, eine Gasse der Schmiede und eine der Töpfer. Berühmte Talmudisten waren in ihrem Berufsleben Handwerker: Köhler, Schuhmacher, Schmiede, Tischler, gleich wie ja auch Spinoza Diamantenschleifer war. Im Mittelalter waren Juden überall, in Italien, Südfrankreich, Spanien. Portugal, Türkei, Orient, Polen, im Handwerk tätig als Schlosser. Schmiede. Gerber, Schuster, Juweliere, Messerschmiede. Waffenschmiede, Töpfer. Färber, Weber, Klempner, Buchbinder. Gold- und Silbersticker, Spitzenklöppler, Tischler, Kürschner. Nur in deutschen Landen wurden sie von den Zünften zum Handwerk nicht zugelassen. 55. Auch das Bibelwort: „Sechs Tage in der Woche sollst du arbeiten", ist nicht von den Nationalsozialisten geprägt worden! 56. Houston Stewart Chamberlain. Schüler Gobineaus und Renans. ist seinerseits die Hauptquelle des nationalsozialistischen Antisemitismus. Seine „Grundlagen des 19. Jahrhunderts", für deren Verbreitung insbesondere Kaiser Wilhelm II. eintrat, ist in den ersten zwei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts das meist gelesene Buch in Deutschland gewesen. Die Frucht dieser Lektüre ist der jetzige, ungeahnte, nie zuvor dagewesene blutrünstige Antisemitismus in Deutschland. An sich ist das sehr merkwürdig, denn diese „Grundlagen" erfuhren mehrfach eine vernichtende Kritik, zuletzt (1920) von Einem, der ein großangelegtes Standardwerk herausgab. Dieses lautet: „Das Leben des Menschen" — volkstümliche Anatomie, Biologie. Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen, mit unzähligen prächtigen Abbildungen in 5 Bänden, wovon der erste 1926, der letzte im Vorjahr erschien. Universitätsproiessor Dr. W. von Ganzenbach äußerte sich über dieses Werk in der Zeitschrift „Hygiene", Zürich. 1931, wie folgt: „Es gibt keine. Superlative, die - Superlativ genug wären, den Eindruck dieses Werkes zu schildern." — .JOiese Bände vom Leben des Menschen sind ein Kulturdokuraent ersten Ranges." — All dies mußte vorausgeschickt werden, weil der Autor dieses Werkes und jener Kritik an Chamberlain — Dr. Fritz Kahn heißt!

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