Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 32 (5.8.1932)
- Date
- 1932-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EIT I Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint Jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 XLV1II. Jahrgang Wien, 5. August 1932 Nummer 32 Jetzt Badeschlager beim Bade-Sctiuhe S 1.98, Motzen S —48 Bade-Hosen............von „ 1.50 Bade-Anzüge...........von „ 2.98 Bade-Änzug, Schafwolle.......„ 5.90 _ _ „ „ . Bade-Anzug, „ Benger.....„ 9.80 ■OBTl$l€BaB$rnSlIIB^ größte Auswahl! Nach dem 31. Juli. Die Reichstagswahlen vom 31. Juli haben Hitler den erwarteten „großen Sieg" nicht gebracht. Wohl gelang es ihm, die Zahl der Mandate seiner Partei' im Reichstage mehr als zu verdoppeln, wohl glückte es ihm, die Stimmenzahlen bei den jüngsten Wahlen zum preußischen Landtag, bzw. gelegentlich der Reichspräsidentenwahlen noch um eine Kleinigkeit zu überschreiten, sonst aber zeigten die Wahlen, daß sich auch in Deutschland die politischen Fronten starr gestalten und kaum mehr wesentlich verschoben werden dürften. 37 Prozent der Gesamtwählerschaff im Zeichen des Hakenkreuzes — das ist für ein Kulturvolk beschämend genug, aber immerhin bleibt das Deutsche Reich bis auf weiteres davon verschont, ganz den Hitlerbuben ausgeliefert zu sein. Selbst in Gemeinschaft mit den Deutschnationalen ist den Nationalsozialisten die Mehrheit versagt geblieben und der Weg zur Ergreifung der Macht im Reiche zieht sich weit. Was nun geschehen wird, das läßt sich heute noch nicht übersehen. Die Gegner der Hakenkreuzler, die Sozialdemokraten, die Kommunisten und das Zentrum, besitzen wohl die Mehrheit und wären imstande, eine parlamentarische Regierung zu bilden. Aber während es zwischen den Sozialdemokraten und dem Zentrum in der Nachkriegsperiode bereits wiederholt Koalitionen gab, ist ein Zusammengehen dieser beiden Gruppen mit den Kommunisten so gut wie ausgeschlossen und so kommt diese Kombination nicht in Frage. Es kommt somit vorerst nur die Eventualität einer Koalition zwischen Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Zentrum in Betracht; das Zentrum hat wiederholt erklärt, ein Zusammenarbeiten mit den Nationalsozialisten nicht absolut abzulehnen — vorausgesetzt natürlich, daß diese ihr wahnwitziges Programm beiseite lassen und sich zur positiven Arbeit verstehen würden. Bislang haben die Nationalsozialisten ein derartiges „Opfer" abgelehnt. Ob sie heute dafür zu haben sein würden, angesichts des Umstandes, daß ihnen der erträumte „Sieg" nicht in den Schoß gefallen ist, bleibt abzuwarten. Sollten sie dies tun, dann wäre ihrer Demagogie zum großen Teile die Spitze abgebogen und sie würden in ihren schäumenden Wein viel Wasser schürten müssen. Anders würde sich die Situation Jedoch gestalten, falls die Nationalsozialisten jedes Entgegenkommen ablehnen und bei ihrem „Programm" beharren. Dann könnte es nur zum Verbleiben des Kabinetts Papen im Amte kommen, bzw. zur Ablösung desselben durch ein ähnliches Kabinett, das entweder mit dem Parlament regieren und sich die Mehrheit von Zeit zu Zeit sichern, oder das Parlament bis auf weiteres ausschalten und sich mit „Notverordnungen" behelfen würde. Allerdings sind auch andere Möglichkeiten nicht ausgeschlossen. Der Ausgang der Wahlen hat zwar Hitler den Mut genommen, den angekündigten Staatsstreich zu vollziehen und sich unter allen Umständen in den Besitz der Macht zu setzen, aber wenn die Unzufriedenheit im Volke weiter wächst und dieses die Notverordnungen satt bekäme, ist ein neuer Putschversuch nicht ausgeschlossen. Daß ein solcher nur das Signal für einen Bürgerkrieg sein würde, ist klar. Die letzten blutigen Ereignisse in Deutschland haben gezeigt, daß man im Reiche noch allerhand Ueberraschungen erwarten darf. Für die Juden Deutschlands hat das Ergebnis der Wahlen die erwartete Entscheidung nicht gebracht. Wohl dürfen sie den Stillstand im Aufstieg des Hitlertums als Plus buchen und froh sein, bis auf weiteres davon verschont zu bleiben, unter ein direktes Hitler- Regime zu geraten. Aber die Gefahr ist nicht ganz verschwunden. Sollte sich das Zentrum zu einer Koalition mit den Nationalsozialisten bereit rinden, dann dürften wohl die Juden davor bewahrt bleiben, direkten Verfolgungen ausgesetzt zu sein; aber indirekt, auf dem Wege der Verwaltung, könnten sie sehr viel zu leiden haben. Eine Fortsetzung des Papen- Regimes wäre für sie wesentlich vorteilhafter, insofern dieses seiner bisherigen Haltung treu bleiben und in erster Reihe seine Aufgabe darin erblicken würde, für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Reiche Sorge zu tragen. Ein Papen-Regime jedoch, das nur als Platzhalter des Hitlertums fungieren würde, wäre für die Juden viel gefährlicher, da ein solches nur zu sehr bestrebt sein könnte, sich die Gunst der Hakenkreuzler zu erhalten. Am gefährlichsten wäre natürlich für die Juden eine gewaltsame Machtergreifung durch Hitler und ein darauf naturnotwendig folgender Bürgerkrieg. Aber man darf hoffen, daß es trotz allem nicht dazu kommen werde. Auch die maßgebenden Faktoren im Reiche dürften die Ueberzeugung gewonnen haben, daß das Hakenkreuzlertum seinen Gipfelpunkt überschritten hat und auf keinen weiteren Zulauf rechnen darf. Parteien, die keine weiteren Fortschritte machen, befinden sich in der Regel auf dem Wege abwärts. Solchen Parteien verkauft man sich nicht mehr mit Haut und Haar... Es bleibt somit den Juden im Reiche bis auf weiteres die Hoffnung, vorläufig vor dem Allerschlimmsten verschont zu werden. Die Vorgänge im Reiche dürften auch für die Gestaltung der Verhältnisse in Oesterreich nicht ohne Folgen bleiben. Hier an der Donau tobt gerade jetzt ein heftiger Kampf um die Auslandsanleihe und es ist eine Tatsache, daß die Hauptschwierigkeiten, denen die Annahme des Lausanner Protokolls begegnet, dem Umstände zuzuschreiben sind, daß gewisse Parteien und Gruppen allzu sehr unter der Angst vor dem nationalsozialistischen Gespenst stehen. Diejenigen Faktoren, die mit den Hakenkreuzlern liebäugelten und diese großgezogen haben, erkennen zu spät, daß sie ein gefährliches Spiel getrieben haben. Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die nationalistische Demagogie in Oesterreich hauptsächlich von Emissären aus dem Reiche in Szene gesetzt wurde. Heute müssen selbst die Christiichsozialen und ihr Wortführer Kunschak sich gegen die „rollende Mark" verwahren und gegen diese Emissäre Stellung nehmen, die hier den Versuch machen, gegen die Anleihe zu hetzen, die für Oesterreich eine Lebensfrage ist. Vielleicht werden sie endlich einmal erkennen, wie unklug sie handelten, als sie die von außenher betriebene Hetze gegen die Juden begünstigten. Heute können sie die Geister, die sie gerufen haben, nur schwer mehr los werden. Jeder Kenner der Verhältnisse in Oesterreich weiß, daß dem Wesen des Oesterreichers jede Gewalttätigkeit fremd ist. Wenn man diese „Anschlußterroristen" unschädlich machen will, dann darf man sich aber nicht auf den Kampf um die Anleihe beschränken, sondern muß auch sonst die ungebetenen Gäste von jeder Einflußnahme auf die Gestaltung der Dinge in Oesterreich fernhalten. Dr. Ignaz Seipel. Mit dem Ableben Dr. Seipds ist ein Staatsmann abgegangen, der weit über die Grenzen Oesterreichs sich eines hohen Rufes erfreute und der jedenfalls über die Qualitäten eines großen Mannes verfügte; er war einer der wenigen Staatsmänner großen Formats, die die armselige NachJniegsperiode aufzuweisen hat Etwa 10 Jahre war Dr. Seipel der maßgebende Faktor in Oesterreich, nicht nur während der Zeit seiner wiederholten Kanzlerschaft, sondern auch während der Zwischenpausen, da er hinter den Kuhssen agierte. Selbst seine erbittertsten Gegner — und er hatte deren nicht wenige — mußten zugeben, es da mit einer großen Individualität zu tun zu haben, die man wohl bekämpfen, der man aber die Achtung nicht versagen kann. Trotz aller Bemängelungen, die seine Politik erfahren hat, ist nicht zu leugnen, daß er für Oesterreich Großes vollbracht hart und daß das Sanierungswerk von 1922 zweifellos Oesterreich vor dem völligen Untergang bewahrte. Das darf auch heute gesagt werden, da die Fortsetzung dieser Aktion so heiß umstritten ist und da die Gegner der neuen Völkerbundanleihe es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß es eigentlich Dr. Seipel war, der mit der sogenannten Genfer Sanierung Oesterreich in die Lage gebracht